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Jakobus - Die Bewährung des Glaubens (5)
Inhalt
Gliederung und Zusammenfassung von Kapitel 5,7-12
5,7-12 Ausharren bis zum Ende
5,7-8 Geduld bis zur Ankunft des Herrn
5,9 Nicht gegen Geschwister seufzen
5,10-11 Biblische Vorbilder des Ausharrens
5,12 Nicht schwören
Anwendung / Selbstprüfung
5,7-12 Der rechte Gebrauch der Zunge
5,13 Gebet in Freud und Leid
14-18 Gebet für einander
19-20 Zurechtbringung von abgeirrten Geschwistern
Anwendung / Selbstprüfung
Die Briefempfänger sollen geduldig auf die Ankunft des Herrn warten und dabei
nicht ihre Zunge missbrauchen, indem sie der
Versuchung
- zum Seufzen über Geschwister
- oder zum unheiligen und unwahrhaftigen Reden erliegen.
Vielmehr sollen sie sich stärken durch
- den Blick auf den kommenden Herrn
- den Blick auf biblische Vorbilder wie z.B. Hiob und Elia
- den rechten Gebrauch der Zunge:
- persönliches Gebet in allen Lebenslagen
- Gebet der Ältesten für Kranke
- einander die Sünden bekennen und für einander beten
- das Zurechtbringen abgeirrter Geschwister.
5,7-12 Ausharren bis zum Ende
7-8 Geduld bis zur Ankunft des Herrn
Wie der Bauer geduldig auf die Ernte wartet, sollen auch die Briefempfänger geduldig auf die Ankunft des Herrn warten.
9 Nicht gegen Geschwister seufzen
Wer gegen Geschwister seufzt, wird bei der Ankunft des Herrn von ihm
gerichtet werden.
10-11 Biblische Vorbilder des Ausharrens
Die Briefempfänger sollen sich die alttestamentlichen Propheten als Vorbilder der Geduld
nehmen. Besonders bei Hiob sehen sie Gottes Barmherzigkeit, die am Ende des
Ausharrens steht.
12 Nicht schwören
Wer statt zu seinem Wort zu stehen, es mit leichtfertigen Schwüren bekräftigt,
fällt unter Gottes Gericht.
5,13-20 Der rechte Gebrauch der Zunge
13 Gebet in Freud und Leid
Wer leidet, soll beten; wer froh ist, Loblieder singen.
14-18 Gebet für einander
Wer krank ist, soll die Älteste rufen, damit sie für seine Heilung beten.
Wenn die Krankheit aufgrund von Sünde war, wird ihm vergeben werden. Durch
gegenseitiges Sündenbekenntnis und Gebet für einander wird der Herr Heilung
schenken, denn das Gebet eines Gerechten vermag viel, wie das Beispiel Elias
zeigt.
19-20 Zurechtbringung von abgeirrten Geschwistern
Großer Segen liegt in der Zurechtbringung von Geschwistern, die auf Abwege
geraten sind.
Geduld und Ausharren
Jakobus wendet sich nun wieder dem Thema "Ausharren" bzw.
"Geduld" zu, das er schon zu Beginn des Briefes behandelte (1,3-4;
1,12). Er verwendet dabei zwei ähnliche Worte:
- hypomeno (bzw. das davon abgeleitete Hauptwort hypemone):
standhalten (und nicht fliehen), etwas aushalten oder ertragen: durchhalten
(unter Anfechtungen und Trübsalen beim Glauben bleiben); etwas erdulden
bzw. tapfer und still ertragen d.h. leiden (z.B. Leid, Schmerz oder
schlechte Behandlung).
Dieses Wort kommt in Kap. 1,3.4.12 vor und zweimal in 5,11
- makrothymeo (bzw. das davon abgeleitete Hauptwort makrothymia):
geduldig auf etwas warten, nicht die Geduld verlieren
Dieses Wort kommt in Kap. 5,7 (2 mal), 5,8 und 5,10 vor.
Während also hypomone mehr das standhafte Erdulden des Leidens
ausdrückt, bezieht sich makrothymeo mehr auf das geduldige Warten auf
das Ziel, das Ende des Leidens, nämlich die Ankunft des Herrn Jesus Christus.
Beides hängt eng zusammen: Die geduldige Erwartung der Ankunft Christi gibt die
Kraft zum geduldigen Ausharren in allen Anfechtungen und Leiden.
Das Thema "Ausharren" passt gut zum letzten Abschnitt, wo es um die
Reichen geht, die den Gerechten bedrängen, ohne dass dieser sich wehrt. Die
Leserschaft von Jakobus bestand wohl hauptsächlich aus ärmeren Leuten, weshalb
er in 4,2 auch sagt: "Ihr begehrt und habt nicht!". Daher litt
zumindest ein Gutteil unter sozialer und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit. In
diese Situation hinein spricht Jakobus nun über das Ausharren und über das
geduldige Warten auf den Herrn und den Lohn, den er bringt (Offb 22,12). Aber
natürlich betrifft es nicht nur die Armen und Bedrängten sondern jeden
Christen, denn jeder Christ muss durch Anfechtungen gehen, um sich zu bewähren.
Struktur des Abschnitts [1]
In diesem Abschnitt begegnet uns wieder die Zunge als Quelle der Sünde:
V. 7-8
Geduld |
V. 9
Die Zunge
(Seufzen über Geschwister) |
V. 10-11
Geduld /
Ausharren |
V. 12
Die Zunge
(Schwören / Unwahrhaftigkeit) |
Auch von einem anderen Gesichtspunkt her weist der Abschnitt eine
interessante Struktur auf:
V. 7-8
Der kommende Herr
|
V. 9
Der kommende Richter |
V. 10-11
Das kommende (gute) Ende |
V. 12
Das kommende Gericht |
Exkurs: Der Richter steht vor der Tür
Es wird auch für die Gläubigen ein Gericht geben, allerdings ein völlig
anderes als das für die Ungeretteten (das Gericht am jüngsten Tag vor dem
großen weißen Thron). Es wird sich um eine familieninterne Abrechnung handeln.
Der Herr Jesus selbst hat gelehrt, dass er wiederkommen würde, um diese
Abrechnung durchzuführen (z.B. Lk 19,11-27). Dabei wird es vor allem um den
Lohn für treue Dienste gehen, aber auch um den Tadel bzw. den Verlust für
Untreue. Der Herr hat jedem seiner Leute etwas anvertraut. Er wird darüber
Rechenschaft fordern, wie sie damit gewirtschaftet haben.
Paulus beschreibt das Gericht für die Gläubigen als Feuer (1Kor 3,12-15),
in dem alles Wertlose verbrennen wird, und als Richterstuhl Christi:
2Kor 5,9-10 Deshalb setzen wir auch unsere Ehre darein, ob einheimisch
oder ausheimisch, ihm wohlgefällig zu sein. Denn wir müssen alle vor dem
Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder empfange, was er durch den
Leib vollbracht, dementsprechend, was er getan hat, es sei Gutes oder Böses.
Paulus verwendet auch das Bild von Saat und Ernte (Gal 6,7-9), was gut zu
unserem Jakobustext passt. Auf irgendeine Weise werden wir ernten, was wir
säen: teils schon in diesem Leben, teils erst vor dem Richterstuhl Christi.
Wenn wir auf das Fleisch säen, werden wir Verderben ernten, denn die Frucht des
Fleisches hat keinen Platz im Reich Gottes. Was aus der Saat des Fleisches
erwachsen ist, muss spätestens vor dem Richterstuhl Christi im Feuer
verbrennen. Und wer auf den Geist gesät hat, darf endlich die volle Frucht
seiner Saat ernten - was ihm selbst Lob und dem Herrn Ehre bringt.
Paulus selbst nimmt dieses kommende Gericht so ernst, dass er in 2Kor 5,11
(also unmittelbar anschließend an den oben zitierten Vers über den
Richterstuhl Christi) vom "Schrecken des Herrn" redet, der ihn
motiviert, das ihm Anvertraute treu zu verwalten.
Gott hat uns allen anvertraut - dem einen mehr, dem anderen weniger. Er wird
uns dafür zur Rechenschaft ziehen, wie wir damit umgegangen sind. Hier sind
zwei Beispiele:
- Ein Beispiel ist die von Jakobus immer wieder aufgegriffene Zunge, bzw.
unsere Fähigkeit uns mit Worten auszudrücken. Die Möglichkeiten, was wir
damit bewirken können sind unendlich. Was machen wir daraus? Zügeln wir
sie zur Ehre Gottes, indem wir sie zum Loben, Beten, Singen, Trösten,
Zurechtbringen verwenden, oder lassen wir diesem unruhigen Übel seinen
tödlichen Lauf, indem wir damit fluchen, schwören, anklagen, schlecht
machen, jammern. Wir werden für jedes verkehrte, ja selbst für jedes
unnütze Wort Rechenschaft ablegen müssen (Mt 12,36-37).
- Ein anderes Beispiel ist die Zeit, die Gott uns gegeben hat. Er hat uns
aufgetragen, sie auszukaufen (Eph
5,16; Kol 4,5), d.h. die Gelegenheiten, die
Gott uns immer wieder gibt, zu nützen, um sie in ewig gültige Werte
umzuwandeln. Diese Verse haben speziell mit unserem Zeugnis vor der Welt zu
tun. Wir müssen uns bei allem, was wir tun fragen, ob wir damit die Zeit
auskaufen, ob wir gute Verwalter der uns anvertrauten Zeit sind, d.h. ob wir
so damit umgehen, wie es im Sinn des Herrn ist. Scheint uns dieser Anspruch
überzogen? Bringt uns das unter Druck? Verlieren wir unsere Entspanntheit?
Das Schöne ist, dass wir wissen dürfen, dass der Herr nicht zu viel von
uns verlangt, er weiß wie viel Zeit wir haben, welche Pflichten wir und
welche Gelegenheiten wir haben. Aber wir sollten uns einmal geistig an
diesen Tag und an diesen Ort begeben - den Richterstuhl Christi - und uns
vorstellen was wir gefragt werden und wie wir antworten werden. Von dieser
Perspektive her sollten wir unsere Zeit einteilen und dann noch einmal
innehalten, bevor wir auf unsere Freiheit pochen, uns zu vergnügen,
auszuspannen, fernzusehen, usw. Natürlich haben wir diese Freiheiten - wir
sind freie Verwalter. Wir müssen uns aber eben fragen, was wir eines Tages
ernten wollen - dementsprechend müssen wir jetzt säen. So einfach ist das.
Das Bild des geduldigen Bauern ist sehr deutlich: So wie er geduldig wartet,
bis die Frucht alles bekommen hat, was sie zur Reifung nötig hat, so sollen
auch wir es tun. In beiden Fällen braucht es Zeit und Geduld. Beim Bauern sind es
außerdem der Früh- und Spätregen, bei
uns sind es die göttlichen Ressourcen (Wort Gottes, Weisheit, Gnade, ...), die
er uns nach unseren Bedürfnissen gibt, wenn wir recht bitten.
Ein Vergleich mit 5Mo 11,8-17 ist dabei sehr interessant: Die Bewässerung
Kanaans geschah nicht künstlich (durch das Öffnen und Schließen von
Wassergräben bzw. durch das Treten des Schöpfrades) sondern durch den Regen
des Himmels. Die Fruchtbarkeit war also ganz von Gott abhängig und hing
direkt mit der Treue zu Gott zusammen.
| Bauer
|
Christ |
| Same |
| Zeit |
Geduld
Gott mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele lieben und dienen |
| Regen von Gott |
Segen von Gott |
| köstliche Frucht |
| Ernte |
die Ankunft des Herrn ist nahegekommen: Die Naherwartung der Ankunft
Jesu Christi und der Blick auf die köstliche Frucht, die er dem Ausharrenden
bringen wird, ist der Schlüssel zum geduldigen Ausharren in allen Anfechtungen
und Leiden:
Hebr 10,35-37 Werft nun eure Zuversicht nicht weg, die eine große
Belohnung hat. Denn Ausharren habt ihr nötig, damit ihr, nachdem ihr den
Willen Gottes getan habt, die Verheißung davontragt. Denn noch eine ganz
kleine Weile, und der Kommende wird kommen und nicht säumen.
stärket eure Herzen (griech. sterizo): stabil machen,
befestigen, fixieren, beständig machen
Der Blick auf die bevorstehende Ankunft des Herrn gibt Kraft zum Ausharren.
Dieselbe Phrase kommt noch einmal in 1Thes 3,13 vor. Auch dort steht die
Herzensstärkung im Zusammenhang mit der Ankunft des Herrn Jesus Christus.
Die bevorstehende Ankunft des Herrn kann (und soll) sowohl freudige Erwartung
als auch Furcht auslösen - je nach dem, wie es mit unserer Heiligung aussieht.
Der Herr, der vor der Tür steht, ist nicht nur der derjenige, der dem
Ausharrenden reichen Lohn bringt, sondern er ist zugleich derjenige, der dem
nicht Ausharrenden Gericht bringt. Ein Beispiel für solches Nicht-Ausharren ist
wieder einmal eine Sünde der Zunge, nämlich das Seufzen gegen Geschwister:
seufzt nicht gegeneinander (griech. stenazo): seufzen,
stöhnen, jammern, klagen, murren. Das Wort beschreibt innerliche Gefühle,
denen in unartikulierten Lauten Ausdruck verliehen wird (Mk
7,34; Röm 8,23; 2Kor 5,2.4; Hebr 13,17).
Es besteht ein große Versuchung darin, über Geschwister zu stöhnen. Hier
ist weniger das Jammern über Geschwistern vor anderen gemeint (vgl. 4,11),
sondern das Stöhnen bzw. Seufzen bei sich selbst. Gewiss sind Geschwister ein
nicht unwesentlicher Bestandteil der Anfechtungen, die uns der Herr über den
Weg schickt. Entweder wir bewähren uns durch geduldiges Ausharren, indem wir
unser Not vor den Herrn bringen, oder wir geben der Versuchung nach, indem wir
über Geschwister stöhnen und die Augen verdrehen, womit wir sie richten und
uns über sie erheben (vgl. 4,11-12).
Das Prinzip, dem wir schon in Jak 2,13 begegnet sind, kommt auch hier zum
Tragen: Wenn wir richten, werden wir gerichtet. Wenn wir Barmherzigkeit
erweisen, wird uns Barmherzigkeit erwiesen (Mt
5,7; 7,1).
die im Namen des Herrn redeten: Nicht zufällig ist auch hier wieder
die Zunge im Spiel. Gottes Leute müssen ihre Zunge zügeln, weil sie ein
geheiligtes Werkzeug sein soll, um in seinem Namen zu reden.
Wir erfahren große Ermutigung, wenn wir die biblischen Glaubenshelden zu
Vorbildern nehmen:
- des Leidens, d.h. des Ausharrens im Leiden,
- der Geduld, d.h. des geduldigen Wartens auf Rettung vom Herrn.
Hiob ist ein besonders gutes Beispiel eines solchen Glaubenshelden. Im
Gegensatz zu ihm, haben wir das Privileg, den Ausgang schon zu kennen. Deshalb
preisen wir ihn und seinesgleichen auch glücklich. Wir wissen rückblickend,
dass sie den richtigen Weg - nämlich den Weg des Ausharrens - gewählt haben,
denn wir sehen, den Segen des Herrn, der am Ende dieses Weges steht. Dabei
besteht der Segen nicht nur im materiellen Überfluss, den der Herr dem Hiob
gab, sondern vor allem in der neuen Qualität der Gotteserkenntnis:
Hi 42,5 Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein
Auge dich gesehen.
Nur um doppelt soviel Reichtum zu bekommen, wäre es nicht wert gewesen, die
Trübsal zu ertragen, denn Hiob war schon vor der Trübsal reich genug. Aber
Gott wirklich kennen zu lernen, war ein Ziel, das die Mühe wert war.
voll innigen Mitgefühls und barmherzig: Damit sagt Jakobus, dass der
Herr keinen Augenblick von Hiob distanziert war und sein Elend aus der Ferne
beobachtete; vielmehr nahm er Anteil, es war ihm nicht gleichgültig, wie
schlimm sein Knecht leiden musste. Jedes Detail seiner körperlichen und
seelischen Qualen sah Gott ganz genau. Er ließ es zu - nicht aus Grausamkeit
und auch nicht aus Gleichgültigkeit oder Ohnmacht, sondern weil er gute Pläne
für Hiob hatte und wusste, dass die tiefe Begegnung mit Gott unermesslich
kostbar war und wert, durch die Trübsal zu gehen.
Wenn uns der Mut und die Geduld verlassen wollen, können wir auf Hiobs Ende
blicken, und unsere Herzen stärken, weil wir sehen, wie gut es der Herr mit
seinen Leuten meint.
Exkurs über Schwüre
- Mit einem Schwur bzw. Eid rief der Schwörende Gott zum Zeugen dessen an, was
er aussagte.
Im Hebräerbrief wird der Sinn eines Eides erklärt:
Hebr 6,16 Denn Menschen schwören bei einem Größeren, und der Eid ist
ihnen zur Bestätigung ein Ende alles Widerspruchs.
oder in der "Hoffnung für alle" Version:
Hebr 6,16 Menschen schwören einen Eid, um zu bekräftigen, daß ihre
Aussage wahr ist, und um mögliche Zweifel auszuräumen. Dabei berufen sie
sich auf eine Autorität, die über ihnen steht und von allen anerkannt wird.
Schwört nicht ...
Wogegen sich Jakobus sich in diesem Vers wendet, wird klar, wenn wir die
Parallelstelle in Mt 5,33-37 und Mt 23,16-22 betrachten: So wie die Leute zu denen Jesus redete, waren
auch die Empfänger des Jakobusbriefes Juden, die von der damaligen Form des
rabbinischen Judentums stark geprägt waren. So wie in anderen Bereichen auch
(z.B. Sabbatgebot) konzentrierten sich die rabbinischen Regeln auf die äußere
Form und entkräfteten damit in vielen Fällen den eigentlichen Sinn der Gebote
Gottes. So behaupteten die Rabbiner, dass ein Eid, der nicht den Namen Gottes
enthielt, nicht bindend war. Dies ist typisch für ihren "defensiven"
Umgang mit Gottes Geboten.
3Mo 19,12 Und ihr sollt bei meinem Namen nicht falsch schwören, daß du
den Namen deines Gottes entweihen würdest. Ich bin der HERR. -
Um dieses Gebot nicht zu übertreten, versuchten sie, den Namen Gottes aus
Schwüren herauszuhalten, die sie möglicherweise nicht halten würden. Also
wurde bei "Himmel" und "Erde" und bei anderem Erschaffenem
geschworen. Auf diese Weise wurden oft leichtfertig Schwüre abgelegt, obwohl
ein einfaches "Ja" oder "Nein" gereicht hätte. Wenn wir bedenken, dass diejenigen, an die Jakobus seine Worte richtet, in
eben diesem Umfeld aufgewachsen sind, dürfen wir uns nicht wundern, dass sie
zum Teil noch dieser Unsitte frönten.
Die Sünde, gegen die sich Jakobus hier wendet, hat also zwei Aspekte:
- Mangelnde Wahrhaftigkeit: 2Mo
20,16; Sach 8,16; Eph 4,25; Kol 3,9
Auch die hier angesprochene Sünde hat viel mit der schon mehrmals
angesprochenen "Doppelherzigkeit" bzw. Zwiespältigkeit zu tun. Gott
will ganz einfach, dass wir auch meinen, was wir sagen. Für Christen ist
Wahrhaftigkeit eines der obersten Gebote. Ihr Charakter und ihre Worte
sollten glaubwürdig sein, man muss sich auf sie verlassen können, denn das
entspricht dem Wesen Gottes. Das Gegenstück zur menschlichen Raffinesse
solcher Schwüre ist die ungeheuchelte Weisheit Gottes (Jak 3,17).
- Missbrauch des Namens Gottes (auch wenn er nicht ausdrücklich verwendet
wurde): 2Mo 20,7
Wir wollen den Namen Gottes heiligen (Mt 6,9) und somit alles vermeiden, was
Gottes Namen entheiligt.
Petrus liefert ein negatives Beispiel für solch vorschnelles Schwören (Mt
26,74). Die Situation ist typisch: Er geriet unter Druck und griff auf seine
menschlichen Ressourcen zurück, d.h. er tat, was der alte Petrus in solchen
Situationen zu tun pflegte: lügen, vorschnell schwören, möglichst schnell
ausbüchsen. Der neue Petrus, der sich nicht mehr selbst gürtete, sondern sich
von Gott gürten ließ (Joh 21,18), wäre in dieser Anfechtung wohl nicht
gestrauchelt, sondern wäre das Risiko des Leidens für Christus gerne
eingegangen (1Petr 2,19-20) und hätte sich dem übergeben, der gerecht richtet,
ohne sich mit seiner Zunge zu versündigen (1Petr 2,23).
Es gibt noch andere Eide, nämlich solche gegenüber Gott. Wenn wir unter
Druck geraten, besteht die Versuchung in etwa folgendermaßen zu beten:
"Gott, wenn du mir hilfst, dann verspreche ich dir dies und das." Wir
werden nirgends aufgefordert, so mit Gott zu handeln. Es ist gefährlich, Gott
gegenüber vorschnell Versprechungen oder gar Eide auszusprechen. Ein negatives
Beispiel finden wir im Buch der Richter bei Jephta (Ri 11,30-40).
Dürfen wir vor Gericht einen Eid ablegen?
Wenn man die Praxis betrachtet, gegen die sich Jakobus wendet (siehe oben),
ist meiner Meinung nach klar, dass uns hier nicht der gerichtliche Eid verboten
wird. Jakobus wendet sich gegen den achtlosen Umgang mit
der Zunge, was bei einem gerichtlichen Eid gerade nicht der Fall ist. Es ist Teil unserer
Unterordnung unter die Obrigkeit, dass wir den Eid ablegen. Schließlich können
wir nicht erwarten, dass uns ein Richter unsere Glaubwürdigkeit
"ansieht" und deshalb auf einen Eid verzichtet.
Seufzen gegen Geschwister
- Seufze ich für mich privat oder vor anderen über Geschwister? Was sollte
ich statt dessen tun?
Unheiliges Gerede
- Wie sieht es aus mit meiner Verwendung von Phrasen wie "um Himmels Willen", "um Gottes
Willen", "in Gottes Namen", "Jesus na" und vielen
anderen aus?
- Überlege ich, bevor ich meinen Mund in angespannten Situationen auftue,
ob es zur Ehre des Herrn ist oder ob vielleicht nur unnützes und unheiliges
Gerede herauskommt. Was sollte ich statt dessen tun?
Wahrhaftigkeit, Schwören
- Entsprechen meine Aussagen verlässlich der Wahrheit, oder verwende ich
manchmal Unwahrheiten bzw. Halbwahrheiten?
- Habe ich die feste Absicht, mein Wort zu halten, wenn ich jemandem etwas
zusage?
- Hat der andere den Eindruck, dass ich es ernst meine, oder ist er schon
oft enttäuscht worden, weil ich vergessen habe, mein Wort zu halten?
- Liegt es vielleicht an der Menge meiner (unüberlegten) Zusagen, dass ich
sie nicht alle halten kann?
Die Ankunft des Herrn
- Wie sieht es mit dem Blick auf die Ankunft des Herrn in meinem Leben aus?
Schöpfe ich daraus Kraft zum Ausharren im Glaubenskampf? Rechne ich mit der
baldigen Ankunft des Herrn und handle ich dementsprechend?
- Habe ich in meinem täglichen Wandel auch den Richter vor Augen, der vor
der Tür steht? Lebe ich im Licht der Verantwortung für das, was er mir
anvertraut hat?
- Welche Priorität hat für mich das Auskaufen der Zeit.
Vergleich von Jak 5,7-12 mit Jak 5,13-20
Kamen im vorigen Abschnitt 7-mal mal Abwandlungen von Geduld, warten,
ausharren vor, so kommt in diesem Abschnitt 7-mal beten bzw. Gebet
vor. Das deutet auf die Schwerpunkte und den Zusammenhang der beiden Abschnitte
hin:
| |
V. 7-12 |
V. 13-20 |
| Schwerpunkt: |
Geduld + Ausharren |
Gebet + Fürsorge |
| Ergebnis |
Mittel |
| Ziel (Zukunft) |
Weg (Gegenwart) |
| Der Herr gibt: |
Lohn, wenn wir am Ziel sind |
Hilfe unterwegs |
| Blickrichtung: |
auf den wiederkommenden Herrn |
auf den gegenwärtigen Herrn |
| Vorbild aus dem
AT: |
Hiob |
Elia |
| Über die Zunge: |
Warnung vor Missbrauch |
Anweisungen zum rechten Gebrauch |
| Betrifft vor allem: |
den Einzelnen |
die Gemeinschaft |
Die Bedeutung der Zunge
Wir sehen jetzt deutlich, warum Jakobus solchen Wert auf den Gebrauch der
Zunge legt: Sie ist entscheidend für uns als Person und für die Gemeinschaft
der Gläubigen:
| |
persönliches Leben |
Gemeindeleben |
| Missbrauch: |
Entehrung Gottes |
schlechte Reden, Streiten |
| Lohn: |
Gericht Gottes |
Schaden für Geschwister, Gericht |
| Rechter Gebrauch: |
Gebet und Lobgesang |
Fürbitte, Ermahnung, Ermunterung |
| Lohn: |
Persönliche Hilfe |
Hilfe für Geschwister auf dem Weg |
Leidet jemand unter euch ...
Das Verbindungsglied vom vorigen Abschnitt zu diesem Abschnitt ist das
Leiden. Wir lasen in V. 10-11 vom Leiden und Ausharren der Propheten. Dasselbe
Leid (wenn vielleicht auch in anderer Form) betrifft Christen zu allen Zeiten,
also auch uns:
2Tim 3,12 Alle aber auch, die gottesfürchtig leben wollen in Christus
Jesus, werden verfolgt werden.
Apg 14,22 Sie stärkten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben
zu verharren, und sagten, daß wir durch viele Bedrängnisse in das Reich
Gottes hineingehen müssen.
Dieses Leiden ist vielfältig; es kann körperlich oder seelisch sein. Es
kann durch Verfolgung von außen oder durch freiwilligen Verzicht um Jesu willen
hervorgerufen sein. Es können Krankheiten und Entbehrungen sein. Es kann
Traurigkeit über den Verlust oder das Leiden geliebter Menschen sein, oder
Traurigkeit über die geistliche Not unserer Umgebung. Es kann Gefahr, Angst,
Hilflosigkeit, Niedergeschlagenheit sein, und vieles mehr. Wie immer unser
Leiden aussieht, wir sollen wissen,
- dass es nichts Ungewöhnliches für Gottesdiener ist,
- wohin wir uns mit unserer Not wenden sollen.
Gottes Wort lässt uns nicht im Zweifel darüber, an wen wir uns wenden
sollen; es ist voll von Aufforderungen, Gott in der Not zu suchen; z.B.:
Ps 50,15 und rufe mich an am Tag der Not; ich will dich erretten, und du
wirst mich verherrlichen!
Ebenso ist sie voller Beispiele solcher Gebete um Rettung (besonders die
Psalmen); z.B.:
Ps 116,3-5 Es umfingen mich die Fesseln des Todes, die Ängste des
Scheols erreichten mich. Ich geriet in Not und Kummer. Da rief ich den Namen
des HERRN an: "Bitte, HERR, rette meine Seele!" Gnädig ist der HERR und
gerecht, und unser Gott ist barmherzig.
Schon in Jak 1,5 haben wir die Aufforderung gelesen, in unseren Anfechtungen
Weisheit bei Gott zu suchen. Wir haben die Verheißung, dass er demjenigen, der
im Glauben bittet und dessen Herz ungeteilt beim Herrn ist, gerne die nötige
Weisheit geben wird (Jak 1,6-8). Und in 5,13 sehen wir, wohin wir uns in der Not
wenden sollen: an Gott. In allen unseren Nöten den Herrn zu suchen und auf ihn
zu vertrauen, ist eines der wichtigsten Dinge des Glaubenslebens:
Phil 4,6-7 Seid um nichts besorgt, sondern in allem sollen durch Gebet
und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede
Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken
bewahren in Christus Jesus.
Im vorigen Abschnitt sahen wir das Ziel: geduldig ausharren bis zum Ende.
Hier wird uns das Mittel zum Ausharren beschrieben: Gebet. Wir haben die
Verheißung, dass unsere Herzen und Gedanken in Christus bewahrt werden, wenn
wir mit allen Anliegen zu Gott kommen. Das ist alltäglich gelebter Glaube, wie
er Gott gefällt.
Ist jemand guten Mutes ...
Gott ist nicht nur ein Gott für schlechte Zeiten. Er will der Gott sein, an
dem wir unsere Lust haben (Ps 37,4) und aus dessen Hand wir alles Gute dankbar
annehmen (Jak 1,17). Ganz besonders soll auch unsere Freude über Rettung aus
Not zum Lobpreis führen (Ps 50,15). Solange wir nur zu Gott kommen, wenn es uns
schlecht geht, ist unser Glaube unreif und unser Herz geteilt (vgl. Kap. 1,6-8;
4,8). Erst wenn wir gelernt haben sowohl mit unserem Leid als auch mit unserer
Freude zu ihm zu kommen, wissen wir, was geisterfülltes Leben ist:
Eph 5,18-19 ... sondern werdet voller Geist, indem ihr zueinander in Psalmen und Lobliedern und geistlichen
Liedern redet und dem Herrn mit eurem Herzen singt und spielt!
Kol 3,16 Das Wort des Christus wohne reichlich in euch; in aller
Weisheit lehrt und ermahnt euch gegenseitig! Mit Psalmen, Lobliedern und
geistlichen Liedern singt Gott in euren Herzen in Gnade!
In diesen Parallelstellen erkennen wir auch die beiden Richtungen der
Anwendung von Wort, Gebet und Lobpreis: Sie dienen sowohl der persönlichen
als auch der gegenseitigen Auferbauung. In Jak 5,13 geht es zwar vor
allem um persönliches Gebet und Lobsingen, aber in den folgenden Versen
erkennen wir die Bedeutung der gegenseitigen Auferbauung durch Gebet.
Er singe Psalmen
Jakobus gibt uns einen praktischen Rat, und wir tun gut daran, ihn zu
befolgen. Er sagt nicht nur, "dankt Gott" oder "preist
ihn", sondern "singt Loblieder". Das Singen von
Psalmen bzw. Lobliedern beinhaltet Dank und Lobpreis, ist aber mehr. Beim Singen
ist nicht nur der Verstand, sondern auch das Gemüt, die Seele involviert. Und
das ist gut so, denn "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit
deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand."
Unser Schöpfer weiß, dass es ein menschliches Bedürfnis ist, der Freude
Ausdruck zu verleihen. Gesang ist ein solcher Ausdruck, und zwar ein
wesentlicher.
Für manche von uns (ich zähle mich dazu) stellt der Bereich der Musik eine
große geistliche Gefahr dar. Wie leicht kann uns der große Verführer hier zu
Fall bringen, wenn wir das Seelische vom Geistlichen trennen. Wie herrlich
dagegen ist es für uns und für Gott, wenn wir die beiden verbinden, indem wir
Gottes Geist auf den Saiten unserer Seele spielen lassen. Ich bin überzeugt,
wir sind in diesem Bereich weniger verführbar, wenn wir den Rat von Jakobus
beherzigen und unserem Frohsinn im Singen von Psalmen und Lobliedern Ausdruck
verleihen. Das können wir alleine tun (im Auto, unter der Dusche, beim
Spazierengehen, ...) oder in Gemeinschaft (im Gottesdienst oder wo sonst noch
mit oder für einander gesungen wird). Zu diesem Zweck ist es sehr nützlich,
ein Repertoire an guten Lobliedern (inkl. vertonter Psalmen) auswendig zu
lernen.
Was sind gute Loblieder?
- Was die Melodie betrifft, gibt es gewiss Unterschiede im Geschmack,
ja nach Alter, Kultur, usw. Wir wissen nicht mehr, wie die Psalmen im Alten
Testament gesungen wurden, und das ist wohl gut so, denn sonst würden
bestimmt manche Christen behaupten, man dürfe nur die Original-Melodien
verwenden. Wir dürfen aber auch nicht annehmen, dass Melodie und Rhythmus
reine Geschmackssache sind. Sobald man Töne in einer bestimmten Melodie und
mit einem bestimmten Rhythmus arrangiert, hat diese Musik ihren eigenen
Charakter, der nicht mehr völlig neutral ist. Der Charakter wird noch
ausgeprägter, wenn man das Ganze mit bestimmten Instrumenten in einer
bestimmten Lautstärke spielt.
Um es extrem auszudrücken: Ich kann nicht einfach die Musik eines
weltlichen Liedes nehmen, das mir gefällt, ihm einen geistlichen Text geben
und es dann ein Loblied zur Ehre Gottes nennen. Warum nicht? Weil ich den
Charakter der Musik berücksichtigen muss: Ist sie harmonisch? Ist sie
sinnlich? Ist sie aufwühlend? Weckt sie in mir Sehnsüchte, die nicht zum
Gotteslob passen? ...
- Was die Texte betrifft, sollte relativ klar sein, welche geeignet
sind und welche nicht. Liedtexte, die auf Lobpreis-Psalmen aufbauen, sind
bestimmt gut geeignet, aber auch andere Texte, in denen Gott verherrlicht
wird. Ob Gott verherrlicht wird, ist anhand der biblischen Lehre zu prüfen.
Wir sollten auch auf die Gesamtheit des von uns verwendeten Liedgutes (im
Besonderen Loblieder) schauen: Ist es ausgewogen, oder wird Gott darin nur
einseitig dargestellt? Stehen die Bedürfnisse des Menschen im Vordergrund
oder die Verherrlichung Gottes?
- Bei der Liedauswahl sollten wir Gott um Weisheit bitten. Wir
können bestimmt keine starren Regeln aufstellen, durch die wir geistliche
von ungeistlicher Musik unterscheiden können. Aber wir können vor Gott
prüfen, ob uns bestimmte Lieder geistlich gut tun, ob sie uns ihm näher
bringen, ob sein Friede in uns dadurch gefördert wird.
Umkehr und Heilung
Richard Mayhue [2] beschreibt treffend die Schwierigkeiten des Abschnitts
über die Krankenheilung:
Hier einige berechtigte Fragen, die Jakobus 5 aufwirft: Ist dieser
Abschnitt nur auf das 1. Jahrhundert beschränkt, oder ist er heute anwendbar?
Gilt er für alle Menschen, oder nur für Christen? Gilt er für alle
Christen, oder nur für eine besondere Gruppe? Handelt es sich womöglich um
eine Vorbereitung auf den Tod, oder sollen die Betroffenen vielmehr zu einem
gesunden Leben zurückgeführt werden? Geht es hier um körperliche, seelische
oder geistliche Probleme? Sind die hier angesprochenen Komplikationen
schwerwiegend oder alltäglich? Soll diese Vorgehensweise öffentlich oder im
privaten Rahmen durchgeführt werden? Ist das Salben mit Öl medizinisch oder
symbolisch gemeint? Geschieht die Heilung auf übernatürliche Weise oder
durch Gottes Vorsehung? Gilt die Verheißung absolut, oder ist sie von
bestimmten Umständen abhängig?
Dementsprechend viele Auslegungen zu dem Abschnitt gibt es. Ich denke,
Richard Mayhue gibt uns einen guten Hinweis, wenn er schreibt, dass das in V.
17-18 beschriebene Bild von Elia ein Schlüssel zum Verständnis ist [3]:
Das Volk Israel hatte sich unter der Führung von König Ahab durch
Götzendienst schwer am Herrn versündigt. Wie der Herr es durch Mose
angekündigt hatte (siehe z.B. 5Mo 11,13-17), war eine Dürre die Folge. Der
Herr hatte aber dem Salomo auf dessen Gebet hin auch verheißen, im Falle der
Buße des Volkes die Schuld zu vergeben und das Land zu heilen (2Chr 7,13-14).
Nachdem Israel umgekehrt und die Baalspriester getötet waren, (1Kö 18,37-40)
bat Elia Gott um Regen und wurde erhört (1Kö 18,42-45). Gott handelte also mit
Israel genau, wie er es angekündigt hatte, aber es war Elia, der durch sein
Gebet Gottes Handeln (zur Züchtigung und zur Heilung) auslöste.
Und nun übertragen wir dieses Bild auf die Situation in Jak 5,14-15: Ein
Kind Gottes lebt in Sünde (ist ein Freund der Welt und somit Feind Gottes,
siehe Jak 4,4) und
wird von Gott durch Krankheit gezüchtigt (Vgl. Hi
5,17-18; Ps
32,2-5.10; 38; 118,18). Nachdem es Buße getan hat und
Fürbitte geleistet wurde, heilt Gott sein Kind. Ich führe zwei typische
Szenarien an:
- V. 14-15: Das Gotteskind lebt in schwerer Sünde, so dass die ganze
Gemeinde davon betroffen ist (z.B. dadurch, dass es das Zeugnis der Gemeinde zerstört hat) und
Gott züchtigt es dafür. Das Gotteskind ruft die Ältesten zu sich und bekennt die
Sünde. Die Ältesten beten als Repräsentanten der
Gemeinde für das Gotteskind. Der Herr vergibt ihm und richtet es wieder
auf.
- V. 16: Die Sünde, aufgrund derer der Herr das Gotteskind
züchtigt, ist gegen einen bestimmten Bruder (oder eine Schwester) gerichtet. In diesem
Fall reicht es, zu diesem Bruder (oder zu dieser Schwester) zu gehen und die
Sünde zu bekennen. Dann sollte der Bruder (oder die Schwester) vergeben und
für den reumütigen Sünder beten. Auf diese Weise wird der Herr sein Kind
heilen.
Gebet der Ältesten für Kranke
Um welche Art von Krankheit geht es hier? Die hier verwendeten griechischen
Worte bedeuten schwach sein (astheneo in V. 14) und ermattet
sein (kamno in V. 15). Beide Worte können sich sowohl auf
körperliches als auch auf seelisch-geistliches Geschwächt-Sein beziehen. Daher
sind sich die Ausleger in diesem Punkt nicht einig: Manche meinen, es gehe hier
nur um geistliche Mattheit, die meisten dagegen sind der Ansicht, es gehe um körperliche
Krankheit. Für Letzteres spricht die Verwendung von astheneo in den
Evangelien und in der Apostelgeschichte für körperliche Schwachheit. Erst in
den paulinischen Briefen wird das Wort für Glaubens- und Gewissens-Schwachheit
verwendet. Jakobus, der mehr als alle anderen Autoren des NT die Worte des Herrn
Jesus zitierte, stand der Sprache der Evangelien eindeutig näher als der
Sprache des Paulus, der seine Briefe erst nach dem Jakobusbrief verfasste.
Am besten ist es daher wohl, den Zustand als ein Geschwächt-Sein in Folge von
Krankheit, Leiden, Gebrechen zu verstehen.
Dass der Kranke die Ältesten zu sich ruft, ist ein Hinweis dafür, dass er
so sehr geschwächt ist, dass er nicht zu ihnen bzw. in die Gemeindeversammlung
gehen kann, gleichzeitig zeigt es aber, dass die Initiative vom Kranken ausgehen
soll. Dass ihn die Ältesten mit Öl einreiben, ist ein
Hinweis, dass es sich um eine Krankheit handelt, die eine körperliche
Behandlung notwendig macht (zur Bedeutung des Öls siehe unten).
Obwohl die Situation, dass Sünde im Spiel ist, sehr gut in den Zusammenhang
passt, dürfen wir diese Verse nicht darauf beschränken, denn in V.15 steht
"wenn er Sünden begangen hat". Dies muss also nicht unbedingt
der Fall sein. Es soll jeder, der ernstlich krank oder geschwächt ist, die Freiheit haben, die
Ältesten zu rufen - auch wenn er sich nicht sicher ist, ob ein Zusammenhang
zwischen einer persönlichen Sünde und der Krankheit besteht. Vielleicht bringt
der Herr die Sünde erst ans Licht (siehe folgendes Beispiel), oder vielleicht
stellt sich heraus, dass kein Zusammenhang zu persönlicher Sünde besteht.
Richard Mayhue gibt uns ein Beispiel für die hier beschriebene Situation [4]:
Bei der ernstlich erkrankten Person handelte es sich um eine Gläubige,
die zufällig die Frau eines Arztes war. Sie litt unter schrecklichen,
fast unerträglichen Schmerzen im gesamten Rücken. Die
Ärzte konnten keine Ursache feststellen. Mehrere kompetente Orthopäden
untersuchten sie, doch alle ohne Ergebnis …
Ihre unglaublichen Schmerzen veranlassten die Ärzte, ihr hohe
Dosen Medikamente zu verabreichen, was zur Abhängigkeit führen
konnte, und ihr Gatte war darüber äußerst besorgt, genauso
wie, natürlich, sie selbst. Schließlich wurde die Frau ins Krankenhaus
eingewiesen.
Da wir seit langem befreundet waren, nahm sie Kontakt mit mir
auf und fragte mich: "Ich würde gern wissen … ob du eine Gruppe
von Ältesten aus der Gemeinde zusammen bekommen könntest und
ob einige von euch kommen und beten könnten." Ich antwortete: "Wir werden ganz gewiss
kommen." Und wir kamen, sechs oder
sieben an der Zahl.
An einem Sonntagabend, nach dem Abendgottesdienst, kamen
wir in ihr Krankenzimmer. Sie hatte solche Schmerzen, dass sie kaum
sprechen konnte. "Ich weiß nicht, was ich machen soll", sagte sie, "ich bin am Verzweifeln … Was können wir tun; was können wir
nur tun?" Ich antwortete: "Wir können das tun, wozu Gott uns angewiesen
hat: beten. Wir werden beten, dass er dich retten, heilen
und aufrichten wird, wenn es sein souveräner Wille ist!"
Wir schlossen die Tür, knieten uns hin und begannen zu beten.
Ich beendete mein Gebet mit der Bitte an Gott, dass er Erleichterung
und, wenn es sein Wille ist, völlige Genesung geben möge. Als
ein anderer Bruder zu beten begann, streckte die Frau ihre Hand
aus und fasste mich an die Schulter. Sie stieß mich ein wenig, als
wollte sie etwas sagen. Ich streckte mich zu dem Beter aus und drückte
ihn signalisierend, um ihm mitzuteilen, er soll kurz innehalten,
was er auch tat. Sofort sagte die Frau: "Entschuldigt meine Unterbrechung,
aber der Schmerz hat ganz aufgehört." Dann fing sie an
zu weinen.
"Ich muss euch etwas sagen", schluchzte sie und richtete sich im
Bett auf - wozu sie tagelang nicht imstande gewesen war. Ich denke,
sie hätte an diesem Abend sogar aufstehen, aus dem Krankenhaus
gehen und mit dem Auto nach Hause fahren können. Der
Schmerz war vollständig weg. Sie sagte: "Ich muss euch etwas aus
meinem Leben sagen." Leise, aber ohne zu zögern begann sie eine
Geschichte der Sünde zu entfalten, die bisher einfach zu ihrem
Lebensstil dazugehörte. Ich brauche hier nicht ins Detail zu gehen,
sondern will nur sagen, dass sie vor uns wie vor ihrer Familie ein
Doppelleben geführt hatte. Aber durch unser Gebet und die Ernsthaftigkeit
unseres Glaubens war sie genötigt und zu solch einem
brennenden Sündenbewusstsein gelangt, dass sie uns nicht einmal
zu Ende beten lassen konnte. Gott erhörte ihr Gebet, in dem sie
ihre Sünden bekannte und ihren Wunsch nach echter Umkehr ausdrückte.
Ich bin überzeugt, dass dieser Text für uns heute von Bedeutung ist, aber
wir dürfen nicht die Unterschiede zwischen unserer Situation und der
Situation der Briefempfänger übersehen. Die medizinische Versorgung war damals nicht das, was sie heute war: Der
Zugang war sehr beschränkt, die meisten Leute konnten sich keinen Arzt leisten.
Außerdem konnten die Ärzte nur in sehr beschränktem Maß helfen. Man wusste
im Vergleich zu heute relativ wenig über Krankheitsursachen und -behandlungen.
Daher kam die Situation, in der es angebracht war, die Ältesten zu rufen, wohl
häufiger vor als heute.
Wir dürfen die gute medizinische Versorgung - soweit sie vorhanden ist -
dankbar aus Gottes Hand nehmen. Eine gute, wirksame Behandlung ist eine der
vielen guten Gaben, die von Gott kommen (vgl. 1,17). Zur Veranschaulichung
denken wir an die Versorgung der Israeliten während der Wüstenwanderung: Gott
gab ihnen Brot vom Himmel. Er tat dies aber nur, solange sie sich nicht selbst
versorgen konnten. Sobald sie im Land waren, konnten sie vom Ertrag des Landes
essen. Doch waren sie auch darin von Gott abhängig, der den Regen und das
Gedeihen gab, und sie sollten ihm auch dementsprechend dafür danken.
Wenn jemand in unseren Breiten krank ist, wird er in der Regel zum Arzt gehen und sich
helfen lassen - aber nicht ohne zu beten und auf Gott zu vertrauen. Wenn sich aber herausstellt, dass der Arzt dem Kranken nicht
aus seinem Zustand des Geschwächt-Seins heraus helfen kann, dann ist Hilfe
durch die Ältesten nötig. Es gibt auch heute noch genügend Situationen, wo
die Ärzte nicht helfen können: Entweder finden sie keine Ursache oder es
handelt sich um unheilbare Krankheiten, Behinderungen, schweren Verletzungen,
Depressionen, etc.
Warum gerade die Ältesten?
Die Ältesten sind ja die Hirten der Gemeinde. Was liegt näher, als dass
sich die Hirten um die kranken Schafe kümmern?
Jakobus macht klar, dass Heilung nicht etwas ist, was im Rahmen von
Heilungsveranstaltungen durch begabte Heiler geschehen soll, sondern dass sie
sich im Rahmen der örtlichen Gemeinde abspielen soll: Das kranke Gemeindeglied
ruft seine Ältesten. Diese beten im Glauben dafür, dass er wieder aufgerichtet
wird und reiben ihn mit Öl ein.
Welche Rolle spielt das Öl?
Das hier verwendete griechische Wort (aleipho) bezeichnet nicht das
zeremonielle Salben (griech. chrio) sondern das Einreiben zum praktischen
Zweck der Pflege und Heilung, wie es damals üblich war (siehe Mt
6,17; Mk 6,13; Lk 7,38; Joh 12,3). Das Öl (in der Regel Olivenöl) wurde sowohl zur täglichen
Körperpflege (Rt
3,3; 2Sam 12,20; 14,2; Dan 10,2-3; Mi 6,15; Mt 6,16-17) als
auch zur medizinischen Behandlung verwendet (Wundversorgung und Einreiben bzw.
Massieren; siehe Jes
1,6; Mk 6,13; Lk 10,34).
In unserem Zusammenhang kann es also sowohl den Zweck der körperlichen Wohltat,
Pflege und Erfrischung, als auch der medizinischen Behandlung haben - im Sinne
der Verabreichung eines Hausmittels.
Bei der Aussendung der 12 Jünger haben wir ein Vorbild für das Einreiben von
Kranken mit Öl:
Mk 6,17 und sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Schwache mit Öl
und heilten sie.
Als der Herr Jesus sie zum Predigen und Heilen aussandte (Mt
10,7-8; Lk 9,1-2), erwähnte er das Salben zwar nicht, aber offenbar wandten es die Jünger
als Begleitmaßnahme beim vollmächtigen Heilen an. Jakobus übernahm diese
Gewohnheit in seine Anweisung für das Kranken-Gebet.
Manche Kommentatoren betonen den medizinischen Aspekt der Öl-Salbung. Andere dagegen meinen, es kann nicht als medizinische Behandlung gesehen
werden, weil das Öl bei vielen Krankheiten keine heilende Wirkung hat. Sie
sehen darin vielmehr eine symbolische Handlung, weil Öl in der Bibel Gesundheit
und Wohlergehen symbolisiert. Ich denke, wir müssen hier keinen Widerspruch
sehen. Das Einreiben mit einem duftenden Öl hat eine pflegende, wohltuende -
zum Teil auch medizinische - Wirkung und weist gleichzeitig als Symbol auf die Heilung hin, die der Herr
aufgrund des Gebets wirken soll. Die Ältesten sollen sich ja nicht auf die
heilende Wirkung des Öls verlassen sondern auf das Eingreifen Gottes.
Sollen nun die Ältesten heute Öl verwenden oder etwas anderes oder gar
nichts? Der Schwerpunkt liegt bestimmt nicht auf dem Äußerlichen, nämlich der
Salbung mit Öl, sondern auf dem Gebet und dem Wirken Gottes. Die Ältesten
sollten dies vor Gott prüfen und dabei auch ihren Hausverstand verwenden. Im
Zweifelsfall halte ich es für ratsam, den Kranken mit einem wohlriechenden (Pflege-)Öl einzureiben, auch wenn es vom medizinischen Standpunkt heute nicht
denselben Stellenwert hat wie damals.
Garantierte Heilung?
Und das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten, und der Herr wird
ihn aufrichten ...
Wie ist das zu verstehen? Das Wort retten (griech. sozo) wird
für Rettung, Hilfe im weitesten Sinn verwendet: körperlich und
seelisch-geistlich, zeitlich und ewig. Was es hier bedeutet, muss aus dem
Zusammenhang bestimmt werden. Aufrichten ist die Übersetzung des
griechischen egeiro: aufwecken, erwecken, aufstehen lassen, aufrichten.
Es wird z.B. auch an folgender Stelle verwendet:
Eph 5,14 denn alles, was offenbar wird, ist Licht. Deshalb heißt es:
"Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten! und der
Christus wird dir aufleuchten!"
Wenn wir die Gesamtaussage der Bibel zum Thema Heilung betrachten, so ist
klar, dass diese Stelle nicht so gemeint sein kann, dass jeder Kranke, für den
die Ältesten beten, körperlich völlig gesund wird. Aber unter bestimmten
Umständen wird die Heilung eintreten:
- das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten: Nicht jedes Gebet,
sondern das Gebet des Glaubens wird helfen. Es geht nicht um den
Glauben des Kranken sondern um den Glauben der Ältesten. Wenn sie von Gott
die Gewissheit bekommen, dass die körperliche Heilung sein Wille ist und
dementsprechend im Glauben beten, dann wird diese Heilung eintreten. Das gilt für alle
Gebete, die in solchem Glauben gesprochen werden (siehe z.B. Mt 17,20).
Solch eine Gewissheit von Gott in Bezug auf eine konkrete Gebetserhörung
ist vielleicht das, was die Bibel eine Gabe des Glaubens (1Kor 12,9)
nennt, oder Gaben der Heilungen (1Kor 12,9), wenn es sich um ein
Gebet um Heilung handelt.
Ein Fall, wo die Ältesten die Verheißung der Heilung haben, ist eine
Krankheit als Züchtigung für Sünde. Wenn die Sünde bekannt wird und die
Ältesten gebetet haben, so vergibt der Herr und nimmt die Züchtigung weg.
- Wenn wir die Aufrichtung bzw. Stärkung des Geschwächten in einem
geistlichen Sinn verstehen, dann können die Ältesten davon ausgehen, dass
das der Wille des Herrn ist und mit Freimütigkeit dafür beten. Sie haben
die Verheißung der Erhörung. Gott wird den Ermatteten im Glauben
stärken und in seiner Seele aufrichten.
Gegenseitiges Bekennen und Fürbitten
Wenn wir uns einer Sünde gegen ein Gotteskind bewusst sind, sollten wir
umgehend zu ihm hingehen und die Sünde bekennen:
Mt 5,23-26 Wenn du nun deine Gabe darbringst zu dem Altar und dich dort
erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor
dem Altar und geh vorher hin, versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm
und bring deine Gabe dar!
Komm deinem Gegner schnell entgegen, während du mit ihm auf dem Weg bist!
Damit nicht etwa der Gegner dich dem Richter überliefert ...
Wir haben bisher im Jakobusbrief schon eine Reihe von Sünden gesehen, die
wir gegen Geschwister begehen können:
- Verachtung von armen, "geringen", schwachen Geschwistern durch
die reichen, angesehenen, vermeintlich starken (1,9; 2,1-6.9)
- Nicht-Kümmern um Witwen und Waisen in ihrer Bedrängnis (1,27)
- Versäumnis, den Armen in ihren materiellen Nöten zu helfen (2,15-16)
- Fluchen (3,9)
- Eifersucht und Selbstsucht (3,14-16)
- Kriege und Streitigkeiten (4,1)
- Schlechtes Reden und Richten (4,11-12)
- Ungerechtigkeit bei der Entlohnung (5,4)
- Seufzen über Geschwister (5,9)
Jakobus hat uns in V. 11 Hiob als Vorbild des Ausharrens dargestellt. Er ist
aber auch ein Vorbild für die Anwendung von V. 16:
In Hi 42,7-9 lesen wir, dass Gott Folgendes anordnete: Die Freunde sollten Hiob
ihre Schuld ihm gegenüber bekennen und dafür opfern. Dann sollte Hiob für sie
bitten. Sein Vergeben und Fürbitten war notwendig, damit Gott den Freunden
vergab und sie verschonte.
Wir sehen also ein wichtiges geistliches Prinzip: Wenn ich einem Bruder
Unrecht getan habe, so reicht es nicht, wenn ich diese Sünde vor Gott bekenne;
ich muss sie auch dem Bruder bekennen und - so weit dies möglich bzw. sinnvoll
ist - bereinigen. Die Vergebung durch den Bruder und seine Fürbitte für mich
sind notwendig, damit mich der Herr wieder herstellt bzw. damit ich vor seiner
Züchtigung verschont bleibe.
Obwohl das meinem Verständnis nach die Hauptaussage von V. 16 ist, sehe ich
noch weitere Anwendungen dieses Verses:
- Es ist wichtig für unser geistliches Wohlergehen, als Mann einen Bruder und als Frau eine
Schwester ins Vertrauen zu ziehen, mit ihnen über unsere Kämpfe und über
unser Versagen zu sprechen und mit ihnen gemeinsam zu beten - auch wenn wir uns
nicht an ihnen versündigt haben. Es gibt ja Sünden, die nicht gegen eine
lebende Person gerichtet sind, der wir sie bekennen können. Trotzdem hilft es in
solchen Situation oft, sich mit einem gefestigten Christen darüber
auszusprechen. Das darf aber nicht mit Beichte im katholischen Sinn verwechselt
werden.
- Und auch, dass wir für einander beten sollen, gilt in einem ganz allgemeinen
Sinn (also nicht nur, wenn uns jemand Unrecht getan hat und es nachher bereut):
Eph 6,18 Mit allem Gebet und Flehen betet zu jeder Zeit im Geist, und
wachet hierzu in allem Anhalten und Flehen für alle Heiligen.
Abschließend möchte ich zum Zusammenhang zwischen Sünde und Krankheit W.
MacDonald zu Wort kommen lassen [5]:
Viel öfter, als wir es zugeben wollen, ist Krankheit durch Sünde verursacht
- Sünde wie Völlerei, Sorgen, Zorn, mangelnde Vergebungsbereitschaft,
Alkoholmißbrauch, Neid, Selbstsucht und Stolz. Sünde im Leben bringt Krankheit
und manchmal den Tod (1Kor 11,30). Wir sollten Sünde bekennen und lassen,
sobald wir erkannt haben, daß sie in unserem Leben ist. Alle Sünden sollten
Gott bekannt werden. Zusätzlich sollten alle Sünden, die andere Menschen
betreffen, auch vor diesen bekannt werden. Das ist für unsere geistliche
Gesundheit wichtig und für unsere körperliche Gesundheit nützlich.
Elia, der betende Gerechte
Elia ist das ideale Vorbild für die Botschaft des Jakobus über das
wirkungsvolle Gebet des Gerechten - das ist derjenige, der mit ungeteiltem
Herzen glaubt. Schon in 1,5-8 hat Jakobus gezeigt,
dass jemand mit geteiltem Herzen (wörtl. mit zwei Seelen) hin- und
hergeworfen ist, unbeständig auf allen seinen Wegen, und dass der Herr das
Gebet eines solchen Menschen nicht erhört. Die Geteiltheit des Herzens wird wieder in
Kap. 4,8 angesprochen. Auch in diesem Zusammenhang geht es darum, dass Gott die
Gebete nicht erhört, wenn die Beter aus falschen Motiven bitten - nämlich aus
ihren selbstsüchtigen Begierden heraus.
Schon der Name Elia (d.h. mein Gott ist Jahwe) drückt aus, worin seine
Mission bestand: Israel zur Umkehr vom Götzendienst zu dem allein wahren
Gott zu bewegen, der keine anderen Götter neben sich duldet:
1Kö 18,21 Und Elia trat zum ganzen Volk hin und sagte: Wie lange hinkt
ihr auf beiden Seiten? Wenn der HERR der wahre Gott ist, dann folgt ihm nach;
wenn aber der Baal, dann folgt ihm nach! Aber das Volk antwortete ihm kein
Wort.
Es ist interessant, wie Gott Elia auf seine großen Glaubens-Taten bzw.
-Gebete vorbereitete (1Kö 17): Nachdem Elia dem gottlosen Ahab das Gericht der
Dürre angekündigt hatte, schickte Gott ihn zuerst an einen Bach, wo er von
Raben mit Brot versorgt wurde, bis der Bach vertrocknete. Dies war eine Zeit der
Abgeschiedenheit, in der Elia lernte, allein auf Gott zu vertrauen und an ihm
Genüge zu haben. Danach schickte Gott ihn zu einer Witwe, die für ihn sorgen
sollte. Bis zum Ende der dreijährigen Dürre wurden das Mehl und das Öl der
Witwe nicht weniger. Auch hier lernte Elia die Macht und Fürsorge Gottes
kennen. Sein Glaube war so gereift, dass er es gar wagte, um die Auferweckung
des Sohnes der Witwe zu bitten - und er wurde erhört. Jetzt war er bereit für
seine großen öffentlichen Einsätze, beginnend auf dem Berg Karmel, wo er
Israel herausforderte, sich zwischen Baal und Gott zu entscheiden (1Kö 18).
Nachdem die Baalspriester stundenlang vergeblich zu ihrem Gott um ein Zeichen
gebetet hatten, betete Elia mit diesen schlichten Worten:
1Kö 18,36-37 HERR, Gott Abrahams, Isaaks und Israels! Heute soll
man erkennen, daß du Gott in Israel bist und ich dein Knecht und daß ich
nach deinem Wort das alles getan habe. Antworte mir, HERR, antworte mir, damit
dieses Volk erkennt, daß du, HERR, der wahre Gott bist und daß du selbst ihr
Herz wieder zurückgewandt hast!
Der Herr erhörte ihn - sowohl in Bezug auf das Feuer vom Himmel (was er im
Gebet gar nicht ausdrücklich erwähnt hatte), als auch in Bezug auf das eigentliche
Ziel der ganzen Aktion, nämlich die Gott-gewirkte Umkehr Israels:
1Kö 18,38-39 Da fiel Feuer vom HERRN herab und verzehrte das
Brandopfer und das Holz und die Steine und die Erde; und das Wasser, das im
Graben war, leckte es auf. Als das ganze Volk das sah, da fielen sie auf ihr
Angesicht und sagten: Der HERR, er ist Gott! Der HERR, er ist Gott!
Jetzt stand auch der Beendigung der Dürre nichts mehr im Wege. Und wieder
betete Elia im Glauben - aufbauend auf die Verheißung Gottes (18,36). Auf sein
Gebet hin ließ Gott es nach über drei Jahren wieder regnen. Was für eine
Freimütigkeit im Gebet geht davon aus, wenn wir im Auftrag Gottes unterwegs
sind, wenn wir genau das tun, was er von uns will. Dann können wir
Segenswerkzeuge sein, ganz besonders auch für Geschwister in Not.
Das Ermutigende am Vorbild des Elia sind auch seine Schwachheiten: Er war
kein Übermensch, er war aus dem gleichen Holz geschnitzt wie wir, kannte das
Wechselspiel der Gefühle wie wir. Er kannte Zweifel an der Güte
Gottes (17,20), Selbstmitleid (19,10), Menschenfurcht und Ausgebranntheit bis
hin zu Todessehnsucht (19,2-4). Aber sein Herz war ganz beim Herrn. Von ihm
erwartete er alles, selbst den Tod (17,4). Darin ist er unser großes Vorbild:
nicht nur, dass er große Gebetserhörungen erlebte, sondern dass er gelernt
hatte, sich mit jeder Not an den Herrn zu wenden.
Gebet, das Gott erhört
So muss es sein: Wenn wir andere zur Ungeteiltheit und Wiederherstellung
führen wollen, müssen wir selbst ungeteilt in Bezug auf den Herrn sein. Solche
Fürbitte vermag viel in ihrer Wirkung. Das entspricht ganz den Worten Jesu
über das Gebet:
Joh 14,13-14 Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das werde ich
tun, damit der Vater verherrlicht werde im Sohn. Wenn ihr mich etwas bitten
werdet in meinem Namen, so werde ich es tun.
Joh 15,7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so
werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen.
Die Verheißung der Erhörung liegt auf dem Gebet im Namen Jesu. Das ist das
Gebet, das aus der Verbundenheit mit ihm und seinem Wort entspringt. In seinem
ersten Brief schreibt Johannes etwas Ähnliches:
1Jo 3,21-22 Geliebte, wenn das Herz uns nicht verurteilt, haben wir
Freimütigkeit zu Gott, und was immer wir bitten, empfangen wir von ihm, weil
wir seine Gebote halten und das vor ihm Wohlgefällige tun.
Die Freimütigkeit im Gebet kommt aus einem Leben des Gehorsams. Solches
Gebet erhört Gott. Das gilt ganz allgemein für unser Beten, im Besonderen auch
für die hier beschriebene Situation, wo wir für die (körperliche oder
seelisch-geistliche) Wiederherstellung von Geschwistern beten, die sich (an uns)
versündigt haben.
Ein Gotteskind lebt in Sünde, erkennt bzw. bereut seine
Sünde aber nicht. Es ruft daher weder die Ältesten, noch geht es zu demjenigen,
gegen den es gesündigt hat. Mag sein, dass der Herr es züchtigt oder auch
nicht. Jedenfalls sind die Geschwister aufgerufen, wenn sie solch einen
Irrweg erkennen, den Irrenden zurechtzubringen - selbst wenn dieser von sich aus
keine Hilfe sucht. Dies
geschieht durch Fürbitte, Ermahnung und Ermunterung. Wenn das Gotteskind
zurechtgebracht wird, werden seine Sünden vergeben (und somit zugedeckt) und
es wird vor dem Tod errettet, denn im Extremfall führt Gottes Züchtigung
zum irdischen Tod, wie bei Hananias und Saphira (Apg 5,1-11) und bei den
Korinthern (1Kor 11,30); vgl. auch 5Mo 11,16-17. In jedem Fall bringt es
Verderben, wenn jemand auf Fleisch sät (Gal 6,7-8).Aber vielleicht wird durch unser Wirken auch jemand vor dem ewigen Tod
errettet. Wenn wir für jemanden aus der Gemeinde beten, der die Welt lieb hat,
so können wir nicht wissen, ob derjenige überhaupt wirklich wiedergeboren ist,
auch wenn wir es annehmen. Jedenfalls wollen wir ihn dahin führen, dass er sich
von der
Welt abkehrt und ganz zu Christus bekehrt. Betrifft es ein Gotteskind, so
wird es geistlich erneuert und vor irdischem Verderben errettet, betrifft es
jemanden, der noch gar nicht wiedergeboren ist, so muss er dies erst einmal
erkennen, um dann zum Heiland zu fliehen und dem ewigen Verderben zu entrinnen.
2Tim 2,24-26: Das sind hohe Anforderungen an den Knecht des Herrn: Er soll
nicht streiten, sondern gegen alle milde sein, lehrfähig, duldsam, und
die Widersacher in Sanftmut zurechtweisen. Aber ein solcher Charakter ist notwendig, wenn wir
bedenken, dass das Wort für zurechtweisen das griechische paideuo
ist, also eigentlich erziehen. Auch bei Eltern ist es so, dass sie selbst
die nötige Reife brauchen, um Kinder erziehen zu können. Wie kann ich jemanden
zu einer Reife hinführen, die ich selbst nicht besitze?
Auch das sollte also Motivation für unser geistliches Wachstum sein: Die
Gemeinde Jesu braucht Nachfolger Jesu, die durch ihr eigenes Vorbild andere
lehren können, im Glauben zu wachsen (siehe Mt 28,20).
So endet der Jakobusbrief einerseits ziemlich abrupt, andererseits rundet
dieser Vers die Botschaft von Jakobus ab, denn er beinhaltet alle Hauptthemen
(vgl. 1,26-27):
- Es geht um das Ausharren bis zum Ende, daher muss der Bruder wieder
zurecht gebracht werden.
- Es geht um gegenseitige Fürsorge, besonders in der schlimmsten
Situation, die einen Bruder treffen kann, nämlich dass er von der Wahrheit
abirrt.
- Es geht um den rechten Gebrauch der Zunge, denn Gebet, Ermunterung
und Ermahnung sind die Mittel zur Zurechtbringung des Bruders.
- Es geht um weltliche Befleckung, denn der abirrende Bruder ist ein
Freund der Welt geworden.
Persönliches Gebet
- Ist es meine Gewohnheit, mit allen Sorgen und Nöten zum Herrn zu gehen?
- Ist es meine Gewohnheit, dem Herrn zu singen, wenn es mir gut geht?
- Welche Rolle spielt Musik in meinem Leben?
Habe ich diesen Lebensbereich dem Herrn geheiligt? Will ich Musik vor allem
zu seiner Ehre einsetzen, oder geht es mir dabei mehr um meine Gefühle?
Bringen mich die Lieder, die ich singe oder höre, dem Herrn näher, fördern
sie mein geistliches Wachstum, oder bewirken sie eher das Gegenteil?
Welche Konsequenzen muss ich aus diesen Überlegungen ziehen?
Verhalten in Krankheit
- Wenn ich in körperlicher oder seelischer Not bin - ist es vielleicht
aufgrund von Sünde in meinem Leben?
- An wen wende ich mich, wenn ich ernstlich krank bin?
- Wenn ich zum Arzt gehe - tue ich es unter Gebet und im Vertrauen auf den
Herrn?
Gegenseitiges Bekennen und Fürbitten
- Habe ich mich an einem Bruder oder an einer Schwester in Worten oder Taten
versündigt?
- Was hindert mich, die Sünde vor Gott und dem Betroffenen zu bekennen?
- Bin ich bereit, jemanden, der mir Unrecht getan hat, zu segnen und für
ihn zu beten?
- Bin ich alleine (abgesehen von Gott) in meinen schwersten Kämpfen und in
meinem Versagen, oder habe ich jemanden, dem ich mich immer wieder
anvertraue?
- Bin ich selbst jemand, in dem andere eine Vertrauensperson, einen Helfer,
einen Fürbitter vorfinden?
Ungeteiltheit und Gebetskraft
- Wie viel Freimütigkeit habe ich beim Beten?
- Wie viel Wirkung haben meine Gebete?
- Hat mein Glaube genügend Gelegenheit in der Stille vor Gott zu wachsen?
- Bin ich ein Beter mit einem Herzen, das ungeteilt für den Herrn schlägt,
oder hinke ich auf zwei Seiten?
- Welche Götzen sind es, die dem Herrn meine Zeit und meine Hingabe stehlen
und mich geistlich behindern?
- Was muss ich unternehmen, um diese Götzen aus meinem Leben auszurotten?
Zurechtbringung von Geschwistern
- Achte ich darauf, wie es meinen Geschwistern geistlich geht? Dabei muss
ich aufpassen, dass ich mir den Balken aus meinem Auge entfernen lasse,
bevor ich mich um den Splitter im Auge des Bruders kümmere.
- Bete ich fleißig für Geschwister auf Abwegen?
- Ist mir bewusst, dass es dabei um Leben und Tod geht?
- Bin ich selbst so milde, lehrfähig und duldsam, dass ich einen
Widerstrebenden bei rechter Gelegenheit sanftmütig zurechtweisen kann?

Fußnoten
[1] Alec Motyer, The Message of James, Inter-Varsity
Press 1985, S. 174
[2] Richard Mayhue, Dein Glaube hat dich geheilt, CLV 1999,
S. 111-112
[3] Richard Mayhue, S. 112ff
[4] Richard Mayhue, S. 120ff
[5] William MacDonald, Kommentar zum Neuen Testament,
Kommentar zu Jak 5,16

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