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Kommentar zu Hiob 12-20

von Benedikt Peters


Zweite Runde von Reden und Gegenreden - Kap. 12-20

Hiob weist alles, was seine Freunde gesagt haben, zurück - Kap. 12-14

  1. Hiobs Sarkasmus  12,1-5
  2. Hiob beweist, dass er von Gott und von seinen Wegen mehr versteht als seine Freunde  12,6-13,2
  3. Hiob ruft Gott zum Richter an  13,3-19
  4. Hiob bittet Gott, ihn in Ruhe zu lassen  13,20-28
  5. Wie schwer ist das Leiden angesichts der Kürze des Lebens!  14,1-6
  6. Der Mensch ist ohne Hoffnung  14,7-22

Nach der ersten Runde ist Hiob noch weit von seiner Wiederherstellung entfernt. Er ist im Gegenteil immer tiefer gesunken, während seine Freunde ihn und seine Not immer gründlicher verkennen. So sind ihm die Ratschläge seiner drei Freunde nur noch ein Ärgernis und reizen ihn zu den sarkastischen Worten, mit denen diese Runde beginnt. In ihrem ganzen Verlauf dominiert dieser Sarkasmus, auch in seiner nächsten Antwort (16,2-3). Erst gegen Ende legt sich Hiobs Heftigkeit ein wenig (19,2-3). Wie schon in seiner zweiten und dritten Rede, antwortet Hiob zunächst auf die Aussagen der Freunde (12,1-13,19), und dann wendet er sich mit seiner Klage an Gott (13,20-14,22). Zuerst verhöhnt er die eingebildete Weisheit seiner Freunde und beschwert sich darüber, dass er, ein Gerechter, zum Gespött sein muss (12,1-5), dann redet Er über Gottes souveränes Walten, das einerseits den Verwüstern lange Ruhe und Sicherheit gewährt, andererseits den Starken die Macht und den Weisen den Verstand nimmt (12,6-25). Ihm will er seine Sache befehlen, da sie nichtige Ärzte und Lügenschmiede seien (13,3-19). Darauf wendet er sich an Gott mit der Bitte, von ihm zu lassen, da das Leben so kurz und das Totenreich so düster sei (13,20-28). Der Gedanke an die Vergänglichkeit des Lebens macht ihm das Leiden noch unbegreiflicher und damit noch bitterer (Kap 14), es sei denn, Gott würde ihn im Scheol nur eine Zeit verstecken und sich ihm dann wieder zuwenden (V. 13). Hier blitzt ein erstes Mal Sehnsucht nach Auferstehung auf.

Kapitel 12

1. Hiobs Sarkasmus 12,1-5

1 Und Hiob antwortete und sprach:
2 Wahrhaftig, ihr seid Leute! Mit euch wird die Weisheit aussterben!
3 Auch ich habe Verstand wie ihr; ich falle nicht hinter euch zurück; und wer wüsste nicht dergleichen?

»...ich stehe nicht hinter euch zurück«: Diese Worte Hiobs sind nur zu verständlich. Seine Freunde haben so geredet, als ob Hiob nichts über Gott und Seine Wege wüsste. Ihre Gemeinplätze, die sie mit der Miene großer Gottesgelehrter zum besten gaben, waren Hiob natürlich längst nicht neu. Er hatte weiter und tiefer gedacht als sie, und das zeigt er ihnen nun.

Wenn wir uns wie Hiobs Helfer unseren Gesprächspartnern überlegen wähnen, werden wir erstens sündigen und zweitens ihnen nicht helfen können. Hat uns Gott nicht durch den Apostel befohlen, uns selbst nicht weise zu dünken (Röm 12,16) und zudem den Bruder höher zu achten als uns selbst (Phil 2,3)? Warum sündigen wir so oft und so beständig gegen diesen Befehl? Diese besserwisserische Art muss Hiob natürlich umso mehr quälen, weil ihm obendrein die ganze Zeit Unrecht geschieht. Dennoch tut uns Hiobs Antwort leid. Es ist immer eine kümmerliche Sache, wenn Auseinandersetzungen von Heiligen Gottes zu einer Angelegenheit des persönlichen Prestige degenerieren, wie das hier bei Hiob geschieht. Er kann sich's nicht verkneifen, sein eigenes überlegenes Wissen vor seinen Freunden zu behaupten. Wieviel Grund haben wir, uns zu schämen über solche Eitelkeit. Wir strafen uns damit nur selbst; denn Hiob weiß Großes und Wahres zu sagen. Das Kapitel ist eine eindrückliche Demonstration seines Wissens über Gott, über Seine Weisheit und über Seine Regierung. Nur kann all das den Hiob nicht trösten; er kann diese herrlichen Wahrheiten nicht auf seine gepeinigte Seele anwenden. Gottes Wahrheiten und unser Wissen über sie können uns nur trösten, wenn wir uns vor Gott demütigen, wenn wir uns Seiner Wahrheit unterwerfen und sie nicht dazu verwenden, in einer Auseinandersetzung als Sieger hervorzugehen. Dazu hat sie uns Gott nicht geoffenbart, und Er wird nicht dulden, dass wir sie für unsere privaten Zwecke missbrauchen. So muss Gottes Hand noch weiterhin schwer auf Hiob lasten, bis er sich ihr unterwirft. Dann erst werden ihm die hier ausgesprochenen erhabenen Wahrheiten zu Licht und Leben, zu Mark und Fett für seine Seele.

4 Dem eignen Freund zum Gespött, das muss ich sein, einer, der zu Gott rief, und er antwortete ihm; der Gerechte, Vollkommene ist zum Gespött!
5 Dem Unglück gebührt Verachtung! so denkt der Sorglose. Ein Schlag denen, die gestrauchelt sind!

2. Hiob beweist, dass er von Gott und von seinen Wegen mehr versteht als seine Freunde 12,6-13,2

In diesem Abschnitt beweist Hiob, dass er wirklich tiefere Einsicht in Gottes Wesen und Gottes Wege besitzt als seine Freunde. Was er über Gottes Unumschränktheit sagt, ist wahr und seine Worte sind nicht allein angemessen, sondern auch sehr schön. Sie sind ein Beispiel für das, was der HERR an ihm gegenüber seinen Freunden empfehlen wird (42,7b). Wie in Kap 9 wiederlegt er die Thesen seiner Freunde, indem er auf Gottes Souveränität verweist.

6 Die Zelte der Verwüster sind in Ruhe, und Sicherheit haben die Leute, die Gott reizen, wer Gott in seiner Faust führt.

Eben hatte Zophar angedeutet, dass Unrecht in Hiobs Zelten wohnen müsse (11,14). Schon Eliphas und Bildad hatten das angedeutet, indem sie sagten, sein Zelt werde Frieden haben, wenn er den Frevel aus ihm entferne (5,24; 8,6). Das hat Hiob gut gehört. Jetzt antwortet er, indem er ganz richtig bemerkt: »Die Zelte der Verwüster sind in Ruhe.« Den Gottlosen gibt Gott Frieden, Gelingen und Wohlfahrt, oft ein ganzes Leben lang. Warum wollen Hiobs Freunde das nicht verstehen? Haben sie sich selbst so wenig kennengelernt? Geht es denn uns allen nicht viel besser, als unsere Sünden es verdient hätten (vgl. Ps 103,10)?

Hiob hat ganz Recht: Es sind gerade die Zelte der Gottlosen, die in Ruhe sind. Die Zelte der Heiligen stört Gott auf, weil Er sie für sich und für Seine Gegenwart erziehen muss (Heb 12,10). Wenn Gott uns einmal ein wenig gezeigt hat, wer wir sind und wie wir sind, dann begreifen wir, dass es Gnade ist, wenn Gott uns mit Schlägen heimsucht und uns nicht Gelingen gibt auf unseren Wegen. Unsere Natur ist böse, unsere Absichten sind böse. Überließe Gott uns uns selbst, wären wir verloren. Es ist ein Zeichen göttlichen Gerichts, wenn er den Sünder sich und den Wünschen seines Herzens übergibt und ihn finden lässt, was er begehrt (Röm 1,24).

7 Aber frage doch das Vieh, und es wird dich lehren, und die Vögel des Himmels, und sie werden es dir kundtun;
8 oder rede zu der Erde, und sie wird dich lehren; und die Fische des Meeres werden dir berichten.

»aber frage doch das Vieh«: Beachten wir, wie sich diese Aufforderung an die eben gemachte Aussage anschließt: Die Zelte der Verwüster sind in Frieden; wenn wir das Vieh befragen, werden wir eine weitere Stimme hören, die diesen Umstand erhellt, und zwar in zweifacher Weise: An der ganzen Schöpfung erkennen wir erstens die Unumschränktheit Gottes. Er hat alles nach Seinem Willen erschaffen. (Dazu werde ich ein wenig weiter unten etwas sagen.) Nun ist aber, zweitens, die Schöpfung gefallen. Der Mensch hat das Böse in die Schöpfung hereingelassen, wie man einen Räuber und Mörder ins Haus lässt. Müssen wir uns wundern, dass die Ordnungen auf den Kopf gestellt werden? An der Tierwelt sehen wir, wie das Harte, das Stärkere, das Räuberische sich das Schwache unterwirft und verschlingt. Warum sollte es in der Welt der Menschen anders sein? Warum sollten hier nicht die Frechen, die Schnellen und die Ruchlosen die Sanftmütigen im Tore zertreten?

9 Wer erkennte nicht an alledem, dass die Hand des HERRN dies gemacht hat,
10 in dessen Hand die Seele alles Lebendigen ist und der Geist aller Menschen?

»Die Hand des HERRN«: Hier wird das einzige Mal außerhalb der Einleitung (Kap 1&2) und den letzten Kapiteln des Buches (38-42) der Bundesname Gottes, JHWH, verwendet. Hiob hatte am Anfang gesagt: »Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen, der Name des HERRN sei gelobt.«

Die Erschaffung aller Lebenwesen und der Erde aus dem Nichts lehrt uns Gottes Allmacht und Unumschränktheit. Er schuf die Welt so wie Er sie wollte, als nichts war, an dem Er sich hätte ausrichten müssen. Er folgte keinem Vorbild, er brauchte keine Anleitung. Daran müssen wir doch erkennen, dass »in Seiner Hand die Seele alles Lebendigen ist und der Geist alles menschlichen Fleisches«. Gott hat die Erde erschaffen, auf der wir hin- und hereilen und umherkriechen; Gott hat uns das Leben gegeben, Gott hat den Geist gebildet, der über Ihn nachdenkt, und Er hat dem Menschen die Zunge gegeben, darüber zu reden. Wenn wir so vollständig in Seiner Hand sind, dann dürfen wir Ihm Seine Wege nicht vorschreiben wollen. Wenn wir den Gottlosen sündigen sehen, wer sind wir, dass wir Gott vorschreiben, Er müsse ihn sogleich strafen? Darf und kann Er den Gottlosen nicht gewähren lassen? Hat er nicht das Recht, ihn in Langmut zu tragen (Röm 9,22)? Es könnte ja sein, dass Er ihn schont, weil Er ihm noch die Buße zum Leben geben will.

Hiobs Worte sind wahr; eigentlich müsste er jetzt aus dieser Wahrheit auch folgern, dass er selbst kein Recht hat, Gottes Verfügen über ihn in Frage zu stellen. Auch wenn Hiob gerecht ist und tatsächlich unschuldig leidet, warum sollte Gott das nicht über ihn verhängen dürfen? Muss Er uns um Erlaubnis bitten, ob Er uns mit Galle tränken dürfe? Er müsste das nicht einmal, wenn wir noch immer Menschen in Unschuld wären. Jetzt aber sind wir Sünder. Alles Bittere, das Gott uns trinken lässt, ist darum mehrfach verdient. Alles, was weniger ist als absolute und unwiederbringliche Hölle, ist schon Gnade, Gnade, die uns Gott in keiner Weise schuldet. Noch viel weniger schuldet Er uns, dass Er uns Tag für Tag ernährt, uns kleidet, Fröhlichkeit in unser Herz gibt (Apg 14,17). Wenn Er uns schon unverdient mit tausenderlei Segnungen überhäuft, sollten wir da murren, wenn Er einmal etwas Schweres über uns bringt?

11 Soll nicht das Ohr die Worte prüfen, wie der Gaumen für sich die Speise kostet?
12 Bei Greisen ist Weisheit, und Einsicht bei langem Leben.
13 Bei ihm ist Weisheit und Macht, sein ist Rat und Einsicht.
14 Siehe, er reißt nieder, und es wird nicht wieder gebaut; er schließt über jemand zu, und es wird nicht aufgetan.
15 Siehe, er hemmt die Wasser, und sie vertrocknen; und er lässt sie los, und sie kehren das Land um.

Hiob hat erfahren, wie Gott niedergerissen hat, und wie Er die Wasser des Lebens und der Erquickung, die sein Leben zu einem bewässerten Gärtlein gemacht hatten, hemmte. Nun war er ausgetrocknet, nun lag seine Seele im Staub. Bei Ihm »ist Weisheit und Macht«, die Weisheit, all das zu entwerfen, und die Macht, es zu tun. Das weiß Hiob. Was er nicht (oder nicht mehr) sieht, ist dies: Dass Gott die Weisheit hat, dies alles zum Wohl Hiobs zu verwenden. Er kann nicht verstehen, wie denn Leiden Gottes Absichten mit ihm fördern sollen, und darum kann er sich der Leiden nicht freuen (Jk 1,2). Wie sollten wir das auch können? Wir haben die Weisheit nicht dazu; sie ist ganz einfach nicht in uns. Nun aber lehrt uns Gott erstens diese Weisheit: Er sagt uns, auf welche Weise Er in Seiner Weisheit Leiden verwendet, um uns vollkommen zu machen, damit uns am Ende nichts von alledem fehlt, was wir nach Gottes Vorsatz besitzen sollen (Jk 1,3-4). Und Er weiß auch, dass es noch nicht genügt, dass wir es hören. Wir müssen Gott darum bitten, dass Er uns die Weisheit gibt, das Gehörte anzunehmen (Jk 1,5). Hiob tut genau das nicht. Er ist noch zu voll von sich, zu voll von Argumenten. Er kann seine Armut noch nicht erkennen; er kann noch nicht vor Gott niederfallen und Ihn darum bitten, Ihn Weisheit zu lehren. Aber er wird Gott noch bitten: »Ich will dich fragen, und du belehre mich« (42,4).

16 Bei ihm ist Kraft und vollkommenes Wissen; sein ist der Irrende und der Irreführende.

Bei Gott ist alle Kraft und dazu das Wissen, diese Kraft nach Seinem Willen anzuwenden. Der Irrende ist in Seiner Hand ebenso wie jener, der irreführt. Es ist ein ungemein tröstlicher Gedanke, dass der Verführer nicht autonom ist. Er kann nicht mehr tun und er kann nicht weiter gehen, als Gott zulässt. Selbst die teuflischste Verführung ist von Gott gesandt, Gottes Absichten zu tun, wie uns der Apostel so offen sagt, dass man es nicht falsch verstehen kann:

»(Der Antichrist) der gemäß Satans Wirksamkeit auftritt mit aller Macht und allen Zeichen und Wundern der Lüge und mit allem Betrug der Ungerechtigkeit für die, die verloren gehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, um errettet zu werden. Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft des Irrwahns, dass sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht glaubten, sondern Gefallen fanden an der Ungerechtigkeit« (2Thes 2,9-12).

17 Er führt Räte beraubt hinweg, und Richter macht er zu Narren.
18 Die Herrschaft der Könige löst er auf, und schlingt eine Fessel um ihre Lenden.
19 Er führt Priester beraubt hinweg, und Feststehende stürzt er um.
20 Zuverlässigen entzieht er die Sprache, und Alten benimmt er das Urteil.
21 Verachtung schüttet er auf Edle, und den Gürtel der Starken macht er schlaff.

Gott führte jene »Räte beraubt hinweg«, die Er zuerst zu Räten gemacht hatte, und er machte »Richter zu Narren«, denen er zuerst Verstand gegeben hatte, dass sie überhaupt Richter sein konnten. Alles verdankt der Mensch dem Allmächtigen, auch der Gottlose, der das nicht anerkennt. Er erhöht Niedrige und setzt sie als Könige ein, um »die Herrschaft der Könige« aufzulösen, wenn es Ihm gefällt. Ist er verpflichtet Sünder zu Räten und Richtern machen? Muss er Niedrige zum Königtum erhöhen? Nein, Er tut es aus reiner Güte. Darum darf Er ihnen auch nehmen, was sie sich nicht selbst verdient haben. Er ist es, der den »Feststehenden« Festigkeit gibt, und Er ist es, der sie umstürzt: Er braucht nur Seine Hand, die sie gehalten hat, zurückzuziehen, und dann fallen sie, denn sie haben sich selbst nicht Festigkeit gegeben und vermögen sich selbst nicht zu stützen. Er »entzieht Zuverlässigen die Sprache«, die Er ihnen gegeben hatte, und »den Alten benimmt er das Urteil«, das diese von Anfang an Ihm verdanken. Es sind tiefe, es sind wahre, es sind unwiderlegbare Gedanken, die Hiob äußert. Glücklich sind wir, wenn wir, ihnen folgend, Gott fürchten. Denn alles ist in Seiner Hand. Ein Nebukadnezar, der das nicht mehr wahrhaben wollte, wurde vom Thron gestoßen, bis er die Augen zum Himmel erhob und dem die Ehre gab, der Könige einsetzt und absetzt (Dan 4). Sein Sohn Belsazar wollte nichts mehr davon wissen, dass sein Lebensodem in Gottes Hand war (Dan 5,23), bis ihm Gott mit einem Schwertstreich den Lebensodem entriss (Dan 5,30).

22 Er enthüllt Tiefes aus der Finsternis, und Todesschatten zieht er an das Licht hervor.
23 Er vergrößert Nationen, und er vernichtet sie; er breitet Nationen aus, und er führt sie hinweg.

Gott »enthüllt Tiefes«, lauter Dinge, die uns verborgen sind und von denen wir nichts geahnt hätten. Er offenbart Unfähigen und Unwürdigen Seine Geheimnisse. Darüber hat der Sohn Gottes Seinen Gott und Vater gepriesen:

»Zu jener Zeit hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen hast, und hast es Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor dir. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand erkennt den Sohn, als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater, als nur der Sohn, und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will« (Mat 11,25-27).

24 Er entzieht den Verstand den Häuptern der Völker der Erde, und lässt sie abrirren in pfadlose Einöde;
25 sie tappen in der Finsternis, wo kein Licht ist, und er macht sie wegtaumeln gleich einem Trunkenen.

Wenn wir's nur glauben würden! Wir haben uns selbst nicht in der Hand. Wir haben nicht Macht darüber, dass unser Denken geordnet und unser Urteilen zuverlässig bleibt. Sofern es das ist, verdanken wir es Gott. Zieht Er seine gnädige Hand von uns ab, verliert sich unser Denken im Chaos, verlieren wir allen Rat und können weder einen Anfang noch einen Weg noch ein Ende erkennen. Oben verwechseln wir dann mit unten und links mit rechts, wir »tappen in der Finsternis...und irren gleich einem Trunkenen«. Wann haben wir Gott zuletzt dafür gedankt, dass wir bei Sinnen sein dürfen? Dass wir Beobachtungen machen, sie zueinander in Beziehung setzen und daraus Schlüsse ziehen können? Wann haben wir Ihn das letzte Mal darum gebeten, dass Er uns in Seiner Gnade bei Sinnen erhält? Wann haben wir Ihn zuletzt angefleht, uns vor Torheit zu bewahren und uns weise zu machen zur Errettung? Nie? Dann sollten wir es jetzt tun, solange noch Zeit ist und wir noch bei Verstand sind.

Sprachliche Anmerkungen zu Kap. 12:

Kapitel 13

1 Siehe, das alles hat mein Auge gesehen, mein Ohr gehört und sich gemerkt.
2 So viel ihr wisset, weiß auch ich; ich stehe nicht hinter euch zurück.

Natürlich hat Hiob recht; er steht nicht hinter seinen Freunden zurück an Erkenntnis. Er hat sich sogar sehr bescheiden ausgedrückt, denn er ist seinen Freunden überlegen. Es tut uns aber dennoch leid, dass er das wiederum sagen muss (siehe 12,3). Ist das denn so wichtig? Nein, es ist nicht wichtig, aber dem Hiob ist es noch wichtig.

3. Hiob ruft Gott zum Richter an 13,3-19

3 Doch zu dem Allmächtigen will ich reden, und vor Gott mich zu rechtfertigen begehre ich;
4 ihr hingegen seid Lügenschmiede, nichtige Ärzte, ihr alle!
5 O dass ihr doch stille schwieget! Das würde euch zur Weisheit gereichen.

Wir verstehen, dass Hiob nun »zu dem Allmächtigen reden« will. Seine Freunde haben ihm Unrecht getan, sie haben ihm böse Dinge unterstellt. So bleibt ihm nichts anderes, als sich »vor Gott zu rechtfertigen«. Hiob geht aber zu weit, wenn er seine Freunde offen »Lügenschmiede« nennt. Das ist ein ungerechter Anwurf. Sie mögen »nichtige Ärzte« sein, sie mögen sich in ihrer Diagnose und in ihrer Therapie irren; aber sie sind Irrende, nicht Täuschende. Und selbst wenn sie Täuschende gewesen wären, hatte Hiob nicht eben gesagt, dass beide in Gottes Hand sind, der Irrende und der Irreführende (12,16)? Und wenn sie es sind, warum kann Hiob sie und ihre Worte nicht Gottes Hand und Gottes Urteil überlassen? Sie sind hilflos, sie sind wohl auch ein wenig von sich eingenommen, aber sie sind keine Lügenschmiede, Leute also, die mit Bedacht, mit Sorgfalt und mit Geschick aus Hiobs Ergehen Lügen hämmern wie der Schmied aus dem Eisen sich ein Werkzeug formt.

Hiob hat wiederum Recht, wenn er wünscht, dass seine Freunde »stille schwiegen«, denn es würde ihnen wirklich »zur Weisheit gereichen«. Und doch müssen wir an ihm seine Gereiztheit tadeln, obwohl wir ziemlich sicher gleich reagiert hätten, wären wir an Hiobs Stelle. Gott aber kann es nicht gefallen, wenn Seine Knechte und geliebten Kinder sich von solchen menschlichem Regungen beherrschen lassen. Er muss es ihnen aberziehen; Er wird es ihnen aberziehen. Denn sie sollen eines Tages in Seinem Haus sein, und sie sollen eines Tages auf dem höchsten Thron im Universum sitzen und mit Seinem Sohn die Welt und Engel richten (Mt 19,28; 1Kor 6,2; Off 5,10; 20,4).

6 Hört doch meine Rechtfertigung, und horcht auf die Beweisgründe meiner Lippen!
7 Wollt ihr für Gott Unrecht reden, und für ihn Trug reden?
8 Wollt ihr für ihn Partei nehmen? Oder wollt ihr für Gott rechten?
9 Ist es gut für euch, dass er euch erforsche? Oder werdet ihr ihn täuschen, wie man einen Menschen täuscht?
10 Strafen wird er euch, wenn ihr im Geheimen die Person anseht.
11 Wird nicht seine Hoheit euch bestürzen, und sein Schrecken auf euch fallen?
12 Eure Denksprüche sind Sprüche von Asche, eure Schutzwehren erweisen sich als Schutzwehren von Lehm.

Natürlich hat Hiob Recht, Gottes »Hoheit wird euch bestürzen«, aber wird sie nicht auch ihn bestürzen? Was Hiob weiß, hat keine Kraft auf seine Seele. Ist das nicht das Hauptmerkmal der Finsternis, in der sich der Gerechte befinden kann? Der Gottlose will in seiner Finsternis nichts wissen von Gott und von Seinen Wegen. Der Gerechte weiß in seiner Finsternis nur zu gut Bescheid um Gott und Seine Wege. Er kann den andern Gottes Majestät vor Augen stellen und sie dafür rügen, dass sie Gott nicht gebührend fürchten, und gleichzeitig kann er selbst Gott nicht fürchten, wie er Ihn fürchten müsste. Das ist wirklich die Plage des Gerechten: Er weiß alles, was er wissen muss, aber er erfährt die Kraft dieses Wissens nicht an seiner eigenen Seele. Es ist ein furchtbarer Zustand, aus dem wir eigenhändig so wenig herauskommen wie der Sünder aus dem Gefängnis der Sünde. Wir sind auf Gottes Eingreifen angewiesen, wir haben den himmlischen Hohenpriester nötig, der durch Seine Fürbitte und durch Seinen Geist dafür sorgt, dass unser Glaube wieder erwacht und wir im Glauben die Verheißungen Gottes ergreifen können.

13 Schweigt, lasst mich, und ich will reden, was auch über mich ergehen möge.
14 Warum sollte ich mein Fleisch zwischen meine Zähne nehmen, und mein Leben meiner Hand anvertrauen?
15 Da! tötet er mich, ich werde auf ihn warten, nur will ich meine Wege ihm ins Angesicht rechtfertigen.

»Tötet er mich, ich werde auf ihn warten«: Hier sehen wir Hiobs äußerste Entschlossenheit, seine Sache mit Gott durchzubringen. Seine Freunde haben ihn enttäuscht, von ihnen erwartet er nichts mehr. Gott ist seine einzige Zuflucht.

16 Auch das wird mir zur Rettung sein, dass ein Ruchloser nicht vor sein Angesicht kommen darf.

Gott nimmt die Ruchlosen nicht an; das ist Hiob in dem Sinn »zur Rettung«, als er ja kein Ruchloser ist. Darum darf er getrost damit rechnen, dass Gott ihn hört.

17 Hört, hört meine Rede, und meine Erklärung dringe in eure Ohren!
18 Siehe doch, ich habe die Rechtssache gerüstet! Ich weiß, dass ich Recht behalten werde.
19 Wer ist es, der mit mir rechten könnte? Denn dann wollte ich schweigen und verscheiden.

»Ich weiß, dass ich Recht behalten werde«: Vor den Freunden wird Hiob recht behalten, aber trotzdem ist Hiobs Haltung nicht richtig. Das wird ihm zuerst Elihu und dann Gott selbst sagen.

4. Hiob bittet Gott, ihn in Ruhe zu lassen  13,20-28

20 Nur zweierlei tue mir nicht; dann werde ich mich nicht vor deinem Angesicht verbergen.
21 Deine Hand entferne von mir, und dein Schrecken ängstige mich nicht.
22 So rufe denn, und ich will antworten, oder ich will reden, und erwidere mir!

»So rufe denn«: Gott wird Hiob noch rufen, Er wird noch zu ihm reden, allerdings wird Hiob Ihm dann nichts zu »antworten« wissen (39,33-35).

23 Wie viele Missetaten und Sünden habe ich? Lass mich meine Übertretung und meine Sünde wissen!

»Wie viele Missetaten und Sünden habe ich?«: Wie eben vor den Freunden (V. 18, 19), so behauptet Hiob mit großer Kühnheit auch vor Gott seine Gerechtigkeit. Die zweite Hälfte des Verses ist nicht eine wirkliche Bitte an Gott, ihn seiner Sünden zu überführen, sondern es ist eine Herausforderung, die aus dem Selbstbewusstsein entspringt, Gott werde ihm keine Sünde zeigen können.

24 Warum verbirgst du dein Angesicht, und hältst mich für deinen Feind?

Hier meint Hiob, Gott halte ihn für Seinen Feind. In 16,9 sagt er sogar, Gott sei ihm zum Feind geworden. In 19,11 wird er ein zweites Mal sagen, er sei Gott zum Feind geworden. Elihu wird ihm hier widersprechen (33,10-12).

25 Willst du ein verwehtes Blatt hinwegschrecken, und die dürre Stoppel verfolgen?

»ein verwehtes Blatt ...und dürre Stoppel«: Wie in 7,12 hält Hiob es für unverhältnismäßig, dass der allmächtige Gott sich mit solcher Wucht gegen ein so kleines und schwaches Geschöpf wenden sollte.

26 Denn Bitteres verhängst du über mich, und lässest mich erben die Missetaten meiner Jugend;
27 und meine Füße legst du in den Stock, und beobachtest alle meine Pfade, grenzest dir ein die Sohlen meiner Füße;

»meine Füße legst du in den Stock«: siehe 33,11; »grenzest dir ein die Sohlen meiner Füße«: siehe 3,23

28 da ich doch zerfalle wie Moder, wie ein Kleid, das die Motte zerfressen hat.

vgl. Ps 39,12

Kapitel 14

In diesem Kapitel klagt Hiob über zweierlei: Das menschliche Leben ist kurz und mit Unruhe gesättigt (Vv.1,2). Wie bitter ist das, wenn mit dem Tod alles aus ist und wenn es keine Hoffnung auf eine Auferstehung gibt (Vv.7-12)! Die Bitterkeit, die Gott seinem Knecht bereitet hat, weckt in ihm zuerst Sehnsucht nach Auferstehung (V. 13-15), um ihm nachher sogar die gewisse Zuversicht der Auferstehung zu geben (19,25-26).

5. Wie schwer ist das Leiden angesichts der Kürze des Lebens!  14,1-6

1 Der Mensch, vom Weib geboren, ist kurz an Tagen und mit Unruhe gesättigt.
2 Wie eine Blume kommt er hervor und verwelkt; und er flieht wie der Schatten und hat keinen Bestand.
3 Dennoch hast du über einen solchen deine Augen geöffnet, und mich führst du ins Gericht mit dir!
4 Wie könnte ein Reiner aus einem Unreinen kommen? Nicht ein einziger!
5 Wenn denn bestimmt sind seine Tage, die Zahl seiner Monde bei dir sind, wenn du ihm Schranken gesetzt hast, die er nicht überschreiten darf,
6 so blicke von ihm weg, dass er Ruhe habe, bis er wie ein Tagelöhner seinen Tag vollende.

»Vom Weib geboren«, von Geburt an und aufgrund seiner Geburt ist das Leben des Menschen kurz und unruhig. Woher denn? Das Weib, aus dem er geboren wurde, ist eine Sünderin, und darum ist er selbst ein Sünder. Die Sünde hat ihm das Leben verkürzt und hat es ihm dazu noch sauer gemacht (1Mo 3,16-19). Alle Schönheit, die an ihm ist - denn er ist ein Geschöpf Gottes -, vergeht, wie die Schönheit der Blume (Ps 103,15; Jk 1,11). Er hätte immer bleiben sollen, jetzt aber »flieht er wie der Schatten und hat keinen Bestand« (Ps 102,11; 109,23; Prd 6,11). Und über einem solchen hat Gott »seine Augen geöffnet«. Sollte er es denn nicht? Hiob meint, er solle ihn in Ruhe lassen, Er solle »von ihm weg blicken« (vgl. 7,16 und die dort vermerkten Stellen), als ob das die Lösung der unerträglichen Daseinsweise des Menschen wäre! Das Leben ist, wie Hiob deutlich genug sagt, der Sünde wegen kurz und erbärmlich. Würde es besser, wenn Gott wenigstens während der kurzen Jahre der irdischen Existenz den Menschen in Ruhe ließe? Es wäre dann vollends unerträglich, es begänne dann die Hölle schon hier. Gottes Lösung ist erstens die Entfernung der Sünde. Dazu kam das Lamm Gottes in die Welt: »Zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer« (Heb 9,26; Joh 1,29). Zweitens die Gabe eines neuen Lebens (2Kor 5,17), drittens die Auferstehung zur Unverweslichkeit (1Kor 15,53) in einer neuen Schöpfung, in der keine Sünde und darum auch kein Tod je wieder sein wird (2Pet 3,13). Ewige Herrlichkeit ist das schöne Ende - »das Ende des Herrn« (Jk 5,11) -, zu dem Gott Hiob und einen jeden seiner Erwählten bestimmt und bereitet hat.

6. Der Mensch ist ohne Hoffnung  14,7-22

In diesen Versen wird deutlich, woran sich Hiobs Sehnsucht nach Auferstehung entzündet: Die Leiden der Jetztzeit machen die menschliche Existenz zu einem zynischen Witz, wenn es keine Auferstehung gibt; es wäre unerträglich, sollte der Mensch aus einem Leben wie diesem dahingehen, und nichts mehr haben. (Siehe auch 17,11-16.) In der Tat: »Wenn wir allein in diesem Leben auf Christum Hoffnung haben, so sind wir die elendesten von allen Menschen. (1Kor 15,19). Aber es ist nicht so, wie Hiob selbst von Gott geoffenbart bekommt: 19,25-26.

7 Denn für den Baum gibt es Hoffnung: wird er abgehauen, so schlägt er wieder aus, und seine Schößlinge hören nicht auf.

»Für den Baum gibt es Hoffnung«, aber nicht für den Menschen. In V. 19 wird der hier angefangene Gedanke mit der Feststellung abgeschlossen: »du machst zunichte die Hoffnung des Menschen«. Ohne Hoffnung kann der Mensch nicht leben; ohne Hoffnung wird jedes Leiden untragbar.

8 Wenn seine Wurzel in der Erde altert, und sein Stumpf im Boden erstirbt:
9 vom Dufte des Wassers sprosst er wieder auf und treibt Zweige wie ein Pflänzling.
10 Der Mann aber stirbt und liegt da; und der Mensch verscheidet, und wo ist er?
11 Es verrinnen die Wasser aus dem See, und der Fluss trocknet ein und versiegt:
12 so legt der Mensch sich hin und steht nicht wieder auf; bis die Himmel nicht mehr sind, erwachen sie nicht und werden nicht aufgeweckt aus ihrem Schlafe.

Der Mensch wird diese Schöpfung nicht mehr sehen, wenn er sie verlassen hat. Er wird nicht aufstehen, bis diese »Himmel nicht mehr sind«. Er wird aber auferstehen für eine neue Schöpfung, für einen neuen Himmel und eine neue Erde (2Pet 3; Off 21,2-3).

13 O dass du im Scheol mich verstecktest, mich verbärgest, bis dein Zorn sich abwendete, mir eine Frist setztest und dann meiner gedächtest!
14 (Wenn ein Mann stirbt, wird er wieder leben?) Alle Tage meiner Dienstzeit wollte ich harren, bis meine Ablösung käme!
15 Du würdest rufen, und ich würde dir antworten; du würdest dich sehnen nach dem Werke deiner Hände.

Wenn Gott den Hiob doch nur »in dem Scheol« versteckte, und ihm nach einer gewissen Frist wieder gedächte! Aber schon im nächsten Satz stellt Hiob diesen Wunsch in Frage: »Wenn ein Mensch stirbt, wird er wieder leben?« Gibt es denn so etwas wie Auferstehung? Wenn ja, dann wollte ich gerne »alle Tage meiner Dienszeit harren, bis meine Ablösung käme«. Dann hätte das Leiden einen Sinn.

16 Denn nun zählst du meine Schritte; wachst du nicht über meine Sünde?
17 Meine Übertretung ist versiegelt in einem Bündel, und du hast hinzugefügt zu meiner Missetat.
18 Und doch, ein Berg stürzt ein, zerfällt, und ein Fels rückt weg von seiner Stelle;
19 Wasser zerreiben die Steine, ihre Fluten schwemmen den Staub der Erde hinweg; aber du machst zunichte die Hoffnung des Menschen.

Es kann niemand seine Sünden verbergen, es kann niemand sein sündiges Wesen abstreiten (V. 4). Alles ist in Gottes Buch verzeichnet, und es wird am Tage des Gerichts gegen uns zeugen. Wie können wir da Hoffnung haben? So wie Fluten Steine zerreiben und den Sand wegtragen, so zermalmst du den Menschen und »machst zunichte die Hoffnung des Menschen«.

20 Du überwältigst ihn für immer, und er geht dahin; sein Angesicht entstellend, sendest du ihn hinweg.

Der Tod überwältigt den Menschen »für immer«. Wer wollte sich auch Gottes Verdikt widersetzen? Der Mensch hat gesündigt und »hat daran den Tod gefressen« (Luther). Er hat die Finsternis gewählt. Gott sendet sie ihm jetzt, ja, er hat sie ihm bereitet (Jes 45,5) und verhängt sie über ihn, ohne dass er sich Gottes Gericht entziehen könnte.

21 Seine Kinder kommen zu Ehren, und er weiß es nicht; und sie werden gering, und er achtet nicht auf sie.

So lange er lebt, mag er sich darüber Freuen, dass »seine Kinder zu Ehren« kommen; nun aber »weiß er es nicht«. Er gewahrt sie nicht, er ist nicht mehr im Lande der Lebendigen und sieht das Licht der lieben Sonne nicht.

22 Nur um ihn selbst hat sein Fleisch Schmerz, und nur um ihn selbst empfindet seine Seele Trauer.

Es ist nur zu wahr, was Hiob vom Menschen sagt. »Nur um ihn selbst empfindet seine Seele Trauer.« In diesem Gefängnis ist der gefallene Mensch gefangen. Er kann gar nicht anders als alles auf sich selbst zu beziehen, alles nach seinem eigenen Nutzen zu beurteilen und sich nur insofern freuen, als es ihn betrifft, und nur darüber trauern, was ihn berührt. Zu weinen mit den Weinenden und sich zu freuen mit den sich Freuenden, das vermochte der Mensch Jesus Christus, und seither vermögen es solche, die in Christus sind und in denen Christus ist. Keine Worte können die Erbärmlichkeit des Lebens des Sünders hinreichend beschreiben. Es ist kurz, von Eifern und Geifern um nichts gesättigt, und es ist hemmungslos egozentrisch. Tatsächlich, der Mensch ist geworden »wie Gott« (1Mo 3), sein eigener jämmerlicher Gott in seiner engen Welt, die, gemessen an der Weite des Paradieses, nicht besser ist als der enge Sarg, in den man Joseph legte (1Mo 50,26).

Eliphas zweite Rede - Kap. 15

  1. Eliphas zeiht Hiob der Ungerechtigkeit, der List, der Anmaßung und der Undankbarkeit  15,1-11
  2. Gott ist gerecht und Hiob ist ungerecht  15,12-16
  3. Das schlimme Teil der Ungerechten  15,17-35

In seiner zweiten Antwort stellt Eliphas nicht mehr rhetorische Fragen, sondern spricht offene Beschuldigungen aus (Vv.4-6). In seiner ersten Rede hatte er Hiob noch Frömmigkeit bescheinigt; hier spricht er sie ihm nicht mehr zu, sondern behauptet schon, Hiob mindere die Gottesfurcht bei allen, die in seine Nähe kommen. Offensichtlich haben Hiobs Antworten ihn gestochen, und nun gibt er auf seine Weise zurück. In seiner dritten Rede wird Eliphas endlich aufs Ganze gehen, und behaupten, Hiob handle regelrecht gottlos. Er weiß aber sonst in seiner zweiten Rede nichts Wesentliches über das hinaus zu sagen, was er bereits in der ersten gesagt. Hiob könne sich doch nicht einbilden er sei vor Gott rein (V.14-16, vgl. 4,17.18), und dem Gesetzlosen sei das Unglück gewiss (Vv. 20-35; vgl. 4,7-8; 5,1-16). Als Antwort auf das, was er an Hiob nur als gefährliche Verstocktheit und Verhärtung ansehen kann, beschreibt er den Gottlosen, der vergeblich gegen den Allmächtigen trotzt und gegen ihn anrennt mit den dichten Buckeln seiner Schilde (15,25-26).

Kapitel 15

1. Eliphas schilt Hiob der Ungerechtigkeit, der List, der Anmaßung und der Undankbarkeit  15,1-11

1 Und Eliphas, der Temaniter, antwortete und sprach:
2 Wird ein Weiser windige Erkenntnis antworten, und wird er sein Inneres füllen mit Ostwind,
3 streitend mit Reden, die nichts taugen, und mit Worten, womit er nicht nützt?

Eliphas ist »ein Weiser«, und darum wird er nicht »windige Erkenntnis antworten«. Das überlasse er Hiob. Es ist gewiss keine gute Eröffnung einer Rede, mit der man vorgibt, dem andern helfen zu wollen, und doch: Wie oft folgen wir diesem schlechten Beispiel! Wir geben unserem Gesprächspartner zu verstehen, dass er nicht viel verstehe, dass aber wir selbst die Weisen sind.

4 Ja, du vernichtest die Gottesfurcht und schmälerst die Andacht vor Gott.
5 Denn deine Ungerechtigkeit belehrt deinen Mund, und du wählst die Sprache der Listigen.

»Du wählst die Sprache der Listigen«: In seiner ersten Rede hatte Eliphas noch allgemein gesagt, Gott mache die Anschläge der Listigen zunichte (5,12). Hier sagt er offen, dass er damit Hiob selbst meint. Damit beschuldigt er ihn erstmals direkt der »Ungerechtigkeit«, denn diese sei es, die ihn dränge, mit seinen listigen Argumenten seine Schuld zu verbergen. Etwas Schlimmeres kann man einem Menschen nicht unterstellen. Lüge ist schlimm genug, Lüge unter dem Deckmantel der Gottesfurcht ist aber noch einmal gesteigertes Übel.

6 Dein Mund verdammt dich, und nicht ich; und deine Lippen zeugen wider dich.
7 Bist du als Erster zum Menschen gezeugt, und vor den Hügeln du geboren?
8 Hast du im Rate Gottes zugehört, und die Weisheit an dich gerissen?
9 Was weißt du, das wir nicht wüssten, was verstehst du, das uns nicht bekannt wäre?

Hiob hatte mit bissiger Ironie gesagt, mit Eliphas und Anhang werde die Weisheit austerben (12,2). Wie er in den Wald gerufen hatte, tönt es zurück: »Bist du als Erster...geboren?« Und dann greift Eliphas das Wort »Weisheit« auf, das Hiob in seiner vorherigen Rede verwendet hatte. Ob er denn wirklich meine, er habe die Weisheit an sich gerissen? Und auf Hiobs Ausruf von 12,3 gibt ihm Eliphas fast wörtlich zurück: »Was weißt du, das wir nicht wüssten?«

10 Unter uns sind auch Alte, auch Greise, reicher an Tagen als dein Vater.

Eliphas hatte sich in seiner ersten Rede auf seine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen berufen (4,8.12-16), und das tut er auch in dieser Rede noch einmal (V. 17) Aber jetzt greift er auch auf die Autorität der Väter und der von ihnen gelehrten Weisheit zurück (wie Bildad in seiner ersten Rede, 8,8-10), ebenso in V. 18.

11 Sind dir zu wenig die Tröstungen Gottes, und ein sanftes Wort an dich zu gering?

Eliphas antwortet dem Hiob nach dessen eigenen Worten (siehe 12,3; 13,2). Er wisse so viel wie Hiob, dieser habe keinerlei Ursache sich für wissender zu halten als seine Freunde. Es hatte uns leid getan, dass Hiob zweimal darauf gepocht hatte, dass er über Gott und seine Wege so viel wisse wie seine Freunde, obwohl er Recht hatte. Eliphas bildet sich aber nur ein, er wisse mehr als Hiob. In Tat und Wahrheit offenbart er große Unkenntnis, die sich mit ebenso großer Anmaßung paart. Dabei schilt er Hiob einen arroganten Kerl, denn genau das will seine rhetorische Frage, ob Hiob »als Erster zum Menschen gezeugt und vor den Hügeln geboren« sei. Das hatte Hiob weder gesagt noch sagen wollen; denn er ist nicht anmaßend; er ist nur ungeduldig. Aber es ist fast immer so: Wer den andern einen Anmaßenden schilt, tut es, weil er selber anmaßend ist: »Deshalb bist du nicht zu entschuldigen, o Mensch, jeder der da richtet; denn worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst; denn du, der du richtest, tust dasselbe« (Röm 2,1). Denn gerade Eliphas ist es, der so tut, als habe er »im Rate Gottes zugehört«, als habe er Gottes Urteil über Hiob und seine Unterredung mit Satan gehört (1,6-12). Und dann beklagt sich Eliphas, darüber, dass Hiob seine freundlichen Worte von sich gewiesen hat. Dem feinen Herrn sei wohl »ein sanftes Wort zu gering«? Wir, die wir den Vieren bei ihrer Redeschlacht als Unbeteiligte zuhören, müssen sagen, dass wir Hiob verstehen und ihm hier Recht geben müssen. Eliphas Worte waren zwar der Form nach sanft gewesen, dabei aber von ausgesuchter Taktlosigkeit. Seine süßen Worte stießen nur um so saurer auf, weil sie erstens nicht ehrlich gemeint waren und zweitens auf bösen Unterstellungen fußten. Wir hätten sie auch von uns geschoben wie eine ungenießbare Speise.

2. Gott ist gerecht und Hiob ist ungerecht  15,12-16

12 Was reißt dein Herz dich hin, und was zwinken deine Augen,
13 dass du gegen Gott dein Schnauben kehrst, und Reden hervorgehen lässest aus deinem Munde?
14 Was ist der Mensch, dass er rein sein sollte, und der vom Weibe Geborene, dass er gerecht wäre?
15 Siehe, auf seine Heiligen vertraut er nicht, und die Himmel sind nicht rein in seinen Augen:
16 wieviel weniger der Abscheuliche und Verderbte, der Mann, der Unrecht trinkt wie Wasser!

Eliphas wiederholt sich (4,17-19). Was er sagt ist wahr. Es steht so geschrieben, und man kann das im Lehrbuch nachlesen. Hiob hat auch nie behauptet, es stimme nicht, im Gegenteil: Er hat selbst gesagt, dass aus dem Unreinen kein Reiner kommen könne (14,4). Eliphas will natürlich mehr sagen, als nur gerade, dass Gott rein und der Mensch unrein ist. Er will Hiob zum Geständnis nötigen, er sei »der Abscheuliche und Verderbte, der Mann, der Unrecht trinkt wie Wasser«. Hiob hat aber nicht Unrecht getrunken. Darum kann er und darf er Eliphas nicht Recht geben; denn dann wäre er genau das, was seine Freunde behaupten: ein Heuchler.

3. Das schlimme Teil der Ungerechten  15,17-35

So wie Eliphas sich wiederholt, muss auch ich mich wiederholen: Abgesehen davon, dass Eliphas neben vielem Richtigen auch manches Schiefe behauptet, ist seine Beschreibung vom Leben und vom Ende des Gottlosen ein Schuss in die Luft. Hiob ist kein Gottloser; darum treffen ihn Eliphas starken Worte nicht.

17 Ich will dir's berichten, höre mir zu; und was ich gesehen, will ich erzählen,
18 was die Weisen verkündigt und nicht verhehlt haben von ihren Vätern her-
19 ihnen allein war das Land übergeben, und kein Fremder zog durch ihre Mitte-;
20 Alle seine Tage wird der Gesetzlose gequält, und eine kleine Zahl von Jahren ist dem Gewalttätigen aufgespart.
21 Die Stimme von Schrecknissen ist in seinen Ohren, im Frieden kommt der Verwüster über ihn;
22 er glaubt nicht an eine Rückkehr aus der Finsternis, und er ist ausersehen für das Schwert.
23 Er schweift umher nach Brot - wo es finden? Er weiß, dass neben ihm ein Tag der Finsternis bereitet ist.
24 Angst und Bedrängnis schrecken ihn, sie überwältigen ihn wie ein König, gerüstet zum Sturm.

Eliphas behauptet hier Dinge, die durch die Tatsachen vielfach widerlegt werden. Es ist nicht wahr, dass den Gewalttätigen »eine kleine Zahl von Jahren aufgespart« sein muss. Wir lesen vom exemplarischen Greuelkönig Manasse, dass er 52 Jahre regierte, während der vorbildliche König Josia, der in der Radikalität der Buße zu Gott und zu seinem Wort einmalig ist, als junger Mann in der Schlacht fiel. Eliphas hat auch diese falsche Behauptung schon einmal aufgestellt (4,7), und dort erinnerten wir an den gottlosen Kain, der lange Jahre lebte, erfolgreich wirtschaftete und eine ansehnliche Nachkommenschaft hinterließ, während der gerechte Abel in seiner Jugend hinweggerafft wurde. Kain und seine Söhne bauten eine Stadt, waren tüchtige Handwerker und Viehzüchter, Sänger und Dichter. Sie schweiften sicher nicht »umher nach Brot«, und es wird niemand behaupten, sie seien »nicht reich« geworden und ihr Vermögen habe »keinen Bestand« gehabt. Er hielt während mehrerer Generationen vor.

25 Weil er seine Hand wider Gott ausgestreckt hat und wider den Allmächtigen trotzte,
26 wider ihn anrannte mit gerecktem Halse, mit den dichten Buckeln seiner Schilde;

Mit dem Gesetzlosen, der »wider den Allmächtigen trotzte« und »wider ihn anrannte«, meint Eliphas natürlich Hiob. Gott habe zu Hiob geredet durch die eindringlichen Worte seiner Freunde, aber er verhärte sich nur dagegen.

27 weil er sein Angesicht bedeckt hat mit seinem Fette und Schmer angesetzt an den Lenden;

Hier gibt Eliphas zu verstehen, die Wohlfahrt, die Gott dem Hiob geschenkt hatte, habe ihn verleitet, gegen Gott so frech zu werden. Das ist wiederum ein wohl plazierter Tiefschlag. Denn Hiob war jemand, der bei aller Wohlfahrt Gott fürchtete (1,1.8; 2,3) und es Gottes Güte zuschrieb, dass es ihm so gut ging (29,2-6).

28 und zerstörte Städte bewohnte, Häuser, die nicht bewohnt werden sollten, die zu Steinhaufen bestimmt waren:
29 so wird er nicht reich werden, und sein Vermögen wird keinen Bestand haben; und nicht neigt sich zur Erde, was solche besitzen.
30 Er entweicht nicht der Finsternis; seine Schößlinge versengt die Flamme; und er muss weichen durch den Hauch seines Mundes.
31 Er verlasse sich nicht auf Nichtiges, er wird getäuscht; denn Nichtiges wird seine Vergeltung sein.
32 Noch ist sein Tag nicht da, so erfüllt es sich; und sein Palmzweig wird nicht grün.
33 Wie der Weinstock übt er Unbill an seinen unreifen Beeren, und wie der Olivenbaum wirft er seine Blüte ab.
34 Denn der Hausstand des Ruchlosen ist unfruchtbar, und Feuer frisst die Zelte der Bestechung.
35 Sie sind schwanger mit Mühsal und gebären Unheil, und ihr Inneres bereitet Trug.

Mit diesen Worten übertrifft Eliphas an Bitterkeit alles, was er bisher gesagt hat: Die V. 29 und 30 beschreiben ziemlich unverhüllt den Zustand Hiobs, und damit sagt Eliphas ganz deutlich, dass er an Hiobs Schicksal ablesen könne, dass er ein Gottloser ist. Hiob soll also alles hier Gesagte auf sich anwenden: Hiob habe seine Hand gegen Gott ausgestreckt, sei gegen Gott angerannt, weil dieser Ihm Fettigkeit gewährt hatte (V. 25-27), er habe sich auf »Nichtiges« verlassen (V.31), daher sei sein blühender Hausstand vor der Zeit untergegangen (Vv. 32-34): Während er von außen gerecht erscheine, trage er in seinem Busen Frevel: er sei er »schwanger mit Mühsal«, und während er mit seinen Worten gerecht erscheine, bereite sein »Inneres Trug«.

Hiob weist Eliphas zweite Rede zurück - Kap. 16-17

Hiob antwortet auf die Beschuldigungen Eliphas mit zweierlei: Erstens, dass er nicht schuldig ist, und zweitens, dass Gott mit seinen Geschöpfen verfahren darf, wie Er will, dass Er auch dem Gerechten zum Feind werden kann. Dabei ist seine Antwort im Ton nicht anders, als Eliphas zweite Rede erwarten lässt. Hiob ist gebissen worden, und jetzt beißt er seine Freunde teilweise mit den gleichen Worten zurück (vgl. 15,2 mit 16,3; 15,9 mit 16,2; 15,30 mit 17,5). Er beklagt sich zunächst über seine Freunde, dann klagt er vor Gott, der sich wie ein Feind gegen ihn gewandt habe. Dennoch ruft er Gott zum Zeugen und Richter an. Wie in seiner ersten Klage sieht er im Tod die einzige Befreiung aus seiner gegenwärtigen Not. Wir können die Rede in folgende Abschnitte unterteilen:

  1. Hiob schimpft seine Freunde leidige Tröster  16,1-5
  2. Hiob klagt, dass Gott sein Feind geworden sei  16,6-17
  3. Hiob ruft Gott zum Richter an  16,18-17,10
  4. Hiob sieht keine andere Hoffnung mehr als das Grab  17,11-16

Kapitel 16

1. Hiob schimpft seine Freunde leidige Tröster  16,1-5

1 Und Hiob antwortete und sprach:
2 Ich habe vieles dergleichen gehört; leidige Tröster seid ihr alle!
3 Hat es ein Ende mit den windigen Worten? Oder was reizt dich, dass du antwortest?

»Ich habe vieles dergleichen gehört«: Wen kann es wundern, dass Hiob auf die zuletzt vernommenen Worte so ungehalten antwortet? Sie waren beleidigend, trafen daneben und halfen niemandem. »Leidige Tröster« waren sie alle. Es gereicht freilich auch ihm nicht zur Ehre, dass er Böses mit Bösem, Scheltwort mit Scheltwort vergilt (vgl. 1Pet 3,9).

4 Auch ich könnte reden wie ihr. Wenn eure Seele an der Stelle meiner Seele wäre, könnte ich Worte gegen euch zusammenreihen, und den Kopf über euch schütteln;
5 ich wollte euch stärken mit meinem Munde, und das Beileid meiner Lippen würde euch Linderung bringen.

»Auch ich könnte...ich wollte«: Wie voll ist hier der Knecht Gottes von sich selbst. Es ist ein würdeloser Anblick, den der Diener des Herrn hier bietet, wenn er sich mit seinen Freunden vergleicht, die ihn beleidigen, um ihnen entgegenzuhalten, es sei wahrlich keine Kunst, aus ihrer Position so groß zu reden wie sie es tun; er könnte das auch, er würde es aber unterlassen und es besser machen als sie: Er würde sie trösten, statt sie so schmählich zu behandeln wie sie ihn.

2. Hiob klagt, dass Gott sein Feind geworden sei  16,6-17

Kaum hat Hiob seinen Freunden gezeigt, wie sehr er ihre Ratschläge verachtet, klagt er wiederum in ergreifenden Worten über sein Elend. Die V. 10-17 gehören zu den erschütterndsten Klagen in der ganzen Bibel. Hier beschreibt Hiob ein Leiden, das dem Leiden des Herrn in vielem nahekommt. Manche Ausdrücke könnten geradezu Weissagungen auf die Leiden Christi sein.

6 Wenn ich rede, so wird mein Schmerz nicht gehemmt; und unterlasse ich es, nicht weicht er von mir.

Hiob sagt, er könne tun, was er wolle: Stumm sich in sein Leid schicken oder über sein Leid klagen, es sei einerlei: »Mein Schmerz wird nicht gehemmt.«

7 Ja, bereits hat er mich erschöpft; - du hast meinen ganzen Hausstand verwüstet.
8 Und du hast mich zusammenschrumpfen lassen, zum Zeugen ward es; und meine Abmagerung tritt wider mich auf, sie zeugt mir ins Angesicht.

In V. 7 hatte er über Gott gesprochen (»er«), nun wendet er sich direkt an ihn: »Du hast mich zusammenschrumpfen lassen.« Im nachfolgenden Vers spricht er wieder über Gott in der 3. Person. Seine »Abmagerung« ist wie ein falscher Zeuge, der sich gegen ihn wendet. Aber eigentlich sind es die Freunde, die die falschen Zeugen sind. Sie nützen Hiobs jämmerlichen Zustand aus, um ihn als ein Indiz gegen ihn zu wenden. Das muss Hiob furchtbar wehtun.

9 Sein Zorn hat mich zerfleischt und verfolgt, er hat mit seinen Zähnen wider mich geknirscht; als mein Feind schärft er seine Augen wider mich.

In 13,24 hatte Hiob gesagt, Gott halte ihn für Seinen Feind. Nun ist er einen Schritt weiter gegangen und behauptet, Gott sei Ihm zum Feind geworden. Hier irrt Hiob: Gott ist nicht sein Feind, er ist vielmehr sein einziger wahrer Freund, der von Anfang an nur seinen Segen im Auge hat. Aber darin hat Hiob Recht, dass ihm sein Leiden von Gott verhängt ist. Nicht seine Sünde, nicht unglückliche Umstände, nicht ein Feind, sondern Gott selbst ist es, der ihn niedergerissen hat. So paradox es scheinen mag, darin sieht Hiob Licht. Denn: Wenn alles Glück ehemals von Gott kam, und wenn alles Unglück von Gott kommt, dann kann Gott auch alles wenden.

10 Ihr Maul haben sie wider mich aufgesperrt, mit Hohn meine Backen geschlagen; allzumal verstärken sie sich wider mich.

Hiobs Tröster hatten ihr Maul gegen ihn aufgesperrt; ihr Hohn hatte ihn wie Schläge auf seine Wangen getroffen. Man vergleiche damit das Leiden des Herrn (Ps 22,8; Mt 26,66-68).

11 Gott gab mich preis dem Ungerechten, und in die Hände der Gesetzlosen stürzte er mich.

In 9,24 hatte Hiob erklärt: »Die Erde ist in die Hand des Gesetzlosen gegeben.« Hier führt er den Gedanken fort und sagt, Gott haben ihn dem Ungerechten preisgegeben. Wir verstehen, dass Hiob darüber laut klagt; was wir nicht begreifen können, ist dass unser Herr Seinen Feinden ausgeliefert wurde und dabei nicht protestierte.

12 Ich war in Ruhe, und er hat mich zerrüttelt, und er packte mich beim Nacken und zerschmetterte mich; und er stellte mich hin sich zur Zielscheibe.
13 Seine Schützen umringten mich, er spaltete meine Nieren ohne Schonung; er schüttete meine Galle zur Erde.
14 Er durchbrach mich, Bruch auf Bruch; er rannte wider mich, wie ein Held.

Eliphas hatte behauptet, Hiob renne gegen Gott an (15,13.26). Dem hält Hiob entgegen, dass nicht er gegen Gott, sondern dass Gott gegen ihn angerannt sei. Das ist zwar eine gute Antwort auf das böse Wort Eliphas´, wie es denn stimmt, dass es Gott ist, der Hiob niedergeworfen hat. Nur hat er das nicht getan, weil Er Hiobs Feind, sondern weil Er Hiobs Freund ist.

15 Ich habe Sacktuch über meine Haut genäht, und mit Staub mein Horn besudelt.
16 Mein Angesicht glüht vom Weinen, und auf meinen Wimpern ist der Schatten des Todes-
17 obwohl keine Gewalttat in meinen Händen, und mein Gebet lauter ist.

»obwohl mein Gebet lauter ist«: Hiob hat nicht Sünde verborgen, während er seine Hände zu Gott ausbreitet (vgl. Jes 1,15). Darum ist sein Gebet nicht geheuchelt, wie seine Freunde ihm unterstellen. Und doch ist sein Gebet auch nicht lauter; denn Hiob irrt in seinem Urteil über Gott (siehe V. 9). Wie könnte sein Gebet lauter sein, da er doch Gott anklagt und sich selbst mehr rechtfertigen will als Gott (siehe 32,2)? Ein lauteres Gebet will Gott ehren und sucht nichts Eigenes.

3. Hiob ruft Gott zum Richter an  16,18-17,10

18 Erde, bedecke nicht mein Blut, und für mein Geschrei sei kein Platz!
19 Sogar jetzt, siehe, im Himmel ist mein Zeuge, und der mir Zeugnis gibt, in den Höhen.

Die Zeugen auf der Erde haben sich als falsche Zeugen erwiesen. Das zwingt Hiob, auf den Zeugen »im Himmel« seine Hoffnung zu setzen; denn »der Zeuge in den Wolken ist treu« (Ps 89,38).

20 Meine Freunde sind meine Spötter: zu Gott tränt mein Auge,

Dass »meine Freunde meine Spötter« sind, tut viel mehr weh, als wenn irgend jemand spottet (siehe Ps 41,10; 55,13-15).

21 dass er schiedsrichterlich entscheide Gott gegenüber für einen Mann, und für einen Menschensohn hinsichtlich seines Freundes.
22 Denn die zählbaren Jahre gehen vorüber, und ich werde einen Weg dahingehen, auf dem ich nicht wiederkehren werde.

Wir staunen, dass Hiob bei aller Erschütterung darüber, dass Gott sein Feind geworden sei, Ihn dennoch als Zeugen und Schiedsrichter aufruft. Das zeigt, dass beim Heiligen sein Glaube an Gott nicht aufhören kann. Wir hatten das schon in Kap. 9 gesehen. Hiobs Verstand sagt ihm, dass er von Gott keinen Freispruch und darum auch keine Hilfe erwarten könne; aber Hiobs Herz sagt ihm, dass Gott ihn nicht endgültig fallen lassen könne. Hiob weiß - wenn er auch nicht weiß wie -, dass Gott der Einzige ist, der für ihn sein kann. Er wird es noch erfahren, dass Gott wirklich die ganze Zeit für ihn war, und Gott wird tatsächlich richterlich entscheiden, indem er Hiob vor seinen Freunden rechtfertigt und diese zurechtweist (42,7-8).

Kapitel 17

1 Mein Geist ist verstört, meine Tage erlöschen, die Gräber sind für mich.
2 Sind nicht Spöttereien um mich her, und muss nicht mein Auge weilen auf ihren Beleidigungen?
3 Setze doch ein, leiste Bürgschaft für mich bei dir selbst! Wer ist es sonst, der in meine Hand einschlagen wird?

»Leiste Bürgschaft für mich bei dir selbst«: Die Bitte lässt uns an Hiskias Bitte denken, zu der ihn seine Todesnot trieb: »Wie eine Schwalbe, wie ein Kranich, so klagte ich; ich girrte wie die Taube. Schmachtend blickten meine Augen zur Höhe: O Herr, mir ist bange! Tritt als Bürge für mich ein!« (Jes 38,14). Gott Selbst soll unser Bürge werden? Ja, Er wird es; Er muss es werden, sollen wir bleibende Errettung erfahren. Das sagt uns der Hebräerbrief: »...insofern ist Jesus eines besseren Bundes Bürge geworden« (Heb 7,22). Wenn aber erst die Not Hiob lehren konnte, dass er einen Bürgen braucht, und wenn erst die besondere Not hilfloser Helfer und leidiger Tröster ihm zeigen konnte, dass er einen besseren als bloß menschlichen Mittler braucht, dann war alle Not gut. Oder wiegt diese Erkenntnis nicht alles Leid um ein mehrfaches auf?

4 Denn ihre Herzen hast du der Einsicht verschlossen; darum wirst du ihnen nicht die Oberhand geben.
5 Wenn einer die Freunde zur Beute ausbietet, so werden die Augen seiner Kinder verschmachten.

Eliphas hatte wie vor ihm schon Bildad (8,4) dem Hiob indirekt gesagt, dass seine Kinder als Strafe für seine Gottlosigkeit umbekommen seien (15,30.33.34). Darauf entgegnet Hiob, Gott werde vielmehr dem die Kinder wegnehmen, der einen Freund verrät.

4. Hiob sieht keine andere Hoffnung mehr als das Grab  17,11-16

Eliphas hatte gesagt, der Tod komme ungewünscht und unverhofft über den Gottlosen und reiße ihn aus seinem kurzlebigen Glück heraus (15,21). Dem entgegnet Hiob, dass der Tod ihm weder ungewünscht noch unverhofft, sondern vielmehr wie ein Befreier kommt, der ihm Ruhe gibt (V. 16). Damit kehrt Hiob zu seiner früheren Einschätzung des Todes zurück (Kap 3).

11 Meine Tage sind vorüber, zerrissen sind meine Pläne, das Eigentum meines Herzens.

Wie weh tut es dem Mann, wenn er sehen muss, dass seine Pläne zerrissen worden sind. Sie sind das Eigentum seines Herzens, sie sind ein Stück von ihm. Aber zerreißt Gott nicht Hiobs Pläne, weil Er mit Hiob andere Pläne hat? Und ist das, was Gott sich für Hiob vorgesetzt hat, nicht unendlich höher als alles, was Hiob sich hat wünschen können? Glückselig der Mann, dem Gott seine Pläne zerreißt! Glückseliger Tag, an dem das Eigentum seines Herzens ihm genommen wurde. Glückselig der Mann, der die Anfechtung erduldet, der Gottes Erziehung nicht verachtet und Seine Züchtigung nicht verwirft, die nichts anderes will, als was sie mit Hiob tat.

12 Die Nacht machen sie zum Tage, das Licht gleich der Finsternis.
13 Wenn ich hoffe, so ist das Totenreich mein Haus, in der Finsternis bette ich mein Lager.
14 Zur Verwesung rufe ich: Du bist mein Vater! zum Gewürm: Meine Mutter und meine Schwester!
15 Wo denn also ist meine Hoffnung? Ja, meine Hoffnung, wer wird sie schauen?
16 Sie fährt hinab zu den Riegeln des Totenreichs, wenn wir miteinander im Staube Ruhe haben.

Bildads zweite Rede - Kap. 18

  1. Bildad greift Hiob an 18,1-4
  2. Der Gottlose kann der Strafe nicht entkommen 18,5-20
  3. Anwendung auf Hiob 18,21

Es ist wiederum Bildad, der Hiob am offensten angreift. Er zählt in diesem Kapitel alle Flüche Gottes auf, die über den Gottlosen (V. 5) verhängt sind. Damit sagt er unmissverständlich, dass er Hiob als einen Verworfenen ansieht. Er nennt ihn jemanden, »der Gott nicht kennt« (V. 21). Auch er weiß gegenüber seiner ersten Rede nichts wesentlich Neues zu sagen. Wie dort spricht er hier vom Ende der Gottlosen und verwendet dabei ähnliche Vergleiche (vgl. Vv. 16-17 mit 8,16-18); wie unbeweglich er an seinen Vorurteilen festhält, zeigt sich in der gleich bleibenden Wortwahl. Die erste wie die zweite Rede beginnt er mit der gleichen Frage: »Wie lange...?» (8,2; 18,2). Sehen wir uns einige dieser Flüche an, dann merken wir bald, wie er mit seinen Worten mit großer Wucht danebenhaut. »Das Licht der Gesetzlosen wird erlöschen« (V. 5). Hiob hat noch immer Licht, und er wird bald wieder ins helle Licht Gottes treten. Es wird ihn noch nicht »zum König der Schrecken« treiben (V. 14), sondern er wird noch lange, sehr lange leben. Und sein Gedächtnis wird erst recht nicht von der Erde verschwinden (V. 17). Der Name Hiob ist einer der bekanntesten Namen der ganzen Menschheitsgeschichte geworden und geblieben. Sein Name ist der einzige, der uns aus dem Buch, das wir studieren, geläufig ist. Die Namen der drei Freunde kennt nur der aufmerksame Bibelleser. Es ist auch der einzige Name, der in späteren biblischen Büchern erwähnt wird (Hes 14,14; Jk 5,11). Hiob wird nicht ohne Sohn und Nachkommen bleiben (V. 19), und über seinen Tag erfasst uns wahrlich nicht Schauder (V. 20), sondern im Gegenteil: Er ist uns ein großes Vorbild des Ausharrens im Leiden und eine Ermunterung, auf das vom Herrn bestimmte Ende zu hoffen. So verwünschen wir ihn und sein Geschickt nicht, sondern wir preisen ihn glückselig (Jk 5,11).

Kapitel 18

1. Bildad greift Hiob an  18,1-4

1 Und Bildad, der Schuchiter, antwortete und sprach:
2 Wie lange wollt ihr auf Worte Jagd machen? Werdet verständig, und hernach wollen wir reden!

Bildad zeigt seine Verärgerung über die Worte, die Hiob an Eliphas gerichtet hatte, indem er ihm Gleiches mit Gleichem beantwortet, wie ein Vergleich mit 16,3 zeigt.

3 Warum werden wir dem Vieh gleich geachtet, sind dumm in euren Augen?

Bildad findet, Hiob stelle seine Freunde wie dummes Vieh dar. Offensichtlich hat er vergessen, dass Zophar Hiob mit einem Eselsfüllen verglichen hatte (11,12).

4 Du, der sich selbst zerfleischt in seinem Zorn, soll um deinetwillen die Erde verlassen werden, und ein Fels wegrücken von seiner Stelle?

Hiob mag protestieren wie er will, die unverrückbaren Gesetze der göttlichen Regierung würde er nicht ändern können, oder meint er, um seinetwegen werde »ein Fels wegrücken von seiner Stelle?«

2. Der Gottlosen kann der Strafe nicht entkommen  18,5-20

5 Doch das Licht der Gesetzlosen wird erlöschen, und nicht leuchten wird die Flamme seines Feuers.
6 Das Licht wird finster in seinem Zelte, und seine Lampe erlischt über ihm.
7 Seine kräftigen Schritte werden eingeengt werden, und sein Ratschlag wird ihn stürzen.
8 Denn durch seine eigenen Füße wird er ins Netz getrieben, und auf Fallgittern wird er einherwandeln.

Der Gottlose hat kein Licht, das ihn und seinen Weg erleuchtet. Da mögen seine Schritte noch so kräftig sein, aber er wird nicht vorankommen, sondern »eingeengt werden«, und am Ende wird er erfahren, dass »sein Ratschlag ihn stürzen« wird, da er keinen guten Rat hatte gelten lassen (vgl. Ps 107,10-11). »Durch seine eigenen Füße«, also selbstverschuldet rennt er ins Unglück.

9 Der Fallstrick wird seine Ferse erfassen, die Schlinge ihn ergreifen.
10 Sein Garn ist verborgen in der Erde, und seine Falle auf dem Pfade.

Da der Gottlose allen guten Rat und damit das Licht verworfen hat, wird »der Fallstrick ... die Schlinge ... sein Garn« nach ihm schnappen. Er kann ihnen nicht entgehen, da er ja nichts sieht.

11 Schrecken ängstigen ihn ringsum und scheuchen ihn auf Schritt und Tritt.
12 Seine Kraft wird aufgezehrt werden durch Hunger, und das Verderben steht bereit an seiner Seite.
13 Der Erstgeborene des Todes wird fressen die Glieder seines Leibes, seine Glieder wird er fressen.
14 Seine Zuversicht wird hinweggerissen werden aus seinem Zelte, und es wird ihn forttreiben zum König der Schrecken.

Weil er in der Finsternis wandelt, werden »Schrecken ihn ängstigen ringsum«, seine falsche »Zuversicht wird hinweggerissen«, und am Ende wird er fortgehen müssen »zum König der Schrecken«.

15 Was nicht sein ist, wird in seinem Zelte wohnen, auf seine Wohnstätte wird Schwefel gestreut werden.
16 Unten werden seine Wurzeln verdorren, und oben wird sein Gezweig verwelken.
17 Sein Gedächtnis verschwindet von der Erde, und auf der Fläche des Landes hat er keinen Namen.
18 Man wird ihn aus dem Licht in die Finsternis stoßen, und aus der Welt ihn verjagen.
19 Er wird keinen Sohn und keinen Nachkommen haben unter seinem Volke, noch wird ein Entronnener in seinen Wohnsitzen sein.

Schließlich würde vom Gottlosen nichts mehr auf der Erde zurückbleiben, kein Besitz, keine Frucht, keine Nachkommen. »Sein Gedächtnis verschwindet von der Erde« (vgl. Spr 10,7). Kein einziger der Flüche, die Bildad aufgezählt hatte, würde Hiob treffen, denn: »Wie der Sperling hin und her flattert, wie die Schwalbe wegfliegt, so ein unverdienter Fluch: er trifft nicht ein« (Spr 26,2). Ja, Hiob hatte »keinen Sohn und keinen Nachkommen« mehr, aber Gott würde ihm wieder Söhne und Nachkommen geben (42,13).

3. Anwendung auf Hiob  18,21

21 Ja, so sind die Wohnungen des Ungerechten, und so ist die Stätte dessen, der Gott nicht kennt.

Die Beschreibung vom Schicksal des Gottlosen ist dem äußeren Ergehen Hiobs so ähnlich, dass er nicht übersehen konnte, wen Bildad die ganze Zeit im Auge hatte.

Hiob weist Bildads zweite Rede zurück - Kap. 19

  1. Hiob klagt über das Unrecht, das seine Freunde ihm antun  19,1-4
  2. Hiob beteuert, dass Gott ihn grundlos wie einen Feind behandle  19,5-20
  3. Hiob fleht seine Freunde um Verständnis an  19,21-22
  4. Hiob appelliert an das Urteil nachkommender Geschlechter  19,23-24
  5. Hiob findet seinen einzigen Trost in der Hoffnung der Auferstehung  19,25-27
  6. Hiob warnt seine Freunde  19,28-29

In der dritten Antwort dieser zweiten Runde zeigt Hiob ein wenig Zurückhaltung. Er greift seine Freunde diesmal nicht mit beißenden Bemerkungen an, fragt sie aber noch immer vorwurfsvoll, warum sie ihn denn fortwährend plagen statt ihm zu helfen (Vv. 1-4). Allerdings ist das eine sehr verständliche Reaktion auf den massiven Angriff, den Bildad eben gegen ihn geritten hatte. Darauf wiederholt er seine Beteuerung, dass Gott ihn aus unerfindlichen Gründen heimsuche; dass Gottes Hand sich gegen ihn gewandt habe, ohne dass er dafür eine Ursache weiß (Vv. 5-20). Er fleht seine Freunde angesichts seiner Not noch einmal um Barmherzigkeit an (Vv. 21,22) und bringt gleichzeitig seine Erwartung zum Ausdruck, dass nachkommende Geschlechter ihn besser verstehen und ihm Recht geben würden (Vv. 23,24). Schließlich weicht die Decke der Finsternis für einen Augenblick vom geplagten Gottesknecht, und ihm wird eine äußerst trostreiche Sicht gewährt von der kommenden Regierung seines Gottes und Retters und seiner eigenen Auferstehung zum Leben (Vv. 25-27). Zum Schluss warnt Hiob seine Freunde vor der göttlichen Strafe, die sie gewärtigen müssen, wenn sie Hiob weiterhin solches Unrecht antun.

Kapitel 19

1. Hiob klagt über das Unrecht, das seine Freunde ihm antun  19,1-4

1 Und Hiob antwortete und sprach:
2 Wie lange wollt ihr meine Seele plagen und mich mit Worten zermalmen?

Wir verstehen Hiob nur zu gut. Sein Leiden ist so groß, sein Leiden ist unverschuldet, und sein Leiden ist ganz unerwartet über ihn gekommen - und seine Freunde können ihn mit ihren Worten nur »plagen und...zermalmen«. Seine schon unmenschliche Pein wird dadurch nur größer. Und dennoch empfinden wir es als beklemmend, einem Knecht Gottes zuhören zu müssen, wenn er sich darüber beklagt, dass man ihn schlecht behandle und dass ihm unrecht geschehe. Wir haben das Beispiel unseres Herrn gesehen, der Tieferes litt als ein Mensch je gelitten hat, dem größeres Unrecht geschah, als je einem Menschen geschehen ist, der von größerem Unverstand umgeben wurde, als es selbst ein Hiob war. Und doch klagte Er nicht, doch schalt Er nicht, doch drohte Er nicht. Wie wenig gleichen wir unserem Meister (1Pet 2,21-24)!

3 Schon zehnmal ist es, dass ihr mich geschmäht habt; ihr schämet euch nicht, mich zu verletzen.
4 Und habe ich auch wirklich geirrt, so bleibt doch mein Irrtum bei mir.

Hiob hat Recht: Seine Freunde haben ihn laufend geschmäht. Wir verstehen, dass er lieber hätte, sie würden ihre Kommentare ganz einstellen. Schließlich ist es ja sein Irrtum, wenn er »wirklich geirrt« haben sollte. Damit verbittet er sich alle weiteren Unterstellungen durch seine Freunde. Diese lassen indes nicht so schnell locker. Es werden alle drei der Reihe nach noch etwas zu melden haben, bevor sie endlich aufgeben.

2. Hiob beteuert, dass Gott ihn grundlos wie einen Feind behandle  19,5-20

In den V. 7-12 beschreibt Hiob, wie Gott sich gegen ihn gewandt hat, und, als ob das nicht genug wäre, muss er auch erfahren, wie alle Verwandten, Bekannten und Hausangestellte sich von ihm entfernen. Davon spricht er in den V. 13-20. So steht der Knecht des Herrn da, von Gott und Menschen verlassen, allein mit seinem Leiden und mit seinem Kummer.

Bildad hatte in seiner letzten Rede die Strafe der Gottlosen mit den lebendigsten Vergleichen geschildert, und Hiob hatte wohl gemerkt, dass sich sein Zustand äußerlich genau mit dem der Gottlosen traf. Darum beteuert er mit solchem Nachdruck, dass es Gott ist, der ihn mit seinen Schlägen heimgesucht hat: Gott hat ihn gebeugt (V. 6), Er hat seinen Weg verzäunt, Er hat Finsternis über seinen Weg verhängt (V. 7; vgl. 18,18); Er hat seine Hoffnung ausgerissen (V. 10; vgl. 18,14). Darum haben alle Angehörigen ihn vergessen (V. 14; vgl. 18,17).

5 Wenn ihr wirklich wider mich großtun wollt, und wider mich dartun meine Schmach,
6 so wisset denn, dass Gott mich gebeugt und mich umstellt hat mit seinem Netze.

»...dass Gott mich gebeugt hat«: Hier antwortet Hiob auf eine Frage, die Bildad in seiner ersten Rede gestellt hatte: »Sollte der Allmächtige den Gerechten beugen?« Ja, Gott tut das wirklich. Er legt manchmal Seine Hand schwer auf uns, auch wenn wir keinen Anlass dafür sehen können.

7 Siehe, ich schreie über Gewalttat, und werde nicht erhört; ich rufe um Hilfe, und da ist kein Recht.
8 Er hat meinen Weg verzäunt, dass ich nicht hinüber kann, und auf meine Pfade legte er Finsternis.

»Er hat meinen Weg verzäunt«: Ja, in der Tat: Gott hat Hiobs Weg verzäunt, wie er schon in 3,23 und 12,14 geklagt hatte. Gott tat das, um Hiob zu segnen; später tat er das gleiche mit Israel, um sein Volk daran zu hindern, beständig der Sünde zu dienen und den falschen Göttern nachzulaufen.

9 Meine Ehre hat er mir ausgezogen, und weggenommen die Krone meines Hauptes.

»Meine Ehre hat er mir ausgezogen«: Gott zieht uns unsere menschliche Ehre aus, so sehr wir das beklagen mögen, während wir uns im Unglück finden, und so sehr wir uns, während wir im Kot liegen, nach den Tagen sehnen mögen, da wir bei den Leuten im Ansehen standen (siehe 29,2 bis 30,1). Danach aber beklagen wir diesen Umstand nicht; denn Seine Absicht ist keine geringere als diese: Er will uns zu Seiner eigenen Herrlichkeit führen (1Thes 2,13); Er gibt uns die Herrlichkeit Seines Sohnes (Joh 17,22).

»und weggenommen die Krone meines Hauptes«: Er hat es getan, weil er uns eine Krone unvergänglicher Ehre aufsetzen will. Wie verkehrt sind wir! Wir protestieren jetzt dagegen, dass Gott uns eine Krone wegnimmt, die nicht viel wert ist und die wir ohnehin verlieren müssen. Einst werden wir eine Krone, die unendlich höheren Wert hat, willig vom Haupt werfen und nichts anderes wollen, als dass dem, der auf dem Thron sitzt, alle Ehre wird. Gott hat wie Hiob so dem Menschen insgesamt die Königswürde weggenommen, dies aber mit der Absicht, ihm am Ende eine höhere Königswürde zu geben; siehe Off 5,10; 20,6; 22,5 (vgl. auch 29,25).

10 Er hat mich niedergerissen ringsum, so dass ich vergehe, und hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum.

»Er hat mich niedergerissen ringum«: Ja, er reißt uns nieder, um uns aufzubauen. Er nimmt uns das vergängliche Leben, um uns ewiges Leben zu geben.

»und hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum«: An stelle des Baumes eitler Hoffnung hat er uns die Hoffnung der Herrlichkeit gegeben.

11 Und seinen Zorn ließ er wider mich entbrennen, und achtete mich seinen Feinden gleich.

Nachdem Hiob in 16,9 gesagt hat, Gott sei ihm ein Feind, behauptet er nun erneut, wie in 13,24 schon, er sei ein Feind Gottes. Nein, er ist ein Freund und Geliebter Gottes. Wie kommt Hiob dazu, so verkehrt über Gott und über Gottes Handeln zu urteilen? Er urteilt nicht nach dem Glauben, sondern nach dem, was er sieht.

12 Allzumal kamen seine Scharen und bahnten ihren Weg wider mich, und lagerten sich rings um mein Zelt.
13 Meine Brüder hat er von mir entfernt, und meine Bekannten sind mir ganz entfremdet.
14 Meine Verwandten bleiben aus, und meine Vertrauten haben mich vergessen.
15 Meine Hausgenossen und meine Mägde achten mich für einen Fremden; ein Ausländer bin ich in ihren Augen geworden.
16 Meinem Knechte rufe ich, und er antwortet nicht; mit meinem Munde muss ich zu ihm flehen.
17 Mein Atem ist meinem Weibe zuwider, und mein Flehen den Kindern meiner Mutter.
18 Selbst Buben verachten mich; will ich aufstehen, so reden sie über mich.
19 Alle meine Vertrauten verabscheuen mich, und die ich liebte, haben sich gegen mich gekehrt.

»und die ich liebte, haben sich gegen mich gekehrt«: Wir verstehen, wie das Hiob wehtat, denn wir können wirklich glauben, dass Hiob nicht nur seine Kinder, sondern auch seine Knechte und Mägde liebte, ganz zu schweigen von seiner Frau. Und sie hatten sich gegen ihn gekehrt. Während Hiob diese Worte ausspricht, denkt er nicht daran, dass er Gott genüber genau das tut, was er an seinen Hausgenossen beklagt. Es liebt niemand den Hiob so sehr wie Gott, und Hiob hat sich gegen den gekehrt, der ihn so liebt.

20 Mein Gebein klebt an meiner Haut und an meinem Fleisch, und nur mit der Haut meiner Zähne bin ich entronnen.

3. Hiob fleht seine Freunde um Verständnis an  19,21-22

21 Erbarmt euch meiner, erbarmt euch meiner, ihr meine Freunde! Denn die Hand Gottes hat mich angetastet.

Wenn die Freunde nur bedenken könnten, was Hiob erlitten hat: Gott hat ihn erniedrigt (V. 6), und Hiob weiß nicht warum; seine Angehörigen und seine Diener haben ihm den Rücken zugedreht. Hätten nicht sie wenigstens Hiob schonen können? Warum haben sie kein Erbarmen mit ihm?

22 Warum verfolget ihr mich wie Gott, und werdet meines Fleisches nicht satt?

Hiob versteht nicht, warum seine Freunde ihn »verfolgen wie Gott«, d. h. so wie Gott ihn verfolgt. Natürlich stößt er mit seiner Klage auf taube Ohren, denn die Freunde denken ja, Gott strafe Hiob zu Recht, und daher meinen sie, dass sie Hiob mit ihren Anklagen einen Dienst erweisen. Sie können gar nicht verstehen, dass Hiob sich so bockig stellt, und schon gar nicht, dass er ihre wohlmeinende Hilfe als Feindschaft auslegt.

4. Hiob appelliert an das Urteil nachkommender Geschlechter  19,23-24

23 O dass doch meine Worte aufgeschrieben würden! O dass sie in ein Buch gezeichnet würden,
24 mit eisernem Griffel und Blei in den Felsen eingehauen auf ewig!

Dieser Wunsch Hiobs ist in Erfüllung gegangen. Seine Worte sind aufgeschrieben worden und alle nachfolgenden Geschlechter haben sie lesen können. Hiob weiß, dass er unschuldig leidet, und er ahnt wohl inzwischen, dass seine Freunde es ihm nie glauben werden. Aber nachfolgende Geschlechter haben Hiobs Worte gelesen, und sie erkennen Hiobs Unschuld.

5. Hiob findet seinen einzigen Trost in der Hoffnung der Auferstehung  19,25-27

Hier bricht wieder ein heller Strahl von göttlichem Licht in Hiobs Dunkel. Gott lässt ihn etwas ahnen und erkennen von der Auferstehung zum ewigen Leben. Diese Ahnung genügt ihm, um gewiss daran glauben zu können.

25 Und ich, ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er auf der Erde stehen;
26 und ist nach meiner Haut dieses da zerstört, so werde ich aus meinem Fleische Gott anschauen,
27 welchen ich selbst mir anschauen, und den meine Augen sehen werden, und kein anderer: meine Nieren verschmachten in meinem Innern.

»Ich weiß«: Hiob ist in manchen Dingen ratlos, er sitzt im Dunkel und weiß den Ausweg nicht. Aber dieses eine weiß er: Sein Gott lebt, ja, »mein Erlöser lebt«. In allem Tod, der ihn umgibt, tröstet ihn dieses geheime Wissen, dass er sterben und dahingehen mag, sein Gott aber bleibt, und das sein Gott sein Erlöser ist. Wir sollten den Begriff »Erlöser« in seinem althebräischen Zusammenhang betrachten. Der gô'êl war jemand, der nach dem Tod eines nahen Verwandten dessen Rechte auf Boden und Besitz wahrnahm und schützte. Hiob sagt also, dass nach seinem Tod jemand da sein wird, der das für ihn macht. Das aufregende an seiner Aussage ist nun, dass Gott selbst dieser Löser sein wird. Das ist ein ungeheuer kühner Gedanke, aber er ist nicht vermessen. Gott wird ihn erlösen aus der Macht des Todes. Hiobs »Haut« wird »zerstört« werden, aber er wird »Gott anschauen«. Er wird »aus (seinem) Fleische« auferstehen, und er wird den sehen, der ihn liebevoll gebildet und freundlich über ihm gewacht hat (10,9-12). Er wird den sehen, der das Lösegeld bereitgestellt und ihn aus der Grube erlöst hat (33,23-24). »Den meine Augen sehen werden und kein anderer«, das ist der persönliche Glaube an den persönlichen Herrn und Retter. Hier findet der angefochtene und unverstandene Gerechte seinen tiefsten Trost. Gott ist sein Gott. Paulus konnte sagen: »Christus, der mich geliebt hat und sich für mich dahingegeben hat« (Gal 2,20). Und sein Gott wird sein Recht und sein Erbe über das Grab hinaus wahrnehmen.

5. Hiob warnt seine Freunde  19,28-29

28 Wenn ihr saget: Wie wollen wir ihn verfolgen? und dass die Wurzel der Sache in mir sich befinde,
29 so fürchtet euch vor dem Schwerte! Denn das Schwert ist der Grimm über die Missetaten; auf dass ihr wisset, dass ein Gericht ist.

Hiob hat Recht, seine Freunde haben sich an ihm versündigt und müssten darum »das Schwert...den Grimm über die Missetaten« fürchten. Gott wird sie ihrer Sünde an Hiob überführen. Aber dann wird Er sie in Seiner Gnade auf das Opfer verweisen (42,7-8), das an ihrer Stelle unter »das Schwert« kam und damit »den Grimm über die Missetaten« auf sich nahm.

Sprachliche Anmerkungen zu Kap. 19

Zophars zweite Rede - Kap. 20

  1. Zophar begründet seine zweite Antwort  20,1-3
  2. Zophar kündigt Hiob sein unentrinnbares Ende an  20,4-29

Zophar setzt zu seiner letzten Rede an. Er lässt sich weder durch Hiobs Bitte um Barmherzigkeit (19,21-22) noch durch seine Warnung vor den Folgen ungerechten Urteilens (19,28-29) bewegen, sondern wiederholt seine vorher gemachte Behauptung, dass das Glück der Gottlosen trügerisch und kurz, ihr schlimmes Ende aber gewiss sei. Dabei ist seine Sprache noch härter, seine Logik noch unerbittlicher. Er beginnt seine Rede mit der Feststellung, dass es von Anbeginn feststehe, dass das Glück der Gesetzlosen nie lange wärt (Vv. 4,5). Sie können noch so hoch aufsteigen, sie werden dennoch fallen (Vv. 6-10); sie können das Böse noch so süß finden, es wird ihnen bitter werden (Vv. 12-17); sie können sich noch so großen Besitz aufgehäuft haben, sie müssen ihn hergeben (Vv. 18-22); sie können ihre Missetaten noch so gut verborgen haben, der Himmel wird sie enthüllen (V. 27). Unentrinnbares Gericht »ist das Teil des gesetzlosen Menschen von Gott« (Vv. 23-29). Damit sagt Zophar wiederum, Hiob sei ein solcher Gottloser, der nun seinem verdienten Ende entgegengehe. Er lässt ihm im Gegensatz zur ersten Rede nicht einmal mehr die Möglichkeit offen, den Frevel, der in seiner Hand ist, zu entfernen (11,13-14), sondern kündigt ihm nur noch den sicheren Untergang an.

Kapitel 20

1. Zophar begründet seine zweite Antwort  20,1-3

1 Und Zophar, der Naamathiter, antwortete und sprach:
2 Darum geben meine Gedanken mir Antwort, und deswegen bin ich innerlich erregt:
3 Eine Zurechtweisung, mir zur Schande, höre ich; aber mein Geist antwortet mir aus meiner Einsicht.

»Darum« antwortet Zophar so, wie er antwortet. Die letzte Rede Hiobs hat ihn dazu angestachelt. »Eine Zurechtweisung mir zu Schande« hat er eben gehört, womit er wohl die zu allerletzt vernommenen Worte Hiobs meint (18,28-29). Er entgegnet auf die Bitte Hiobs um Erbarmen mit noch heftigeren Unterstellungen, er schmettert Hiobs zum Schluss gegebene Warnung nieder, indem er nur um so unerbittlicher das sichere Gericht über den gottlosen Hiob ankündigt.

»aber mein Geist antwortet mir aus meiner Einsicht«: Zophar hat sich gut gemerkt, was Hiob gesagt hat. Er hat sich und seine Einsicht gegenüber seinen Freunden und ihren Worten empfohlen (16,4-5). Er antwortet ihm Gleiches mit Gleichem. Hiob hatte unbesonnen geredet und damit nichts anderes erreicht, als dass er einen Toren zu einer ebenso törichten Antwort herausgefordert hat. Hiob hatte den Toren nach deren Torheit geantwortet und war diesen damit gleich geworden (Spr 26,4). Hätte er den Toren stattdessen so geantwortet, wie es Torheit verdient, dann hätten ihm diese nicht immer wieder in dieser selbstgefälligen Weise geantwortet (Spr 26,5). Wie schwer ist es, so zu antworten. Der Herr Jesus hat das gegenüber Seinen Feinden immer wieder getan. Könnten wir das nur von Ihm lernen! Wie aber kann man solche Weisheit lernen, so lange man, wie Hiob hier noch, zu sehr von sich selbst beschlagnahmt ist? Wir beginnen erst dort weise zu werden, wo wir uns selbst verleugnen.

2. Zophar kündigt Hiob sein unentrinnbares Ende an  20,4-29

4 weißt du dieses, dass von jeher, seitdem der Mensch auf die Erde gesetzt wurde,
5 der Jubel der Gesetzlosen kurz und die Freude des Ruchlosen für einen Augenblick war?

Der Grundsatz ist einigermaßen richtig, aber er stimmt doch nicht. Hätte Zophar ein wenig innegehalten, hätte er nicht behaupten können, es sei »von jeher, seitdem der Mensch auf der Erde« ist, der »Jubel der Gesetzlosen kurz«. Kain und seine Nachkommen lebten lange; die Zeitgenossen Noahs fuhren nachdem dieser angefangen hatte, Gottes Gerechtigkeit zu predigen, 120 Jahre mit ihrer Gottlosigkeit fort, und hatten zuvor schon jahrhundertelang gottlos gelebt. Am Ende der Zeit, wenn die Zeit nicht mehr sein wird, dann wird sich freilich bewahrheiten, dass der Wahn kurz und die Reue lang ist. Im Vergleich zur Ewigkeit ist auch ein langes Leben der Sünde von kurzer Dauer. Aber gerade das meint Zophar nicht. Darum ist seine Behauptung falsch.

6 Stiege auch seine Höhe bis zum Himmel hinauf, und rührte sein Haupt an die Wolken:
7 gleich seinem Kot vergeht er auf ewig; die ihn gesehen haben, sagen: Wo ist er?
8 Wie ein Traum verfliegt er, und man findet ihn nicht, und er wird hinweggescheucht wie ein Nachtgesicht.
9 Das Auge hat ihn erblickt und sieht ihn nimmer wieder, und seine Stätte gewahrt ihn nicht mehr.
10 Seine Kinder müssen die Armen begütigen, und seine Hände sein Vermögen zurückgeben.
11 Seine Knochen waren voll seiner Jugendkraft, und sie liegt mit ihm in dem Staube. -
12 Wenn das Böse in seinem Munde süß war, und er es verbarg unter seiner Zunge,
13 und es aufsparte und nicht fahren ließ und es zurückhielt unter seinem Gaumen:

»und er es verbarg unter seiner Zunge«: Zophar wiederholt, was er bereits in der ersten Rede gesagt und was auch Eliphas dem Hiob eben vorgeworfen hatte: Er sei ein Heuchler, der nur von außen gerecht erscheine, aber im Verborgenen voller Bosheit sei (siehe 15,25). Der Himmel habe aber nun seine Ungerechtigkeit enthüllt (V.27), seine verborgenen Sünden seien nun endlich an den Tag gekommen und fänden ihren gerechten Lohn. Böse, bitter böse ist es, was Hiob sich anhören muss. Ja, Hiob hat sich wiederholt zu unbesonnen und unentschuldbaren Worten hinreißen lassen. Elihu wird es ihm vorhalten müssen. Aber wir können uns darüber nicht wundern, wenn wir bedenken, was er sich gefallen lassen musste von Leuten, die mit dem Anspruch auftraten, seine Helfer und Freunde zu sein. Wir verwundern uns eher darüber, dass Hiob nicht heftiger reagierte, und dass er auf die Tiraden von Eliphas und Anhang nur vereinzelt Gleiches mit Gleichem vergalt, und dass er unter diesem Sperrfeuer überhaupt noch Phasen der Besonnenheit hatte, in denen er Wahres und überaus Schönes über Gott und Seine Wege zu sagen wusste. Das eben gelesene Kapitel 19 ist ein Beispiel dafür, ebenso die Kapitel 26 und 28.

14 so ist doch nun seine Speise in seinen Eingeweiden verwandelt; Natterngalle ist in seinem Innern.
15 Reichtum hat er verschlungen, und er speit ihn aus: aus seinem Bauch treibt Gott ihn heraus.
16 Natterngift sog er ein: es tötet ihn die Zunge der Otter.
17 Nicht darf er sich laben an Bächen, flutenden Strömen von Honig und Milch.
18 Das Errungene gibt er zurück, und er darf es nicht verschlingen; gemäß dem Vermögen, das er erworben, darf er sich nicht freuen.
19 Denn er hat misshandelt, verlassen die Armen; Häuser hat er an sich gerissen und wird sie nicht ausbauen.
20 Denn er kannte keine Ruhe in seinem Innern: mit seinem Teuersten wird er nicht entrinnen.
21 Nichts entging seiner Fressgier; darum wird sein Wohlstand nicht dauernd sein.
22 In der Fülle seines Überflusses wird er in Bedrängnis sein; die Hand jedes Notleidenden wird über ihn kommen.
23 Es wird geschehen: um seinen Bauch zu füllen, wird Gott die Glut seines Zornes in ihn entsenden, und sie auf ihn regnen lassen in sein Fleisch hinein.
24 Flieht er vor den eisernen Waffen, so wird der eherne Bogen ihn durchbohren.
25 Er zieht am Pfeile, und er kommt aus dem Leibe hervor, und das glänzende Eisen aus seiner Galle: Schrecken kommen über ihn.
26 Eitel Finsternis ist aufgespart für seine Schätze; ein Feuer, das nicht angeblasen ist, wird ihn fressen, wird verzehren, was in seinem Zelte übriggeblieben.
27 Der Himmel wird seine Ungerechtigkeit enthüllen, und die Erde sich wider ihn erheben.

Der Himmel wird tatsächlich alle »Ungerechtigkeit enthüllen«. Zophar denkt keinen Augenblick daran, dass der Himmel eventuell auch seine Ungerechtigkeit enthüllen könnte. Hiob hatte ihn daran erinnern wollen (19,29); es hat nicht geholfen. Gott wird sie ihm am Schluss enthüllen. Wie dankbar wird Zophar dann sein, dass Gott mit ihm nicht so unbarmherzig verfährt, wie er mit Hiob verfahren ist! Dass Er ihm nicht seine Sünde enthüllt und darauf das Gericht verhängt, sondern dass Er ihm den Weg der Vergebung durch das Opfer weist.