| |
Ps 119 - Der göttliche Dialog
Inhalt
1. Allgemeines
1.1. Handlung
1.2. Stil
1.3. Gottes Reden und des Menschen Antwort
2. Was mich besonders angesprochen hat
2.1. Lehre mich deine Ordnungen
2.2. Über deine Ordnungen will ich nachdenken
2.3. Deine Ordnungen will ich halten
2.4. Deine Gebote sind meine Lust
2.5. Neige mein Herz
2.6. Belebe mich
2.7. Angst und Bedrängnis haben mich erreicht ...
2.8. Es war gut für mich, dass ich gedemütigt wurde
2.9. Du, du hast mich unterwiesen
3. Schluss
Anhang: Das Zeugnis Georg Müllers
Fußnoten
Der Psalmist erlitt durch Menschen von hohem Rang und Namen Verfolgung, die
sich über seinen Glauben lustig machten, ihm Schmach zufügten und ihn dazu
bringen wollten, seinen Glauben aufzugeben. Aber er wurde gestärkt, als er
über das Wort des Herrn nachsann, denn es war sein Trost, sein wertvoller
Besitz, sein Lebensgrundsatz und seine Kraftquelle - all das brachte ihn
dazu, sich noch mehr nach dem Wort des Herrn zu sehnen. [1]
Dieser Psalm ist nach den Buchstaben des hebräischen Alphabetes angeordnet.
In jedem Absatz (jeder Strophe) zu je acht Versen beginnt jede Zeile mit
demselben Buchstaben des hebräischen Alphabetes. (Die 22 Strophen
entsprechen den 22 Buchstaben des Alphabetes.) Daher beginnen die Verse 1-8
mit dem ersten hebräischen Buchstaben, die Verse 9-16 mit dem zweiten
Buchstaben usw. [1]
Psalm 119 macht die zwei grundlegendsten Elemente des geistlichen Lebens
deutlich: Gottes Wort und Gebet, oder anders ausgedrückt: Gottes Reden und des
Menschen Antwort. Daher habe ich dieses Studium "Der göttliche
Dialog" getauft. Oft meint man zwar, der Mensch redet und Gott antwortet,
und das stimmt natürlich in einem bestimmten Rahmen. Aber dennoch gilt:
Richtiges Beten ist immer ein Antworten auf Gottes Reden. Hätte Gott sich nicht
geoffenbart, könnten wir nicht richtig beten. Je mehr unser Beten ein Eingehen
und Antworten auf Gottes Reden ist, desto wohlgefälliger für Gott und
nützlicher für uns wird es sein.
Kommunikation mit Gott ist der Lebensnerv des Christseins, sowie die
Kommunikation mit dem Ehepartner der Lebensnerv der Ehe ist. Aber dabei ist
wichtig, dass die Kommunikation von Gott in die richtige Richtung geführt wird,
dass wir ihm zuhören und auf das eingehen, was er sagt, statt in unseren
Gebeten an ihm vorbei zu reden. Und das geht nur, wenn wir uns von seinem Wort
leiten lassen. Das Nachsinnen über Gottes Wort muss die Basis unserer
Kommunikation mit ihm sein. Genau diese Wahrheit wird durch ein Studium
von Psalm 119 besonders deutlich. Siehe dazu auch das Zeugnis Georg Müllers im
Anhang.
Bis auf Verse 1-3 und 115 ist jeder Vers ein Reden zu Gott. Der Psalmist
verwendet 10 verschiedene Ausdrücke für Gottes Wort, und einer dieser
Ausdrücke kommt in allen bis auf drei Versen (90, 122, 132) vor.
Die Vielfalt
der Ausdrücke betont die volle Genüge, die wir in Gottes Wort haben und auch
die verschiedenen Aspekte göttlicher Offenbarung. Die in der folgenden
Aufzählung verwendeten Begriffe orientieren sich an der
Rev. Elberfelder Übersetzung; die Zählungen beruhen auf den zugrundeliegenden
hebräischen Worten:
- Gesetz (torah)
25mal in diesem Psalm
(z.B. V. 1); Unterweisung, Befehl; Gottes spezielle Offenbarung (im
Gegensatz zur allgemeinen Offenbarung in der Schöpfung), die den Weg durch
die Wirren und Gefahren des Lebens zeigt. Das Wort bezieht sich oft auf
eine Gesetzessammlung wie das 5. oder das 3. Buch Mose, wenn nicht sogar die
5 Bücher Mose zusammen gemeint sind. In Joh 10,34 scheint das entsprechende
griechische Wort für "Gebot, Gesetz" das gesamte Alte Testament zu umfassen.
- Wort (dabar)
20mal (z.B. V. 9); allgemeiner Ausdruck für Gottes spezielle Offenbarung; die "zehn Gebote" werden
"zehn Worte" genannt (so die wörtliche hebr. Übersetzung; 5Mo 4,13).
- Zusage, Wort (imrah)
19mal (z.B. V. 11, 38);
Rede; häufig ein poetisches Synonym für
dabar.
- Gebot (mitsvah)
21mal im Plural in diesem
Psalm (üblicherweise mit "Gebote" übersetzt; z.B. V. 6); einmal in der
Singularform als Sammelbegriff. Es geht dann um ein bestimmtes, gültiges Gebot.
Häufig taucht es im Text im Zusammenhang mit den nächstfolgenden
beiden Begriffen auf.
- Ordnung (choq)
21mal (z.B. V. 5); in den Psalmen steht
der Begriff stets im Plural. Wörtlich bedeutet er "niedergeschriebene Gebote".
Daher bezieht er sich auf erlassene, unabänderliche Gesetze.
- Bestimmungen (mischpat)
in der Pluralform 19mal
(z.B. V. 7); wird häufig mit "Gesetze" wiedergegeben; nur 4mal im
Singular; steht für eine juristische Entscheidung, durch die
ein verbindliches Gesetz geschaffen wird. In den fünf Büchern Mose bezieht
sich der Begriff auf die Gesetze nach den zehn Geboten. Das Wort kann auch
für Gottes Gerichte über die Gottlosen stehen.
- Vorschrift (piqqud)
21mal (z.B. V. 4); poetischer Begriff für einen ausdrücklich ausgesprochenen Befehl,
der nur in den Psalmen steht (und dort immer in der Pluralform).
- Zeugnis (edah)
22mal in der Pluralform
(z.B. V. 2) und einmal in
der Singularform; steht für eine ernsthafte Bestätigung, eine Erklärung,
was der Wille Gottes ist. Es ist ein allgemeiner Begriff für die Ordnungen,
die der Maßstab Gottes für das Leben der Menschen sind. Der Begriff wird
häufig mit "Ordnungen" wiedergegeben.
Die "Zeugnisse" des Herrn betonen sowohl die Autorität der Quelle
des Wortes, nämlich Gott, als auch die Verantwortung des Menschen, sie
anzunehmen.
- Weg (derek)
5mal im Plural (z.B.
V. 3) und 6mal im Singular; wird bildhaft für die Lebensweise eines Menschen gebraucht, der sich an
das Gesetz Gottes hält.
- Pfad (orach)
5mal
(z.B. V. 9); kann
mit "Weg" gleichgesetzt werden.
Im Folgenden möchte ich einige Wahrheiten aus der Fülle dieses Psalms
beleuchten, die mich besonders angesprochen haben.
Der ganze Psalm drückt eine beispiellose Sehnsucht nach göttlicher
Belehrung aus:
7 Ich will dich preisen mit aufrichtigem Herzen, wenn ich gelernt habe die
Bestimmungen deiner Gerechtigkeit.
12 Gepriesen seist du, HERR! Lehre mich deine Ordnungen!
20 Meine Seele zermürbt sich vor Verlangen nach deinen Bestimmungen zu aller
Zeit.
26 Meine Wege habe ich erzählt, und du hast mich erhört. Lehre mich deine Ordnungen!
33 Lehre mich, HERR, den Weg deiner Ordnungen, und ich will ihn bewahren bis ans Ende.
64 Von deiner Gnade, HERR, ist die Erde erfüllt. Lehre mich deine Ordnungen!
66 Gute Einsicht und Erkenntnis lehre mich! Denn ich habe deinen Geboten geglaubt.
68 Du bist gut und tust Gutes. Lehre mich deine Ordnungen!
108 Die Gabe meines Mundes laß dir doch wohlgefallen, HERR! Lehre mich deine Bestimmungen!
124 Handle mit deinem Knecht nach deiner Gnade und lehre mich deine Ordnungen!
131 Ich habe meinen Mund weit aufgetan und gelechzt, denn ich sehne mich nach
deinen Geboten.
135 Laß dein Angesicht leuchten über deinen Knecht, und lehre mich deine Ordnungen!
171 Meine Lippen sollen Lob hervorströmen lassen, denn du lehrst mich deine Ordnungen.
Wir können vom Vorbild des Psalmisten lernen, wie man richtig um göttliche Belehrung
betet:
- mit der angemessenen Wertschätzung (kostbarer als alles andere),
- mit Anbetung auf den Lippen,
- mit der Absicht, Gottes Belehrung in die Tat umzusetzen und ihn zu
preisen,
- im Glauben an einen guten Gott und an seine guten Gebote,
- im Appellieren an Gottes Güte und Gnade.
Uns muss bewusst sein, dass der Buchstabe von Gottes Wort alleine nicht
reicht, um uns in allen Lebenslagen zu leiten. Wir brauchen die Führung durch
Gottes Geist, um sein Wort richtig anzuwenden und um die richtigen Entscheidungen
im Leben zu treffen:
Röm 12,1-2 Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen
Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott
wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist. Und seid
nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die
Erneuerung des Sinnes, daß ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das
Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Eph 5,17 Darum seid nicht töricht, sondern versteht, was der Wille
des Herrn ist!
Kol 1,9 Deshalb hören auch wir nicht auf, von dem Tag an, da wir es
gehört haben, für euch zu beten und zu bitten, daß ihr mit der Erkenntnis
seines Willens erfüllt werdet in aller Weisheit und geistlichem
Verständnis,
Wir wissen, dass es wichtig ist, Gottes Wort zu hören, zu lesen, zu kennen.
Aber das reicht nicht. Um zum eigentlichen Ziel, nämlich zum konsequenten Tun
des Wortes zu kommen, muss der Mensch Gottes darüber nachsinnen, nachdenken. In
der Regel ist ein gedanklicher Aufwand damit verbunden, vom Hören/Lesen des
Wortes zur Anwendung im eigenen Leben zu kommen. Weder die Erkenntnis Gottes
noch die Erkenntnis dessen, was er von uns will, ist billig. Daher heißt es in
den Sprüchen:
Spr 23,23 Kaufe Wahrheit und verkaufe sie nicht, dazu Weisheit und Zucht
und Verstand!
Gott prüft auf diese Weise die Ernsthaftigkeit des Menschen. Wie teuer ist
ihm die Erkenntnis Gottes und seiner Gebote? Lässt er sich diese Erkenntnis
auch etwas kosten, oder macht er es sich leicht, indem er sich mit formaler
(äußerlicher) Religiosität zufrieden gibt, ohne den tieferen Sinn von Gottes
Wort zu erforschen? Dann gilt für ihn das Urteil:
Jes 29,13-14 Und der Herr hat gesprochen: Weil dieses Volk mit seinem
Mund sich naht und mit seinen Lippen mich ehrt, aber sein Herz fern von mir
hält und ihre Furcht vor mir nur angelerntes Menschengebot ist: darum, siehe,
will ich weiterhin wunderbar mit diesem Volk handeln, wunderbar und wundersam.
Und die Weisheit seiner Weisen wird verlorengehen und der Verstand seiner
Verständigen sich verbergen.
Röm 1,28 Und wie sie es nicht für gut fanden, Gott in der Erkenntnis
festzuhalten, hat Gott sie dahingegeben in einen verworfenen Sinn, zu tun, was
sich nicht ziemt:
Weil sie an der Oberfläche blieben und nicht nachdachten, was Gott mit
seinem Wort eigentlich sagen wollte, mussten sich die Sadduzäer von Jesus sagen
lassen:
Mt 22,29 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irrt, weil ihr
die Schriften nicht kennt, noch die Kraft Gottes;
Sie kannten die Schriften nicht, obwohl sie sie bestimmt (nicht nur einmal)
gelesen und gehört hatten! Wer gar nicht bis zum tieferen Sinn von Gottes Wort
vordringt, der wird auch nicht seine Kraft erfahren. Natürlich reicht das rein
intellektuelle Nachdenken nicht, um in der Erkenntnis Gottes zu wachsen, aber
das Nachdenken mit der richtigen, demütig betenden Herzenshaltung bahnt den Weg
für vom Geist gewirkte Erkenntnis.
Die göttliche Weisheit sagt in den Sprüchen:
Spr 8,34-35 Glücklich der Mensch, der auf mich hört, indem er wacht an
meinen Türen Tag für Tag, die Pfosten meiner Tore hütet! Denn wer mich
findet, hat Leben gefunden, Gefallen erlangt von dem HERRN.
Wer verstanden hat, dass die Erkenntnis Gottes und seiner Weisheit Leben ist,
der wird sie über alles schätzen (vgl. Spr 3,13-15). Er wird es sich etwas
kosten lassen, sie zu erlangen, er wird an den Türen der Weisheit Tag für Tag
wachen, indem er über Gottes Wort nachsinnt und betend nach seinen Weisungen
Ausschau hält.
Auch der erste Psalm macht die Bedeutung des Nachsinnens über Gottes Wort
deutlich. Die Lust am Gesetz des Herrn und das Nachsinnen darüber sind die
Merkmale des Gottesmenschen im Gegensatz zum Gottlosen:
Ps 1,2 sondern seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz
sinnt Tag und Nacht!
Der Herr selbst sagte zu Josua:
Jos 1,8 Dieses Buch des Gesetzes soll nicht von deinem Mund weichen, und
du sollst Tag und Nacht darüber nachsinnen, damit du darauf achtest, nach
alledem zu handeln, was darin geschrieben ist; denn dann wirst du auf deinen
Wegen zum Ziel gelangen, und dann wirst du Erfolg haben.
Damit sagt Gott selbst ausdrücklich, dass es notwendig ist, über sein Wort
nachzusinnen, um konsequent danach handeln zu können.
Aus all diese Gründen ist das Nachsinnen über Gottes Wort so wichtig, und
darum kommt es auch wiederholt in diesem Psalm vor:
15 Deine Vorschriften will ich bedenken und beachten deine Pfade.
23 Sitzen auch Oberste und verhandeln gegen mich, dein Knecht sinnt nach über deine Ordnungen.
27 Laß mich verstehen den Weg deiner Vorschriften. Sinnen will ich über deine Wunder.
48 und werde meine Hände aufheben zu deinen Geboten, die ich liebhabe. Und über deine Ordnungen will ich nachdenken.
78 Laß beschämt werden die Übermütigen, die mich lügnerisch bedrücken.
Ich denke über deine Vorschriften nach.
97 Wie liebe ich dein Gesetz! Es ist mein Nachdenken den ganzen Tag.
99 Verständiger bin ich als alle meine Lehrer. Denn deine Zeugnisse sind mein Überlegen.
148 Meine Augen sind den Nachtwachen zuvorgekommen, um nachzudenken über dein Wort.
Was wir daraus lernen können:
- Das Nachsinnen über Gottes Wort ist verbunden mit Gebet um Verständnis.
Wort und Gebet sind im Leben des Gottesmenschen so eng verwoben, dass man
auch umgekehrt sagen kann: Das Gebet um Erkenntnis des Willens Gottes ist
verbunden mit dem Nachsinnen über sein Wort.
- Mitten in der Anfeindung kann und soll der Knecht Gottes über seine
Ordnungen nachsinnen. Er braucht sich nicht wegen der bösen Pläne der
Feinde Sorgen machen. Für ihn ist nur wichtig, dass er Gottes Plan und
Willen versteht.
- "Dein Knecht sinnt nach über deine Ordnungen": Die demütige
Haltung als Knecht (vgl. Lk 17,10) ist entscheidend für ein erfolgreiches
Nachsinnen.
- Liebe zu Gottes Geboten soll das Nachdenken darüber begleiten.
- Große Weisheit ist der Lohn für das beständige Nachsinnen über Gottes
Wort.
- Tag und Nacht kann und soll der Gottesmensch sich in Gedanken mit Gottes
Wort auseinandersetzen.
Ein schönes praktisches Beispiel solchen Nachsinnens über Gottes Wort ist
uns von Georg Müller überliefert (siehe Anhang).
Allein die vielen Verse, die diese Einstellung ausdrücken, zeigen, welch
große Bedeutung sie für das Gebets- und Glaubensleben hat. Es geht dabei nicht
primär um das buchstäbliche Erfüllen der niedergeschriebenen Gebote Gottes.
Dies kann leicht in tote Gesetzlichkeit ausarten. Vielmehr geht es um das
Entscheiden und Handeln gemäß Gottes Willen in allen Lebenslagen.
2 Glücklich sind, die seine Zeugnisse bewahren, die ihn von ganzem Herzen suchen.
4 Du hast deine Vorschriften geboten, daß man sie eifrig beobachte.
5 Oh, daß doch meine Wege beständig wären, um deine Ordnungen zu halten!
8 Deine Ordnungen will ich halten. Verlaß mich nicht ganz und gar!
17 Tue Gutes an deinem Knecht, so werde ich leben. Ich will dein Wort halten!
31 Ich halte an deinen Zeugnissen fest. HERR, laß mich nicht beschämt werden!
33 Lehre mich, HERR, den Weg deiner Ordnungen, und ich will ihn bewahren bis ans Ende.
34 Gib mir Einsicht, und ich will dein Gesetz bewahren und es halten von ganzem Herzen.
44 Halten will ich dein Gesetz beständig, immer und ewig.
55 In der Nacht habe ich deines Namens gedacht, HERR, und ich habe dein Gesetz gehalten.
56 Dies ist mir zuteil geworden: Daß ich deine Vorschriften bewahre.
57 Mein Teil ist der HERR! Ich habe versprochen, deine Worte zu bewahren.
60 Ich bin geeilt und habe nicht gezögert, deine Gebote zu halten.
63 Ich bin der Gefährte aller, die dich fürchten, derer, die deine Vorschriften einhalten.
67 Bevor ich gedemütigt wurde, irrte ich. Jetzt aber halte ich dein Wort.
69 Lügen haben die Übermütigen gegen mich erdichtet. Ich bewahre deine Vorschriften von ganzem Herzen.
88 Belebe mich nach deiner Gnade, und ich werde bewahren das Zeugnis deines Mundes.
100 Einsichtiger als Greise bin ich. Denn deine Vorschriften habe ich gehalten.
101 Von jedem bösen Pfad habe ich meine Füße zurückgehalten, damit ich dein Wort bewahre.
106 Ich habe geschworen und halte es aufrecht, die Bestimmungen deiner Gerechtigkeit zu bewahren.
115 Weicht von mir, ihr Übeltäter, ich will die Gebote meines Gottes halten!
134 Erlöse mich von der Bedrückung durch Menschen, und ich will deine Vorschriften einhalten.
145 Von ganzem Herzen habe ich gerufen: Erhöre mich, HERR! Ich will deine Ordnungen halten.
146 Zu dir habe ich gerufen: Rette mich! Ich will deine Zeugnisse bewahren.
167 Meine Seele hat deine Zeugnisse befolgt, und ich liebe sie sehr.
168 Deine Vorschriften und deine Zeugnisse habe ich befolgt, denn alle meine Wege sind vor dir.
Was braucht es von Gottes Seite, damit wir
Gottes Willen tun können?
- Gottes Beistand (V. 8)
- Gottes Belehrung und Einsicht (V. 33, 34)
- Demütigung (V. 67)
- Gottes Belebung (V. 88)
Was braucht es unsererseits, damit wir Gottes
Willen tun können?
- ein ganzherziges Suchen der Gegenwart
Gottes (V. 2)
- Eifer (V. 4)
- Beständigkeit (V. 5)
- einen festen Entschluss, den man aufrecht
erhält: "ich will ..." (z.B. V. 8, 57, 106)
- Festhalten (V. 31)
- entschlossenes Handeln, kein Zögern (V.
60)
- den Umgang mit Gleichgesinnten (V. 63)
- Demut (V. 67)
- Ganzherzigkeit (V. 69, 145)
- bewusstes Fernbleiben von bösen Pfaden
(V. 101)
- aktiver Widerstand gegen die Verführung
durch Sünder (V. 115)
- Hilferuf (V. 145-147)
- Bewusstsein der Gegenwart Gottes (V. 168)
Das Halten von Gottes Geboten, hat zur Folge:
- Glück (im Sinn von Friede, Freude, ...) (V. 2)
- große Weisheit (V. 100)
- große Liebe zu Gottes Geboten (V. 167)
Jak 1,22-25 ist eine neutestamentliche Beschreibung des Prinzips, dass das
Tun von Gottes Wort unsere Absicht und unser Ziel hinter allem Umgang (Hören,
Lesen, Studieren, ...) mit dem Wort sein muss:
Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst
betrügen! Denn wenn jemand ein Hörer des Wortes ist und nicht ein Täter,
der gleicht einem Mann, der sein natürliches Gesicht in einem Spiegel
betrachtet. Denn er hat sich selbst betrachtet und ist weggegangen, und er
hat sogleich vergessen, wie er beschaffen war. Wer aber in das vollkommene
Gesetz der Freiheit hineingeschaut hat und dabei geblieben ist, indem er
nicht ein vergeßlicher Hörer, sondern ein Täter des Werkes ist, der wird
in seinem Tun glückselig sein.
Hier wird dem Täter des Wortes dieselbe Verheißung der Glückseligkeit
ausgesprochen wie in Ps 119,2.
Denken wir wirklich, wir können Gott ständig um Weisheit, Führung,
Erkenntnis seines Willens, usw. bitten, wenn wir dort, wo wir Erkenntnis
haben, nicht gehorsam sind, oder wenn wir nicht die feste Absicht haben seinen
erkannten Willen auch in die Tat umzusetzen? Was würde ein Chef dazu sagen,
wenn ein Mitarbeiter immer wieder zu ihm kommt und fragt, was er tun soll,
aber das nicht tut, was ihm der Chef aufgetragen hat? Offenbar hört der
Mitarbeiter lieber, was er zu tun hat, als dass er es tut.
Freude an Gottes Wort ist ein Hauptmerkmal dieses Psalms:
14 An dem Weg deiner Zeugnisse habe ich Freude, mehr als an allem Reichtum.
16 An deinen Satzungen habe ich meine Lust. Dein Wort vergesse ich nicht.
24 Deine Zeugnisse sind auch meine Lust, meine Ratgeber sind sie.
35 Leite mich auf dem Pfad deiner Gebote! Denn ich habe Gefallen daran.
47 Ich habe meine Lust an deinen Geboten, die ich liebe,
48 und werde meine Hände aufheben zu deinen Geboten, die ich liebhabe. Und
über deine Ordnungen will ich nachdenken.
70 Ihr Herz ist unempfindlich geworden wie Fett. Ich habe meine Lust an deinem Gesetz.
72 Lieber ist mir das Gesetz deines Mundes als Tausende von Gold- und Silberstücken.
77 Laß deine Erbarmungen über mich kommen, daß ich lebe. Denn dein Gesetz ist meine Lust.
92 Wäre nicht dein Gesetz meine Lust gewesen, dann wäre ich verlorengegangen in meinem Elend.
97 Wie liebe ich dein Gesetz! Es ist mein Nachdenken den ganzen Tag.
103 Wie süß sind meinem Gaumen deine Worte, mehr als Honig meinem Mund!
111 Deine Zeugnisse sind mein Erbe für ewig, denn die Freude meines Herzens sind sie.
127 Darum liebe ich deine Gebote mehr als Gold und Feingold.
129 Wunderbar sind deine Zeugnisse, darum bewahrt sie meine Seele.
140 Wohlgeläutert ist dein Wort, dein Knecht hat es lieb.
143 Angst und Bedrängnis haben mich erreicht. Deine Gebote sind meine Lust.
159 Sieh, daß ich deine Vorschriften liebhabe. Nach deiner Gnade, HERR, belebe
mich!
162 Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht.
163 Lüge hasse und verabscheue ich. Dein Gesetz liebe ich.
167 Meine Seele hat deine Zeugnisse befolgt, und ich liebe sie sehr.
174 Ich sehne mich nach deiner Hilfe, HERR! Dein Gesetz ist meine Lust.
Der Psalmist liebt Gottes Gebote und hat große Freude an ihnen, denn
- sie sind ihm Ratgeber,
- sie wurden ihm zur Rettung in seinem Elend,
- sie sind wunderbar,
- sie sind wohlgeläutert (ganz durchläutert), zuverlässig, bewährt,
- sie sind sein Lichtblick in Angst und Bedrängnis,
- sie sind ihm wie große Beute,
- er hat sie befolgt (und dadurch schätzen gelernt).
Daher
- schätzt er sie mehr als allen Reichtum,
- vergisst er sie nicht,
- denkt er den ganzen Tag darüber nach,
- hat er sie sich für ewig zum Erbteil erwählt,
- bewahrt seine Seele sie,
- hasst und verabscheut er Lüge.
36 Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen und nicht zum Gewinn!
37 Wende meine Augen davon ab, das Eitle zu betrachten. Belebe mich auf deinen
Wegen!
Der Psalmist wiegt sich nicht in falscher geistlicher Sicherheit:
1Kor 10,12 Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, daß er nicht falle.
Er ist sich seiner Schwächen und ungöttlichen Neigungen bewusst und tut
das Richtige: Er bittet Gott, sein Herz von der Versuchung durch irdischen
Gewinn und Eitelkeit weg und zu seinem Willen hin zu wenden. Der reife
Gottesmensch weiß um die große Gefahr der weltlichen Verlockungen:
Lk 8,14 Das aber unter die Dornen fiel, sind die, welche gehört haben
und hingehen und durch Sorgen und Reichtum und Vergnügungen des Lebens
erstickt werden und nichts zur Reife bringen.
1Tim 6,9-10 Die aber reich werden wollen, fallen in Versuchung und
Fallstrick und in viele unvernünftige und schädliche Begierden, welche die
Menschen in Verderben und Untergang versenken. Denn eine Wurzel alles Bösen
ist die Geldliebe, nach der einige getrachtet haben und von dem Glauben
abgeirrt sind und sich selbst mit vielen Schmerzen durchbohrt haben.
Er vertraut nicht auf sich selbst, sondern bittet Gott um Errettung:
Mt 6,13 und führe uns nicht in Versuchung, sondern errette uns von
dem Bösen!
Die Bitte um göttliche Belebung taucht in diesem Psalm immer wieder auf:
17 Tue Gutes an deinem Knecht, so werde ich leben.
Ich will dein Wort halten!
25 Am Staub klebt meine Seele. Belebe mich nach deinem Wort!
37 Wende meine Augen davon ab, das Eitle zu betrachten.
Belebe mich auf deinen Wegen!
40 Siehe, ich sehne mich nach deinen Vorschriften! Belebe mich durch
deine Gerechtigkeit!
50 Dies ist mein Trost in meinem Elend, daß deine
Zusage mich belebt hat.
77 Laß deine Erbarmungen über mich kommen, daß
ich lebe. Denn dein Gesetz ist meine Lust.
88 Belebe mich nach deiner Gnade, und ich werde
bewahren das Zeugnis deines Mundes.
93 Ewig werde ich deine Vorschriften nicht vergessen,
denn durch sie hast du mich belebt.
107 Ich bin über die Maßen gebeugt. HERR, belebe
mich nach deinem Wort!
116 Stütze mich nach deiner Zusage, so werde ich
leben. Laß mich nicht beschämt werden in meiner Hoffnung!
144 Gerechtigkeit sind deine Zeugnisse für ewig. Gib mir Einsicht,
damit ich lebe!
149 Höre meine Stimme nach deiner Gnade! HERR, belebe mich nach
deinen Bestimmungen!
154 Führe meinen Rechtsstreit und erlöse mich! Belebe mich nach
deiner Zusage!
156 Deiner Erbarmungen sind viele, HERR. Belebe mich nach
deinen Bestimmungen!
159 Sieh, daß ich deine Vorschriften liebhabe. Nach deiner
Gnade, HERR, belebe mich!
175 Meine Seele soll leben und dich loben! Deine Bestimmungen sollen mir
helfen!
Daraus können wir folgende Aussagen über göttliche Belebung ableiten:
- Der Psalmist bittet um Belebung, weil
- seine Seele am Staub klebt (V. 25),
- er versucht ist, auf Eitles zu schauen (V. 37),
- er sich nach Gottes Vorschriften sehnt (V. 40),
- er über die Maßen gebeugt ist (V. 107),
- er seine Hoffnung auf Gott gesetzt hat (V. 116),
- er sich im Elend befindet und Erlösung braucht (V. 153-154).
- Der Psalmist bringt folgende Voraussetzungen für die Belebung mit:
- Er sehnt sich danach.
- Er bittet darum.
- Er will Gottes Wort halten (V. 17).
- Gottes Gesetz ist seine Lust (V. 77).
- Er will das Zeugnis Gottes bewahren (V. 88).
- Er hat Gottes Vorschriften lieb (V. 159).
- Er will Gott als Folge der Belebung loben (V. 175).
- Belebung geschieht,
-
indem Gott Gutes tut (V. 17),
-
nach Gottes Wort (V. 25),
- auf Gottes Wegen (V. 37),
- durch Gottes Gerechtigkeit (V. 40),
- durch Gottes Zusage (V. 50, 154),
-
indem Gott sich erbarmt (V. 77),
-
nach Gottes Gnade (V. 88),
- durch Gottes Vorschriften (V. 93),
-
indem Gott nach seiner Zusage stützt (V. 116),
-
nach Gottes Bestimmungen (V. 149, 156),
-
indem Gott Einsicht gibt (V. 144),
- nach Gottes Zusage (V. 154).
- Belebung hat zur Folge:
- Trost im Elend (V. 50)
- Ewiges Gedenken an Gottes Vorschriften (V. 93)
- Belebung soll zur Folge haben:
-
Halten von Gottes Wort (V. 17)
-
Bewahren von Gottes Zeugnis (V. 88)
-
Gotteslob (V. 175)
Aus all dem können wir lernen, wie wir nach biblischem Vorbild um göttliche
Belebung, um geistliche Erquickung beten sollen:
- in der Erkenntnis unserer Bedürftigkeit ("geistlich arm", Mt
5,3) in Bedrängnis und Versuchung
- mit einer tiefen Sehnsucht nach göttlicher Belebung, indem wir erkennen,
dass nichts anderes uns helfen kann
- mit Liebe zu und Lust an Gottes Willen
- mit der Absicht, die Belebung zu nützen, um Gottes Wort zu halten und
Gott zu loben
- im Glauben an und Beharren auf die Zusagen in Gottes Wort
- im Appellieren an Gottes Gnade, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.
Wie schon eingangs im Abschnitt "Handlung" erwähnt, war der
Psalmist in großer Bedrängnis durch gottlose, übermütige Menschen,
darunter auch Machthaber, die ihn verspotteten, verleumdeten, arglistig
verfolgten, ja sogar umbringen wollten. Eine der Schlüsselwahrheiten dieses
Psalms ist die Art und Weise, wie er mit dieser Situation umging: Er zwang
seine Gedanken weg von den Bedrängern hin zu Gottes Wort. Das war sein
Erfolgsrezept, und es kann auch unseres werden.
23 Sitzen auch Oberste und verhandeln gegen mich, dein Knecht sinnt nach
über deine Ordnungen.
51 Die Übermütigen haben mich über die Maßen verspottet, aber von deinem
Gesetz bin ich nicht abgewichen.
69 Lügen haben die Übermütigen gegen mich erdichtet. Ich bewahre deine
Vorschriften von ganzem Herzen.
70 Ihr Herz ist unempfindlich geworden wie Fett. Ich habe meine Lust an deinem
Gesetz.
78 Laß beschämt werden die Übermütigen, die mich lügnerisch bedrücken. Ich
denke über deine Vorschriften nach.
85 Die Übermütigen haben mir Gruben gegraben, sie, die nicht nach deinem
Gesetz sind.
86 Alle deine Gebote sind Treue. Sie haben mich verfolgt ohne Grund. Hilf mir!
87 Wenig fehlte, so hätten sie mich vernichtet im Land. Ich aber, ich habe
deine Vorschriften nicht verlassen.
95 Die Gottlosen haben mir aufgelauert, um mich umzubringen. Ich achte auf deine
Zeugnisse.
110 Die Gottlosen haben mir eine Schlinge gelegt, aber von deinen Vorschriften
bin ich nicht abgeirrt.
115 Weicht von mir, ihr Übeltäter, ich will die Gebote meines Gottes halten!
141 Gering bin ich und verachtet. Deine Vorschriften habe ich nicht vergessen.
143 Angst und Bedrängnis haben mich erreicht. Deine Gebote sind meine Lust.
150 Nahe sind gekommen, die mich arglistig verfolgen. Fern sind sie von deinem
Gesetz.
151 Du bist nahe, HERR, und alle deine Gebote sind Wahrheit.
157 Zahlreich sind meine Verfolger und meine Bedränger. Doch von deinen
Zeugnissen bin ich nicht abgewichen.
161 Oberste haben mich verfolgt ohne Ursache. Aber vor deinem Wort hat mein Herz
gebebt.
Diese Verse zeigen eine Haltung, die Gott vollkommen ehrt. Selbst im Gebet
aus Bedrängnis geht es dem Beter nicht in erster Linie um seine eigene
Sicherheit, Errettung, um seinen Frieden und sein Wohlbefinden, sondern um das
Erkennen und Tun von Gottes Willen. Wie anders würde unser (Glaubens-)Leben
aussehen, wenn wir uns im Gebet diese Haltung zueigen machten!
Das ist auch eine der Lektionen aus dem Gebet, das der Herr seine Jünger
lehrte (Mt 6,9-13): Es muss zuerst um den Namen Gottes, um sein Reich, um
seinen Willen gehen und dann erst um unsere physischen und psychischen Nöte.
Wir sehen alles aus einer anderen Perspektive, wenn wir auf den Herrn blicken
statt auf unsere Nöte. Besonders schön geht diese Wahrheit aus V. 150-151
hervor: Die Verfolger sind nahe gekommen. Aber statt aus diesem Grund in Panik
zu verfallen, richtet der Psalmist seine Gedanken darauf, dass auch der Herr
nahe ist.
67 Bevor ich gedemütigt wurde, irrte ich. Jetzt aber halte ich dein Wort.
71 Es war gut für mich, daß ich gedemütigt wurde, damit ich deine Ordnungen lernte.
75 Ich habe erkannt, HERR, daß deine Gerichte Gerechtigkeit sind und daß du
mich in Treue gedemütigt hast.
Demut ist notwendig, um Gottes Willen zu verstehen und zu tun. Da der
Mensch diese Demut nicht aus sich hervorbringt, muss Gott sie ihm beibringen.
Das ist die Erziehung, die Gott seinen Kindern zuteil werden lässt, weil er
treu ist und sie liebt:
Hebr 12,6-7 Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt
aber jeden Sohn, den er aufnimmt.» Was ihr erduldet, ist zur Züchtigung:
Gott behandelt euch als Söhne. Denn ist der ein Sohn, den der Vater nicht
züchtigt?
Hebr 12,11 Alle Züchtigung scheint uns zwar für die Gegenwart nicht
Freude, sondern Traurigkeit zu sein; nachher aber gibt sie denen, die durch
sie geübt sind, die friedvolle Frucht der Gerechtigkeit.
Wir verbinden mit Züchtigung meist Gottes Rute aufgrund von Ungehorsam,
aber sowohl das griechische Wort, das hier verwendet wird (paideia),
als auch der Zusammenhang zeigen, dass es um Gottes (mitunter schmerzvolle) Erziehung im weiteren Sinn geht. Zu den Umständen der Hebräer, unter denen
sie litten, gehörten der Widerspruch von Sündern und der Kampf gegen die
Sünde (Hebr 12,3-4). Christus wird ihnen als Vorbild in ähnlichen (wenn auch
extremeren) Umständen hingestellt. Nicht jedes Leid, durch das Gott seine
Kinder erzieht, ist eine Folge von Ungehorsam. Das wird besonders an Hiob und
an Jesus deutlich (siehe z.B. Hebr 5,7-9).
102 Von deinen Bestimmungen gewichen bin ich nicht, denn du, du hast mich unterwiesen.
Wir können Gottes Bestimmungen nicht nach menschlicher Weise lernen. Nur
wer von Gott bzw. seinem Geist selbst unterwiesen wurde, d.h. wer durch die
Schule Gottes gegangen ist, wird nicht abweichen von seinen Bestimmungen.
Wenn wir den Segen, die Freude, die Kraft echter Gemeinschaft mit dem Herrn
erleben wollen, müssen wir Zeit für das Nachdenken über Gottes Wort, für
das Suchen seines Willens, für die Anbetung einplanen. Diese gesegnete
Gemeinschaft kommt nicht zufällig, nicht ungeplant und nicht billig. Aber sie
(ER) ist es wert, dass wir uns die Zeit nehmen, erkaufen, ja rauben (aus der
Umklammerung der Welt), wenn es sein muss. Ohne sie können wir nicht wirklich
geistlich leben.
Hier ist ein Zeugnis von Georg Müller aus seiner Autobiographie [2],
das gut zur Gesamtaussage von Psalm 119 passt:
Während ich in Nailsworth weilte, gefiel es dem Herrn, ohne einen
Menschen dazu zu verwenden - soweit ich weiß - mich eine Wahrheit zu
lehren, von der ich immer noch profitiere, obwohl inzwischen mehr als 40
Jahre vergangen sind.
Der Punkt ist der: Ich sah deutlicher als je zuvor, dass es die erste große
und vorrangige Beschäftigung, der ich mich täglich widmen soll, ist, meine
Seele im Herrn froh sein zu lassen. Die erste Sache, um die es sich zu kümmern
galt, war nicht, wie viel ich dem Herrn dienen könnte, wie ich den Herrn
verherrlichen könnte; sondern wie ich meine Seele in einen frohen Zustand
bringen und meinen inneren Menschen ernähren könnte. Denn ich könnte
streben, den Unbekehrten die Wahrheit vorzuhalten, ich könnte streben, den
Gläubigen zu dienen, ich könnte streben, den Bedrückten Erleichterung zu
verschaffen, ich könnte auf andere Arten streben, mich zu verhalten, wie es
einem Kind Gottes in dieser Welt angemessen ist - und dennoch, ohne im Herrn
froh zu sein und ohne in meinem inneren Menschen Tag für Tag genährt und
gestärkt zu werden, könnte all das nicht in einem richtigen Geist getan
werden.
Vor dieser Zeit war es für mindestens 10 Jahre meine regelmäßige
Gewohnheit, mich nach dem Anziehen in der Früh dem Gebet zu widmen. Jetzt
sah ich, dass das Wichtigste, was ich tun musste, war, mich dem Lesen des
Wortes Gottes und dem Nachsinnen darüber zu widmen, damit mein Herz auf
diese Weise getröstet, ermutigt, gewarnt, ermahnt, unterwiesen und so durch
das Nachsinnen in die Erfahrung der Gemeinschaft mit dem Herrn gebracht würde.
Ich begann daher, früh morgens über das neue Testament nachzusinnen, vom
Beginn weg.
Das Erste, was ich tat, nachdem ich in ein paar Worten den Segen des
Herrn auf sein kostbares Wort erbeten hatte, war, anzufangen, über Gottes
Wort nachzusinnen, indem ich jeden Vers erforschte, um Segen daraus zu
bekommen; nicht um des öffentlichen Wortdienstes willen, nicht um über das
zu predigen, worüber ich nachsann, sondern um Nahrung für meine eigene
Seele zu bekommen. Das Ergebnis war fast ausnahmslos, dass meine Seele nach
wenigen Minuten zum Bekennen geführt wurde, oder zur Danksagung, oder zur Fürbitte,
oder zum Flehen; so dass, obwohl ich mich nicht dem Gebet gewidmet hatte,
sondern dem Nachsinnen, dennoch augenblicklich mehr oder weniger Gebet
daraus wurde.
Wenn ich auf diese Weise eine Weile bekannt, gebetet, gefleht oder Dank
gesagt habe, gehe ich weiter zum nächsten Wort oder Vers, indem ich alles,
während ich weiter gehe, zum Gebet für mich oder andere mache, je nachdem,
wie das Wort hinführt; aber dabei halte ich mir dauernd vor Augen, dass das
Ziel meines Nachsinnens die Nahrung für meine eigene Seele ist. Das
Ergebnis ist, dass immer ein Gutteil Bekenntnis, Danksagung, Flehen oder Fürbitte
mit meinem Nachsinnen vermengt ist, und dass mein innerer Mensch ernährt
und gestärkt wird, und dass ich bis zur Frühstückszeit - mit wenigen
Ausnahmen - in einem friedvollen wenn nicht frohen Herzenszustand bin. Und
so gefällt es dem Herrn auch, mir das mitzuteilen, was sich sehr bald
darauf als Nahrung für andere Gläubige herausstellt, obwohl ich mich nicht
zum Zweck des öffentlichen Wortdienstes dem Nachsinnen gewidmet habe,
sondern um meines eigenen inneren Menschen willen.
Der Unterschied zwischen meiner früheren Gewohnheit und meiner jetzigen
ist dies. Früher, wenn ich aufstand, begann ich so bald wie möglich zu
beten und verbrachte im Allgemeinen die ganze Zeit bis zum Frühstück mit
Gebet, außer ich fühlte mich besonders ausgedörrt - in diesem Fall las
ich das Wort Gottes, um Nahrung, Erfrischung, oder Belebung und Erneuerung
des inneren Menschen zu finden, bevor ich mich dem Gebet widmete. Aber was
war das Ergebnis? Ich verbrachte oft eine viertel, eine halbe oder gar eine
Stunde auf meinen Knien, bevor mir bewusst wurde, dass ich Trost,
Ermutigung, Demütigung der Seele usw. gewonnen habe; und oft begann ich
erst wirklich zu beten, nachdem ich viel darunter gelitten habe, dass ich die
ersten 10 Minuten, viertel, halbe oder gar ganze Stunde mit meinen Gedanken
umhergeschweift bin.
Darunter leide ich jetzt fast nie mehr. Denn nachdem mein Herz von der
Wahrheit genährt und in die Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott gebracht
wurde, rede ich mit meinem Vater und mit meinem Freund (obwohl ich schmutzig
bin und dessen unwürdig!) über die Dinge, die er mir in seinem kostbaren
Wort vorgesetzt hat.
Es erstaunt mich jetzt oft, dass ich dies nicht früher gesehen habe. In
keinem Buch habe ich darüber gelesen. Kein öffentlicher Dienst hat mich
jemals darauf hingewiesen. Kein persönlicher Austausch mit einem Bruder hat
mich dazu gebracht. Und doch, seit Gott mich diesen Punkt gelehrt hat, ist
es für mich sonnenklar, dass das erste, was das Kind Gottes Morgen für Morgen
zu tun hat, ist Nahrung für den inneren Menschen zu bekommen.
Wie der äußere Mensch nicht dazu geeignet ist, beliebig lang zu
arbeiten, ohne Nahrung aufzunehmen, und ebenso wie dies eines der ersten
Dinge ist, die wir in der Früh tun, so sollte es mit dem inneren Menschen
sein. Wir sollten ihm Nahrung geben, wie jeder einsehen muss. Was ist nun
die Nahrung für den inneren Menschen? Nicht Gebet, sondern das Wort Gottes:
und hier wiederum nicht das einfache Lesen des Wortes Gottes, so dass es nur
durch unsere Gedanken durchgeht, wie Wasser durch ein Rohr läuft, sondern
das Bedenken, was wir lesen, darüber nachsinnen und es an unsere Herzen
anwenden.
Ich betone diesen Punkt so stark wegen des ungeheuren geistlichen
Gewinnes und der Erquickung, die ich selbst daraus gezogen habe, und
herzlich und feierlich ersuche ich alle meine Mit-Gläubigen diese Sache zu
erwägen. Durch den Segen Gottes schreibe ich dieser Gewohnheit die Hilfe
und Kraft zu, die ich von Gott erhalten habe, um in Frieden durch tiefere
Anfechtungen in verschiedenen Weisen zu gehen, als ich jemals zuvor hatte;
und nachdem ich dies nun über vierzig Jahre versucht habe, kann ich es mit
Überzeugung in der Furcht Gottes empfehlen. Wie anders, wenn die Seele früh
morgens erfrischt und froh gemacht wird, als wenn der Dienst, die
Anfechtungen und Versuchungen des Tages ohne geistliche Vorbereitung über
uns hereinbrechen.
|