Erwählung und freier Wille

Die Souveränität Gottes und seine freie Gnadenwahl einerseits und der freie Wille und die Verantwortlichkeit des Menschen vor Gott sind zwei biblische Grundwahrheiten, die für viele Missverständnisse, hitzige Debatten und Spaltungen im Reich Gottes geführt haben. Die Frage, die sich stellt ist, wie wir diese beiden, scheinbar unvereinbaren Wahrheiten, miteinander versöhnen. Die Antwort, die Spurgeon auf diese Frage gab, war: Ich würde es gar nicht versuchen, ich versöhne niemals Freunde. Ich hoffe, dass im Laufe dieses Studiums klar wird, was er damit gemeint hat. Dazu müssen wir diese Lehren zuerst einmal klar von der Schrift her verstehen, um dann zu lernen, sie richtig anzuwenden.

Inhalt

1. Die Verantwortlichkeit des Menschen vor Gott
2. Gottes Souveränität
3. Gottes freie Gnadenwahl 3.1. Röm 9,6-18
3.2. Röm 8,28-30
3.3. Eph 2,1-10
3.4. Berufung
4. Entweder oder? 4.1. Arminianer
4.2. Hyper-Calvinisten
5. Gottes souveräner Wille und sein moralischer Wille
6. Ist Gott in seinem Ratschluss nicht ungerecht?
7. Sowohl als auch! 7.1. Göttliche Geheimnisse
7.2. Biblische Vorbilder
7.3. Evangelisation und Erwählung
8. Zusammenfassung 8.1. Die Souveränität Gottes
8.2. Die Verantwortlichkeit des Menschen
8.3. Schluss
9. Anhang 1: Zitate
10. Anhang 2: Der Umgang mit den "anderen"
11. Anhang 3: Literaturhinweise
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1. Die Verantwortlichkeit des Menschen vor Gott

Der Mensch hat einen (bis zu einem gewissen Maß) freien Willen und ist damit vor Gott verantwortlich, was er mit der Erkenntnis Gottes und seiner Forderungen macht. Diese Tatsache zieht sich durch die Bibel von den ersten Seiten (1Mo 2,17: Du sollst nicht essen ...) bis zu den letzten (Offb 22,17: Wer will, nehme das Wasser des Lebens umsonst). Die Forderungen Gottes an den Menschen und sein Gerichtshandeln ergeben nur einen Sinn, wenn man die grundsätzliche Entscheidungsmöglichkeit des Menschen voraussetzt. Durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch appellierten Engel, Propheten, besonders aber Jesus und seine Gesandten (Hebr 1,1) an den Willen des Menschen, Gott zu fürchten und ihm die Ehre zu geben (5Mo 32,3; Offb 14,6-7). Die Hörer werden schärfstens davor gewarnt, den abzuweisen, der vom Himmel her redet (Hebr 12,25).

Weil die Verantwortlichkeit des Menschen vor Gott für einen Christen in der Regel (theoretisch) leicht verständlich, werden wir hier nicht näher darauf eingehen sondern uns der schwerer verständlichen Lehre von der Souveränität Gottes zuwenden. Das soll nicht heißen, dass dem Christen nicht immer wieder seine Verantwortung bewusst gemacht werden muss - aber dazu ist an dieser Stelle nicht Platz.

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2. Gottes Souveränität

Was meinen wir mit der Souveränität Gottes? Wir meinen damit, dass Gott einen ewigen, unverrückbaren, vollkommenen Ratschluss für seine Schöpfung gefasst hat, den er genau so ausführen wird:

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3. Gottes freie Gnadenwahl

Ein Aspekt der Souveränität Gottes ist seine freie Gnadenwahl. Worauf begründen wir die Lehre von der freien Gnadenwahl Gottes, und was meinen wir damit? Im Folgenden die wichtigsten Bibelstellen dazu, von denen wir einige genauer studieren werden:

AT: 5Mo 4,37; 7,6-8; 10,14-15; 14,2
NT: Apg 13,48; Röm 8,28-30; Röm 9,6-24; Gal 1,15-16; 1Kor 1,27-28; Eph 1,4; 2Thes 2,13

3.1. Röm 9,6-18

Hier haben wir eine der unmissverständlichsten Bibeltexte zu unserem Thema. Wir lernen daraus unter anderem Folgendes:

3.2. Röm 8,28-30

Diese Stelle wird oft verwendet, um die Vorherbestimmung Gottes als bloßes Vorhersehen/Vorherwissen Gottes zu erklären. Eine sorgfältige Auslegung des Textes lässt dies jedoch nicht zu:

Das Strong's Lexikon zu dem in V. 29 mit vorher erkennen übersetzten Wortes pro-ginosko:

< 4253 + 1097 , (w. vor[her]-kennen [bzw. vorher-beschließen]); Vb. (5) Gräz.: im Vorhinein einen Beschluss fassen. LXX: nur in d. Apokryphen: etw. im voraus wissen. 

I.) vorher kennen 1) von Menschen: etw. im voraus wissen, jmdn. von früher her kennen. Apg 26,5; 2Petr 3,17 II.) vorher erkennen 1) von Gott: jmdn. im voraus erkennen (d.h. jmdn. im voraus zu etwas ausersehen und bestimmen); im vorhinein einen Beschluss fassen mit jmdm. etw. Bestimmtes zu tun; jmdn. für eine bestimmte Aufgabe im voraus auswählen. Röm 8,2; 11,2; 1Petr 1,20 

Anmerkung: Röm 11,2 b ist eine Anspielung auf Am 3,2 in d. LXX. Dort steht aber nicht proginosko sondern nur ginosko 1097 wie übrigens auch in d. LXX in: Ps 1,6! Damit wird auch deutlich, dass mit proegno nicht gemeint sein kann: etw. im vorhinein wissen, sondern, die zugrundeliegende Bedeutung des hebr. Wortes 03045 vorliegt, was dann die Bedeutung ergibt: Gott nahm schon in Ewigkeit in erwählend-bestimmender Form Kenntnis von Israel (bzw. von den Auserwählten [so in Röm 8,29 ]) und darum verstößt er sein Volk auch nicht, wenn sie ungehorsam sind, sondern er züchtigt sie und errettet auf jeden Fall in der Zukunft einen Überrest aus dem Volk!

Gegen die Auslegung, dass Gottes Erwählung und Vorherbestimmung ein bloßes Vorherwissen ist, sprechen auch einfach die Ausführungen von Paulus im folgenden Kapitel (z.B. Röm 9,11.16).

Die Aussage dieses Abschnittes ist folgende: Gemäß Gottes ewigem Vorsatz hat er uns schon zuvor (d.h. bevor wir noch existierten) in erwählender/liebender Zuwendung erkannt und bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein. Als es ihm gefiel (Gal 1,15-16), hat er uns dann mit unwiderstehlichem Ruf berufen. Die vorher Erkannten sind zugleich die zur Sohnschaft Bestimmten, die Berufenen, Gerechtfertigten und Verherrlichten. D.h. das Vorher-Erkennen Gottes beschränkt sich genau auf diejenigen, die er rettet.

Das Wunderbare an Röm 8,28-39 ist ja gerade, dass Gottes Liebe zu uns durch nichts anderes bedingt ist als durch seine freie Gnadenwahl. Daher kann nichts und niemand uns von dieser Liebe trennen. Darum brauchen wir uns auch vor keiner Anklage zu fürchten. Wenn Gott, der souveräne Gesetzgeber und Richter uns erwählt hat, um uns in Christus zu begnadigen ganz unabhängig von unseren Werken (siehe auch Eph 2,8-9) - wer will uns dann anklagen?

3.3. Eph 2,1-10

Der Mensch, wie er geboren wird, ist tot in Bezug auf Gott - tot in seinen Sünden und Übertretungen. Sein Wille ist gefangen vom Fürsten dieser Welt, es gibt keine wie auch immer geartete Regung in ihm, die ihn Gott näher bringen könnte. Was kann ein Toter beitragen, um wieder lebendig zu werden? Absolut nichts. Daher muss Gott allein aufgrund seines Vorsatzes die Toten lebendig machen, sodass gilt: Wir sind aus Gnade gerettet, durch Glauben, aber selbst der Glaube ist Gottes Geschenk. Es bleibt nicht ein Funke eines Verdienstes oder eines Ruhmes für uns. Über unserem Leben steht: Wir sind sein Werk, geschaffen in Jesus Christus zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, dass wir in ihnen wandeln sollen. Von Gottes ewiger Warte her gesehen, sind also sowohl Errettung als auch Heiligung Werke Gottes.

3.4. Berufung

Einer der Hauptpunkte der calvinistischen Lehre ist die unwiderstehliche Gnade oder auch wirksame Berufung. Damit ist gemeint, dass Gott zur ihm wohlgefälligen Zeit seine Erwählten beruft. Das ist der Moment, in dem seine Gnade für sie wirksam wird. Wer auf diese Weise von Gott berufen wird, der folgt auch seinem Ruf, der wird auch gerechtfertigt und verherrlicht. Die Kette in Röm 8,29-30 ist durchgängig: von der Vorherbestimmung über die Berufung zur Verherrlichung.

Es reichte nicht, dass Gott Christus für uns sterben ließ und uns in ihm die Versöhnung anbot. Er musste uns außerdem mit Macht aus den Toten ins Leben rufen, unseren Willen befreien, um sein Angebot überhaupt annehmen zu können. Das war notwendig, weil der natürliche Mensch nichts vom Geist Gottes annimmt und es auch nicht erkennen kann (1Kor 2,14), weil er absolut tot ist in Bezug auf Gott, völlig in der Sünde gefangen (Eph 2,1-3).

Das soll aber nicht heißen, dass Gott unseren freien Willen übergeht. Vielmehr öffnet er uns die Augen unseres Herzens, und befreit unseren Willen, sodass wir eine Entscheidung für ihn treffen können. Wer wollte nicht gerettet werden, wenn er mit göttlich klarem Blick die Konsequenzen seiner Entscheidung für Zeit und Ewigkeit sehen könnte?

Wenn Gottes Berufung unbedingt wirksam ist, wie ist dann Mt 22,14 zu verstehen: "Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte."? 
Worte haben keine starre Bedeutung, sondern gewinnen sie aus dem Zusammenhang. Es handelt sich offenbar um eine andere Art von Berufung als die eben beschriebene. Während es in Röm 8,29 um die machtvolle Berufung im Sinne einer Auferweckung aus den Toten geht, ist in Mt 22,14 von der Berufung im Sinne einer Einladung die Rede, die an viele ergeht, aber nur von wenigen (Auserwählten) angenommen wird. Besonders gilt dies für Israel. Sie waren als ganzes Volk berufen, die Einladung des Evangeliums galt zuerst ihnen. Doch weil sie es ablehnten, ging das Wort Gottes an die Nationen. Jeder der will, darf zum Fest kommen - aber nur wenn er sich auch ein Hochzeitsgewand schenken lässt, wird er bleiben. Nur diejenigen, die Gottes Einladung annehmen und in der von Gott geschenkten Reinheit dastehen, sind letztlich die Erwählten.

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4. Entweder oder?

In der Kirchengeschichte gab es immer wieder Strömungen, die den freien Willen des Menschen als allein entscheidend für sein Schicksal gesehen haben. Entsprechend ihrer Sichtweise verstanden sie die Erwählung als reines Vorhersehen Gottes (Arminianer, nach Arminius, 16. Jh.). Dagegen lehrten die Propheten, Jesus und die Apostel die Erwählung als aktives, ja unwiderstehliches Eingreifen Gottes. Dieses Verständnis erwachte neu in der Reformation, besonders durch Johannes Calvin (16. Jh.). Daher bezeichnen sich diejenigen, die daran festhalten auch oft als Calvinisten. Calvinist zu sein, bedeutet noch nicht, den freien Willen des Menschen abzulehnen, aber es gibt extreme Strömungen im Calvinismus, die so sehr die Vorherbestimmung betonen, dass sie dem freien Willen und der Verantwortlichkeit des Menschen nicht den angemessenen Platz einräumen.

Beide Arten von Einseitigkeit sind ungesund und sollten durch die gesunde Lehre der Heiligen Schrift korrigiert werden. Die beste Medizin gegen jede Art von lehrmäßiger Einseitigkeit ist ein systematisches (d.h. Buch für Buch, Kapitel für Kapitel) Studium der Schrift, um zu erfassen, was sie lehrt (dabei ist der Kontext äußerst wichtig). Die Gefahr des (nur oder hauptsächlich) thematischen Studiums und Lehrens ist, dass man nur bestimmte, selbstgewählte Themen und Wahrheiten anschneidet, nicht aber die ganze geoffenbarte Wahrheit Gottes.

Wer auf diese Weise die Schrift studiert, wird zur Erkenntnis kommen, dass die Frage nicht lauten kann: "Erwählung oder freier Wille?" sondern vielmehr, "Wie wirken die beiden Wahrheiten zusammen, wie wenden wir sie richtig an?"

4.1. Arminianer

Die einseitige Betonung des freien Willen hat folgende negative Auswirkungen:

4.2. Hyper-Calvinisten

Die einseitige Betonung der Souveränität und Erwählung Gottes hat hauptsächlich folgende negative Auswirkung: Passivität, Versäumnis, die von Gott gegebene Verantwortung wahrzunehmen. Da ohnedies alles seinen von Gott verordneten Lauf nimmt, braucht man sich nicht bemühen. Man braucht und kann dem souveränen Gott mit den eigenen Anstrengungen nicht zu Hilfe kommen. Natürlich wird niemand sagen, er braucht nichts zu tun, weil Gott alles tut, aber das Denken ist unterschwellig da und wird das Handeln beeinflussen; insbesondere in folgender Weise:

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5. Gottes souveräner Wille und sein moralischer Wille

Wie ist es zu vereinbaren, dass Gott einerseits kein Gefallen am Tod des Gottlosen hat (Hes 18,23) sondern will, dass alle Menschen gerettet werden (1Tim 2,4; 2Petr 3,9) und andererseits nur einige zur Errettung erwählt hat, während er andere verhärtet, tötet, richtet? Die Frage drängt sich auf, und es bedarf einiger Erklärungen. Eigentlich stecken 2 Fragen dahinter:

  1. Ist es nicht ein glatter Widerspruch?
  2. Wenn nein, warum handelt Gott so? Ist er in seinem Erwählen gerecht?

Zur 1. Frage: Wir müssen zwei verschiedene Arten des Willens Gottes auseinanderhalten.

  1. Der moralische Wille Gottes ist all das, was er den Menschen gebietet: Dass sie Gott fürchten und ihm die Ehre geben, dass sie ihn lieben sollen und den Nächsten wie sich selbst, usw. Will er wirklich, dass Menschen das tun? Natürlich, sonst wäre er unglaubwürdig in seiner Forderung. Mit eben diesem moralischen Willen will Gott auch, dass alle Menschen gerettet werden.
  2. Andererseits haben wir gelesen, dass Gott alles tut, was ihm gefällt (Ps 135,6). Dies ist offenbar ein anderer Wille als sein moralischer Wille. Es ist sein souveräner Herrscherwille, gemäß dem er den Weltlauf lenkt.

Folgende Aussage erklärt die beiden verschiedenen Arten des Willens Gottes:

5Mo 29,28 Das Verborgene steht bei dem HERRN, unserm Gott; aber das Offenbare gilt uns und unsern Kindern für ewig, damit wir alle Worte dieses Gesetzes tun.

Diese Aussage fügt Mose an seine Ermahnung zur Gesetzestreue an. Das Offenbare ist Gottes moralischer Wille, die Summe der Gebote, die er bekannt gemacht hat, samt den dazugehörenden Verheißungen und Drohungen. Doch für Mose ist klar, dass in der Geschichte Israels mehr im Spiel ist als die Offenbarung von Gottes Geboten und Israels Gehorchen oder Nicht-Gehorchen: es ist der souveräne Gott, der Israel "bis zum heutigen Tag weder ein Herz gegeben zu erkennen noch Augen zu sehen, noch Ohren zu hören" (5Mo 29,3). Dass er souverän ist, und dass sein verborgener Ratschluss zustande kommen wird (insbesondere, was die Zukunft Israels betrifft), ist gewiss, aber es beeinträchtigt in keiner Weise Israels Verantwortung, seinem geoffenbarten Willen zu gehorchen.

Im Epheserbrief kommen beide Arten des Willens Gottes mehrfach vor: Nach dem Wohlgefallen seines (souveränen) Willens hat er uns zur Sohnschaft durch Jesus Christus vorherbestimmt (Eph 1,5), nach dem Rat desselben Willens wirkt er alles (Eph 1,11). In Eph 5,17 werden die Leser aufgefordert, den (moralischen) Willen Gottes zu verstehen, in Eph 6,6 die Sklaven, den (moralischen) Willen Gottes zu tun.

Diese Erklärung darf uns nicht verwundern, denn Gottes Wille ist komplex und nicht einfach, ebenso wie sein Gefühlsleben. So ist es kein Widerspruch, dass er einerseits kein Gefallen am Tod des Gottlosen hat (Hes 18,23), andererseits aber Gefallen hatte, z.B. die Söhne Elis zu töten (1Sam 2,25; selbes hebräisches Wort!) oder dass er Freude haben kann, sowohl Gutes zu tun als auch zugrunde zu richten (5Mo 28,63). Auch der Wille und das Gefühlsleben des Menschen, der in Gottes Bild geschaffen ist, sind komplex. Z.B. will ein Vater sein Kind züchtigen, wenn es notwendig ist, und er tut es auch, obwohl er gleichzeitig wünscht, er müsste es nicht tun. Einerseits will er es also und andererseits nicht. Jeder von uns kennt in irgendeiner Art zwiespältige Gefühle und wird von scheinbar widersprüchliche Motiven bewegt. 

Jetzt bleibt die zweite Frage: Warum handelt Gott so? Was hindert ihn daran, alle Menschen zu erretten, wenn er doch direkt auf ihre Herzen und Gedanken einwirken kann? Der Arminianer sagt, der freie Wille des Menschen, der Calvinist sagt, höhere Ziele Gottes, nämlich die Ehre Gottes, die in Gericht und Gnade vielfältig demonstriert wird. Beides ist richtig und biblisch, wir dürfen nicht die eine Wahrheit gegen die andere ausspielen. Das führt uns in den nächsten Abschnitt unserer Überlegungen, nämlich zur Frage der Gerechtigkeit Gottes.

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6. Ist Gott in seinem Ratschluss nicht ungerecht?

Paulus sagt auf diese Frage: Das sei ferne (Röm 9,14). Ein Studium von Röm 9,19-24 gibt uns einen Einblick in die Motive Gottes in seinem souveränen Handeln mit den Menschen.

Röm 9,19-24

Selbst wenn jemand glaubt, dass Gott nicht vorherbestimmend, sondern nur vorherwissend erwählt hat, so bleibt doch die Frage: Warum hat Gott überhaupt den Menschen geschaffen, wenn er doch voraussah, dass einem Großteil seiner Geschöpfe schon zu Lebzeiten unsägliche Not und nach dem Tod gar die ewige Verdammnis zuteil wird. Selbst wenn das alles alleine durch den freien Willen des Menschen verschuldet ist - warum schuf Gott den Menschen mit einem freien Willen, und warum beendete er das Drama nicht schon viel früher?

Mit dieser Fragen muss sich jeder Christ auseinandersetzen, egal ob er an Gottes Vorherbestimmung glaubt oder nicht. Wenn wir dieser Frage ausweichen, wird sie uns der nächste Ungläubige stellen, den wir für Christus zu gewinnen suchen. Die Antwort besteht aus den zwei Aspekten, die wir in Röm 9,19-24 gesehen haben:

  1. Es hat Gott gefallen, genau auf diese Art und Weise den Reichtum seiner Herrlichkeit zu erkennen zu geben. Die dadurch entstehende Herrlichkeit muss so groß sein, dass es Gott wert ist, alles "Negative" in Kauf zu nehmen, das die Rebellion der Engel- und der Menschenwelt mit sich brachte.
  2. Wir können Gott nicht weiter hinterfragen, sondern müssen uns demütig vor ihm beugen, seine Gerechtigkeit und Güte anerkennen und ihm gehorchen.
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7. Sowohl als auch!

Wenn wir also die ganze Heilige Schrift ernst nehmen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als beide Wahrheiten im Glauben festzuhalten: Die göttliche Souveränität und das moralisch verantwortliche Entscheiden und Handeln des Menschen. Die beiden wirken in folgender Weise zusammen: Das allgemeine Angebot der Gnade Gottes an alle Menschen wird von einigen Erwählten angenommen, die dann Gott die Ehre geben, dass sie allein aufgrund seines und nicht aufgrund ihres Erlösungswillens gerettet werden.

7.1. Göttliche Geheimnisse

Die einseitigen Betonungen und daraus resultierenden Entwicklungen entstanden dadurch, dass Menschen nicht bereit waren, die Grenzen ihres Verstandes zu erkennen, Gott Gott sein zu lassen und Geheimnisse in der Offenbarung Gottes zu akzeptieren.

Jes 55,9 Denn so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

Aus diesem Grund wird es - solange wir noch nicht beim Herrn sind - Dinge, geben, die wir nur glauben, aber nicht verstehen können. 

Ein Beispiel: Die Lehre von der Dreieinigkeit. Sie drängt sich uns auf, wenn wir die Schrift studieren. Für den menschlichen Intellekt ist es nicht zufriedenstellend erklärbar, dass es nur einen Gott gibt, dass der Vater, der Sohn und der Heilige Geist drei verschiedene Personen und doch jeder Gott sind. Wir glauben es, weil Gottes Wort es sagt, nicht weil es so logisch klingt.

Ein weiteres Beispiel ist die Inspiration der Heiligen Schrift. Wie konnte es sein, dass verschiedene Menschen mit dem ihnen eigenen Stil schrieben und doch genau das dabei herauskam, was Gott sagen wollte? Gott umging nicht die Persönlichkeiten, Gedanken und Ausdrucksweise der Autoren, sondern er benützte sie. So entstand Gottes Wort in einer unerklärlichen Zusammenarbeit von göttlichem und menschlichem Wirken.

7.2. Biblische Vorbilder

Wenn wir denken, es ist zu viel von einem Menschen verlangt, zwei Wahrheiten zu glauben, die sich doch scheinbar widersprechen, dann sollten wir uns die Männer Gottes des Alten und Neuen Testaments zu Vorbildern nehmen: Mose, Salomo, Jesaja, Jesus, Lukas, Paulus, Petrus - um nur einige zu nennen - für sie war es kein Problem, von der Souveränität Gottes und von der Verantwortlichkeit des Menschen gleichzeitig auszugehen:

Mose 

Wir haben in 5Mo 29 schon gesehen, wie Mose mitten in seinen Ermahnung an das Volk sagt, der Herr habe ihnen noch kein Herz gegeben zu erkennen, noch Augen zu sehen, noch Ohren zu hören (5Mo 29,3).

Salomo

Mitten in seine weisen Ermahnungen flicht Salomo ein, dass bei allen Überlegungen des Menschen doch der Ratschluss des Herrn zustande kommt (Spr 19,21).

Jesaja

Auch Jesajas Dienst war hauptsächlich zu ermahnen, und dennoch weiß er, "der Herr hat einen Geist tiefen Schlafs über euch ausgegossen, ja, verschlossen hat er eure Augen; die Propheten und eure Häupter, die Seher, hat er verhüllt." (Jes 29,10)

Jesus 

Joh 6,35-40.44.47: In diesem Kapitel wird besonders deutlich, wie für Jesus die beiden Wahrheiten selbstverständlich gleichzeitig gültig waren. Wer glaubt, hat ewiges Leben. Es ist der Wille des Vaters, dass jeder der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben hat. Jesus wird niemanden hinausstoßen, der zu ihm kommt. Aber: Niemand kommt zum Vater, es sei denn, der Vater zieht ihn.

Lukas

Apg 13,46-48: Die Verantwortung für die Ablehnung des Evangeliums liegt ganz klar bei den Juden. Sie achten sich selbst des ewigen Lebens nicht für würdig und ernten daher selbstverschuldet den ewigen Tod. Sie sind "schuld", dass sich die Apostel von ihnen weg- und zu den Nationen hinwenden. Und doch heißt es in V. 48: "Es glaubten, so viele zum ewigen Leben verordnet waren."

In Apg 18,9-11 sagte der Herr, Paulus soll reden und sich nicht fürchten, denn er hat ein großes Volk in dieser Stadt. Aus ewig-göttlicher Sicht gab es nicht deshalb viele Gläubige in Korinth, weil Paulus freimütig und lange Zeit dort redete, sondern umgekehrt: Weil Gott (gemäß seinem ewigen Vorsatz) ein großes Volk in Korinth hatte, erhielt Paulus von ihm den Auftrag, dort zu bleiben und ohne Furcht zu reden.

Paulus

Phil 2,12-13: Dass Gott das Wollen und das Ausführen zu seinem Wohlgefallen wirkt, ist nicht Grund, die Hände in den Schoß zu legen, sondern vielmehr, gehorsam zu sein und mit Furcht und Zittern die Errettung zu bewirken (eig.: auszuwirken).

1Kor 15,10: Paulus weiß: Durch Gottes Gnade ist er, was er ist. Und gerade dieses Wissen beflügelt ihn, mehr als alle anderen zu arbeiten - aber eigentlich ist es nicht er, der gearbeitet hat, sondern die Gnade Gottes.

2Tim 2,10 Deswegen erdulde ich alles um der Auserwählten willen, damit auch sie die Rettung, die in Christus Jesus ist, mit ewiger Herrlichkeit erlangen.

Warum muss er sich um die Auserwählten bemühen, wenn sie doch ohnedies auserwählt sind? So fragt nicht die göttliche Weisheit sondern die menschliche Torheit. Für Paulus war es ein großes Vorrecht, Mitarbeiter bei der Verwirklichung des göttlichen Ratschlusses sein zu dürfen und dabei sowohl dem Herrn Ehre zu bringen als auch selbst großen Lohn zu ernten.

Petrus

2Petr 1,10-11 Darum, Brüder, befleißigt euch um so mehr, eure Berufung und Erwählung fest zu machen! Denn wenn ihr diese Dinge tut, werdet ihr niemals straucheln. Denn so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus.

Ja, wir sind berufen und erwählt! Ein Grund, uns auf die faule Haut zu legen? Im Gegenteil - es gilt, die Berufung und Erwählung fest zu machen. Eben weil Gott uns durch die Erkenntnis Christi alles zur göttlichen Lebensführung geschenkt hat, sollen wir allen Fleiß aufwenden um Glaubensfrucht zu bringen (1Petr 1,3-7). Auf diese Weise bestätigen und befestigen wir die göttliche Gnadenwahl, und statt zu straucheln und Schaden zu erleiden, erlangen wir reichlichen Eingang in das Reich Christi:

Schließt dann mein Pilgerlauf, schwing ich mich freudig auf: Näher mein Gott zu dir, näher zu dir.

7.3. Evangelisation und Erwählung

Besonders schwierig zu vereinbaren scheinen missionarischer Eifer und Erwählung Gottes. Warum soll ich mich anstrengen, um Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, wenn doch Gott seine Auswahl schon vor Grundlegung der Welt festgesetzt hat? Dazu ist zu sagen:

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8. Zusammenfassung

8.1. Die Souveränität Gottes

Weil die Schrift unmissverständlich die absolute göttliche Souveränität in der Geschichte der Welt und jedes einzelnen Menschen lehrt, insbesondere die Erwählung der Heiligen vor Grundlegung der Welt, müssen wir diese Lehre festhalten und so anwenden, 

ohne dabei in irgendeiner Weise die Verantwortung zu schmälern, die Gott dem Menschen mit jedem seiner Gebote gegeben hat, insbesondere

8.2. Die Verantwortlichkeit des Menschen

Weil die Schrift unmissverständlich die moralische Verantwortung des Menschen vor Gott lehrt, der sich ihm mit seinen Forderungen offenbart, müssen wir diese Grundwahrheit festhalten und so anwenden, dass wir uns nicht der Passivität hingeben und uns dabei auf Gottes Souveränität ausreden, sondern mit dem größtmöglichen Eifer streben, 

ohne dabei die Souveränität Gottes zu schmälern,

8.3. Schluss

Worauf es ankommt, ist, in der richtigen Situation die richtige Wahrheit anzuwenden:

Auch wenn wir vieles nicht verstehen - der Geist Gottes in Verbindung mit seinem Wort leitet uns intuitiv zur richtigen Anwendung beider Wahrheiten.

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9. Anhang 1: Zitate

Luther

Martin Luther schreibt im Kleinen Katechismus [1]:

Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten, gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten einigen Glauben.

Spurgeon

In seiner "Verteidigung des Calvinismus" schreibt C.H. Spurgeon [2]:

Gut erinnere ich mich daran, wie ich die Lehre der Gnade in einem einzigen Augenblick gelernt habe. Geboren als Arminianer, wie alle von uns, glaubte ich immer noch die alten Dinge, die ich ständig von der Kanzel gehört hatte und sah nicht die Gnade Gottes. Als ich zu Christus kam, dachte ich, ich täte es alles selbst, und obwohl ich ernstlich den Herrn suchte, hatte ich keine Ahnung, dass der Herr mich suchte. Ich denke nicht, dass sich der Jungbekehrte am Anfang dessen bewusst ist. Ich kann mich genau an den Tag und die Stunde erinnern, als ich erstmals diese Wahrheiten in meiner Seele annahm, als sie - wie John Bunyan sagt - wie mit einem heißen Eisen in mein Herz gebrannt wurden, und ich entsinne mich, wie ich fühlte, dass ich plötzlich von einem Baby zu einem Mann herangewachsen war - dass ich Fortschritte in der Bibelkenntnis gemacht hatte, indem ich ein für alle Mal den Schlüssel zur Wahrheit Gottes gefunden hatte. Am Abend eines Wochentages, als ich im Haus Gottes saß, dachte ich nicht viel über die Predigt nach, denn ich glaubte nicht daran. Mich traf der Gedanke, wie bist du Christ geworden? Ich suchte den Herrn. Aber wie bist du dahin gekommen, den Herrn zu suchen? Die Wahrheit blitzte in einem Moment durch meine Gedanken - ich hätte ihn nicht gesucht, wenn ich nicht davor beeinflusst gewesen wäre, ihn zu suchen. Ich betete, dachte ich, aber dann fragte ich mich, wie kam ich dazu zu beten. Ich wurde durch das Lesen der Schrift zum Beten bewegt. Wie kam ich dazu, die Schrift zu lesen? Ich las sie, aber was führte mich dazu, es zu tun? Dann, in einem Moment, sah ich, dass Gott am Grunde all dessen war, und dass er der Urheber meines Glaubens war, und so öffnete sich mir die ganze Lehre von der Gnade, und von dieser Lehre bin ich bis zu diesem Tag nicht abgewichen, und ich wünsche, dass dies mein beständiges Bekenntnis sei, "ich schreibe meine Veränderung gänzlich Gott zu."

...

Ich muss an die Lehre von der Verderbtheit des menschlichen Herzens glauben, denn ich finde mich selbst im Herzen verdorben, und habe täglich Beweise, dass in meinem Fleisch nichts Gutes wohnt. Wenn Gott in einen Bund mit dem ungefallenen Menschen tritt, so ist der Mensch solch ein unbedeutendes Geschöpf, dass es ein Akt von gnädiger Herablassung seitens des Herrn sein muss. Aber wenn Gott in einen Bund mit dem sündigen Menschen tritt, dann ist dieser solch ein Ärgernis, dass es von Gottes Seite eines Aktes von reiner, freier, reicher, souveräner Gnade bedarf. Wenn der Herr in einen Bund mit mir trat, so bin ich gewiss, dass es alles aus Gnade war, nichts außer Gnade. Wenn ich mich erinnere, was für eine Höhle von unreinen Tieren und Vögeln mein Herz war, und wie stark mein unerneuerter Wille war, wie hartnäckig und rebellisch gegen die Souveränität der göttlichen Herrschaft, fühle ich mich immer geneigt, den aller niedrigsten Raum in meines Vaters Haus zu nehmen, und wenn ich in den Himmel eintrete, so wird es sein, um unter den geringeren als den Geringsten aller Heiligen zu gehen und mit dem Ersten der Sünder. Der unlängst betrauerte Mr. Denham hat unter seinem Portrait einen sehr bewundernswerten Text gesetzt, "Das Heil kommt vom Herrn." Das ist einfach die Kurzform des Calvinismus; es ist seine Summe und seine Substanz. Wenn mich jemand fragte, was ich unter einem Calvinisten verstehe, würde ich antworten, "Es ist jemand der sagt, das Heil kommt vom Herrn." Ich kann in der Schrift keine andere Lehre außer dieser finden. Es ist die Essenz der Bibel. "Nur Er ist mein Fels und mein Heil." Sage mir etwas, was dieser Wahrheit widerspricht, und es ist eine Irrlehre; sage mir eine Irrlehre, und ich werde ihre Essenz da finden, dass sie abgewichen ist von dieser großen, dieser grundlegenden, dieser Felsen-Wahrheit, "Gott ist mein Fels und mein Heil."

...

Ich glaube nicht, dass ich mich von meinen hyper-calvinistischen Brüdern in irgendetwas unterscheide, was ich glaube, aber ich unterscheide mich von ihnen in dem, was sie nicht glauben. Ich glaube nicht weniger als sie, sondern ich glaube ein bisschen mehr, und, ich denke, ein bisschen mehr von der Wahrheit, die in der Schrift offenbart wird. Es gibt nicht nur ein paar Hauptlehren, durch die wir unser Schiff nach Norden, Süden, Osten oder Westen steuern, sondern durch das Studium des Wortes werden wir etwas über Nordwest und Nordost lernen, und alles andere, das zwischen den Hauptrichtungen liegt. Das Wahrheitsgebäude, das in der Schrift offenbart wird, ist nicht einfach eine gerade Linie, sondern zwei; und kein Mensch wird jemals einen richtigen Blick auf das Evangelium bekommen, bevor er es versteht, auf beide Linien gleichzeitig zu sehen. Zum Beispiel lese ich in einem Buch der Bibel, "Und der Geist und die Braut sagen: Komm! Und wer es hört, spreche: Komm! Und wen da dürstet, der komme; wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst." Und doch lerne ich in einem anderen Teil desselben inspirierten Wortes, "Also liegt es nun nicht an dem Wollenden, noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott." Ich sehe, an einer Stelle, wie Gott in der Vorsehung alles führt, und doch sehe ich, und kann nicht anders, als es zu sehen, dass der Mensch handelt, wie es ihm gefällt, und dass Gott sein Handeln in großem Maß seinem eigenen freien Willen überlassen hat. Wenn ich nun erklärte, der Mensch sei so frei, dass es von Gott keine Kontrolle über sein Handeln gebe, würde ich fast zum Atheismus getrieben; und wenn ich andererseits erklärte, Gott beherrsche alles so, dass der Mensch nicht frei genug sei, verantwortlich zu sein, würde ich in Richtung Gesetzlosigkeit oder Fatalismus getrieben. Dass Gott vorherbestimmt und der Mensch doch verantwortlich ist, sind zwei Fakten, die nur wenige klar sehen. Man denkt, sie seien unvereinbar und widersprechen einander. Wenn ich also in einem Teil der Bibel die Lehre finde, das alles vorherbestimmt ist, dann ist das wahr; und wenn ich in einer anderen Schriftstelle finde, dass der Mensch für all sein Tun verantwortlich ist, dann ist das wahr; und es ist nur meine Torheit, die mich zur Vorstellung führt, dass sich diese beiden Wahrheiten jemals widersprechen können. Ich glaube, dass sie auf keinem irdischen Amboss jemals zusammen geschmiedet werden können, aber in der Ewigkeit werden sie gewiss eins sein. Es sind zwei Linien, die so annähernd parallel sind, dass der menschliche Verstand, der ihnen am weitesten folgt, niemals entdecken wird, dass sie konvergieren, aber sie konvergieren, und sie werden sich irgendwo in der Ewigkeit treffen, nahe dem Thron Gottes, wo alle Wahrheit entspringt.

In einer Predigt über Gal 1,15 sagt Spurgeon unter dem Titel "Es gefiel Gott":

Ihr werdet an diesen Worten feststellen, daß der göttliche Erlösungsplan sehr klar ausgelegt ist. Seht ihr, er beginnt im Willen und Wohlgefallen Gottes: 'Als es aber Gott gefiel'. Der Grund der Errettung ist nicht im Willen des Menschen gelegt. Sie beginnt nicht mit dem Gehorsam des Menschen, um dann erst zu Gottes Absicht zu werden, sondern hier nimmt sie ihren Anfang, hier ist der Quellbrunnen, von dem die lebendigen Wasser fließen: 'Es gefiel Gott'. Gleich nach dem souveränen Willen und Wohlgefallen Gottes kommt der Akt der Aussonderung, allgemein bekannt unter dem Namen Erwählung. Dieser Akt, so heißt es im Text, fand sogar schon im Mutterleib statt, was uns lehrt, daß er vor unserer Geburt stattfand, als wir noch überhaupt nichts getan haben konnten, um zu gewinnen oder zu verdienen. Vom frühesten Abschnitt und Zeitpunkt unseres Daseins an sonderte Gott uns ab; und in der Tat, lange vor der Zeit, als die Berge und Hügel noch nicht aufgeschichtet waren und die Ozeane durch Seine schöpferische Kraft noch nicht geformt waren, hatte Er uns in Seiner ewigen Absicht für sich selbst beiseite gestellt. Dann, nach diesem Akt der Aussonderung, kam die wirksame Berufung: 'und durch Seine Gnade berufen hat...' Die Berufung verursacht nicht die Erwählung, sondern die Erwählung, die ihre Quelle in der göttlichen Absicht hat, verursacht die Berufung. Die Berufung kommt als Folge der göttlichen Absicht und der göttlichen Aussonderung, und ihr werdet sehen, wie der Gehorsam dem Ruf folgt. So ist der ganze Werdegang folgendermaßen - zunächst die heilige, souveräne Absicht Gottes, dann die einzelne, bestimmte Erwählung oder Aussonderung, dann die wirksame und unwiderstehbare Berufung, und danach der Gehorsam zum Leben, und die köstlichen Früchte des Geistes, die daraus erwachsen. Diejenigen irren und kennen nicht die Schrift, die einen dieser Prozesse in falscher, unbiblischer Reihenfolge vor den anderen stellen. Die den Willen des Menschen an erste Stelle setzen, wissen nicht, was sie sagen noch wovon sie reden.

William McDonald

William McDonald merkt zu Apg 13,48 (Kommentar zum Neuen Testament) an:

»So viele zum ewigen Leben verordnet waren«, glaubten es. Dieser Vers ist eine einfache Feststellung der souveränen Erwählung durch Gott. Sie sollte ganz wörtlich genommen und geglaubt werden. Die Bibel lehrt ausdrücklich, daß Gott einige Menschen schon vor Grundlegung der Welt erwählte, zu Christus zu gehören. Sie lehrt mit gleichem Nachdruck, daß der Mensch moralisch frei handeln kann, und er errettet wird, wenn er Jesus Christus als seinen Herrn und Retter annimmt. Die göttliche Erwählung und die menschliche Verantwortlichkeit sind beides schriftgemäße Lehren, und keine von beiden sollte auf Kosten der anderen überbetont werden. Zwar scheinen die beiden einander zu widersprechen, doch besteht dieser Konflikt nur für den menschlichen Geist, nicht jedoch für Gott.

Die Menschen werden durch ihre eigene Wahl verurteilt, nicht durch ein Handeln Gottes. Wenn die ganze Menschheit das erhielte, was ihr mit Recht zusteht, dann wären alle verloren. Doch Gott in seiner Gnade läßt sich herab, einige zu erretten. Hat er nicht das Recht, dies zu tun? Natürlich hat er dieses Recht. Die Lehre von der souveränen Erwählung durch Gott ist eine Lehre, die Gott seinen ihm gebührenden Platz als Herrscher des Universums einräumt, der tun kann, was ihm gefällt, und der niemals etwas tut, das ungerecht oder böse wäre. Viele unserer Schwierigkeiten mit diesem Thema würden sich lösen, wenn wir die Worte von Erdman beachten würden:

"Die Souveränität Gottes ist absolut, doch wird sie nie ausgeübt, um Menschen zu verurteilen, die doch gerettet werden sollten, sondern diese Souveränität hat dazu geführt, daß Menschen gerettet werden, die eigentlich gerechterweise hätten verloren gehen müssen."

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10. Anhang 2: Der Umgang mit den "anderen"

Wie andere theologische Streitpunkte auch, hat die Erwählungs- bzw. Vorherbestimmungslehre viele Diskussionen, Streitigkeiten und Trennungen verursacht. Die folgenden Zitate sind ein leuchtendes Beispiel wie wir in Wahrheit und Liebe mit solchen Dingen umzugehen haben.

George Whitefield und John Wesley waren lange Jahre Gefährten in der Verkündigung des Evangeliums. Doch sah sich Whitefield gezwungen, aufgrund Wesleys arminianischer Haltung die Zusammenarbeit aufzugeben:

Whitefield schreibt an Wesley [3]:

Ich versichere, ich liebe dich vom Herzen Jesu Christi und denke, ich könnte mein Leben für dich niederlegen. Aber mein lieber Freund, ich kann mir nicht helfen, gegen deine Irrtümer auf diesem Gebiet aufzustehen, weil ich glaube, dass du dich, wenn auch nicht absichtlich, der Wahrheit, die in Christus ist, widersetzest,...

Auch Spurgeon verurteilte die Irrmeinung Wesleys in diesem Punkt, aber nicht Wesley als Bruder:

Spurgeon sagt über Wesley [2]:

Es gibt keine Seele, die fester an der Lehre der Gnade hält, als ich, und wenn mich jemand fragt, ob ich mich schäme, ein Calvinist genannt zu werden, so antworte ich - ich möchte am liebsten nichts als ein Christ genannt werden; aber wenn du mich fragst, ob ich die Lehrmeinungen von Johannes Calvin festhalte, so antworte ich, im Wesentlichen halte ich sie fest, und bekenne es gerne. Aber nichts liegt mir ferner, als mir auch nur vorzustellen, dass Zion nur calvinistische Christen enthält, oder dass niemand gerettet wird, der nicht diese Ansichten festhält. Die furchtbarsten Dinge wurden über den Charakter und geistlichen Zustand von John Wesley gesagt, den modernen Fürsten der Arminianer. Ich kann in Bezug auf ihn nur sagen, während ich viele der Lehren, welche er predigt, verabscheue, so habe ich doch vor dem Mann selbst einen Respekt wie vor keinem anderen Wesleyaner; und wenn es gälte, zwei Apostel zur Zahl der Zwölf hinzuzufügen, so glaube ich nicht, dass sich zwei geeignetere Männer fänden als George Whitefield und John Wesley. Der Charakter von John Wesley steht für Selbst-Opferung, Eifer, Heiligkeit und Gemeinschaft mit Gott; er lebte weit über dem üblichen Standard gewöhnlicher Christen, und war einer, "dessen die Welt nicht würdig war." Ich glaube, es gibt eine Menge von Menschen, die diese Wahrheiten nicht sehen können, oder sie jedenfalls nicht in der Weise sehen können, wie wir sie darstellen, die nichts desto weniger Christus als ihren Heiland angenommen haben und dem Herzen des Gottes der Gnade so teuer sind wie der solideste Calvinist innerhalb oder außerhalb des Himmels.

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11. Anhang 3: Literaturhinweise

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Fußnoten

[1] Zitiert nach Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-lutherischen Kirche, 9. Aufl., Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1982, S. 511f.

[2] C.H. Spurgeon, A Defense of Calvinism, http://www.reformed.org/calvinism/Spurgeon-Calvinism.phpl

[3] George WHITEFIELD an John WESLEY v. 24. Dezember 1740 abgedruckt in: GILLIES, Whitefield, S. 633.

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