Muss sich ein Christ alles gefallen lassen?

Dieser Artikel ist (mit minimalen Änderungen) auch bei www.Nikodemus.net unter dem Titel "Wie weit soll die Feindesliebe gehen?" veröffentlicht worden.

Inhalt

Frage
Antwort 1. Jesu Worte über die Vergeltung
2. Wie wollte Jesus seine Worte verstanden wissen?
3. Wie haben die Apostel die Worte Jesu verstanden?
4. Können wir so leben?
5. Fazit

Frage

Muss ich als Christ mir denn alles gefallen lassen, ohne mich auch mal wehren zu dürfen? Muss ich mir Kritik widerstandslos anhören oder mich von jemanden ausnutzen lassen nach dem Vorbild der Bergpredigt und weil die Liebe alles erträgt und duldet? Sollen wir z.B. im Fall eines Angriffs alles mit uns geschehen lassen? Wenn die Christen "dem Übel nicht widerstreben sollen", wie ist dies mit Widerstand z. B. gegenüber Diktaturen wie dem Dritten Reich vereinbar?

Antwort

1. Jesu Worte über die Vergeltung

Der Teil der Bergpredigt, der in der Frage angesprochen wird (Mt 5,38-48), lautet so:

Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

Es heißt auch: Wer einem anderen ein Auge ausschlägt, muß dafür mit seinem eigenen Auge büßen. Wer einem anderen einen Zahn ausschlägt, dem soll das gleiche geschehen. Ich sage euch aber: Wehrt euch nicht, wenn euch Böses geschieht! Wenn man dir eine Ohrfeige gibt, dann halte die andere Wange auch noch hin! Wenn einer dir dein Hemd nehmen will, so gib ihm auch noch den Mantel! Wenn einer von dir verlangt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann gehe zwei Meilen mit ihm! Gib dem, der dich um etwas bittet, und auch dem, der etwas von dir leihen will.

Es heißt bei euch: 'Liebt eure Freunde und haßt eure Feinde!' Ich sage aber: Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch hassen und verfolgen! Auf diese Weise handelt ihr nämlich als Kinder eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne für die Bösen wie für die Guten scheinen, und er läßt es regnen für Fromme und Gottlose. Wollt ihr etwa noch dafür belohnt werden, wenn ihr die liebt, die euch auch lieben? Das tun sogar die, die Gott verachten! Wenn ihr nur euren Freunden liebevoll begegnet, ist das etwas Besonderes? Das tun auch die, die von Gott nichts wissen. Ihr aber sollt so vollkommen sein wie euer Vater im Himmel.

Die Juden missbrauchten das Gesetz, um persönliche und kleinliche Rache zu rechtfertigen. Jesus sagt, man soll dem Bösen nicht widerstehen, es auch nicht bloß passiv dulden, sondern es mit aktiver Liebe dulden. Man soll sich nicht wehren, wenn man geschlagen, durch gerichtliche Forderungen beraubt oder von der Obrigkeit missbraucht wird (die römischen Besatzer pflegten Juden als Träger für sich einzuspannen), und wenn man um Gaben oder Leihen gebeten wird, soll man reichlich geben.
Die traditionelle Auffassung des Gesetzes sagt, liebe deinen Nächsten und hasse deinen Feind. Jesus sagt, man soll seine Feinde lieben und denen, die einem Böses tun, mit Gutem vergelten, damit man ein würdiges Kind des himmlischen Vaters ist, denn er macht es ebenso. Zu lieben, die einen lieben, ist menschlich und nichts Besonderes; zu lieben, die einen hassen, ist göttlich, und nicht weniger verlangt Jesus.

2. Wie wollte Jesus seine Worte verstanden wissen?

Wie wörtlich sind diese Worte Jesu zu nehmen? Die Antwort ist einfach: So wörtlich, wie Jesus verstanden werden wollte. Es geht also nicht darum, wie wörtlich man Jesus nehmen darf oder will, sondern wie wörtlich er es gemeint hat. Um das herauszufinden, kommen uns andere Stellen im Neuen Testament zu Hilfe, ganz besonders solche, die zeigen, wie Jesus sich in entsprechenden Situationen verhalten hat:

Joh 18,22-23  Da schlug ihm einer von den Wächtern, die neben ihm standen, ins Gesicht und rief: «So redest du mit dem Hohenpriester?» «Wenn ich etwas Böses gesagt habe, dann beweise es!» antwortete ihm Jesus. «Habe ich aber die Wahrheit gesagt, weshalb schlägst du mich?»

Joh 19,2-3  Die Soldaten flochten eine Krone aus Dornenzweigen und setzten sie ihm auf den Kopf. Dann hängten sie ihm einen purpurroten Mantel um, stellten sich vor ihn hin und spotteten: «Sei gegrüßt, du König der Juden!» Und sie schlugen ihm ins Gesicht.

Wie hat Jesus reagiert? Wir lesen nicht, dass er seine Peiniger aktiv einlud, ihm noch weitere Schläge zu geben. In einem Fall verteidigte er sich verbal und überführte den, der ihn schlug, seiner Ungerechtigkeit. Im anderen Fall erfahren wir gar nichts über seine Reaktion, wir dürfen aber aus dem gesamten Zusammenhang schließen, dass er sich nicht gewehrt hat, sondern die Misshandlungen schweigend hingenommen hat (1Petr 2,23; Jes 53,7). Über die ganze Leidensgeschichte Jesu kann man sagen: Er lebte, was er lehrte. Er schlug nicht zurück und wünschte seinen Peinigern nichts Übles. In einigen Situationen überführte er sie ihres Unrechts, in anderen Situationen schwieg er. Letztlich bat er den Vater, dass er denen, die ihn kreuzigten, vergeben möge (Lk 23,34).

In der Anwendung der Anweisung Jesu, die andere Wange hinzuhalten, geht es also um das Prinzip, die Rache Gott zu überlassen und den Angreifern Gutes zu wollen und zu tun. Jesus verwendet eine starke lebendige Sprache, die sich manchmal des Stilmittels der Überzeichnung bedient - so z.B. auch in Mt 5,29-30, wo er sagt, man solle sich das Auge ausreißen, wenn es einen zur Sünde verführt. Das heißt nicht, dass er übertreibt in dem Sinn, dass er seine Zuhörer irreführt - ihre Reaktion beweist, dass sie ihn richtig verstanden haben. Keiner hat sich ein Auge ausgerissen oder eine Hand abgehackt. Die Überzeichnung, die Jesus verwendet, ist keine Irreführung sondern eine Verdeutlichung: Er formuliert bestimmte Aussagen so überspitzt, dass kein Zweifel besteht, worauf er hinaus will.

Ähnlich ist auch folgender Text aufzufassen, der sich prophetisch auf Jesus Christus bezieht:

Jes 50,6  Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.

In Jesaja 49-57 geht es um den leidenden Gottesknecht, der Rettung bringt. In diesen Kapiteln finden sich einige der deutlichsten alttestamentlichen Prophezeiungen über Jesus Christus. In Jes 50 spricht ab Vers 4 der Gottesknecht selbst und sagt, dass er zum Jünger, zum Lernenden wurde, um die Worte Gottes zu hören, zu reden und zu tun. Er bejaht bewusst den Willen Gottes für sein Leben, obwohl er weiß, dass es ihm Leid und Schmach bringen wird. Mit dieser Einstellung wurde Jesus Christus Mensch, und mit dieser Einstellung lebte er sein ganzes irdisches Leben. "Ich bot meinen Rücken den Schlagenden" bedeutet nicht, dass er zu ihnen ging, ihnen den Rücken bot und sie bat, ihn zu schlagen. Es bedeutet einfach, dass er dieser Leidenssituation nicht aus dem Weg ging, obwohl er sie kommen sah, und dass er sich nicht wehrte, sondern die Misshandlungen im Willen Gottes erduldete.

3. Wie haben die Apostel die Worte Jesu verstanden?

Auch die Apostel wiederholten dieses christliche Prinzip immer wieder, und sie lebten auch danach.

Paulus schreibt in Röm 12,17-21 sinngemäß: Schlagt nicht zurück! Sucht die Versöhnung, den Frieden! Rächt euch nicht selbst! Tut dem, der euch angreift, Gutes! Überwindet das Böse mit dem Guten!

Auch Petrus schreibt viel zum Thema "unschuldig leiden":

1Petr 2,18-24: Petrus weist auf das Vorbild Jesu hin und sagt, die Christen sollen sich ebenso verhalten. Das macht das echte, ursprüngliche Christentum aus, dass es sich immer wieder an Jesus orientiert, dem es nachzufolgen gilt: Er hat nicht zurückgeschimpft, als man ihn beschimpfte, hat nicht gedroht, als man ihn quälte, hat auch nicht von seinen göttlichen Rechten und Kräften Gebrauch gemacht, um sich zu wehren. Ganz im Gegensatz zu der Theorie von "Jesus Christ Superstar" oder anderen verzerrten "Jesus-Theorien" litt er nicht aufgrund unglücklicher Entwicklungen und aus Mangel an Möglichkeiten zur Gegenwehr. Er hätte Legionen von Engeln zu seiner Unterstützung haben können (Mt 26,53), aber er verzichtete freiwillig darauf und verließ sich ganz auf seinen Vater, der gerecht richtet. Warum? Um den Willen des Vaters zu erfüllen und damit wir, von der Sünde befreit und geheilt, für die Gerechtigkeit leben.

In Kapitel 3,9-18 greift Petrus das Thema wieder auf: Er weist auf Christus als Vorbild hin. Ebenso sollen die Christen bereit sein, im Willen Gottes für Gutes Tun zu leiden.

4. Können wir so leben?

Wir haben jetzt gesehen, wie es Jesus gemeint hat und wie er und die Apostel danach gelebt haben. Aber können wir auch danach leben, ohne uns selbst aufzureiben?

Diese Verse in der Bergpredigt gehören für mich zu den größten Herausforderungen des Neuen Testaments. So sehr ich immer wieder mit ihnen ringe, so sehr liebe ich sie auch. Denn sie gehören zu den Stellen in der Lehre Jesu und der Apostel, die das Menschliche übersteigen. Hier wird die Spreu vom Weizen geschieden, der Christ-Schein vom Christ-Sein, der Humanismus vom geisterfüllten Leben, die soziale Ader eines Menschen von seinem Sterben und Leben mit Christus.

Was meine ich damit? Dass diejenigen Schein-Christen sind, die sich verteidigen, und diejenigen wahre Christen sind, die sich alles gefallen lassen? Nein, so einfach ist es nicht. Aber diese Forderung Christi übersteigt den edelsten Humanismus und jeden noch so hochstehenden sittlichen Maßstab, den Menschen hervorbringen können, bei weitem. Man kann diese Forderung nur erfüllen, wenn man unter der Führung des Heiligen Geistes lebt.

Röm 8,14  Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes.

So wie der erstgeborene Sohn Gottes, Christus, sich durch den Geist Gottes leiten ließ, so ist es auch genau das, was alle nachfolgenden Kinder Gottes ausmacht. Das sind diejenigen, die aus dem Geist Gottes neu geboren wurden (siehe Joh 3,1-21). Sie haben den Heiligen Geist in sich. Er ist Gottes "Führungsinstrument" für seine Kinder. Als Christ zu leben, heißt nicht, eine Liste von Ge- und Verboten zu befolgen, sondern die Gottes- und die Nächstenliebe (Mt 22,37-39) unter der Leitung des Heiligen Geistes und in seiner Kraft auszuleben. Die Leitung des Heiligen Geistes ist bei der Anwendung des Prinzips der Feindesliebe deshalb so wichtig, weil es auch Situationen gibt, in denen es richtig ist, sich mit legitimen Mitteln (nicht mit Gewalt) zu verteidigen. Das sehen wir am Beispiel von Jesus und Paulus: Jesus trieb seine Gegner oft verbal in die Enge, er deckte auch öffentlich ihre Doppelmoral auf. Solange seine Stunde (im Willen Gottes zu leiden) noch nicht gekommen war, schwieg er nicht und lieferte sich auch denen nicht aus, die ihm nach dem Leben trachteten (Lk 4,29-30; Joh 7,30; 8,20). Paulus berief sich auf sein römisches Bürgerrecht, um der Auspeitschung zu entgehen (Apg 22,23-29).

Der Schlüssel zur richtigen Anwendung in der richtigen Situation ist der Wille Gottes:

1Petr 3,17  Denn es ist besser, wenn der Wille Gottes es will, für Gutestun zu leiden als für Bösestun.

1Petr 4,19  Daher sollen auch die, welche nach dem Willen Gottes leiden, einem treuen Schöpfer ihre Seelen anbefehlen im Gutestun.

Und genau dazu braucht man die Leitung des Heiligen Geistes: um den Willen Gottes in der jeweiligen Situation zu erkennen; wann die Zeit ist zu schweigen und wann zu reden, wann zu dulden und wann sich zu verteidigen, wann zu geben bzw. zu leihen und wann zu verweigern. Die Gefahr ist groß, sich in kritischen Situationen nicht vom Heiligen Geist sondern von persönlichen Gefühlen leiten zu lassen. Man findet dann irgendwelche vernünftig klingenden Argumente, warum man jetzt nicht die Worte aus der Bergpredigt anwenden muss, sondern sich zur Wehr setzen darf. Aber statt Ausreden zu suchen, sollten wir lieber betend nachdenken, wie und wann wir diese so wichtigen und oft wiederholten Prinzipien in die Tat umsetzen können. Wer auf diese Weise Gottes Wort ernst nimmt, betend darüber nachsinnt und den Wunsch hat, Gott zu gehorchen, den wird der Heilige Geist leiten und immer mehr zur Ähnlichkeit seines Herrn umgestalten.

Wie sieht es nun z.B. mit Widerstand gegen Diktaturen aus? Widerstand ja, aber mit den richtigen Waffen, und zwar mit den geistlichen (Eph 6,10-20; 2Kor 10,2-6). Guerillakampf ist nicht Sache der Christen, Gebetskampf sehr wohl. Gewalttätigkeit ist nicht Sache der Christen, Böses mit Gutem vergelten sehr wohl. Christen kämpfen nicht mit irdischen Waffen gegen Diktaturen, aber sie verweigern Befehle, wenn diese sie klar mit Gottes Wort in Konflikt bringen (siehe z.B. Apg 5,28-29). Analoges ließe sich auch über den Umgang mit Unrecht am Arbeitsplatz, in der Familie usw. sagen.

Ähnlich ist es auch mit dem Geben und Leihen. Man kann die Aufforderung Jesu nicht vom Willen Gottes und von seinem Geist trennen. Es kann nicht immer richtig sein zu geben, worum man gebeten wird. Nehmen wir nur Eltern als Beispiel. Wenn sie das Beste für ihre Kinder wollen, werden sie ihnen nicht jeden Wunsch erfüllen. Allerdings bin ich der Meinung, dass wir Christen in den Wohlstandsgesellschaften weit öfter auf der anderen Seite vom Pferd fallen: dass wir nämlich so an unseren Besitz gebunden sind, dass wir dieses Prinzip des Gebens viel zu wenig ausleben. Auch hier gilt: Wer sich ganz unter den Willen Gottes stellt und auch bereit ist, seinen Besitz loszulassen, wo Gott es will, wird die Leitung des Heiligen Geistes erleben; er wird immer besser unterscheiden lernen, wann er wie viel geben soll. Er wird sich nicht Sorgen machen, dass er selbst auf der Strecke bleibt, denn er handelt ja im Willen eines allmächtigen und gütigen Vaters, der optimal für seine Kinder sorgt. Er wird die Fürsorge Gottes viel mehr erfahren als einer, der immer darauf bedacht ist, mehr für sich als für andere zu sorgen.

5. Fazit

Wer versucht, aus menschlicher Kraft nach den Worten Jesu zu leben, ohne dabei auf die Hilfe des Heiligen Geistes zurückzugreifen, wird sich hoffnungslos aufreiben und/oder ständig ein schlechtes Gewissen haben, weil er es nicht schafft. Wer aber durch Glauben an Jesus Christus neues Leben aus Gott empfangen hat und den Willen Gottes erkennen und tun möchte, der kann von Jesus, seinem Herrn und Heiland, lernen, unter der Leitung des Heiligen Geistes und in seiner Kraft ein Leben nach dem Willen Gottes zu führen. Gerade dadurch, dass er Böses mit Gutem vergilt, wird er ein lebendiger Zeuge der Liebe Jesu sein. Er braucht keine Angst zu haben, als der Dumme übrig zu bleiben - was kann ihm passieren, wenn Gott auf seiner Seite ist?

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