| |
Unsere Identifikation mit Christus (Röm 6)
Inhalt
1. Einleitung
2. Erkennen (2-10)
2.1. Eine Veranschaulichung unserer neue Identität
3. Sich halten für (11)
4. Sich zur Verfügung stellen (12-23)
5. Praktische Anwendung
5.1. Persönliche Anwendung
5.2. Gemeinschaftliche Anwendung
5.3. Extreme Anwendung
Literaturangaben
Dies ist keine Detailauslegung von Röm 6, sondern ein Versuch, unsere Identifikation
mit Christus und deren Konsequenzen anhand dieses Kapitels deutlich zu machen. Er ist aus
einem persönlichen Ringen geboren, diese Wahrheiten zu erfassen, um sie in praktische
Heiligung umzusetzen.
Ausgangspunkt des Kapitels ist die berechtigte Frage: Wenn die überströmende Sünde
zu überschwänglicher Gnade führt (Röm 5,20), warum sollen wir dann nicht in der Sünde
verharren?
W. MacDonald schreibt dazu:
Was Paulus gegen Ende des Kapitels 5 gesagt hat - nämlich, dass die Gnade für die
Sünder überströmend geworden ist - wirft eine weitere Frage auf, und zwar eine sehr
wichtige. Verführt die Lehre von der Erlösung durch die Gnade im Glauben nicht zu einem
sündhaften Lebensstil?
Die Antwort, ein ausdrückliches »Nein«, erstreckt sich über die Kapitel 6-8. Hier in
Kapitel 6 dreht sich die Antwort um drei Schlüsselwörter: erkennen (V.
3.6), sich halten für (V. 11) und sich zur Verfügung stellen
(V. 13).[1]
Meine Gliederung orientiert sich an diesen drei Schlüsselwörtern.
Die Tatsache unserer Identifikation mit Christus zu erkennen bzw. darum zu wissen,
ist das Anliegen dieses Abschnitts (Verse 3, 6, 9). Wir haben seit unserer Wiedergeburt
eine neue Identität, diese müssen wir erkennen, mit dieser müssen wir
uns befassen, in dieser müssen wir denken und handeln.
Unsere neue Identität in Christus, unser Gestorben- und Auferstanden-Sein mit ihm,
wird besonders gut durch die Taufe veranschaulicht.
W. MacDonald über den Begriff Taufe in diesem Abschnitt:
Wenn Paulus hier von der Taufe spricht, dann denkt er sowohl an unsere geistliche
Identifikation mit Christus als auch an die bildhafte Darstellung dieses Vorgangs in der
Wassertaufe. Doch während er sein Argument ausführt, verlagert er seine Betonung in
besonderer Weise auf die Wassertaufe, weil er seine Leser daran erinnert, wie sie
»begraben« und »verwachsen« sind »mit der Gleichheit« des Todes Christi. Das Neue
Testament denkt über die unnormale Situation eines nicht getauften Gläubigen nicht nach.
Es geht davon aus, dass diejenigen, die sich bekehrt haben, auch gleich getauft werden.[1]
Christus ist der Sünde gestorben und auferstanden, um für Gott zu leben. Die Taufe
drückt unsere Identifikation mit ihm sowohl im Sterben (Untertauchen) als auch in der
Auferstehung (Auftauchen) aus. Die Macht der Sünde über unser Leben ist gebrochen. Wir
haben in Christus ein neues Leben, das nicht unter der Herrschaft der Sünde steht.
Als ich in Dallas in einem Gottesdienst war, hat der Prediger Folgendes aus seiner
Kindheit erzählt: Er, Douglas Rice, war ein ausgesetztes Kind. Seine Mutter wollte ihn
nicht, er lebte in so etwas Ähnlichem wie einem Waisenheim. Als er 5 war, wurde er von
einem Ehepaar adoptiert. Er bekam einen neuen Namen, eine neue Umgebung - eine neue
Identität. Obwohl er an dem Tag, als er als Douglas Rice in den Gerichtssaal kam und als
Bill Lawrence wieder hinausging, nichts Besonderes spürte, sich auch äußerlich nicht
besonders veränderte, so war dieser Rechtsakt der Adoption doch das einschneidendste
Erlebnis seines ganzen Lebens. Seine Eltern, selbst aus der Arbeiterklasse, arbeiteten
hart, um ihm Highschool und College zu ermöglichen. Mit dem Akt der Adoption hatte er,
der eltern- und zukunftslose plötzlich liebende Eltern und ein Zukunft.
So ist es mit dem Christ-Werden. Vielleicht haben wir nichts Besonderes gespürt, hat
sich äußerlich nicht viel geändert. Aber an dem Tag, als wir aus dem Geist Gottes
geboren wurden, hat Gott uns adoptiert. Wir haben jetzt einen Vater im Himmel und eine
Zukunft - hier und jetzt, und auch in Ewigkeit. Was wir lernen müssen, ist, dass wir
nicht mehr die alten Sünder sind, sondern neue Geschöpfe in Christus. Der Pastor musste
als Kind aufhören sich zu fühlen und zu benehmen wie Douglas Rice (ungeliebt,
zukunftslos, äußerlich selbstsicher und innerlich verängstigt), und Bill Lawrence
werden, der von seinen Eltern geliebt und versorgt wird und dem eine Zukunft geschenkt
wird. Wir fallen leicht in unsere alten Denk- und Handlungsmuster der Sünde zurück, so
als gehörten wir noch dem Fürsten dieser Welt und nicht Gott. Die Erneuerung fängt mit
der bewussten Identifikation mit Christus an.
Paulus sagt: "Oder WISSET IHR NICHT, dass wir, so viele auf Christum Jesum getauft
worden, auf seinen Tod getauft worden sind?" und später "indem wir DIESES
WISSEN, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, auf dass der Leib der Sünde
abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen." Es ist wichtig, diese Wahrheiten
zu WISSEN, sie sich immer wieder bewusst vor Augen zu führen. Wir werden nicht zu
Überwindern, indem wir uns besonders anstrengen, gut zu sein - ständig von einem
schlechten Gewissen getrieben - sondern indem wir auf Christus schauen, ihn kennen lernen,
verstehen, was uns in ihm geschenkt ist, verstehen, was er vollbracht hat, verstehen, dass
wir mit ihm der Sünde gestorben sind und mit ihm Gott leben. So wird eine neue Identität
in uns geformt, aus der heraus wir dann auch unsere Glieder der Gerechtigkeit zur
Verfügung stellen. Es ist dann Christus in uns, der das wirkt.
Dieser Vers in der Mitte des Kapitels ist die Überleitung von der "theoretischen
Grundlage", d.h. der Erkenntnis unserer Identität in Christus zu
deren praktischen Konsequenzen, nämlich unserem Wandel in Christus. Sich
halten für heißt, die Wahrheiten aus den vorangehenden Versen für sich persönlich
in Anspruch nehmen, sie im Glauben erfassen und als Realität akzeptieren:
Wenn man bei der Bekehrung, veranschaulicht durch das, was in der Taufe passiert, wirklich
mit Christus der Sünde und der Welt gestorben ist und mit ihm auferstanden ist, um für
Gott zu leben, dann bin ich tot für die Sünde und lebendig für Gott. D.h. ich brauche
nicht auf die Versuchung zu reagieren, als stünde ich noch unter der Herrschaft der
Sünde. Ich brauche nicht mehr nach der alten Pfeife zu tanzen. Dafür will ich mir
täglich bewusst machen, dass ich ein neues Leben habe, das sowohl bestimmt
als auch befähigt ist, Gott zu dienen.
Sich der Sünde für tot halten, Gott aber lebend in Christo Jesu drückt sich
in einer grundsätzlichen Geisteshaltung aus, die täglich in vielen Situationen bewusst
gemacht, erneuert, vertieft, angewandt wird.
W. MacDonald schreibt zu diesem Vers:
Wir »halten« uns selbst »der Sünde für tot«, wenn wir auf Versuchung so
reagieren, wie ein Toter reagieren würde. Eines Tages wurde Augustinus von einer Frau
belästigt, mit der er vor seiner Bekehrung zusammengelebt hatte. Als er sich umdrehte und
schnell wegging, rief sie ihm nach: »Augustinus, ich bin's doch, ich bin's!« Augustinus
ging nur noch schneller und rief ihr über die Schulter zu: »Ja, ich weiß, aber ich
bin's nicht mehr!« Er meinte damit, dass er für die »Sünde ... tot« sei und nun
»Gott lebe«. Ein Toter hat mit Unzucht, Lügen, Betrügen, Klatschsucht und allen
anderen Sünden nichts mehr zu tun.[1]
In diesen Versen erklärt Paulus die Konsequenzen der Identifikation mit Christus mit
Hilfe einer Veranschaulichung. Für die Leser des Römerbriefes war Sklaverei eine
alltägliche Tatsache, die sie verstanden. Wenn man sich jemandem zum Sklavendienst
verkauft (oder sonst wie in die Sklaverei geraten ist), dann ist man diesem Herrn absolut
verpflichtet. Es gibt keine Kündigung, keine Gewerkschaft, keine Arbeiterkammer, keinen
Betriebsrat für Sklaven. Sie sind auf Gedeih und Verderb ihren Herren ausgeliefert. Er
hat nicht nur die Macht, sondern das Recht, nach seinem Gutdünken mit ihnen zu verfahren.
Allerdings gab es grausame Herrn und gute. Einem Sklaven, für den sein Herr gut sorgte,
ging es wesentlich besser, als einem arbeitslosen Freien, um den sich niemand kümmerte.
Früher waren wir Sklaven eines grausamen Herren, der Sünde. Gott hat uns für sich
losgekauft. Er ist der beste Herr, den man sich vorstellen kann. Er meint es nur gut mit
uns und sorgt vollkommen für uns. Sollten wir ihm nicht gerne dienen und froh sein, dem
grausamen alten Herrn entronnen zu sein? Wie abwegig ist es, uns vom Dienst für Gott
abzuwenden und uns wieder unter die zerstörerische Herrschaft der Sünde zu begeben:
- Bei Gott arbeiten wir unter besten Bedingungen an der besten
Sache, die man sich nur vorstellen kann: An der Aufrichtung seines herrlichen
Königreiches. Wir bekommen sogar Lohn dafür.
- Unter der Herrschaft der Sünde arbeiten wir an unserer eigenen Zerstörung
und an der Zerstörung anderer, und das unter miserablen
Bedingungen - abgesehen von kurzen Vertröstungen, mit denen uns die Sünde
manchmal bei Laune hält.
Was bedeutet es praktisch,
- sich der Sünde für tot zu halten Gott aber lebend in Christus,
- sich aus dieser Haltung heraus Gott zur Verfügung zu stellen?
Es bedeutet für unser persönliches Alltagsleben, dass wir
- uns durch Gottes Wort an die neue Zielrichtung erinnern lassen, aber
auch an die Mittel, die uns Gott im Glauben zur Verfügung stellt,
- im Gebet unsere Absicht aussprechen, für Gott zu leben im Vertrauen
auf seine Führung und Kraft, die wir dazu benötigen,
- Gelegenheiten zum Zeugnis/Dienst suchen und planen,
- Gelegenheit zur Versuchung in unseren Plänen minimieren,
- im Alltag in einer unterschwelligen Haltung des Gebets, d.h. der
Verbundenheit mit Gott bleiben, sodass wir
- Gelegenheiten zum Zeugnis/Dienst für Gott wahrnehmen und nützen,
- uns an unseren fürsorgenden Vater im Himmel erinnern, wenn Ängste und Sorgen
uns von unserem eigentlichen Ziel ablenken wollen (Mt 6,25-34),
- uns gleich unserer neuen Zielrichtung besinnen, wenn Versuchung naht -
bevor sie uns packen kann,
- die Verbindung zu Gott durch Buße sofort wieder aufbauen,
wenn sie durch Sünde unterbrochen wurde.
Wie ist die Verbundenheit mit Gott im Alltag zu verstehen? Wie kann ich mit Gott
verbunden sein, während ich eine Schulklasse unterrichte, ein Computerprogramm schreibe
oder mich auf sonst etwas konzentriere?
Es ist ähnlich, wie wenn ich mit meiner Frau im Wohnzimmer sitze und wir uns beide
getrennt beschäftigen, z.B. lesen. Aber wir sind doch in einer unterschwelligen
Verbindung, denn wir haben vorher mit einander geredet, wir werden nachher miteinander
reden und wir können jederzeit während des Lesens das Gespräch aufnehmen, denn wir
haben es nie richtig abgebrochen - z.B. wenn ich gerade einen lustigen Satz gelesen habe
und ihn meiner Frau vorlese, oder wenn einem von uns etwas Wichtiges einfällt, woran er
den anderen erinnern muss.
Auch die Kommunikation mit Gott soll nicht nach dem Morgengebet abbrechen -
vorausgesetzt es war überhaupt eine richtige Kommunikation und nicht nur ein höfliches
"Guten Morgen". Sie wird nur stillgelegt, um jederzeit wieder aktiviert werden
zu können.
Es ist ähnlich wie bei einer Internetverbindung. Sie kann
- temporär sein, d.h. ich muss mich über das Modem einwählen, um Verbindung zu
bekommen,
- oder permanent, d.h. ich bin ständig online. Selbst, wenn ich sie nicht dauernd
verwende, so kann ich sie sofort nützen, wenn ich sie brauche.
So sollen wir in Bezug auf Gott ständig online sein. Wenn die Verbindung durch Sünde
abbricht, müssen wir sie sofort wieder aufbauen, indem wir die Sünde bekennen und
umkehren.
Es bedeutet für unser Gemeinschaftsleben, dass wir
- das gepredigte Wort Gottes mit einem vorbereiteten Herzen hören, denn
wir haben die Zusage, dass daraus der Glaube kommt,
- Austausch mit Geschwistern pflegen, indem wir uns gegenseitig ermutigen
und unsere neue Identität bewusst machen,
- im Brotbrechen unserer Gemeinschaft mit Christus und den Geschwistern
gedenken (1Kor 10,16-17) und die Echtheit dieser Gemeinschaft prüfen (1Kor 11,28),
- im gemeinsamen Gebet unsere Identität als Kinder Gottes im familiären
Rahmen ausleben,
- den Bruder und die Schwester als Gelegenheit zum Dienst für Gott
sehen.
Zu den angeführten Punkten siehe auch Apg 2,42. Die Gemeinschaft mit Geschwistern, das
Leben in der neuen, geistlichen Familie ist ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer
neuen Identität. Wir dürfen sie nicht vernachlässigen.
Wie weit die Identifikation mit Christi Tod und Auferstehung gehen kann, was es heißen
kann, in der Neuheit des Lebens Christi zu wandeln, soll folgendes Beispiel demonstrieren.
Ich zitiere aus dem Boston Globe vom 24.4.1999:
Glaubst du an Gott, fragte einer der schwerbewaffneten Schützen das schüchterne
blonde Mädchen, die in der Bibliothek ihre Bibel las, während ihre Schule belagert
wurde. Ja, ich glaube an Gott, antwortete sie mit einer Stimme, die laut genug war, um von
ihren Klassenkollegen gehört zu werden, die in der Nähe unter Tischen und Pulten
kauerten. Der Schütze im langen, schwarzen Regenmantel lachte. Warum? fragte er
spöttisch. Dann hob er seine Waffe und erschoss die 17-jährige Cassie Bernall.
In ihrem Tod ist Cassie sowohl Symbol als auch Prophetin geworden. Ihren Märtyrertod
hat sie anscheinend in einem Gedicht vorhergesagt, das sie nach dem letzten
Sonntagsgottesdienst niederschrieb. Es wurde Dienstag Nacht, als klar wurde, dass sie
nicht mehr heimkommen würde, von ihrem jüngeren Bruder auf ihrem Schreibtisch entdeckt:
Jetzt habe ich alles andere aufgegeben - ich habe erkannt, dass es der
einzige Weg ist, um Christus wirklich zu erkennen und die mächtige Kraft zu erfahren, die
ihn wieder zum Leben brachte, und herauszufinden, was es heißt mit ihm zu leiden und zu
sterben. Also was immer es kostet, ich werde eine sein, die in der frischen Neuheit des
Lebens derer lebt, die aus den Toten lebendig wurden. [2]
[1] MacDonald, W., Kommentar zum Neuen Testament, Kommentar zu
Röm 6
[2] McNamara, Eileen, A Martyr Amid Madness, Boston Globe,
24.4.1999
|