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Kommentar zu Hiob 1-2

von Benedikt Peters


I. Einleitung: Hiobs Unglück - Kap. 1-2

»Vi skall frukta och älska Gud över allting och sätta all tro och lit till honom... Den som är så stor för mig att jag helt och hållet litar på honom, känner jag samtidigt en viss fruktan för. Jag är rädd för att göra honom emot. Som kristen tror jag att både allt gott och allt ont är i Guds hand. Han kann släppa loss det onda mot mig, om han vill, och han kan dra det tillbaka, när han önskar. Vill han sända mit något gott, får jag det. Och håller han det borta från mig, kann jag omöjligt ta det till mig. Denna fasta tro är grunden för både gudsfruktan und gudsförtröstan. Och vi ser här att dessa två alltid följs åt.« (Carl Olof Rosenius: I Guds hjärta)

In diesem und im nachfolgenden Kapitel wechselt die Szene zwischen Erde und Himmel, und zwischen Hiob und seinen Söhnen und Gott und Seinen Söhnen. Als erstes bekommen wir ein Bild von Hiobs Rechtschaffenheit in seiner Wohlfahrt (1. & 2.), dann von seiner Rechtschaffenheit in seinem Unglück (3. bis 5.):

  1. Hiob und seine Söhne - auf der Erde  1,1-5
  2. Gott und Seine Söhne - im Himmel  1,6-12
  3. Hiob und seine Söhne - auf der Erde  1,13-22
  4. Gott und Seine Söhne - im Himmel  2,1-6
  5. Hiob und seine Frau - auf der Erde  2,7-10

Dieses auffällige Wechseln will uns zeigen, wie alles Geschehen auf der Erde vom Himmel über uns abhängig ist. Was der Himmel beschließt, geschieht auf der Erde, und wie man auf der Erde handelt, wird im Himmel vermerkt.

Kapitel 1

1. Hiob und seine Söhne - auf der Erde  1,1-5

V 1-3 beschreiben uns den Mann Hiob, d.i. seinen Charakter und seinen Besitz. All das dient dazu, damit wir verstehen, wie viel ihm genommen wurde, aus wie großer Höhe er hinabgeworfen wurde und wie groß dementsprechend sein Leiden war.

Hiobs Name steht für das unendliche Interesse, das der Himmel an ihm und damit an jeder erlösten Seele hat. Der Herr liebt die Seinen, und diese Liebe äußert sich unter anderem auch darin, dass Er sie mit Namen kennt und mit Namen ruft (2Mo 1,1; Jes 43,1). Der Name Hiobs wird zuerst genannt, denn die Identität eines Menschen ist an ihm das Erste und Wichtigste.

Sodann wird Hiobs Charakter beschrieben. Er war ein Mann von tadelloser Sittlichkeit, die sich darin bewies, dass er Gott fürchtete und das Böse mied. Der Charakter eines Mannes ist wichtiger als sein Besitz; wichtiger ist, was einer ist, als was einer hat.

Als nächstes wird Hiobs Familie genannt. Er hatte eine Frau und er hatte Söhne und er hatte Töchter. Das ist das Drittwichtigste; denn noch immer wichtiger als der Besitz ist die Gemeinschaft, in der einer steht. Hiobs Beziehungen zu seiner Familie waren lieblich, wie uns die Vv.4-5 zeigen. Er liebt seine Kinder, darum freut er sich an den Dingen, die sie erfreuen. Warum sollten sie nicht zusammen sein bei geselligem Mahl? Aber er liebt sie noch mehr als nur so; denn er ist um den geistlichen Zustand seiner Kinder besorgt, und er tut das, was ein persönlich Gerechter allein für sie tun kann: Er tritt priesterlich für sie ein.

Als letztes wird sein Besitz beschrieben. Er war groß, aber nicht das war es, was Hiob zur Ehre gereichte, sondern die Tatsache, dass er erstens wusste, dass sein Leben nicht in seiner Habe bestand (Lk 12,15; und siehe Kommentar zu Hi 1,21), und dass er seinen Besitz gut gebrauchte (Kap 29; siehe 1Tim 6,17).

1 Es war ein Mann im Land Uz, sein Name war Hiob; und dieser Mann war vollkommen und rechtschaffen und er fürchtete Gott und mied das Böse.

»ein Mann im Land Uz«:  Der Name des Landes kann von einem frühen Siedler und Bewohner des Landes stammen, wie das beispielsweise auch bei Kanaan, Kusch und Mizraim (1Mo 10,6) der Fall ist. Wir begegnen dreimal dem Personennamen Uz: So hieß ein Enkel Sems (1Mo 10,23), ein Sohn Nahors (1Mo 22,21) und ein Nachfahre Esaus (1Mo 36,28). Es kommen nur die beiden zuerst Genannten als Stammväter des Landes Hiobs in Frage.

Wurde das Land Hiobs nach einem der acht Söhne Nahors, des Bruders Abrahams (1Mo 22,21), benannt, dann wäre Hiob ein Zeitgenosse der Patriarchen. Gehörte nun Hiob in jene Zeit, die noch so nahe am Gericht über den Turmbau von Babel und noch näher am Gericht über Sodom und Gomorra stand, und wohnte er im Land, das die Erzväter bewohnt hatten, dann verwundert uns die Erkenntnis Hiobs, seiner Freunde und Elihus über Gott und seine Werke nicht. Allerdings sprechen einige Indizien dafür, dass Hiob noch vor Abraham gelebt haben könnte. Abraham und seine Angehörigen waren schon Götzendiener. Der einzige Götzendienst, von dem das Buch Hiob spricht, ist die Verehrung der Sterne. Hiob wurde über 200 Jahre alt, also älter als Abraham mit seinen 175 Lebensjahren (1Mo 25,7). Unter den göttlichen Gerichten, von denen sowohl Hiob als auch seine Freunde sprechen, erwähnen sie die Sinftlut, nicht aber die Umkehrung Sodoms und Gomorras.

»sein Name war Hiob«: Geographische Namen und Personennamen sind Merkmale historischer Schilderungen. Der Autor des Buches macht von Anfang an deutlich, dass er es nicht als ein Gleichnis, sondern als ein historisches Geschehen verstanden wissen will. Zudem sprechen auch der Prophet Hesekiel und der Apostel Jakobus von Hiob als einer historischen Gestalt (Hes 14,14; Jk 5,11).

Der Name Hiob, hebr. ’ijjôb, war  im 2. Jahrtausend im vorderen Orient bekannt; verschiedene kanaanäische Edelleute hießen so, er war im alten Mari am Oberlauf des Euphrat bekannt, und ein ägyptischer Text aus dem 19. vorchristlichen Jahrhundert erwähnt einen Hiob. Die Keilalphabet-Texte aus der Nordkanaanäischen Hafenstadt Ugarit aus dem 14. Jahrhundert erwähnen einen Ajab ebenso wie die gleichzeitigen Amarna-Briefe, Berichte von kanaanäischen Königen an die ägyptischen Pharaonen Amenophis III und IV. Der Name ’ijob bedeutet »Wo ist der Vater« und erinnert uns an den Namen ’ikâbôd, »Wo ist die Herrlichkeit« von 1Sam 4,21.

Es heißt von Hiob, er sei »vollkommen, rechtschaffen«, und »er fürchtete Gott und mied das Böse«. Die Gerechtigkeit Hiobs wird hier vom Historiker bezeugt; wenig später hören wir, dass Gott diese Zeugnis bestätigt. In den Kapitel 29-31 spricht Hiob selbst von seiner Rechtschaffenheit. Er fürchtete Gott, und darum schrieb er erstens Gott seine ganze Wohlfahrt zu (Kap 29), und darum mied er das Böse (Kap 31). Dass der Leidende gerecht ist, ist ein wichtiger Bestandteil der Dramatik des ganzen Buches. Wäre er ein Gottloser oder ein Heuchler gewesen, hätte sein Leiden keine Fragen geweckt.

»vollkommen«, tâm, bedeutet eigentlich »vollständig, ganz, ungeteilt«. Hiob war ungeteilt Gott ergeben.

»rechtschaffen«, jâschar, bedeutet auch »aufrichtig; redlich«. Hiob war ein Mensch ohne Hintergedanken, er war kein Schauspieler, der nach außen anders aussah, als er innerlich dachte.

»er fürchtete Gott«: Es ist bemerkenswert, dass sich im allerersten Buch der Weisheit schon im allerersten Vers diese Aussage findet über die Substanz aller Weisheit: Gottesfurcht, die den Weisen lehrt, das Böse zu meiden. In Kap 28,28 sagt Hiob selbst: »Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand.« Wer Gott wirklich erkennt, muss ihn fürchten; und wer Gott fürchtet, beweist damit, dass er Gott wirklich erkannt hat. Hiob »mied das Böse«. Das ist der sichtbare Beweis für die Gottesfurcht (Spr 3,7; 8,13)

2 Und es wurden ihm geboren sieben Söhne und drei Töchter.
3 Und sein Besitzt betrug siebentausend Schafn und dreitausend Kamele und fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen, und sein Gesinde war sehr zahlreich. Dieser Mann war größer als alle Söhne des Ostens.

Zur Wohlfahrt Hiobs gehören seine zahlreichen Kinder. Kinder sind nach Ps 127,3 ein »Erbteil des Herrn« und »eine Belohnung«. Zweitens äußerte sich die von Gott geschenkte Wohlfahrt in seinem großen Reichtum, der an der Größe seiner Herden gemessen wurde (wie bei den Erzvätern 1Mo 13,5-6; 24,35).

4 Und seine Söhne gingen hin und machten im Haus eines jeden ein Gastmahl an seinem Tag; und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern, um mit ihnen zu essen und zu trinken.
5 Und es geschah, wenn die Tage des Gastmahls herum waren, da sandte Hiob hin und heiligte sie; und er stand am Morgen früh auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob sprach: Vielleicht haben meine Kinder gesündigt und sich in ihrem Herzen von Gott losgesagt. So handelte Hiob jedesmal.

»an seinem Tag«: Das könnte heißen an seinem Geburtstag. Dann hätten die Kinder Hiobs zehnmal im Jahr ein solches Fest gefeiert. Die beiden Verse 4 und 5 wollen uns auf die nächste Szene vorbereiten, in welcher der Teufel Hiob unterstellt, er diene Gott nur aus Eigennutz, seine ganze Frömmigkeit sei also nur eine gespielte Sache. Hier wird dem Leser gezeigt, dass das nicht zutraf. Hiob war bekümmert um das, was »in ihrem Herzen« war.

»Er brachte sühnende Opfer für seine Kinder dar. Konnte er ihnen auch keine offensichtliche Schuld nachweisen, so könnte doch in ihrem Herzen, verborgen in Gedanken eine Lästerung Gottes oder auch nur eine flüchtige Absage an Gott Raum bekommen haben. So zart empfand das Gewissen des Vaters...« (Hans Brandenburg: Hiob, S. 5).

Er selbst fürchtete Gott in seinem Herzen und wusste darum, dass äußerliches Wohlverhalten nicht genügte und dass Reichtum kein Beweis für Gottes Wohlgefallen war. Er war also gerade nicht eine Krämerseele, die dachte, man könne sich mit Religion die Gunst des Allerhöchsten und damit Wohlfahrt erkaufen, weshalb es sich allemal lohne, Gott im Mund zu führen und sich fromm zu halten.

2. Gott und Seine Söhne - im Himmel  1,6-12

Hier wird der Dialog zwischen Gott und dem Satan beschrieben, ohne den Hiobs Ergehen nicht zu erklären ist. Es ist dieser Blick in den Himmel, der uns Licht gibt in alles rätselhafte Geschehen auf der Erde. Dieser auffällige Wechsel von der irdischen zur himmlischen Szene will uns zeigen, woher alles Wohl und alles Wehe im Leben des Menschen kommt. Die irdische Szenerie ist von der himmlischen determiniert; im Himmel entscheidet sich, was auf Erden letzten Endes geschieht. Glückselig der Mensch, der es glaubt! Die Freunde Hiobs und Hiob selbst irren genau deshalb, weil sie das Geschehen im Himmel nicht kennen, in ihrer Unwissenheit aber versuchen zu erklären und zu begründen, was ohne dieses Wissen unerklärbar ist.

Das, was der Widersacher Gottes beim Sündenfall mit Erfolg  dem Menschen ins Herz säte,  ist aufgegangen. Im Buch Hiob wird uns ein Blick hinter die Welt der Erscheinungen gewährt, und wir sehen, was fortwährend die Absicht des Versuchers, Verführers und Verderbers ist: Satan will den Menschen dazu verleiten, sich endgültig von Gott loszusagen, indem er ihn auf alles Leiden, auf alles Böse aufmerksam macht, das in der Welt geschieht. Wie kamen denn Schmerz, Mühsal und Tod (1Mo 3,16-19) in die Schöpfung? Durch die Anstiftung Satans und die Einwilligung des Menschen.

So groß ist seine Tücke: Er, der Urheber des Bösen, redet dem Mitarbeiter zum Bösen ein, Gott sei an allem schuld. Er reizt ihn auf, sich gegen Gottes Fügen und Schicken zu empören: Das soll ein Gott der Liebe sein? Wo ist da Gerechtigkeit? Und wie ein gelehriger Schüler wiederholt der Mensch brav, was ihm eingeflüstert wird:

»Wie kann Böses in einer von einem gerechten Gott geschaffenen und regierten Welt sein? Und wie kann Gott Leid zulassen, wenn Er ein Gott der Liebe ist?«

Salomo hat im Buch der Sprüche zugegeben, dass er diese Frage nicht zu beantworten weiß; er sagt nämlich, dass »der Weg der Schlange auf dem Felsen« für ihn zu wunderbar sei, als dass er ihn verstehen könne (Spr 30,18-19):

Welches ist der Weg, den die Schlange genommen hat, um in eine Schöpfung einzudringen, die der gerechte Gott, der ein Fels und frei von Trug ist (5Mo 32,4), geschaffen hat? Und welches ist der Weg, auf dem sich die Schlange fortwährend in Gottes Schöpfung bewegt, ja sogar, wie gerade das Buch Hiob zeigt, in Gottes Gegenwart treten kann? Wie kann der Böse beständig die Brüder vor Gottes Thron im Himmel verklagen (Off 12,10)?

»Wie kam in Gottes gute Welt die Sünde hinein? Ich glaube, es gehört zum Wesen der Sünde, dass wir sie nicht erklären können. Weil wir in der Sünde sind, ist unser Verstand von ihr verdunkelt, so dass wir auf diese Frage keine Antwort wissen. Es ist ein unerklärbarer und für unsere Vernunft unverständlicher Tatbestand, dass die Sünde in Gottes Welt hineingekommen ist. Es muss wohl unerklärt bleiben, denn wenn man sie erklären könnte, dann wäre ja die Sünde nicht eine Durchbrechung von Gottes Welt« (Paul Humburg: Ewige Erwählung)

Wir bekommen nicht alle Antworten auf diese Fragen; Gott aber sagt uns genug, damit wir in dieser Welt und in der Zeit Ihm dienen und den Bösen überwinden können.

Damit wir am Bösen in der Welt, im Leben der Glaubenden und inmitten des Volkes Gottes nicht irre werden, sondern uns bei allem vertrauensvoll unter Gottes mächtige Hand demütigen, sagt uns Gott soviel, wie wir wissen müssen über das »Wie?« des Bösen und das »Wozu?« seines Fortbestehens.

Wie ist der Böse?

Wir sollten bei alledem nicht vergessen: Er ist ein Geschöpf und als solches den Begrenzungen der Geschöpfe unterworfen, d.h.:

Wozu dient das Wirken des Bösen?

Gott versteht es in Seiner Weisheit, in Seiner Allmacht und in Seiner Liebe den Bösen und das Böse für Seine Ziele einzusetzen. Er verwendet den Teufel als Zuchtrute in Seiner Hand. Die Reformatoren nannten ihn deshalb »das Werkzeug des Zornes Gottes«. Und Er verwendet den Teufel dazu, Seine Absichten des Segens und Heils vorantzutreiben. Bei allen bösen Plänen und allem bösen Tun hat der Widersacher anderes im Sinn als Gott. Er will nur verderben, aber das Ergebnis ist ein anderes. Wir haben zahlreiche Beispiele dafür in der Bibel:

6 Eines Tages geschah es, dass die Söhne Gottes kamen, um sich vor den HERRN zu stellen; und auch der Satan kam unter ihnen.

Wer sind »die Söhne Gottes«, b’nê hâ-’ælôhîm? In 38,7 werden sie als Zeugen bei der Erschaffung der Welt erwähnt. Sie sind damit Geistwesen, die erschaffen waren, bevor das materielle Universum existierte, also Engel. Dass Engel Gottes Thron umgeben, wissen wir aus Jes 6,2-3 und Off 5,11 u. a. In Ps 103,20-21 erkennen wir, dass die Engel, die Gott dienen, auch »seine Heerscharen« genannt werden. 1Kö 22,19 nennt sie alle »das Heer des Himmels«. In Ps 29,1 werden die Engel »Söhne der Starken«,  b’nê ’êlîm d. h. »Söhne Gottes« genannt. Ferner ist an 1Mo 6,2 zu erinnern, wo mit den »Söhnen Gottes« wahrscheinlich auch Engel gemeint sind. Sie heißen Söhne Gottes, weil sie Geistwesen sind und Er der Vater der Geister ist (vgl. Heb 12,9; Eph 3,14-15). Sie heißen auch Söhne, weil sie von Gott erschaffen sind. Keiner von ihnen heißt allerdings Sohn Gottes (Einzahl). Der Sohn Gottes ist der Eingeborene, unser Herr und Retter Jesus Christus (Heb 1,5).

Alle Engel müssen vor Gott erscheinen. Sie sind von Ihm »Gesandte« (siehe Luk 1,26) - das bedeutet  mal’âk, das hebräische Wort für »Engel« -  und müssen daher vor Ihm erscheinen und Rechenschaft ablegen, wenn Er sie ruft. Er ist der HERR ts’bâ’ôt, der Herr aller himmlischen Heerscharen. Sie sind seine Diener (Ps 103,20). Das ganze Universum dient Gott, alles ist Seinem Thron unterworfen, auch das Böse und der Böse; denn auch der Satan muss vor Gott erscheinen. Er ist wie die Söhne Gottes auch ein »Sohn Gottes«, denn er hat die gleiche Natur wie die Engel; aber sein Charakter ist ein ganz anderer geworden.

7 Da sprach der HERR zum Satan: Wo kommst du her? Da antwortete der Satan dem HERRN: Vom Durchstreifen der Erde und vom Umherwandeln auf ihr.
8 Da sprach der HERR zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Ein Mann wie er ist kein zweiter auf der Erde: Er ist vollkommen und rechtschaffen, er fürchtet Gott und meidet das Böse.

»Da sprach der HERR zum Satan«: Der Herr ist es, der zuerst zu Satan redet, nicht umgekehrt. So geht alles Geschehen um Hiob von Gott aus; Er ist allezeit der Erste; Er ist Anfänger und Urheber und auch Lenker aller Dinge. So ist alles, was Hiob befällt, von Gott zuvor verordnet; nichts ist Zufällig; nichts an ihm geschieht ohne göttliche Absicht; alles muss dem Ziel und Ende dienen, das Gott dem Hiob bereitet hat. Er hat an Hiobs Weg und Ausgang gedacht, lange bevor der Satan sich seinen Anschlag gegen Hiob ausgedacht hatte. Wie großartig, das zu wissen! Der Böse ist nicht autonom, er kann nicht tun, was ihm einfällt; alles Böse, was er mir antun mag, ist unter Gottes Hand; von Gott erkannt, zuvorerkannt, Gottes Vorsatz und Regierung untertan. Was will der Böse mir dann anhaben? Das Kind Gottes weiß, dass Gott für ihn ist. Wer und was will dann wider ihn sein? Er weiß, dass ihn nichts scheiden kann von der Liebe Gottes in Christus Jesus.

9 Da antwortete Satan dem HERRN: Ist es umsonst, dass Hiob Gott fürchtet?

»Ist es umsonst, dass Hiob Gott fürchtet?« Mit dieser Frage hinterfragt der Satan Gottes Gerechtigkeit und Hiobs Aufrichtigkeit.

Wenn Gott einem Menschen besonders Gutes tut, dann sagt der Gottlose genau wie der Satan, Gott sei ungerecht. Wenn der Herr gewissen Menschen unverdient Gutes gibt, dann schaut das Auge des Sünders böse (Mt 20,15). Nun lehrt uns die Bibel aber: Gott wird keinen Menschen unverdient strafen, aber Er wird vielen unverdient Gutes tun. Er wird niemanden je zum Bösen verleiten, aber er wird viele daran hindern, Böses zu tun. Er wird niemandem je einen bösen Gedanken eingeben, aber er wird vielen den Wunsch und den Willen eingeben, das Gutes zu wählen und zu suchen (Phil 2,13). Dass Gott so handelt, ist dem Widersacher Gottes und dem gefallenen Menschen ein Ärgernis.

Die Frage Satans will auch besagen, dass Hiob Gott nur fürchtet, weil das ihm nützt. Segond übersetzt: »Est-ce d’une manière désintéressée que Job craint Dieu - Fürchtet Hiob etwa Gott ohne Eigennutz?«

Wie bezeichnend ist das Reden Gottes und das Reden Satans: Gott sieht an Hiob Rühmliches; Satan sieht nur Böses, oder genauer: Wenn er nichts Böses sieht, dann muss er Hiob böse Beweggründe unterstellen. Satan tut mithin zwei Dinge:

Beides findet ein Echo in den Protagonisten des Buches:

10 Hast du nicht selbst ihn und sein Haus und alles, was er hat, ringsum eingezäunt? Du hast das Werk
seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Land.

»Hast du nicht ihn und sein Haus...eingezäunt«: Gott hat Hiob wie in einen eingehegten Garten gestellt. Ist es da ein Wunder, dass Hiob Gott ergeben ist, da es ihm doch so gut geht? Ja, es ist ein Wunder; denn der Mensch war, wie der Satan wohl weiß, einmal in einem weit schöneren Garten gewesen und hatte nur unvermischtes Glück genossen; und doch war er von Gott abgefallen, hatte Er sich offen von Gott losgesagt. Dass Hiob Gott liebt inmitten eines zwar gesegneten, aber doch auch mühevollen und mit Sorgen beladenen Lebens, ist ein Wunder göttlicher Gnade. Aber wir werden noch Größeres zu sehen bekommen.

11 Aber strecke einmal deine Hand aus und taste alles an, was er hat, ob er dir nicht ins Gesicht absagt.

»aber strecke einmal deine Hand aus...«: Wenn Adam im Paradies fiel, gegen den Gott Seine Hand nicht ausgestreckt hatte, der kein Leiden, keinen Schmerz gekannt hatte, dann würde sich Hiob erst recht von Gott lossagen, wenn es ihm plötzlich nicht mehr so gut gehen würde. Das ist Satans logisch scheinendes Kalkül. Dass Hiob aber an seinem Gott bleibt - mit Schwierigkeiten zwar, aber doch -, ist ein unermessliches Wunder der göttlichen Gnade; ein Wunder, das alle andern von Gott an Menschen erwiesenen Wunder übertrifft. Welch Wunder, dass Er Sünder so hat umgestalten können, dass sie nunmehr an ihrem Gott hangen, und auch dann an Ihm hangen, wenn alles gegen sie ist! Das ist das Wunder eines jeden Erlösten; diese sind wahrhaftig »Männer des Wunders« (Sach 3,8). Sind wir hier und jetzt schon so verändert worden, dass wir Gott dienen und Seinem Willen untertan sein wollen, dann begreifen wir, dass der erlöste Sünder sicherer steht als einst der Mensch in Unschuld. Adam fiel ohne Not; der Erlöste fällt nicht trotz aller Not. Das lehrt uns auch, dass es nie mehr ein Abfallen wird geben können; denn: Wenn wir uns unter bittersten Umständen nicht von Gott lossagten, dann werden wir es in den herrlichsten Umständen, also im Himmel, erst recht nicht tun.

12 Da sprach der HERR zum Satan: Da, alles, was er hat, ist in deiner Hand; nur nach ihm strecke deine Hand nicht aus. Und der Satan zog aus vom Angesicht des HERRN.

»in deiner Hand« bedeutet »in deiner Gewalt«. Gott gibt Satan Gewalt über Hiob. Ohne Gott könnte er nichts tun; er hätte keine Macht, und er könnte sie nicht gegen jemanden verwenden. Er ist in allem unter Gottes Regiment. Es ist Gottes Absicht, dass Hiobs Gerechtigkeit erprobt werden und sich gegenüber Satans Unterstellungen bewähren soll. Durch das Feuer der Erprobung wird sich zeigen, dass Hiobs Glaube köstlicher ist als das Gold, das vergeht, und das wird Gott zur Herrlichkeit und Hiob zur Ehre sein (1Pet 1,7).

»nur nach ihm strecke deine Hand nicht aus«: Gott setzt dem Wirken Satans eine Grenze, die dieser nicht überschreiten kann, er müsste denn Gott selbst überwinden. Das wird aber nie geschehen, weil Gott allmächtig ist, und weil Gott nie und nirgends aufhören kann, Gott zu sein.

»der Satan zog aus«: Hier steht das Verb jatsâ’, das üblicherweise verwendet wird für das Ausziehen eines Heeres in den Streit (siehe 1Sa 8,20; Jes 42,13; Sach 14,3). Satan zieht tatsächlich aus, um Hiob anzufallen. Bis zum Ende der Tage führt er Krieg gegen die Heiligen (Off 13,7).

3. Hiob und seine Söhne - auf der Erde  1,13-22

13 Eines Tages,  während seine Söhne und seine Töchter im Haus ihres erstgeborenen Bruders saßen, aßen und Wein tranken,
14 da kam ein Bote zu Hiob und sprach: Die Rinder waren am Pflügen und die Eselinnen weideten neben ihnen,
15 da fielen Sabäer ein und nahmen sie weg, und die Knechte erschlugen sie mit der Schärfe des Schwertes; und ich kam davon, nur ich allein, um es dir zu berichten.
16 Dieser war noch am Reden, da kam ein nächster und sprach: Feuer Gottes fiel vom Himmel und verbrannte das Kleinvieh und die Knechte und verzehrte sie; und ich kam davon, nur ich allein, um es dir zu berichten.
17 Dieser war noch am Reden, da kam ein nächster und sprach: Die Chaldäer bildeten drei Haufen und fielen über die Kamele her und nahmen sie weg, und die Knechte erschlugen sie mit der Schärfe des Schwertes; und ich bin entronnen, nur ich allein, um es dir zu berichten.
18 Dieser war noch am Reden, da kam ein nächster und sprach: Deine Söhne und deine Töchter aßen und tranken Wein im Hause ihres erstgeborenen Bruders;
19 und da! ein starker Wind kam von jenseits der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses, und es fiel auf die jungen Leute, und sie starben; und ich kam davon, nur ich allein, um es dir zu berichten.

a) Hiob wird alles genommen  1,13-19

Vv. 13-19 beschreiben, wie vier in kurzer Folge ausgeteilte Schläge Satans Hiob um seinen ganzen Besitz bringen. Der Satan hatte Gott mit der Feststellung herausgefordert und gesagt, Hiob diene ihm nur, weil Gott ihm so viel Gutes gegeben habe; nun wird ihm all dieses Gute genommen.

Die Hiob sein Gut rauben, sind die Sabäer und Chaldäer; dennoch sagt Hiob, Gott habe ihm sein Gut genommen (V.21). Wie ist dieser scheinbare Widerspruch zu verstehen? Die Menschen hätte Hiob nichts rauben können, hätte Gott es ihnen verwehrt. Nun Er ihnen aber in dieser Sache freie Hand gewährte, folgten sie sofort ihrer sündigen Lust auf Besitz und stahlen ihrem Nachbarn, was ihnen nicht gehörte. Sie taten damit Böses, das Gott ihnen als Schuld anrechnet und wofür Er sie richten wird. Das Böse ist immer des Menschen, nie Gottes. Gott treibt niemanden an, Böses zu tun, vielmehr tut der Sünder Böses, wo immer sich Gelegenheit und Freiraum dazu bieten. Hielte Gott ihn nicht zurück, täte er viel mehr Böses. Das können wir ganz deutlich am Urheber des Bösen ablesen: Er lässt erst dann von seinem bösen Treiben, wenn Gott ihn einsperrt (Off 20,1-3), und er nützt den Freiraum, Böses zu tun, sofort aus, sobald er aus seinem Gefängnis losgelassen wird (Off 20,7). Wie der Teufel, so handelt auch der Sünder. Er tut immer nach den Begierden seines Vaters, des Teufels (Joh 8,44). In Spr 21,1 sagt uns Salomo, dass Gott die Herzen der Könige wie Wasserrinnen lenkt. Wie lenkt der orientalische Bauer das Wasser? Indem er Deiche öffnet und schließt. Das Wasser läuft immer von selbst zum tiefsten Punkt hin. Soll es nicht weiter abwärts fließen, muss der Bauer es daran hindern. Soll es weiter fließen, nimmt er das Hindernis weg. Ebenso lenkt Gott das Herz des Sünders. Er strebt immer zum Bösen; seine Natur sucht von selbst den sittlich tiefsten Punkt. Nun hindert Gott uns in Seiner Vorsehung daran, all das Böse zu tun, was in unserem Herzen haust (Mk 7,20-23). Soll nun ein Mensch nach Gottes Willen etwas Böses tun, dann lockert Gott lediglich die Fessel, die ihn bis dahin hinderte, nach der Lust seines Herzens zu handeln. Er muss nie gedrängt werden, das Böse zu tun. Er tut es mit Willen und mit Lust. Darum ist er, obwohl er dabei ein Werkzeug in Gottes Hand sein mag, für sein sündiges Tun immer schuldig.

Wie wird im Licht des hier beschriebenen Geschehens der Mensch offenbar! Gott löst für einen Augenblick die Fessel, die seinen Fuß vom Weg des Raubens und Mordens zurückhält, und er nutzt seine Freiheit sofort, um der Gier seines Herzens zu folgen. Einen heilsgeschichtlichen Beleg für dieses Prinzip bietet das Aufkommen des Menschen der Sünde (2Thes 2,3). Er wäre längst aufgetreten, hielte Gott ihn nicht zurück. Erst wenn Gott Fesseln, die ihn zurückhalten löst, wird er das tun, was er schon immer wollte (2Thes 2,6-7).

Es war Satan, der die Sabäer und Chaldäer dazu antrieb, Hiobs Gut zu rauben und seine Knechte zu töten. Für diese Anstiftung zum Bösen wird Gott ihn strafen, wie Er die Schlange dafür strafte, dass sie die ersten Menschen dazu verleitete, sich gegen Gott zu erheben (1Mo 3,14). Hier musste der Satan seine Werkzeuge freilich nicht lange überreden, da sie nichts so gerne taten wie eben das von ihm Gewünschte. Darum kann der Mensch nicht dem Satan die Schuld geben für seine Sünden. Er selbst wählt die Sünde und tut die Sünde und muss darum für die Sünde bestraft werden. Ebenso mussten die ersten Mensch selbst die Folgen ihrer Auflehnung gegen ihren Schöpfer tragen (1Mo 3,16-19).

Und ein Drittes lernen wir aus dieser Schilderung: Es ist Gottes Macht, die Festigkeit der Zeiten und Wohlfahrt sichert. Sobald Er Seine bewahrende Hand nur einen Augenblick zurückzieht, bricht die Macht der Zerstörung und des Todes über den Menschen herein. Schuldet es Gott irgend einem Menschen, dass Er ihn vor den Mächten der Zerstörung bewahrt? Wer hat denn den Menschen diesen Mächten ausgesetzt? Doch der Mensch selbst. Er sündigte und gab sich damit dem Tod preis. Gott hätte jedes Recht, den Menschen diesen Mächten zu überlassen, die er wählte, als er Gott verwarf. Dass Gott ihn nun aber bewahrt und schützt, dass er dafür sorgt, dass wir in Frieden leben können und wohl versorgt sind, ist ein Ausdruck Seiner unbegreiflichen Menschenfreundlichkeit (siehe Mt 5,43-48).

b) Hiob betet Gott an  1,20-22

Drei Dinge machen Hiobs Schmerz groß:

20 Da stand Hiob auf und zerriss sein Gewand und schor sein Haupt; und er fiel zur Erde nieder und betete an.

Hiob »zerriss sein Gewand« (wie einst auch ein Jakob, 1Mo 37,29-34 und später ein David 2Sam 15,32), denn er ist kein Stoiker, kein gefühlloser Buddha; nein, er ist ein Knecht Gottes, der tief fühlt und heftig leidet. Darum zerreißt er sein Gewand und schert sein Haupt. Das Große an ihm ist nicht, dass er für schmerzliche Verluste empfindungslos ist, sondern dass er tief empfindet, und Gott dennoch anbetet.

Hiob »schor sein Haupt« als weiterer im alten Orient üblicher Gestus des Schmerzes und der Trauer (vgl. Jes 15,2; Jer 16,6; Hes 27,31).

21 Und er sprach: Nackt bin ich aus dem Leib  meiner Mutter gekommen, und nackt werde ich dahin zurückkehren. Der HERR hat gegeben, und der HERR hat genommen, der Name des HERRN sei gepriesen!

Wir müssen die Antwort Hiobs auf sein Unglück bewundern: Er bekennt, dass Gott, der ihm all dieses Gute gegeben, auch das Recht hat, es ihm wieder zu nehmen. So, wie er ohne Besitz auf die Erde gekommen war, so werde er auch ohne Besitz wieder von ihr gehen (Pred 5,15; 1Tim 6,7). Dass dies nicht etwas Ausdruck eines bloßen Fatalismus war, zeigt seine dritte Aussage: Der Name des Herrn soll in allem gepriesen werden!

Nackend lag ich auf dem Boden,
Da ich kam,
Da ich nahm
Meinen ersten Oden,
Nackend werd ich auch hinziehen,
Wann ich werd
von der Erd
Als ein Schatten fliehen.

Gut und Blut, Leib, Seel und Leben
Ist nicht mein;
Gott allein
Ist es, der’s gegeben.
Will er’s wieder zu sich kehren,
Nehm er’s hin;
Ich will ihn
Dannoch fröhlich ehren.

(Paul Gerhard, Christliches Freudenlied, 2. und 3. Strophe)

Mit seinem großartigen Bekenntnis beweist Hiob, dass er Gott nicht deshalb dient, weil das ihm einen Vorteil bringt. Damit ist die Lüge, die Satan vor versammeltem himmlischem Rat ausgesprochen hatte, widerlegt. Und Hiob beweist noch etwas: Er weiß, dass das Leben des Menschen nicht in seiner Habe besteht (Lk 12,15), sondern in etwas unendlich Höherem: in der rechten Beziehung zu Gott (Joh 17,3).

Augustin verwies auf die Leiden Hiobs, als die Heiden auf die Leiden der Christen verwiesen als Beweis der Verwerflichkeit des christlichen Glaubens:

»Endlich ist noch ein Grund, um deswillen auch über die Guten zeitliche Plagen verhängt werden, nämlich der des Hiob: Der menschliche Geist soll erprobt und sich darüber klarwerden, ob seine Kraft frommer Hingabe groß genug ist, Gott ohne Lohn zu lieben.« (Augustin, De civitate Dei, I, 9).

Wir haben gesehen, was Hiob nicht sah; wir wissen, dass Gott die ganze Zeit für seinen Knecht ist, dass er nie sein Feind wird; und wir wissen Hiobs Ende. Ihm selbst aber blieb nichts als das Vertrauen auf einen Gott, von dem er wusste, dass Er gerecht ist. Dieses Vertrauen schlug sich in der Anbetung Hiobs nieder. Erst als Hiob dieses Vertrauen  vorübergehend wegwarf (vgl. Heb 10,35), mochte er nicht mehr Gott die Ehre geben und sich unter Gottes mächtige Hand demütigen. Welch großartigen Anblick bietet aber der Erzvater hier, wie er mit geschorenem Haupt und zerrissenem Gewand anbetend vor Gott auf dem Angesicht liegt! Wie hat das den Widersacher und Schmäher Gottes beschämt, und wie haben alle Engel im weiten Himmelssaal  die Weisheit des Gottes bewundert, der es fertiggebracht hatte, aus einem ehemaligen Sünder und Rebellen, wie es auch ein Hiob war, einen Diener zu machen, der Gott unter allen Umständen ergebenen war (Eph 3,10).

22 Bei alledem sündigte Hiob nicht und schrieb Gott nichts Ungereimtes zu.

Wir beachten, dass Hiob nicht sagte: Der Herr hat gegeben, Satan hat genommen. Nein, der Herr hatte ihm genommen. Es war wohl Satans Bosheit, die Hiob übel wollte, aber es war doch Gottes Hand, die Satan lenkte. Hiob und dessen ganzer Besitz waren in Gottes, nicht in seiner eigenen und nicht in Satans Hand. Wir schreiben Gott nichts Ungereimtes zu, wenn wir mit Hiob bekennen, dass Unbill und Tod von Gott gesandt werden (Am 3,6b). Die Bibel lehrt uns tatsächlich, dass Gott auch der creator mali, der Schöpfer des Übels ist (Jes 45,5-6). Wir entehren hingegen Gott, wenn wir sagen, es sei der Teufel, der den Heiligen Besitz und Leben nehme.

Eine Zwischenbetrachtung:

Die Engel nehmen lebhaften Anteil an Gottes Wirken an den Menschen und am Ergehen der Erlösten: Engel kündigten die Empfängnis des Retters an (Lk 1); und Engel verkündigten die Geburt des Retters (Lk 2). Engel waren Zeugen der Gefangennahme  (Mt 26,53), des Todes, der Auferstehung und der Erhöhung des Herrn (Apg 1,10-11; 1Tim 3,16). Engel haben Teil an Gottes Freude über die Umkehr eines Sünders (Lk 15,10). Die Christen sind außerhalb (1Kor 4,9) und innerhalb der Zusammenkünfte (1Kor 11,10; 1Tim 5,21) den Engeln ein Zeugnis (Eph 3,10). Engel begehren Einsicht zu gewinnen in Gottes Ratschlüsse der Gnade mit Sündern (1Pet 1,12), und Engel sind es, die den begnadigten Sünder nach seinem Tod in den Schoß Abrahams tragen (Lk 16,22).

Kapitel 2

4. Gott und seine Söhne - im Himmel  2,1-6 

1 Eines Tages geschah es, dass die Söhne Gottes kamen, um sich vor den HERRN zu stellen; und auch der Satan kam unter ihnen, um sich vor den HERRN zu stellen.
2 Da sprach der HERR zum Satan: Wo kommst du her? Da antwortete der Satan dem HERRN: Vom Durchstreifen der Erde und vom Umherwandeln auf ihr.

Wiederum erscheint der Satan vor Gott, und wiederum rühmt Gott Hiobs Treue, während der Teufel nicht anders kann, als diese zu hinterfragen. Es ist davon überzeugt, dass Gott ihm die Grenze zu eng gezogen habe, und nur deshalb sei Hiobs unaufrichtiges Herz nicht offenbar geworden. Der Widersacher Hiobs geht darum einen Schritt weiter und bittet Gott darum, nicht allein Hiobs Besitz, sondern Hiob selbst antasten zu dürfen. Gott bevorzuge ja Hiob ungerechterweise, und dieser diene Ihm nur deshalb, weil er dank dieser ungerechtfertigten Parteinahme mit Gott und mit sich selbst in Frieden ist.  Dass Hiob den Verslust seiner Güter hinnehmen konnte, sei kein Beweis für echte Gottesfurcht. Man nehme ihm einmal sein persönliches Wohlbefinden und das Selbstbewusstein der eigenen Kraft. Wenn der Satan nur Hiob selbst antasten dürfe, dann würde sich dieser bestimmt von Gott lossagen.

Diesmal soll Hiob nicht allein das Gute genommen, sondern soll ihm Schmerzliches zugefügt werden.Das ist gegenüber dem Bisherigen verschärftes Leiden. Vergessen wir beim Lesen dieser Geschichte nie, was der inspirierte Apostel den Korinthern schrieb:

»Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern wird mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen, so dass ihr sie ertragen könnt« (1Kor 10,13).

In der Tat: Es gelingt Satan nicht, was er mit Hiob vorhatte. Gott wusste das; daher ließ Er Satan in dieser Sache gewähren. Sonst hätte Er, der Gott der Geister alles Fleisches (4Mo 27,16) und der Erhalter aller Menschen, insonderheit der Gläubigen (1Tim 4,10), nie zugelassen, dass der Satan seine Hand nach Hiob ausstrecke. Wohl hinterfragt Hiob in seinen Klagen wiederholt Gottes Gerechtigkeit und Liebe; aber er klagt vor Gott. Er stellt nie Gottes Allmacht und Recht und damit Gott selbst in Frage; er sagt sich nicht, wie Satan beabsichtigt hatte, von Gott los. In all seiner Verzweiflung weiß er doch, dass er nur bei seinem Gott Licht und damit Ruhe finden kann.

3 Da sprach der HERR zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn ihm ist keiner gleich auf der Erde: Er ist vollkommen und rechtschaffen, er fürchtet Gott und meidet das Böse; und noch hält er fest an seiner Vollkommenheit, obwohl du mich gegen ihn gereizt hast, ihn ohne Ursache zu verschlingen.

»ohne Ursache«, chinnâm, das gleiche Wort wie »umsonst« in 1,9. Satan hatte unterstellt, Hiob diene Gott nicht umsonst. Gott greift dieses Wort auf und sagt dem Satan, dass Hiob gerade nicht bekommen hat, was Satan behauptete: lauter Gutes als den genau kalkulierten Nutzen für seine Frömmigkeit. Vielmehr hat er ganz »umsonst« nur Schaden erlitten.

Dieses göttliche Urteil ist für das weitere Verständnis des Geschehens wichtig. Hier sagt Gott selbst, dass er Hiob »ohne Ursache«, also nicht einer verborgenen Missetat wegen geschlagen habe. Wie bezeichnend ist aber, dass Menschen meinen wissen zu müssen, was sie nicht wissen können, und sich daher prompt täuschen: Hiobs Freunde unterstellen Hiob, er habe gesündigt, daher strafe ihn Gott.

»Ohne Ursache«: Das bedeutet natürlich ohne unmittelbare Ursache, denn Not, Leid, Tränen und Tod haben natürlich alle ihre Ursache im Sündenfall des Menschen. Wäre der Mensch nicht von Gott abgefallen, gäbe es all das nicht. Aber Hiob leidet tatsächlich ohne direkten Anlass.

Stoßen wir uns daran, dass Gott Hiob ohne Ursache leiden lässt? Dann müssten wir uns auch daran stoßen, dass Er uns ohne Ursache liebt. Seien wir nicht vorschnell in unserem Protest; denn was uns zunächst empört, weil wir meinen, es sei ungerecht und gegen uns gerichtet,  erweist sich als Gutes, das zu unserem Wohl wirkt. Der Gott, der Hiob ohne Ursache leiden lässt, lässt Hiob auch ohne Ursache erhöht und auf immer gesegnet sein. Hiobs Not ist das Mittel in Gottes Hand, um Hiobs herrliches Ende sicherzustellen. So verhält es sich auch mit unserer Verbindung mit Adam. Als er fiel, fielen wir mit ihm; und wir mögen denken, das sei doch ungerecht, wir hätten ja persönlich keine Schuld an Adams Sünde. Als aber der letzte Adam überwand, überwanden wir mit Ihm. So wendet Gott also das, was zunächst nur unwillkommen erscheint, nämlich unsere Verbindung mit dem Handeln eines einzigen Menschen, zu unserem Guten. Gott hat es so gewollt, dass wir auch mit dem Menschen Christus verbunden sein sollten. Ohne unsere Veranlassung, frei und unverdient gibt Er uns in Christus das ewige Leben und ewige Herrlichkeit. So sind  Gottes bewunderungswürdige Wege.

4 Da antwortete Satan dem HERRN: Haut um Haut, ja, alles, was der Mensch hat, gibt er um sein Leben.
5 Strecke nur einmal deine Hand aus und taste sein Gebein und sein Fleisch an, ob er dir nicht ins Gesicht absagt.

»Und der Satan antwortete«: Satan gibt nicht auf; er ist der Böse, der unverbesserlich Böse. Sein Herz ist wahrlich hart wie der untere Mühlstein (41,15). Keine Argumente, keine Erfahrungen können ihn verändern. Er ist der Böse, er bleibt der Böse, der nichts anderes will, als immer nur das Böse. Dabei häuft er sich für jedes Böse, das er tut, zusätzlichen Zorn auf auf den Tag, da er von Gott gerichtet werden wird. Jede böse Tat des Teufels wird ihm den Feuersee, in den Gott ihn am Ende wirft (Off 20,10), heißer machen.

»alles, was der Mensch hat, gibt er um sein Leben«: Bis jetzt hatte der Satan nur Hiobs Besitz angetastet. Er ist sich sicher, wenn Hiob einmal um sein eigenes Leben bangen müsste (17,1.11; 30,23), würde er nicht mehr von Gott und von Glauben usw. reden. Dann würde er alles tun, nur um seine liebe Haut zu retten. Darum erbittet sich der Teufel von Gott, dass er Hiobs Leib einmal so anfassen dürfe, dass Hiob befürchten muss, er werde sterben.

6 Da sprach der HERR zum Satan: Da, er ist in deiner Hand; nur schone sein Leben.

»nur schone seines Lebens«: Wiederum bestimmt der Herr dem Widersacher die Grenze. Er kann sie nicht überschreiten; er kann Hiob das Leben nicht nehmen.

5. Hiob und seine Frau - auf der Erde  2,7-10

a) Eine furchtbare Plage  2,7-8

Hiob wird angetastet und verliert sein persönliches Wohlbefinden und seine persönliche Würde; wie ein Bettler sitzt er im Staub und schabt seine Schwären mit einer Tonscherbe. Reichtum, Gesundheit und Ansehen, das sind die Güter, die der Mensch am höchsten schätzt. Hiob hat nun innerhalb kurzer Zeit seinen Besitz, sein Ansehen und seine Gesundheit verloren. Wie groß war sein Besitz und wie groß war sein Ansehen gewesen! Wie tief musste er fallen, wie groß muss sein Schmerz gewesen sein! Jetzt bereitet Hiob sein Dasein nur noch Pein. Wohl weiß er, dass das Leben nicht in der Habe besteht, sondern in der rechten Beziehung zu Gott. Aber jetzt steht er nicht nur als ein vollständig Besitzloser in dieser Beziehung, sondern als einer, dessen ganze Existenz nur Schmerz ist.

7 Und der Satan ging weg vom Angesicht des HERRN, und er schlug Hiob mit bösen Geschwüren, von seiner Fußsohle bis zu seinem Scheitel.
8 Und er nahm eine Scherbe, um sich damit zu schaben; und er saß mitten in der Asche.

»Und der Satan ging weg«: Wir hören nachher von Satan nichts mehr. Er tritt nicht mehr in Erscheinung, aber er ist deswegen nicht untätig. Wir sehen sein Wirken zuerst in den Worten von Hiobs Frau, dann in den Unterstellungen von Hiobs Freunden.

b) Eine treulose Gehilfin 2,9-10

Und nun verliert er auch  die Achtung seiner eigenen Frau, und damit ihren Beistand. So wird ihm genommen, was er mehr denn je gebraucht und was ihm als Ehemann auch zugestanden hätte. Aber er muss es erleben, wie seine Frau ihre eigentliche Berufung verleugnet: Die Frau wurde geschaffen, um dem Mann eine Gehilfin zu sein (1Mo 2,18); und sie wurde geschaffen, um ihn als ihr Haupt zu ehren (1Kor 11,3; Eph 5,33; 1Pet 3,6). Was tut Hiobs Frau aber? Anstatt ihren Mann zu achten, verachtet sie ihn, und anstatt, dass sie ihm zuspricht und hilft, auch jetzt noch Gott zu vertrauen und durch Vertrauen zu ehren, will sie ihn anstacheln, sein Vertrauen wegzuwerfen.

Wir können Hiobs Frau zwar verstehen; denn Hiobs Kinder waren auch ihre Kinder; und Hiobs Besitz war auch ihr Besitz. Als Hiob alles verlor, verlor auch sie alles. Dennoch können wir ihre Worte nicht gutheißen. Ein untreue Helferin ist schlimmer als keine Helferin. Wie betrogen, wie hintergangen muss sich Hiob vorgekommen sein! Welche brutale Erfahrung, dass ausgerechnet die Person, die ihn hätte stärken sollen, ihm in den Rücken fällt! Aber auch das gehört zu Gottes Regierung und ist ein Teil von Gottes Erziehungswegen mit Hiob. Wir haben als Sünder Gott getäuscht, haben uns auf die Seite Seines Widersachers gestellt und uns mit ihm gegen unseren Wohltäter verbündet. Wie muss das Gott geschmerzt haben! (vgl. 1Mo 6,6). Ist es da nicht recht und auch heilsam, dass Gott uns ähnliche Erfahrungen machen lässt?

9 Da sprach seine Frau zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Vollkommenheit? Sage Gott ab und stirb!

Hiobs Frau sagt ihrem Mann buchstäblich das, was Satan mit seinen Versuchungen erreichen will: Hiob soll Gott absagen. Ohne es zu ahnen, ist sie das Sprachrohr des Feindes geworden. Ihre Stimme ist die Stimme des Versuchers.

10 Und er sprach zu ihr: Du redest, wie eine der Törinnen redet. Wir sollten das Gute von Gott annehmen, und das Böse sollten wir nicht auch annehmen?

Hiobs Antwort an seine Frau zeigt, dass er bereit ist, nicht allein das Gute ohne Klage zu verlieren, sondern auch das Böse hinzunehmen.

»Du redest wie eine der Törinnen«: Wir müssen Hiobs Takt bewundern. Er sagte seiner Frau nicht: »Du Törin!«, denn das war sie nicht. Sie war seine Frau, und er liebte sie. Aber er rügte sie, weil sie redete wie eine Törin. Das musste er ihr sagen; er schuldete ihr diese Rüge sogar.

»und das Böse sollten wir nicht auch annehmen?« Wer hat denn das Böse in die Schöpfung eindringen lassen? Wer hat denn die Sünde gewählt? Sollte dann der Mensch es nicht auch zu spüren bekommen, mit wem er sich da eingelassen hat? Gewiss; so ist Gott gerecht, wenn Er uns am Bösen leiden und das Böse erleiden lässt, dass wir gegen Seinen Willen und trotz Seiner Warnung eingeladen haben. Wir müssen sogar bekennen, dass Gottes Gnade übergroß ist, da sie uns bei weitem nicht erleiden lässt, was wir verdient hätten.

Paul Gerhard fragt in der 5. Strophe des bereits zitierten Christlichen Freudenliedes:

Gott hat mich bei guten Tagen
Oft ergetzt;
Sollt ich jetzt
Nicht auch etwas tragen?

Wie wichtig ist diese Wahrheit; sie ist von größerer Bedeutung, als wir zunächst vielleicht ahnen. Sie führt am Ende zur alles entscheidenden Frage, ob Gott Gott ist, der das Recht hat, mit dem Seinen zu verfahren, wie Er will, der alles lenkt, in dessen Hand Wohlfahrt und Unglück sind:

»damit man wisse vom Aufgang der Sonne und von ihrem Niedergang her, dass außer mir gar keiner ist. Ich bin der HERR, und sonst ist keiner! Der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe, den Frieden mache und das Unglück schaffe; ich, der HERR, bin es, der dieses alles wirkt« (Jes 45,6-7).

Wir Menschen hätten es lieber, wenn Gott uns jeden Tag nur Willkommenes schickte. Als der Mensch sündigte, da wollte er alles: Sein wie Gott, alle Gaben Gottes genießen und auf keinen Fall die Folgen seiner Missetat tragen. Gott aber verhängt über den Sünder alle gerechten Folgen der Sünde: Schmerzen, Krankheiten, Mühsal, Enttäuschungen, Unfrieden, und am Ende den Tod. Er sendet das Dunkel des Unglücks und des Todes, weil Er gerecht ist, weil der Mensch es sich eingehandelt hat. Er ist tatsächlich, ob das uns gefällt oder nicht, der creator mali.

Ist Gott der Schöpfer aller Dinge, dann schuldet Er uns keine Rechenschaft, dann darf und dann kann Er mit allem, was Er geschaffen, tun wie es Ihn gut dünkt. Das ist für uns Menschenkinder eine gar nicht willkommene Wahrheit, wie bereits C.H. Spurgeon einmal in einer Predigt über Mt 20,15 feststellte:

»Es gibt keine Lehre, die von den Weltmenschen mehr gehasst wird, keine Wahrheit, die so wie ein Fußball herumgetreten wird, wie die großartige, Verwunderung weckende, aber allergewisseste Lehre von der  Souveränität des unendlichen HERRN. Die Menschen erlauben es Gott, überall zu sein - nur nicht auf Seinem Thron. Sie lassen Ihn ruhig in Seiner Werkstatt die Sterne und die Welten formen; Er mag auch gerne im Armenhaus Seine reichen Gaben verteilen. Sie erlauben Ihm, die Erde zu tragen und ihre Säulen aufrechtzuhalten oder die Wogen des allzeit bewegten Meeres zu beherrschen. Wenn sich aber Gott auf Seinen Thron setzt, knirschen Seine Geschöpfe mit den Zähnen; und wenn wir einen auf Seinem Thron sitzenden  Gott verkündigen, der das Recht hat, mit dem Seinen zu verfahren, wie Er will, Seinen Geschöpfen zuzuteilen, wie und was Ihm wohlgefällt, dann beginnt man zu zischen und uns zu verwünschen; dann hat meine keine Ohren mehr für unsere Botschaft, denn ein Gott auf Seinem Thron ist nicht ein Gott nach ihrem Geschmack.«

Nehmen wir Gottes Macht und Recht, zu tun, wie Er will, nicht an, wenn wir Widerwärtiges erfahren, wie wollen wir dann an Gottes Freundlichkeit glauben, in der Er ebenfalls mit dem Seinen verfährt, wie es Ihm gefällt (Mt 20,15)?

Noch eine Frage stellt sich uns, wenn wir uns dagegen sträuben, dass Gott auch Widerwärtiges senden darf: Ist das Evangelium von Gott in die Welt gesandt als Leitfaden zum Glücklichsein? Ist die Bibel ein Handbuch, das mich lehren will, wie ich auf dieser Erde gut leben kann?  Ist Jesus Christus in die Welt gekommen, Sünder glücklich zu machen? Oder noch schärfer gefragt: Ist Gott der Diener unserer Wünsche? An den Glaubensmännern der ganzen Heilsgeschichte lernen wir anderes: an Abraham, an Mose, an David, an Jeremia, an Paulus und an Hiob, und allen voran an dem vollkommenen Menschen Christus Jesus.

»Bei diesem allem sündigte Hiob nicht mit seinen Lippen«: Wir sündigen nicht, wenn wir mit Hiob bekennen, dass Gott auch das Böse, d. h. das Schmerzliche und Widerwärtige in unser Leben sendet. Er ist es, der Krankheiten über uns verhängt (2Sam 12,15), nicht der Teufel. Es ist der Herr, der tötet und lebendig macht, der zerschlägt und heilt (5Mo 32,39; 1Sa 2,6).

Mit dieser Antwort widerlegt Hiob ein zweites Mal die Lügen, die Satan über ihn ausgesprochen hatte. Hiob diente Gott nicht, weil es ihm gut ging; er diente Gott, weil er Gott fürchtete.

Am Ende seines an Höhen und Tiefen, an Bitterem und Süßem reichen Lebens, rief Mose:

»Denn den Namen des HERRN will ich ausrufen: Gebet Majestät unserem Gott! Der Fels: Vollkommen ist sein Tun; denn alle seine Wege sind recht. Ein Gott der Treue und ohne Trug, gerecht und gerade ist er« (5Mo 32,3-4).

So wollen auch wir dem großen und ewigen Gott Majestät geben, indem wir bezeugen, dass Seine Wege recht sind. Nicht erst das glückliche Ende aller von Ihm gesandten Not geben Ihm Recht. Das bloße Senden von Leid, das nackte Leiden selbst, ganz ohne Blick auf dessen Ende, ist recht. Wer wollte Gottes an uns gerichtete Frage widersprechen:

»Oder hat der Töpfer nicht Macht über den Ton, aus derselben Masse ein Gefäss zur Ehre und ein anderes zur Unehre zu machen?« (Röm 9,21).

»Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinigen zu tun, was ich will? Blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin?« (Mt 20,15).

Gott ist zu Seinem Tun in doppelter Weise gerechtfertigt:

Dass nun Gott bei seinem Handeln an uns ein gutes Ende im Auge hat, ist Ausdruck Seiner souveränen, durch nichts geschuldeten Gnade. Schuldet Er uns Vergebung unserer Missetaten? Schuldet Er uns die Gabe des ewigen Lebens und die Herrlichkeit? Natürlich nicht. Hat Er uns aber ungeschuldet nicht allein Gutes, sondern das Beste gegeben, wie sollten wir dann auch nur die geringste Forderung an Ihn richten? Es ist uns Sünde, wenn wir es tun. Wenn wir schon ein »Warum« auf den Lippen haben, dann nicht, weil wir mit Seinem Handeln an uns unzufrieden sind, sondern einzig um zu fragen, warum Er solche, wie wir sind, überhaupt errettet hat. Wir fragen mit Ruth, der Moabitin:

»Warum habe ich doch Gnade gefunden in deinen Augen, dass du mich beachtest, da ich doch eine Fremde bin?« (Ru 2,10).

Eine Zwischenbetrachtung:

Wie können wir, oder besser: Wie müssen wir dem Teufel widerstehen? Jk 4,7; 1Pet 5,7-9; 2Kor 12,7-9 lehren uns alle, dass wir dem Teufel widerstehen, indem uns Gott unterwerfen und uns wie Paulus im Gebet an Ihn wenden, nicht indem wir uns an den Teufel wenden und anfangen, ihm  zu gebieten. Hiob wendet sich in all seinen Reden und Bitten nie an den Teufel, sondern nur an Gott. Und er wird von aller Bedrückung frei, wo er sich am Ende unter Gottes mächtige Hand demütigt. Es ist auffällig, dass nach 2,7 der Satan im ganzen Buch Hiob nicht mehr erwähnt wird.

c) Hilflose Tröster  2,11-13

Nachdem Hiob den Beistand seiner Gehilfin verloren hat, kommen drei Freunde, um ihn zu trösten. Das müssen wir an ihnen loben. Hiob war in den Tagen seiner Wohlfahrt ein Helfer der Armen gewesen, und es hatten sich viele in seinem Reichtum gesonnt. Von ihnen kommt niemand, um nach Hiob zu fragen. Die drei Freunde beweisen ihre Freundschaft damit, dass sie in der Not zu ihrem Freund stehen (Spr 17,17). Beachten wir, wie sie angesichts der großen Plage Hiobs sieben Tage lang schweigend dasitzen und damit echtes Mitgefühl und auch Takt beweisen. Sie vermögen Hiob aber dennoch nur »von Ferne« zu sehen; sie können nur sein Äußeres sehen und versuchen, daraus auf sein Herz zu schließen. Natürlich täuschen sie sich dabei. Denn im Himmel sind Dinge geschehen und sind Worte gesprochen worden, von denen sie nichts wissen. Noch etwas zeigt, dass sie wahre Freunde sind: Sie täuschen sich zwar in ihrer Meinung über Hiob, aber sie sagen es ihm selbst, was sie von ihm denken. Aus all dem schließen wir, dass sie absolut aufrichtig sind, und dass sie Hiob mit ihren  Ratschlägen helfen wollen. Nur greifen diese viel zu kurz, und so verschärfen sie durch ihr besserwisserisches Reden die Not des gepeinigten Mannes, dem sie helfen wollen.

Und obwohl sie beim Anblick ihres Freundes weinen, vermögen sie doch nicht wirklich mit Hiob zu empfinden. Nur einer kann mitfühlen: Hiobs Gott. Das sagt uns Jakobus ausdrücklich (Jk 5,11). Auch das gehört zur Schule des Leidens: Hiob muss an seinen Freunden lernen, dass menschliche Hilfe letztlich eitel ist. Und er muss es an Männern lernen, die menschlich zu den Besten gezählt werden müssen. Sie zeigen mehr Mitgefühl als mancher andere. Das Beste der Menschen ist aber noch immer unzureichend. Dass wir es begriffen: Gott ist unser wahrer Helfer und letztlich einziger Helfer:

»Schaffe uns Hilfe aus der Bedrängnis! Menschenrettung ist ja nichtig« (Ps 60,11).

»Vertraut nicht auf Fürsten, auf einen Menschensohn, bei dem keine Rettung ist!« (Ps 146,3).

»Lasst ab vom Menschen, in dessen Nase nur ein Hauch ist! denn wofür ist er zu achten?« (Jes 2,22).

11 Und die drei Freunde Hiobs hörten all dieses Unglück, das über ihn gekommen war; und sie kamen, ein jeder aus seinem Ort: Eliphas, der Temaniter, und Bildad, der Schuchiter, und Zophar, der Naamathiter; und sie verabredeten sich miteinander zu kommen, um ihm ihr Beileid zu bezeugen und ihn zu trösten.

»Eliphas, der Temaniter«: Eliphas ist ein Name der Nachkommen Esaus, d. h. Edoms (1Mo 36,9). Teman hieß ein anderer der Söhne Edoms (1Mo 36,11). Nach Amos 1,12 und Ob 8,9 war Teman auch der Name einer Stadt in Edom. Da kann Eliphas hergewesen sein. Jer 49,7 lässt vermuten, dass Teman im Ruche besonders großer Weisheit stand.

»Bildad, der Schuchiter«: Der Name Bildad ist in Texten aus der alten, am Oberlauf des Tigris gelegenen Stadt Nuzi  bekannt. Schuach hieß einer der Söhne Abrahams von seiner dritten Frau Ketura (1Mo 25,2). Keilinschriftlich ist Schuach als Name einer Ortschaft am Mittellauf des Euphrat belegt.

»Zophar, der Naamathiter« kam aus einem Ort Namens na’amâh, »schön, lieblich«. Solche Toponyme müssen natürlich so häufig gewesen sein (laut Jos 15,41 lag auch in Juda ein Na’amah), dass wir damit nichts weiteres anfangen können. Zophar ist weder in der Bibel noch außerhalb der Bibel irgendwo sonst belegt.

12 Und sie erhoben ihre Augen von ferne und erkannten ihn nicht; da erhoben sie ihre Stimme und weinten, und sie zerrissen ein jeder sein Gewand und streuten Staub auf ihre Häupter himmelwärts.
13 Und sie saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte lang; und keiner redete ein Wort zu ihm, denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.