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Und lehrt sie alles zu bewahren
Inhalt
1. Einleitung
2. Ein persönliches Zeugnis
3. Eine Umfrage
4. Persönliche Ausbildung im Neuen Testament
4.1. Jesus und seine Jünger
4.2. Ermahnungen an die Hebräer
4.3. Paulus und die Thessalonicher
5. Vorbeuge-Seelsorge versus Krisen-Seelsorge
6. Rechenschaft geben
7. Praktische Hinweise
8. Schluss
Mt 28,19-20 Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft
sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt
sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe! Und siehe, ich bin bei euch
alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.
Der Auftrag, den Jesus seinen Jüngern gab, bestand darin, Menschen aus allen
Nationen im Sinne Gottes zu schulen. Jünger heißt Schüler,
Lernender, Lehrling. Und zu Jüngern machen heißt schulen,
lehren, ausbilden. Diesem Auftrag sollen die Jünger nachkommen, indem sie
die Menschen taufen, die sich aufgrund der Verkündigung des Evangeliums
bekehren, und indem sie sie lehren, alles zu bewahren, was Jesus geboten hat.
Die Taufe ist ein einmaliges Ereignis, die Belehrung ist fortlaufend. Sie ist
das Ausschlaggebende beim Prozess des Jünger Machens bzw. des Schulens. Es ist
daher wesentlich, dass wir verstehen, wovon Jesus hier spricht.
"und lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe!"
(Rev. Elberfelder) kann auch so übersetzt werden:
- "und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe."
(Luther)
- "Lehrt sie, so zu leben, wie ich es euch aufgetragen habe."
(Hoffnung für alle)
- "und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch aufgetragen habe."
(Gute Nachricht Bibel)
Worum es bei dieser Art von Belehrung geht, ist nicht Theorie sondern Praxis,
nicht Wissen sondern Leben, nicht Hören sondern Tun. Natürlich haben Theorie,
Wissen, Hören ihre Bedeutung, aber nicht als Selbstzweck sondern als Mittel zum
Zweck, nämlich zur praktischen Anwendung. Bleiben wir bei der theoretischen
Erkenntnis stecken und schaffen es nicht bis zur Anwendung in unserem täglichen
Leben, so hat das nichts mit der Schulung zu tun, von der Jesus sprach. Es wäre
als ob ein Tischlerlehrling zum Gesellen und zum Meister werden wollte, indem er
alles über Tischlerei liest und dabei zusieht, aber nie Hand ans Holz legt.
Niemand würde sich von ihm gerne ein Möbelstück bauen lassen.
Es ist aber nicht nur die Verantwortung des Schülers, die Erkenntnis in die
Praxis umzusetzen, es ist auch die Verantwortung des Lehrers - und davon redet
Jesus in diesem Zusammenhang -, dem Schüler die Praxis beizubringen. Und gerade
in diesem Punkt sehe ich ein großes Versäumnis vieler Gemeinden bzw. Kinder
Gottes. Sie denken, Lehre heißt, die Gebote Jesu erklären, Bibelstudien
halten, Bücher schreiben. Dabei übersehen sie, dass sie damit noch lange nicht
das Halten der Gebote Jesu erreicht haben, um das es ja eigentlich geht.
Was muss ich tun, um jemandem eine praktische Fertigkeit beizubringen? Ich
muss
- ihm die Technik erklären,
- sie ihm vorführen,
- ihn anleiten, es selbst zu versuchen,
- auf seine Fragen und Probleme mit Hilfestellung reagieren,
- ihm auch ungefragt Ermutigung und Korrektur geben, um die gewünschte
Qualität zu erreichen.
Dieses Schema kann man 1:1 auf die Jüngerschaft umlegen. In einigen dieser
Punkte (besonders Punkt 1) sind wir in der Regel besser und in anderen
schwächer. Wenn wir Jesu Auftrag wirklich ernst nehmen wollen, müssen wir in
allen 5 Punkten gut werden. Eines ist klar, wenn man sich die 5 Punkte anschaut: Diese Art von Ausbildung
kann nur über persönliche Beziehungen funktionieren - von der Kanzel aus kann man nur einen
kleinen Teil durchführen.
Meine eigene Erfahrung bestätigt mir die Wichtigkeit biblischer
Jüngerschulung. Ich hatte durch die Jahrzehnte meines Glaubenslebens
hindurch immer wieder Wachstumsstillstände. Es gab Bereiche in meinem Leben,
die ich nicht gründlich ans Licht gebracht habe, um mit ihnen radikal zu
brechen. Ich konnte den äußeren Schein aufrechterhalten und in meinem Herzen
doch Abwege gehen, weil niemand um diese Bereiche meines Lebens wusste und
niemand mich deshalb zur Rede stellte. Diese Abwege haben mich Monate und Jahre
in meiner Entwicklung gekostet. Ich bin überzeugt, dass ich beständiger
gewachsen wäre, wenn ich einen Mentor, einen väterlichen Bruder gehabt hätte,
dem ich mein Herz mit all seinen Kämpfen geöffnet hätte und der mich durch
sein Vorbild, durch seine Ermahnung, Ermunterung und Belehrung angehalten hätte, den geraden Weg zu gehen. Ich wünsche jedem jungen
Christen, dass er von Anfang an einen solchen Bruder haben möge, und jeder jungen
Christin, dass sie von Anfang an eine solche Schwester haben möge.
Während ihrer letzten Herbstkonferenz hat die evangelikale Konferenz für
Gemeindegründung (KfG / Rasdorf) eine Umfrage zum Thema "Persönliche
Evangelisation" durchgeführt und dabei 152 Teilnehmer befragt. Mit neun
Fragen wollte die KfG herausfinden, wie, wann und wo sich Menschen zu Jesus
Christus bekehrt haben und wie sie sich als junge Christen entwickelten.
Dabei war eine der Fragen "Hat sich ein reifer Christ in Form einer
Jüngerschulung um dich gekümmert?" Hier ist das Ergebnis (Gemeindegründung
Nr. 66, 2/01, S. 24-25):
Überraschender Weise hatten nur 25% der Befragten jemanden, der sich in
Form einer Schulung um sie bemühte. Es entsteht der Eindruck, daß die
volkskirchliche Sitte "Hauptsache, jemand besucht die
Veranstaltungen" auch in den neuen Gemeinden ihren Platz hat. Irgendwie
wursteln sich die Menschen, die neu dazu kamen, schon durch. Weitere 18%
hatten wenigstens noch jemanden, mit dem sie mal reden konnten und der ihnen
ein paar Tips gab. Aber traurig ist, dass der Rest tatsächlich selber sehen
mußte, wie er fertig wurde. Nun gut, es gab da noch einige, die sich
aufrafften und selbst die Initiative ergriffen. Wenn wir etwas aus dieser
Umfrage lernen können, dann dieses: es muß uns ein Anliegen werden, beim
Missionsauftrag Jesu auch den zweiten Teil zu erfüllen, "indem ihr sie
tauft und lehrt" (Mt 28,19).
Die Ergebnisse dieser Umfrage bestätigen meine Beobachtungen. Wir bringen
Leute in die Gemeinde, freuen uns, wenn sie "eine Entscheidung
treffen" und wenn sie dann halbwegs regelmäßig die Gottesdienste und
Bibelstudien besuchen. Daran ist an sich nichts Schlechtes. Aber es reicht
nicht. Das böse Erwachen kommt oft erst, wenn die Person plötzlich selten oder
nicht mehr in die Gemeinde kommt. Wie konnte das passieren? Ganz einfach, der
Widersacher hat seine Verführungstaktiken angewandt, und er war erfolgreich -
nicht zuletzt, weil niemand da war, der dem Junggläubigen zur Seite stand. Gott
sei Dank, ist das nicht immer so; es gibt auch junge Geschwister, die von Anfang
an jemanden haben, der sie im Glaubensleben anleitet, und außerdem erleidet
nicht jeder Schiffbruch, der auf sich allein gestellt ist. Aber wir
müssen danach streben, dass sich kein Junggläubiger alleine durchschlagen muss.
Unser größtes Vorbild ist auch in diesem Bereich unser Herr selbst. Er hat
während der drei Jahre seines Dienstes vorgelebt, wie man Jünger schult.
Während dieser ganzen Zeit war sein Dienst an den verlorenen Schafen, zu denen
er gesandt war, verwoben mit dem Dienst an seinen Jüngern, die er zu seinen
Nachfolgern ausbildete. Jesus hätte die wenigen Jahre, die ihm zur Verfügung
standen, sehr gut nützen können, indem er nur selbst predigte und heilte. Aber
er nahm sich viel Zeit, dies seinen Jüngern beizubringen. So hat es Gottes
weiser Plan vorgesehen - schließlich ging es ja nicht darum, in ein paar Jahren
den größtmöglichen Erfolg zu erzielen, sondern die Missionierung der Welt
während der nächsten Jahrtausende vorzubereiten:
- Er lehrte sie (z.B. die Bergpredigt in Mt 5-7).
- Er beantwortete ihre Fragen (z.B. Lk 8,9).
- Er legte ihnen Gleichnisse aus (z.B. Lk 8,11-15).
- Er stellte ihnen Fragen, um sie zum Nachdenken zu bringen (z.B. Mt 16,13).
- Er stellte sie durch Fragen auf die Probe (z.B. Joh 6,5-6).
- Er sandte sie mit genauen Anweisungen aus zu predigen und zu heilen, damit
sie praktische Erfahrung gewinnen konnten (Lk 9,1-6).
- Sie gaben ihm Rechenschaft (z.B. Lk 9,10).
- Er zog sich mit ihnen zurück (z.B. Lk 9,10).
- Er ließ sie in seinem Dienst aktiv mitwirken (z.B. Lk 9,13-17).
- Er wies sie zurecht (z.B. Lk 9,54-55).
- Er lehrte sie auf ihre Anfrage hin (z.B. Lk 11,1).
- Er ermutigte sie (Mt 12,7).
Es gäbe noch vieles mehr zu sagen, doch auch diese kurze Liste zeigt schon,
was für ein hervorragender Lehrer Jesus war. Wir können und sollen uns viel
von ihm abschauen.
Hebr 3,12-13 Seht zu, Brüder, daß nicht etwa in jemandem von euch ein böses
Herz des Unglaubens sei im Abfall vom lebendigen Gott, sondern
ermuntert einander jeden Tag, solange es «heute» heißt, damit niemand von
euch verhärtet werde durch Betrug der Sünde!
Hebr 10,23-25 Laßt uns das Bekenntnis der Hoffnung unwandelbar festhalten -
denn treu ist er, der die Verheißung gegeben hat - und laßt uns
aufeinander achthaben, um uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte
ist, sondern einander ermuntern, und das um so mehr, je mehr ihr
den Tag herannahen seht!
Hebr 12,15 und achtet darauf, daß nicht jemand an der Gnade Gottes
Mangel leide, daß nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch
zur Last werde und durch sie viele verunreinigt werden,
Der erste Thessalonicherbrief drückt besonders schön die herzliche
Mentor-Beziehung von Paulus, Silvanus und Timotheus (ich nenne sie im Folgenden
der Einfachheit halber Paulus & Co) zu den Geschwistern in Thessalonich.
Diese Beziehung ist durch mehrere Merkmale geprägt:
Verbundenheit im Gebet:
1Thes 1,2-3 Wir danken Gott allezeit für euch alle, indem wir euch erwähnen
in unseren Gebeten und unablässig vor unserem Gott und Vater an euer
Werk des Glaubens gedenken und die Bemühung der Liebe und das Ausharren in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus;
1Thes 2,13 Und darum danken auch wir Gott unablässig, daß, als ihr von uns
das Wort der Kunde von Gott empfingt, ihr es nicht als Menschenwort aufnahmt,
sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort, das in euch, den Glaubenden,
auch wirkt.
1Thes 3,9-13 Denn was für Dank können wir Gott eurethalben abstatten für all
die Freude, womit wir uns euretwegen freuen vor unserem Gott, wobei
wir Nacht und Tag aufs inständigste bitten, euer Angesicht zu sehen und das zu
vollenden, was an eurem Glauben mangelt? Unser Gott und Vater selbst
aber und unser Herr Jesus richte unseren Weg zu euch. Euch aber lasse
der Herr zunehmen und überreich werden in der Liebe zueinander und zu allen -
wie auch wir euch gegenüber sind - um eure Herzen zu stärken,
untadelig in Heiligkeit zu sein vor unserem Gott und Vater bei der
Ankunft unseres Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen.
1Thes 5,23 Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig;
und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden
bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!
Merkmale der Gebete von Paulus & Co:
- mit unablässigem Dank,
- inständige Gebete bei Tag und Nacht, um die Geschwister von Angesicht
sehen zu können,
- Sehnsucht zu vollenden, was an ihrem Glauben mangelt,
- Gebet um überreiche Zunahme in der Liebe, damit sie zur untadeligen
Heiligkeit vor Gott gestärkt werden,
- Gebet um Heiligung und Bewahrung an Leib, Seele und Geist mit dem Ziel der
Tadellosigkeit bei der Ankunft des Herrn Jesus Christus.
Persönliche, engagierte Ermunterung und Ermahnung
Aus 1Thes 2,1-12 lernen wir: Die Verkündigung von Paulus & Co und ihre anschließende Betreuung der
Jünger war
- unter Kampf und Leiden,
- mit Freimütigkeit,
- nicht aus Irrtum, nicht aus Unlauterkeit, nicht mit List,
- nicht um Menschen zu gefallen, sondern Gott,
- nicht mit schmeichelnder Rede, nicht mit Habsucht, nicht um Ehre von
Menschen zu bekommen,
- mit der Zärtlichkeit einer stillenden Mutter,
- in Liebe,
- mit Hingabe ihres Lebens,
- unter harter Arbeit, um niemandem zur Last zu fallen,
- heilig, gerecht und untadelig,
- mit persönlichem, väterlichem Ermahnen, Trösten, Bezeugen mit dem Ziel
des würdigen Wandels.
So war die Beziehung, als Paulus & Co in Thessalonich waren. Und danach?
War die Sache damit erledigt, dass sie den Geschwistern mit bestem Wissen und
Gewissen unter größtem Einsatz gedient hatten? Nein. Als sie von ihnen
getrennt waren, erfüllte sie die Sehnsucht nach ihnen und das brennende Fragen
nach ihrem geistlichen Wohlbefinden. Aus 1Thes 3,1-8 können wir folgende
Merkmale der Fürsorge ableiten:
- Vorbereitung auf Bedrängnisse
- Sehnsucht zu stärken und zu trösten angesichts der Bedrängnisse
- Sehnsucht, den Glauben der geistlichen Kinder zu erfahren, den sie in der
Versuchung bewiesen haben
- Der Sehnsucht folgen Taten: Paulus war selbst verhindert, sandte aber
Timotheus.
- Freude über Glauben und Liebe der geistlichen Kinder
- Trost in der eigenen Bedrängnis durch den Glauben der geistlichen Kinder
- Aufleben, wenn die geistlichen Kinder im Herrn feststehen
Paulus & Co ermahnen nicht nur selbst, sondern halten die Thessalonicher
an, sich gegenseitig zu ermahnen, zu ermuntern, zu erbauen, zu trösten:
1Thes 4,18 So ermuntert nun einander mit diesen Worten!
1Thes 5,11 Deshalb ermahnt einander und erbaut einer den anderen, wie ihr
auch tut!
1Thes 5,14 Wir ermahnen euch aber, Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht,
tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig gegen
alle!
Obwohl Paulus & Co ihre Ermahnungen und Ermunterungen durch den Geist Gottes geleitet
so wunderbar formuliert haben, schreiben sie doch den Thessalonichern, sie sollen sich
gegenseitig mit diesen Worten ermuntern. Es reicht nicht, allen den Brief
vorzulesen - es gibt keinen Ersatz
für persönliche, gegenseitige Ermunterung, denn dadurch wendet der Heilige
Geist das Wort Gottes auf eine Situation bzw. Person an und lässt den toten
Buchstaben zum lebendigen, wirksamen, scharfen Schwert werden, das die Gedanken
und Gesinnungen des Herzens richtet.
Die Folgen für die engagierten Mentoren
1Thes 2,19-20 Denn wer ist unsere Hoffnung oder Freude oder Ruhmeskranz
- nicht auch ihr? - vor unserem Herrn Jesus bei seiner Ankunft? Denn ihr seid
unsere Herrlichkeit und Freude.
1Thes 3,7-9 deswegen, Brüder, sind wir über euch bei all unserer Not
und Bedrängnis getröstet worden durch euren Glauben; denn jetzt leben wir
wieder auf, wenn ihr feststeht im Herrn.
Denn was für Dank können wir Gott eurethalben abstatten für all die Freude,
womit wir uns euretwegen freuen vor unserem Gott,
Aus dieser herzlichen, fürsorglichen Beziehung gewannen Paulus & Co große Freude. Sie
nannten die Thessalonicher ihre Hoffnung, ihre
Freude, ihren Ruhmeskranz, ihre Herrlichkeit. Sie wurden durch die Anteilnahme
am Glauben der Geschwister in ihrer eigenen Not und Bedrängnis getröstet.
Der Herr hat die Nächstenliebe angeordnet - auch als Therapie. Wir denken,
wir müssen uns vor allem um uns selbst kümmern, damit es uns gut geht. Der
Herr hat es so gefügt, dass es uns geistlich und seelisch nur gut gehen kann,
wenn wir uns selbst loslassen, uns hingeben im Dienst für andere, uns verletzbar
machen im Gehorsam und im Vertrauen, dass der Herr für uns sorgen
wird. Wenn wir das tun, werden wir erleben, wie der Herr für uns sorgt und wie
wir Trost und Freude durch die intensive Anteilnahme an anderen gewinnen. Das
heißt nicht, dass damit nicht auch Leid und Enttäuschung verbunden sind - aber
das wird uns umso mehr vom Herrn (und nicht von Menschen) abhängig machen.
Mein Eindruck ist, dass heute der weit überwiegende Teil der Seelsorge in
Gemeinden Krisen-Seelsorge ist - d.h. jemand hat ein Problem, mit dem er zu
einem Seelsorger kommt, oder er wird vom Seelsorger auf ein augenscheinliches
Problem angesprochen. Ein paar Beispiele: Ehekrisen, Depressionen, sexuelle
Vergehungen, schädliche bzw. sündige Gebundenheiten, Zweifel an Gott, usw.
Diese Art von Seelsorge ist wichtig, und es wird immer Bedarf für sie geben
(Gal 6,1). Aber ich bin überzeugt, dass es ein großer Gewinn wäre, mehr
vorbeugende Seelsorge zu betreiben und dadurch weniger schwere Krisen in der
Seelsorge behandeln zu müssen. Wenn ein Jünger von Anfang an von einem
reiferen Jünger einfühlsam im Glauben gefördert wird, wenn Probleme und
Krisen in den Anfängen erkannt werden und ihnen entgegengewirkt wird, dann wird
es viel seltener zu krassen Fehlentwicklungen und schweren Krisen kommen:
Hebr 12,15 und achtet darauf, daß nicht jemand an der Gnade Gottes
Mangel leide, daß nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch
zur Last werde und durch sie viele verunreinigt werden,
Aber leider ist es in der Seelsorge so wie auch in anderen Bereichen des
Berufs-
und Privatlebens: Es fällt uns leichter, zu reagieren als zu agieren, Probleme
zu lösen als ihnen vorzubeugen. Man ist oft so mit Krisen-Bewältigung
beschäftigt, dass man keine Zeit für Krisen-Vorbeugung hat. Es bedarf großer
Selbstdisziplin, diesem Teufelskreis zu entkommen. Aber ich bin überzeugt, dass
es der biblische Weg ist und dass wir sowohl als Seelsorger als auch als
umsorgte Seele einen mehr oder weniger begrenzten Freiraum haben, uns in
Richtung Vorbeugung zu entwickeln - wenn wir das wirklich anstreben. Mit der
Zeit werden wir die Früchte ernten: Wir werden mehr Zeit mit für- und
vorsorgender Jüngerschulung verbringen als mit geistlichen Feuerwehr-Aktionen.
Wir dürfen nicht denken, dass nur junge, ungefestigte Geschwister jemanden
brauchen, dem sie sich anvertrauen können, der ihnen mit geschwisterlicher
Freundschaft und mit Rat zur Seite steht. Gerade geistliche Führer brauchen solch
einen Vertrauten. Im Reich Gottes wurde und wird gerade in den letzten
Jahrzehnten viel Schaden angerichtet durch geistliche Führer (Gemeindeleiter,
Prediger, Autoren, ...), deren Zeugnis zerstört wurde - meist durch sexuelle
Vergehungen. Im Kapitel über die Lust schreibt Charles Swindoll in Riesen
und Dornen [1]:
Ich denke an einen Mann, dem ich vor ein paar Monaten begegnete - ein
feiner Verkündiger des Evangeliums. Er sagte, er habe eine geheime Liste
aufgestellt von Männern, die einmal herausragende Ausleger der Schrift waren,
fähige und geachtete Gottesmänner, die in ihrem Glauben Schiffbruch erlitten haben in den Tiefen der moralischen Abgründe. In der vergangenen
Woche, so sagte er, sei er bei Nummer 42 in seinem Buch angekommen. Diese
traurige, schmutzige Statistik, betonte er, veranlasse ihn, besonders behutsam
und zurückhaltend in seinem eigenen Leben zu sein.
Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter, als er diese Geschichte
erzählte. Niemand ist immun. Sie sind es nicht. Ich bin es nicht. Lust nimmt
keine Rücksicht auf Personen. Entweder durch wilde Angriffe oder durch feine
Winke - die Sinne vieler Menschen sind verwundbar durch ihre Angriffe. Hart
im Beruf stehende Männer und Frauen, zu Hause Arbeitende, Studenten,
Schreiner, Künstler, Musiker, Piloten, Bankleute, Senatoren, Klempner sowie
auch Manager und Redner. Die verlockende Stimme der Lust kann den
intelligentesten Geist beeinflussen und ihr Opfer dahingehend verführen,
ihren Lügen zu glauben und auf ihre Bitte zu reagieren. Und hüten Sie sich
- dieser Riese gibt niemals auf . er läuft den Gedanken niemals davon.
Verriegeln Sie Ihre Haustür, und er wird am Schlafzimmerfenster klappern,
durch die Mattscheibe des Fernsehens in Ihr Wohnzimmer hineinkriechen oder
Ihnen auf einer Zeitschrift an der Bude entgegenwinken.
Es ist offensichtlich, dass die meisten
männlichen Christen im sexuellen Bereich angefochten sind, und dass viele diesen
Anfechtungen nicht gewachsen sind. Die Verführung des Teufels spielt sich natürlich nicht nur im sexuellen
Bereich ab. Andere Christen sind in ungesunde, unbiblische Strömungen
hineingeraten. Wie konnten diese und viele andere Verführungen
gelingen? Es mag viele verschiedene Gründe geben, aber ein wesentlicher Grund
ist, dass diese Leute anderen und sich selbst etwas vormachten - es war niemand
da, der ihnen den Spiegel der Wahrheit rechtzeitig vor das Gesicht gehalten hat.
Das hängt damit zusammen, dass wir sehr zur Selbsttäuschung neigen:
Jer 17,9 Trügerisch ist das Herz, mehr als alles, und unheilbar ist es.
Wer kennt sich mit ihm aus?
Gal 6,3 Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, während er doch nichts
ist, so betrügt er sich selbst.
Jak 1,22 Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich
selbst betrügen!
1Jo 1,8 Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, betrügen wir uns
selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.
Nur allzu leicht werden wir Hörer oder gar Redner des Wortes, ohne es dabei
in die Tat umzusetzen. Und dabei finden wir dann noch Ausreden für uns, meinen,
wir hätten in dieser oder jener Sache keine Sünde, obwohl es für einen
objektiven Beobachter ein klarer Fall von Sünde wäre. Aber diesen objektiven
Beobachter gibt es oft nicht, weil wir ihn nicht an uns heran lassen. Wir wollen
gar nicht, dass jemand unsere wirklichen Schwächen kennen lernt - nicht
diejenigen Schwächen, die wir in (scheinbarer) Demut vor anderen bekennen,
sondern diejenigen, die wir geheim halten bis hin zur Selbsttäuschung. So kann
es leicht passieren, dass wir meinen, etwas zu sein, während wir doch nichts
sind.
Wir sehen also, dass es nicht reicht, die Kinder im Glauben zu begleiten und
zur Reife hin zu führen. Gerade als reifer Christ wird man sich (in der Regel)
wünschen, jemanden zu haben, dem man sich anvertrauen kann, jemanden, dem man
bereit ist, Rechenschaft über sein Leben zu geben. Charles Swindoll hat diesem
Thema in Living Above the Level of Mediocrity ein eigenes Kapitel
gewidmet mit dem Titel Accountability:
Answering the Hard Questions (Rechenschaft: die harten Fragen beantworten).
Er definiert diese Art von Rechenschaft folgendermaßen [2]:
Was meine ich mit Rechenschaft? Einfach ausgedrückt, heißt es, die harten
Fragen zu beantworten. Rechenschaft schließt ein, dass man sein Leben einigen
wenigen, sorgfältig ausgewählten, verantwortungsvollen, treuen Vertrauten
öffnet, die die Wahrheit sagen und die das Recht haben zu prüfen, zu fragen,
gutzuheißen und Rat zu geben ...Ich meine mit Rechenschaft keineswegs, dass man der allgemeinen
Öffentlichkeit vollen Einblick in alle Bereiche des Privatlebens gibt. Ich
denke nicht an irgendein gesetzliches Tribunal, wo die Opfer ohne Rücksicht
auf ihre Gefühle zerlegt werden ... Der Zweck der Beziehung ist, eine
hilfreiche sondierende Instanz zu sein, jemanden vor potenzieller Gefahr zu
bewahren, die Möglichkeit eines "blinden Flecks" zu identifizieren,
als Ratgeber zu wirken, Perspektive und Weisheit dort hinein zu bringen, wo
sie vielleicht fehlen.
Eine weitere Definition von Rechenschaft lautet (der Autor ist mir
unbekannt):
Rechenschaft heißt, Hilfe zu bekommen um zu tun, was man tun will, und
nicht, was man nicht tun will.
Ich denke, dass gute Freunde einen Großteil der Bedürfnisse auf diesem
Gebiet abdecken können. Sie können sich gegenseitig Rechenschaft über ihren
geistlichen Status geben. Vor allem bei reifen Geschwistern kann ich mir
vorstellen, dass "ebenbürtige", eng befreundete Brüder/Schwestern im
Herrn sich gegenseitig die "harten" Fragen stellen, das notwendige
Feedback und den nötigen praktisch-geistlichen Rat geben können. Natürlich
ist solch eine Beziehung auch bei jungen Geschwistern von großem Nutzen, aber
in diesem Fall kommen wahrscheinlich die Belehrung und der Rat zu kurz, zu denen
in der Regel nur erfahrene, im Glauben bewährte Geschwister fähig sind.
In welcher Form sollen nun die persönliche Ermahnung, Ermunterung und
Belehrung stattfinden? Es gibt hier viele Möglichkeiten, die Bibel gibt uns
kein starres Schema vor. Hier ein Beispiel, wie es ein puritanischer Pastor mit
seinen Schäfchen hielt [3]:
Was Baxter hier anspricht, ist die Gewohnheit, die er in "The Reformed
Pastor" beschreibt und empfiehlt, und die er ... auch befolgte: die
systematische Befragung von Familien in Bezug auf den persönlichen
geistlichen Wandel. Baxter traf sich auf diese Weise mit 7 bis 8 Familien am
Tag an zwei Wochentagen, damit er jährlich mit allen 800 Familien der
Gemeinde durchkam. "Zuerst hörte ich mir an, wie sie die Worte des
Katechismus aufsagten, dann prüfte ich sie hinsichtlich der Bedeutung, und
letztlich mahnte ich unter größtem Einsatz von Verstand und Eindringlichkeit
zu verantwortlicher Zuneigung und Praxis. Ich verbrachte ca. ein Stunde mit
jeder Familie". Sein Zeugnis über den Wert dieser Gewohnheit ist mit
Nachdruck: "Ich finde, wir haben bis jetzt niemals den richtigsten Weg
zur Zerstörung des Königreichs der Finsternis eingeschlagen ... Ich sehe bei
den meisten mehr äußere Zeichen des Erfolgs als durch all meine
öffentlichen Predigten an sie.
Von einem anderen puritanischen Pastor, dem hervorragende Fähigkeiten in der
Seelsorge nachgesagt wurden, lesen wir, wie er Nachfolger im Hirtendienst
ausbildete [4]:
Greenham schrieb nie eine Abhandlung über Hirten- bzw. Seelsorge
Richtlinien, wie es seine Freunde wünschten; aber er tat das nächst beste:
Er schulte viele der nächsten Hirten-Generation. Angehende Pastoren lebten in seinem
Haus und studierten mit ihm wie - eigentlich - Lehrlinge; örtliche Diener und
Besucher von weiter weg schlossen sich ihnen oft zum Mittagessen an. Und so
war Greenham ... "ein spezielles Mittel und Werkzeug
Gottes, viele gelehrte junge Gottesmänner im heiligen Dienst Christi, im Werk
des Dienstes zu ermutigen und auszubilden.
Welche Themen sollten bei der Schulung junger Geschwister
behandelt werden? Die Antwort haben wir in Mt 28,20: die praktische Umsetzung
all dessen, was Jesus den Aposteln geboten hat. Das ist sehr umfassend. Es
beinhaltet im Besonderen:
- Die Lehre der Apostel (angefangen mit den grundlegenden Themen, vor allem
dem tiefen Verständnis des Evangeliums, d.h. des Heils- und Heiligungsplanes
Gottes; später je nach Reife und Relevanz die übrigen Lehren)
- Die persönliche Zeit mit dem Herrn
- Das Gemeindeleben
- Der evangelistische Lebensstil
- Ratschläge, Ermutigung und Ermahnung in Bezug auf die Umsetzung der Lehre
in der Praxis
Welche Themen sollten behandelt werden, wenn wir einander Rechenschaft über
unseren geistlichen Status geben? Die Betonung liegt hier weniger auf der Lehre
(die sollte vorausgesetzt werden können) und mehr auf der praktischen
Umsetzung:
- Beziehung mit Gott (Friede mit Gott, Freude an Gott, Gebetsleben, Umgang
mit der Bibel, Probleme mit Verständnis oder Umsetzung)
- Selbstkontrolle (bewusste Schwächen, Kämpfe, Siege, Niederlagen)
- Gemeindeleben (Qualität der Gemeinschaft, Liebe zu den Geschwistern,
Dienst in der Gemeinde, geistliche Nahrung)
- Familienleben (Beziehung zu Ehepartner, Kindern, weiteren Verwandte;
geistliche Entwicklung der Familie)
- Berufsleben (Zeugnis durch Leben und Worte)
- Weitere Beziehungen (Freunde, Bekannte, Kontakte)
- Umgang mit dem Geld (Verschuldung, Lebensstil, Spenden)
- Freizeitbeschäftigung (Lektüre, Filme, Hobbies)
Diese Aufzählungen sind nicht vollständig. Jeder Einzelne bzw. die
Beziehungspartner müssen herausfinden, welche Themen für sie Priorität haben,
und wann und in welcher Weise sie besprochen werden sollen.
Warum dieses Studium? Weil ich In meinem Gewissen vom eigenen Versagen und
vom beobachteten Versagen überführt bin, trete ich dafür ein und bete dafür, dass
wir
- umkehren, wo wir versäumt haben, den Auftrag Jesu gründlich auszuführen,
- unter Gebet jemanden suchen, der uns geistlich schulen soll bzw. dem wir
Rechenschaft geben wollen,
- unter Gebet jemanden suchen, den wir geistlich schulen sollen,
- solche Beziehungen einplanen und uns Zeit dafür nehmen.
Fußnoten
[1] Charles Swindoll, Riesen und Dornen, CLV, S. 29-30
[2] Charles Swindoll, Living Above the Level of Mediocrity,
Word; eigene Übersetzung
[3] J. I. Packer, A Quest for Godliness, Wheaton 1990, S. 45;
eigene Übersetzung
[4] J. I. Packer, A Quest for Godliness, Wheaton 1990, S. 55;
eigene Übersetzung
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