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Kommentar zu Hiob 21-26

von Benedikt Peters


Dritte Runde von Reden und Gegenreden - Kap. 21-26

Hiobs dritte Rede - Kap. 21

  1. Hiob fordert seine Freunde zum Hören auf 21,1-5
  2. Gott schont oder richtet die Gottlosen nach Seinem Rat 21,6-26
  3. Die Bösen bekommen erst am Tag der Ewigkeit ihren Lohn 21,27-34

Hiob leitet die dritte Runde mit Worten ein, die maßvoller sind als die zwei bisherigen Anfänge (siehe Kap 3 und 12). Das lässt Besseres als das bisher Gehörte erwarten, und in der Tat: in dieser letzten Runde kommt Hiob seiner notwendigen Buße näher. Aber noch immer ist er zu wortreich; ja, mit seinen Worten schlägt er seine Freunde aus dem Feld (32,1); Bildad antwortet nur noch ganz kurz (Kap 25), und Zophar findet überhaupt zu keiner Antwort mehr. So braucht es denn den Dienst Elihus, bis Hiob endlich verstummt und Gott reden lässt. Sicher war es nötig, dass den Freunden der Mund gestopft wurde, aber auch Hiob hat es nötig, vor Gott zu verstummen (siehe V. 5). Erstmals klagt Hiob nicht vor Gott oder vor seinen Freunden über die Größe seines Unglücks, sondern er antwortet sachlich auf die Behauptungen seiner Freunde und widerlegt sie. Dabei antwortet er nicht nur auf Zophars letzte Rede, sondern auf alles, was seine drei Freunde wiederholt gesagt haben. Sie hatten behauptet, Gott strafe die Gesetzlosen mit Unglück in diesem Leben. Hiob widerspricht ihnen, indem er ihnen darlegt, dass es viele Gottlose gibt, die gut und lange leben (Vv. 7-16); dass es aber auch vorkommt, dass die Gottlosen bald von Gottes Zorn heimgesucht werden (Vv. 17-21). Es liegt nicht am Menschen, Gott Erkenntnis zu lehren, das heißt, Ihm vorschreiben zu wollen, wie er richten müsse (V. 22). Es ist einfach eine Tatsache, die wir alle beobachten, dass einige wohlgemut und von Gutem gesättigt sterben, während andere weggerufen werden, die das Gute nie genossen hatten (Vv. 23-26). Eines aber ist sicher: Wenn die Gottlosen lange geschont werden, dann werden sie von Gott behalten auf den Tag des Gerichts (V. 30); dann werden sie ihren verdienten Lohn bekommen. Die Mächtigen sündigen, und niemand wagt es, sie deswegen zurechtzuweisen (V.31), und so sterben sie in Ehren, von einem großen Leichenzug zu Grabe getragen (Vv. 32, 33). Das Wissen, dass Gott am Tag der Ewigkeit gerecht richten und einem jeden sein Lohn werden wird, ist in einer Welt wie der unsrigen, in der die Gesetzlosigkeit überhand nimmt (Mt 24,14), der einzige Trost. Mit ihren Thesen haben die Freunde mit Dunst zu trösten versucht (V. 34).

Kapitel 21

1. Hiob fordert seine Freunde zum Hören auf  21,1-5

1 Und Hiob antwortete und sprach:
2 Höret, höret meine Rede! Und dies ersetze eure Tröstungen.

»Hört, hört meine Rede«: So redet der Mann, der von sich und seinen Ansichten überzeugt ist; so redet der Sünder allezeit; und so redet auch der Heilige, wenn er sich gehen lässt (man vergleiche 1Mo 4,23). Er erheischt Aufmerksamkeit. Andere sollen ihn hören, Gott soll ihn hören. Es ist zwar wirklich so, dass Hiobs Freunde gut daran getan hätten, weniger zu reden, und dass sie das, was Hiob im folgenden sagt, tatsächlich beherzigen müssten. Aber auch Hiob muss hören, nicht nur seine Freunde. Die Wende zum Guten kommt erst, wo Hiob nicht mehr Gehör fordert, sondern nur noch eines begehrt: selber zu hören, was Gott ihm sagen will (39,34-35; 42,2-4).

»Dies ersetze eure Tröstungen«: Hiobs sagt damit, seine Rede sei weit besser als die nichtigen Tröstungen seiner Freunde. Er wisse sich selbst zu helfen und verzichte gerne auf ihre Weisheiten. Der letzte Satz dieser Rede setzt den entsprechenden Schlusspunkt: »Wie tröstet ihr mich nun mit Dunst?« (V. 34).

3 Ertraget mich, und ich will reden, und nachdem ich geredet habe, magst du spotten.
4 Richtet sich meine Klage an einen Menschen? Oder warum sollte ich nicht ungeduldig sein?
5 Wendet euch zu mir und entsetzet euch, und leget die Hand auf den Mund!

»Leget die Hand auf den Mund«: Das ist Hiobs Empfehlung an seine Freunde; um das zu sagen, muss aber er selbst den Mund zu weit aufreißen. Es ist nicht seine Sache, solche Empfehlungen zu verteilen. So wird denn Gott zu ihm reden, und zwar so reden, dass zu allererst Hiob der Mund gestopft ist und er seine Hand beschämt vor seine Lippen schlägt (39,34).

2. Gott schont oder richtet die Gottlosen nach Seinem Rat  21,6-26

Hiob vertritt seine Sache gut. Er greift Behauptungen seiner Freunde auf und widerlegt sie. Er wendet die Worte Eliphas gegen ihn, indem er dessen Beschreibung der Wohlfahrt der Gerechten (5,17-27) übernimmt und auf die Gottlosen anwendet (Vv. 7-15). Zophar hatte eben gesagt, die Gesetzlosen stürben ohne Ausnahme jung. Das ist nicht wahr, wie Hiob ihm entgegnet, und wie er selbst sehr wohl wissen muss (V. 7).

6 Ja, wenn ich daran denke, so bin ich bestürzt, und Schauder erfasst mein Fleisch.
7 Warum leben die Gesetzlosen, werden alt, nehmen gar an Macht zu?

»Warum?«: Dies ist das achte von neun »Warum«, die Hiob an Gott richtet (siehe 3,11). Fast buchstäblich gleich hatte auch Jeremia den Herrn gefragt: »Warum ist der Weg der Gesetzlosen glücklich, sind sicher alle, die Treulosigkeit üben?« (Jer 12,1). Die Verse 7-15 gleichen den Worten Asaphs in Ps 73. Damit bestätigen andere Knechte Gottes, dass Hiob richtig beobachtet hat und damit seinen Freunden gegenüber im Recht ist.

8 Ihr Same steht fest vor ihnen, mit ihnen, und ihre Sprösslinge vor ihren Augen.
9 Ihre Häuser haben Frieden, ohne Furcht, und Gottes Rute ist nicht über ihnen.
10 Sein Stier belegt und befruchtet sicher, seine Kuh kalbt und wirft nicht fehl.
11 Ihre Buben schicken sie aus gleich einer Herde, und ihre Knaben hüpfen umher.
12 Sie erheben die Stimme bei Tamburin und Laute und sind fröhlich beim Klang der Schalmei.
13 In Wohlfahrt verbringen sie ihre Tage, und in einem Augenblick sinken sie in den Scheol hinab.
14 Und doch sprechen sie zu Gott: Weiche von uns! Und nach der Erkenntnis deiner Wege verlangen wir nicht.
15 Was ist der Allmächtige, dass wir ihm dienen sollten, und was nützt es uns, dass wir ihn angehen? -

Nachdem Hiob vom Glück der Gottlosen gesprochen hat, wendet er sich in den nächsten Versen dem Verderben der Gottlosen zu:

16 Siehe, ihre Wohlfahrt steht nicht in ihrer Hand. Der Rat der Gesetzlosen sei fern von mir!
17 Wie oft geschieht es, dass die Leuchte der Gesetzlosen erlischt und ihr Verderben über sie kommt, dass er ihnen Schlingen zuteilt in seinem Zorn,
18 dass sie wie Stroh werden vor dem Winde, und wie Spreu, die der Sturmwind entführt?

In den Versen 16-18 spricht Hiob vom gerechten Gericht, das über die Gottlosen kommen muss. Zuerst erinnert er daran, dass »ihre Wohlfahrt nicht in ihrer Hand« steht. Sie verdanken sie Gott, dem sie aber nie dafür gedankt und den sie nie gefürchtet haben. Darum wird Gott sie richten, und so kann man immer wieder beobachten, dass »die Leuchte der Gesetzlosen erlischt und ihr Verderben über sie kommt«. Gott wird das aber dann tun, wenn nach Seinem Urteil die Zeit dafür gekommen ist.

19 Gott spart, sagt ihr, sein Unheil auf für seine Kinder. -Er vergelte ihm, dass er es fühle!
20 Seine Augen sollen sein Verderben sehen, und von dem Grimm des Allmächtigen trinke er!
21 Denn was liegt ihm an seinem Hause nach ihm, wenn die Zahl seiner Monde durchschnitten ist? -
22 Kann man Gott Erkenntnis lehren, da er es ja ist, der die Hohen richtet?
23 Dieser stirbt in seiner Vollkraft, ganz wohlgemut und sorglos.
24 Seine Gefäße sind voll Milch, und das Mark seiner Gebeine ist getränkt.
25 Und jener stirbt mit bitterer Seele und hat des Guten nicht genossen.
26 Zusammen liegen sie im Staube, und Gewürm bedeckt sie.

3. Die Bösen bekommen erst am Tag der Ewigkeit ihren Lohn  21,27-34

27 Siehe, ich kenne eure Gedanken, und die Anschläge, womit ihr mir Gewalt antut.
28 Denn ihr sagt: Wo ist das Haus des Edlen, und wo das Wohngezelt der Gesetzlosen?
29 Habt ihr nicht befragt, die des Weges vorüberziehen? Und erkennt ihr ihre Merkmale nicht:
30 dass der Böse aufbewahrt wird für den Tag des Verderbens, dass am Tag der Zornesfluten sie weggeleitet werden?
31 Wer wird ihm ins Angesicht seinen Weg kundtun? Und hat er gehandelt, wer wird es ihm vergelten?
32 Und er wird zu den Gräbern hingebracht, und auf dem Grabhügel wacht er.
33 Süß sind ihm die Schollen des Tales. Und hinter ihm her ziehen alle Menschen, und vor ihm her gingen sie ohne Zahl.

»dass der Böse aufbewahrt wird für den Tag des Verderbens« (siehe 2Pet 2,4; 3,7). Die Bösen werden erst am Tag des Verderbens, am Tag der Ewigkeit ihren Lohn empfangen. Bis dann wagt niemand, ihnen ihre Sünden »ins Angesicht kundzutun« ; und die es wagen, vermögen sie nicht von ihren Sünden abhalten, und schon gar nicht zu »vergelten«. Dafür bietet uns das Wort Gottes eine ganze Reihe von Beispielen. Johannes der Täufer wurde darum eingesperrt und enthauptet, weil er Herodes wegen seines ehebrecherischen Verhältnisses mit Herodias gerügt hatte. Sekarja wurde auf Befehl des Königs im Vorhof des Tempels getötet, weil er dessen und des Volkes Sünden öffentlich gescholten hatte (2Chr 24,20-21). Wie hätten Hiobs Freunde den Tod dieser treuen Zeugen Gottes beurteilt? Man bedenke: Johannes wurde mit etwas mehr als dreißig Jahren des Lebens beraubt! Während die Gerechten hingerafft werden (Ps 12,1; Jes 57,1), leben die Gottlosen in Wohlfahrt und sterben in Ehren. »Süss sind ihnen die Schollen«, und »hinter ihm ziehen alle Menschen« in einem imposanten Leichenzug.

34 Wie tröstet ihr mich nun mit Dunst? Und von euren Antworten bleibt nur Treulosigkeit übrig.

Hiob hatte seine Rede mit »euren Tröstungen« eingeleitet, und nun schließt er sie damit ab, dass er sagt, sie seien nur »Dunst«. Sicher sind die Tröstungen der Freude Hiobs Dunst, aber Hiob geht doch zu weit, wenn er ihnen »nur Treulosigkeit« zuschreiben kann. Sie waren sicher nicht aus Treulosigkeit zu ihm gekommen. Vielmehr hatte sie im Gegensatz zu seiner Frau und zu seinen Brüdern, die sich von ihm abwandten (18,13), Treue bewiesen, als sie ihn aufsuchten.

Eliphas dritte und letzte Rede - Kap. 22

  1. Eliphas unterstellt Hiob, er halte Gott für parteiisch 22,1-3
  2. Eliphas behauptet, Gott strafe Hiob seiner vielen Sünden wegen 22,4-11
  3. Eliphas unterstellt Hiob, er halte Gott für unwissend 22,12-14
  4. Eliphas vergleicht Hiob mit den Sündern vor der Sintflut 22,15-20
  5. Eliphas ruft Hiob zum letzten Mal zur Buße auf 22,21-30

Dies ist der letzte Pfeil aus dem Köcher des Eliphas; er ist in Gift getaucht und dazu brennend. Eliphas lässt hier vollständig jede Reserve fahren und behauptet kühn das Gegenteil von dem, was er in seiner ersten Antwort an Hiob gesagt hatte (Kap 4). Nicht mehr will er anerkennen, dass Hiob dem Armen geholfen und den Schwachen gestützt habe. Es genügt ihm auch nicht die Behauptung, Hiob mindere die Gottesfurcht der andern (15,4). Nein, Hiob habe zielstrebige Bosheit getrieben, habe er doch den Bruder gepfändet und dem Nackten die Kleider ausgezogen, den Hungrigen hungern lassen und die Waisen und Witwen zermalmt. Solche grobe Ungerechtigkeit kann niemandes Gewissen erreichen. So redet er denn in die Luft; Hiob hört nicht mehr auf ihn, wie seine sich anschließende Rede beweist, in der er gar nicht mehr auf Eliphas Tiraden antwortet, sondern sich seinerseits in einem Monolog ergeht, dem Bildad noch ein ganz kurzes Wort entgegenhält, das aber auch nicht mehr auf Hiobs Worte Bezug nimmt. So weit geraten am Ende Freunde auseinander. Sie können nicht mehr aufeinander hören und können daher einander auch nichts mehr sagen.

Eliphas beginnt in den Vv. 2,3 mit einer wahren Aussage: Gott gewinnt nichts durch die Gerechtigkeit der Gerechten; Er verliert nichts durch die Gottlosigkeit der Gottlosen, weshalb Sein Gericht unparteiisch sein muss. Er will damit aber etwas Falsches sagen; denn mit ihr unterstellt er, Hiobs Beteuerung, dass Gott die Gottlosen nicht in diesem Leben bestraft, fuße auf seiner falschen Sicht über Gott, dass Er nämlich die Gottlosen schone, weil das Ihm nütze. Das hatte Hiob aber nicht gesagt. Eliphas antwortet auf einen Irrtum, den er Hiob unterstellt - ein häufiges Übel, zu dem Menschen, die um jeden Preis Recht behalten müssen, immer wieder Zuflucht nehmen. Das ist erstens ein großer Unfug, und zweitens richtet es großen Schaden an. In den Vv. 4-11 geht Eliphas in seinem offenkundigen Zorn auf Hiobs vorherigen Worte weiter als bisher. Er redet nicht mehr in der Form von allgemeingültigen Thesen über Sünde und Strafe, indem er es Hiob selbst überlässt, das Gesagte auf sich anzuwenden, sondern jetzt nennt er Hiob direkt einen bösen Mann, den Gott offenkundig gestraft habe. Diese unleugbare Tatsache widerlege offenkundig alles, was Hiob eben behauptet hatte. In den Vv. 12-14 hält Eliphas dem Hiob wiederum etwas vor, was dieser nicht gesagt hat. Eliphas unterstellt Hiob, dass dessen Beteuerung, Gott richte die Gottlosen nicht, nur heißen könne, Er erkenne ihr Tun nicht und wisse über ihre Wege nicht Bescheid. Abermals greift er damit zu dieser üblen Methode, die bei rechthaberischen Menschen so beliebt ist: Er entgegnet nicht den Worten Hiobs, sondern er antwortet auf Schlussfolgerungen, die er aus Hiobs Worten zieht, die Hiob aber gar nicht gezogen haben muss. In den Vv. 15- 20 vergleicht er Hiob mit den Gottlosen, die von der großen Flut hinweggerafft wurden und befindet, dass der Gerechte sich über den Schaden eines so offenkundig gottlosen Mannes freuen dürfe (Vv. 19-20). Eliphas rundet seine Reden ab mit einer in schöne Worte gefasste Aufforderung an Hiob, endlich zum Allmächtigen umzukehren, dann werde er trotz allem noch zu Frieden und Wohlfahrt gelangen.

Kapitel 22

1. Eliphas unterstellt Hiob, er halte Gott für parteiisch  22,1-3

4 Kann ein Mann Gott Nutzen bringen? Vielmehr sich selbst nützt der Einsichtige.
5 Liegt dem Allmächtigen daran, wenn du gerecht bist, oder ist es ihm ein Gewinn, wenn du deine Wege vollkommen machst?

Eliphas spricht hier eine Wahrheit aus, aber er wendet sie auf die falsche Person an. Wir haben in den beiden einleitenden Kapiteln des Buches gesehen, dass Hiob Gott nicht dient, weil er meint, er könne Gott damit nutzen bringen, noch dient er Ihm, weil er sich daraus Gewinn ausgerechnet hat. Er fürchtet Gott und dient Ihm, weil Er Gott ist. Wahrscheinlich wollte Eliphas aber noch etwas anderes sagen: Hiob hatte in seiner letzten Rede seinen Freunden entgegengehalten, Gott strafe die Gottlosen nicht immer alsbald. Daraus konstruiert Eliphas die Unterstellung, Hiob halte Gott für parteiisch. Er schone gewisse Leute, weil das Ihm einen Nutzen bringe. Hatte Hiob so etwas gesagt? Woher wollte Eliphas dann wissen, wie Hiob in dieser Sache urteilte? Er konnte es nicht wissen. Darum sind seine Urteile nicht richtig, und sie sind zudem böse.

2. Eliphas behauptet, Gott strafe Hiob seiner vielen Sünden wegen  22,4-11

4 Ist es wegen deiner Gottesfurcht, dass er dich straft, mit dir ins Gericht geht?
5 Ist nicht deine Bosheit groß, und deiner Missetaten kein Ende?

Eliphas rhetorische Frage will nichts anderes sagen, als dass Hiob Gott nicht fürchte, weshalb Gott ihn gerichtet habe. Das ist eine sehr böse Unterstellung, für die Eliphas später Buße tun und ein Opfer darbringen wird (Kap 42).

6 Denn du pfändetest deinen Bruder ohne Ursache, und die Kleider der Nackten zogst du aus;
7 den Lechzenden tränktest du nicht mit Wasser, und dem Hungrigen verweigertest du das Brot.
8 Und dem Manne der Gewalt, ihm gehörte das Land, und der Angesehene wohnte darin.
9 Die Witwe schicktest du leer fort, und die Arme der Waisen wurden zermalmt.

Die Sünden, die Eliphas hier aufzählt, sind die niederträchtigsten, die gerade ein Reicher, wie Hiob es gewesen war, begehen kann. Den Nächsten ohne Ursache zu pfänden, dem Nackten die letzten Kleiderfetzen vom Leib reißen, dem Hungernden das Brot vorenthalten, und dabei selber im Geld zu schwimmen - schlimmer kann sich ein Reicher nicht benehmen. Hat Eliphas Recht, wäre Hiob der größte Schurke, den man sich denken kann; hat er hingegen nicht Recht, tut er Hiob das größte Unrecht, das man ihm antun kann.

10 Darum sind Schlingen rings um dich her, und ein plötzlicher Schrecken macht dich bestürzt.

Dieses »Darum« ist eine weitere der ärgerlichen Behauptungen des Eliphas. Ja, Hiob wird von Schrecknissen geschreckt, wie er offen genug bekannt hat. Aber was weiß Eliphas von den Ursachen dieser Schrecknisse? Er behauptet ganz einfach, ohne etwas zu wissen.

11 Oder siehst du nicht die Finsternis und die Wasserflut, die dich bedeckt?

Kann Hiob die Finsternis, die ihn bedeckt, übersehen? Kann er dann übersehen, was die offenkundige Ursache dieser Finsternis ist?

3. Eliphas unterstellt Hiob, er halte Gott für unwissend  22,12-14

12 Ist Gott nicht so hoch wie die Himmel? Sieh doch den Gipfel der Sterne, wie erhaben sie sind!
13 Und so sprichst du: Was sollte Gott wissen? Kann er richten durch Wolkendunkel hindurch?
14 Die Wolken sind ihm eine Hülle, dass er nicht sieht, und er durchwandelt den Kreis des Himmels.

Hiob sagt allerdings, dass Gott sich verhüllt (23,9). Nur will er damit nicht das sagen, was ihm Eliphas hier unterstellt, dass er nämlich darum Hiob und überhaupt die Menschen nicht gerecht richte. Hiob will lediglich bekennen, dass er Gott nicht sehe und dass er daher seinen Weg nicht verstehen könne. Das ist ein weises Bekenntnis zur Beschränktheit unseres Wissens und unserer Fähigkeit, das Verborgene zu ergründen. Hiob hatte durchaus nicht gesprochen: »Was sollte Gott wissen?« Er hatte vielmehr gesagt, dass Gott nicht immer direkt in die Geschäfte der Menschen eingreift und darum die Gottlosen lange Zeit machen lässt. Er weiß aber sehr wohl, und hatte das auch deutlich genug gesagt, dass Gott allmächtig ist, daher auch alles sieht, und daher erkennt Er auch »den Weg, der bei mir ist« (23,10).

4. Eliphas vergleicht Hiob mit den Sündern vor der Sintflut  22,15-20

15 Willst du den Pfad der Vorzeit einhalten, welchen die Frevler betraten,
16 die weggerafft wurden vor der Zeit? Wie ein Strom zerfloss ihr fester Grund;
17 die zu Gott sprachen: Weiche von uns! Und was könnte der Allmächtige für uns tun?

Die Menschen wurden von der Sintflut »weggerafft vor der Zeit«, denn Gott richtete sie ihrer übergroßen Sünden wegen mit einer direkten Heimsuchung vom Himmel. Dem Eliphas ist jenes Gericht ein Modell für seinen Lehrsatz, dass Gott nur die Gottlosen straft, weshalb Hiob also irren müsse, wenn er beteuert, Gott lasse es oft den Gottlosen besser gehen als den Gerechten (Kap 21). Der Vergleich ist schlecht. Erstens wurden damals alle Menschen hinweggerafft, ohne Unterschied, obwohl es sicher Unterschiede im Ausmaß ihrer jeweiligen Sündhaftigkeit gab. Zudem wurde nur einer mitsamt seiner Familie gerettet, das aber nur, weil er Gnade gefunden hatte in den Augen des HERRN (1Mo 6,8). Noah hätte das Gericht ebenso verdient wie alle seine Zeitgenossen (was er nach der Flut auch deutlich genug bekennt, indem er Brandopfer darbringt).

18 Und doch hatte er ihre Häuser mit Wohlstand erfüllt. - Aber der Rat der Gottlosen sei fern von mir!

Hier zitiert Eliphas geradezu höhnisch einen Satz aus Hiobs letzter Rede (21,16). »Der Rat der Gottlosen sei fern vor mir!« Das wagt ausgerechnet ein Gottloser wie Hiob zu sagen.

19 Die Gerechten sehen es und freuen sich, und der Schuldlose spottet ihrer:
20 Sind nicht unsere Gegner vertilgt, und hat nicht Feuer ihren Überfluss gefressen?

Auch hier sagt Eliphas etwas an sich Richtiges: »Die Gerechten sehen es und freuen sich«, wie auch David sagt (Ps 58,11). Aber einem unschuldig leidenden Gerechten so etwas zu sagen, ist eine Ungeheuerlichkeit.

5. Eliphas ruft Hiob zum letzten Mal zur Buße auf  22,21-30

Diese letzten Worte des Eliphas erinnern an Worte, die er in seiner ersten Rede an Hiob gerichtet hatte. Er nennt hier wunderbare Prinzipien, die er ziemlich sicher als wahr erprobt hatte. Wie schön wären sie gewesen, hätten sie auf Hiob zugetroffen! Wer mit Gott Umgang pflegt, wird Wohlfahrt finden; wer Seine Worte zu Herzen nimmt, ist wirklich klug, und wer die Erkenntnis Gottes höher einstuft als alle irdischen Schätze, wird in Gott den höchsten Schatz finden. Das Ergebnis wird nicht nur persönlicher Friede sein, sondern man wird zudem zu einer Quelle des Segens für andere.

Eliphas tut die ganze Zeit wissend, während Hiob seine Ratlosigkeit bekennt und zudem seine Unfähigkeit, Gottes Wege zu ergründen. Das ist eine der Ursachen dafür, warum Gott Eliphas und seine Gefährten rügt, sie hätten »nicht geziemend von mir geredet wie mein Knecht Hiob« (42,8).

21 Verkehre doch freundlich mit ihm und halte Frieden; dadurch wird Wohlfahrt über dich kommen.
22 Empfange doch Belehrung aus seinem Munde, und nimm dir seine Worte zu Herzen.
23 Wenn du zu dem Allmächtigen umkehrst, so wirst du wieder aufgebaut werden; wenn du Unrecht entfernst aus deinen Zelten.

Eliphas kehrt in seiner letzten Rede zu dem zurück, was er von Anfang an behauptet hatte. Hiob soll »Unrecht entfernen« aus seinem Zelt.

24 Und lege das Golderz in den Staub und das Gold von Ophir unter den Kies der Bäche;
25 so wird der Allmächtige dein Golderz und dein glänzendes Silber sein.
26 Denn dann wirst du an dem Allmächtigen dich ergötzen und zu Gott dein Angesicht erheben.
27 Du wirst zu ihm beten, und er wird dich erhören; und deine Gelübde wirst du bezahlen.
28 Beschließest du eine Sache, so wird sie zustande kommen, und Licht wird strahlen über deinen Wegen.
29 Wenn sie abwärts gehen, so wirst du sagen: Empor! -Und den, der mit gesenkten Augen einhergeht, wird er retten.
30 Selbst den Nicht-Schuldlosen wird er befreien: er wird befreit werden durch die Reinheit deiner Hände.

»Selbst den Nicht-Schuldlosen wird er befreien«: Hier zeigt Eliphas, dass er etwas von Gnade weiß. Aber mit dem Nachsatz zeigt er, dass sein Verständnis von der Gnade Gottes sehr begrenzt ist; denn er sagt, dass der Schuldige »durch die Reinheit deiner Hände« befreit werde. Das ist sehr bezeichnend für seine Art zu Urteilen; sein Glaube enthält auch Elemente der typischen Philisterreligion, der auch viele Christen anhängen. Er überschätzt den Menschen und unterschätzt Gott. Er macht den Menschen größer als er ist, und er macht Gott kleiner als Er ist. Gottes Gnade bedürfe des Beitrages des Menschen, um eine wirksame Gnade zu sein. Am Ende werden alle Beteiligten wissen, dass Gottes Gnade allein Ursache für alles Gute ist, das einem Menschen werden kann, und dass der Mensch eigenhändig nichts als sein Verderben bereitet, dass er aber zum Heil nichts, gar nichts, beiträgt. Was Eliphas ganz zum Schluss sagt, enthält eine ihm verborgene Ironie. Ja, in der Tat, Hiob wird noch »den Nicht-Schuldlosen befreien«. Nur ahnt Eliphas nicht, dass er selbst einer dieser »Nicht-Schuldlosen« ist, die durch Hiobs Fürbitte befreit werden müssen!

Hiobs Antwort auf Eliphas letzte Rede - Kap. 23-24

  1. Hiob stöhnt über die Größe seiner Leiden  23,1-2
  2. Hiob klagt die Rechte eines Gerechten vor Gott ein  23,3-7
  3. Gottes Unumschränktheit nimmt keine Rücksicht auf die Gerechtigkeit des Menschen  23,8-17
  4. Der Erfolg der Gottlosen in dieser Welt  24,1-17
  5. Das Gericht über die Gottlosen in der jenseitigen Welt  24,18-25

Hiob stöhnt zunächst über die Größe seiner Pein (V. 1), sodann klagt er die Rechte eines Gerechten vor Gott ein (Vv. 2-7). Damit erwidert er auf die eben gemachte Aufforderung Eliphas', er solle doch sein Unrecht bekennen und bei Gott Versöhnung suchen (22,21). Nein, Hiob ist nicht unwillig, Gottes Angesicht zu suchen, im Gegenteil. Er appelliert mit großer Kühnheit als einer, der sich seiner Unschuld bewusst ist, an die Gerechtigkeit des höchsten Gerichts. Er mag Gott nicht Ungerechtigkeit vorwerfen, aber Er erklärt seine Not mit der Unumschränktheit Gottes, die Ihn nicht verpflichten könne, Hiobs Gerechtigkeit mit Gutem zu vergelten (Vv. 8-17). Das ist eine verhaltene Art zu sagen, Gott sei schuld an seiner Not; Er handle mit ihm nicht nach Hiobs Recht, sondern nach dem Recht des Unumschränkten, der allezeit das tun könne und tun dürfe, was Ihm beliebt. Sodann weist Hiob ein letztes Mal die zu menschliche Theologie seiner Freunde zurück, nach der die Gottlosen für ihre Gottlosigkeit stets in dieser Welt schon bestraft werden, indem er ausführlich und anhand vieler Einzelheiten vom Gedeihen der Gottlosen spricht (24,1-17), um erneut zu sagen, dass sie ihren Lohn im Jenseits bekommen werden (24,18-25). Er schließt mit der siegesgewissen Frage, wer seine Rede widerlegen und seine Argumente zunichte machen wolle. Seine Argumente sind tatsächlich so zwingend, dass seine Freunde ihm nichts mehr zu antworten wissen. Vielleicht ahnen sie doch, dass Hiob in dieser Sache recht hat und dass sie in unerlaubter Weise verallgemeinert hatten, um Hiobs Unglück zu erklären. Wie auch immer, Bildad antwortet nur noch ganz kurz, indem er in allgemeinen Worten etwas über Gottes Erhabenheit sagt, das aber in keinerlei Weise auf Hiobs vorangegangene Rede Bezug nimmt. Zophar, der nach Hiobs kurzer Entgegnung auf Bildads letzte Rede (Kap 26), an der Reihe gewesen wäre, verzichtet ganz auf seine Antwort.

Kapitel 23

1. Hiob stöhnt über die Größe seiner Leiden  23,1-2

1 Und Hiob antwortete und sprach:
2 Auch heute ist meine Klage bitter; meine Hand lastet schwer auf meinem Seufzen.

Wenn Hiob sagt »auch heute« sei seine Klage trotzig, dann hat er mehrere Tage schon vor seinen Freunden geklagt. Wir wissen hieraus also, dass die Unterredungen mindestens einige Tage dauerten. Das hebräische Wort für »bitter« lautetmeri. Naomi sagt, der Herr habe es ihr »bitter« gemacht (Ru 1,20). In 27,2 sagt Hiob, der Allmächtige habe seine Seele »bitter gemacht«. Hiob weigert sich nicht, wie Eliphas behauptet hat, Gottes Angesicht zu suchen; aber er bekennt, dass das Leiden, das er nicht verstehen kann, seine Worte und seinen Geist bitter gemacht hat.

»Meine Hand lastet schwer auf meinem Seufzen«: Hier hat sich der Text von Elbf unverständlicherweise der Lesart der LXX angeschlossen (»Seine Hand«), obwohl man dieser fast nie den Vorzug vor dem masoretischen Text geben darf. Der hebräische überlieferte Text lautet jâdî, »meine Hand«. Es gibt keinen Grund, diese Lesart zu verwerfen; denn sie ergibt ohne Änderung einen schönen Sinn. Hiob sagt: Meine Hand sucht mit aller Kraft mein Stöhnen zu unterdrücken, es gelingt ihr aber nicht. Das ist eine kunstvolle Art zu umschreiben, wie mächtig sein Seufzen ist. Und warum ist es so mächtig? Weil seine Pein so groß ist. Damit hat er ähnlich wie in seiner zweiten Rede die Größe seiner Klage durch die Größe seiner Plage verständlich gemacht (6,2-3).

2. Hiob klagt die Rechte eines Gerechten vor Gott ein  23,3-7

3 O dass ich ihn zu finden wüsste, dass ich kommen könnte bis zu seiner Wohnstätte!

»Verkehre doch freundlich mit ihm!«, hatte ihm Eliphas geraten, worauf Hiob antwortet: »O dass ich ihn zu finden wüsste«. Er wollte ja gerne Umgang mit Gott pflegen, aber er findet ihn nicht.

4 Ich würde meine Rechtssache vor ihm darlegen, und meinen Mund mit Beweisgründen füllen.

Wenn Gott uns den Weg zu sich geöffnet, gezeigt und uns auf ihm »bis zu seiner Wohnstätte« geführt hat, dann ist das eine so große, so unbegreifliche Gnade, dass wir vor Gott ganz einfach nicht mehr auf »Rechte« pochen können, die wir zu haben meinen. Handelte Gott an uns nach unseren Rechten, wären wir alle verloren.

5 Ich würde die Worte wissen, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.
6 Würde er in der Größe seiner Kraft mit mir streiten? Nein; er würde nur acht auf mich haben.
7 Alsdann würde ein Rechtschaffener mit ihm rechten, und auf ewig würde ich meinem Richter entkommen.

»Ich würde die Worte wissen, die er mir antworten«, das sind große Worte, die von großem Unverstand zeugen. Wenig später antwortet Gott tatsächlich auf Hiobs Worte. Wie klein wird er dann! Erstens hatte Hiob die Worte nie geahnt, die Gott an ihn richtete, und zudem wusste er auf keine einzige Frage, die Gott stellte, zu antworten. Das stärkste Stück ist die letzte Behauptung: »Alsdann würde ein Rechtschaffener mit ihm rechten, und auf ewig würde ich meinem Richter entkommen.« Die Erinnerung an diese Worte muss Hiob später unendlich gedemütigt haben. Er wird sich gefragt haben: »Wie konnte ich nur?« Wenn wir wieder in Gottes Licht sind, ist uns unser Reden und Sinnen in der Finsternis unbegreiflich. Unbegreiflicher ist uns nur Gottes Geduld und Gnade, die das trug, ertrug und vergab.

3. Gottes Unumschränktheit nimmt keine Rücksicht auf die Gerechtigkeit des Menschen  23,8-17

8 Siehe, gehe ich vorwärts, so ist er nicht da; und rückwärts, so bemerke ich ihn nicht;
9 zur Linken, während er wirkt, so schaue ich ihn nicht; er verhüllt sich zur Rechten, und ich sehe ihn nicht.

Hiob will mit diesen Worten sagen, dass er noch so gerecht sein könne; Gott belohne ihn deswegen nicht. Hiob sei »vorwärts« gegangen, im Gehorsam an Gottes Gebote. Aber »er ist nicht da«. Er belohne seinen Gehorsam nicht. »Er verhüllt sich... und ich sehe ihn nicht.« Weil Er der Allmächtige ist, könne er sich uns entziehen, und Er könne uns die Wohlfahrt vorenthalten, obwohl Wohlfahrt normalerweise der Lohn für Gerechtigkeit sei.

10 Denn er kennt den Weg, der bei mir ist; prüfte er mich, wie Gold würde ich hervorgehen.
11 An seinem Schritte hat mein Fuß festgehalten, und seinen Weg habe ich beobachtet und bin nicht abgebogen;
12 von dem Gebote seiner Lippen bin ich nicht abgewichen, ich habe die Worte seines Mundes verwahrt, mehr als meinen eigenen Vorsatz.

Die Verse 10 bis 12 sind die bisher stärkste Beteuerung der Gerechtigkeit Hiobs. Wir können den Eindruck nicht abschütteln, dass Hiob sich zu Gutes zuschreibt. Er ist nicht in der Weise schuldig, wie seine Freunde ihm unterstellen. Aber ist er in der Weise gerecht, wie er jetzt vor Gott geltend macht? »Ich habe die Worte deines Mundes verwahrt« ist Hiobs Antwort auf die Aufforderung von Eliphas, er solle Gottes Worte zu Herzen nehmen (22,22).

13 Doch er bleibt sich gleich, und wer kann seinen Sinn ändern? Was seine Seele begehrt, das tut er.
14 Denn er wird vollenden, was über mich bestimmt ist; und dergleichen ist vieles bei ihm.
15 Darum bin ich bestürzt vor seinem Angesicht; erwäge ich's, so erschrecke ich vor ihm.
16 Ja, Gott hat mein Herz verzagt gemacht, und der Allmächtige mich in Bestürzung versetzt.
17 Denn nicht wegen der Finsternis bin ich vernichtet, noch weil Dunkelheit mein Angesicht bedeckt hat.

»Doch er bleibt sich gleich, und wer kann seinen Sinn ändern?« Hiob verwendet hier wie schon in Kap 9 die Wahrheit von Gottes Unumschränktheit als eine Entschuldigung für seine Bitterkeit. Er sei ja gerecht, aber Gott habe im Sinn gehabt, ihn zu zermalmen. Wer aber kann Gottes Arm aufhalten? Ach, wie es Hiob bedrücken muss, dass Gott sich gleich bleibt und nichts und niemand Seinen Sinn ändern kann! Hier haben wir den tiefsten Grund für seine ganze Not, für seine dunkle Verzweiflung. Er sträubt sich noch gegen Gottes Hand, er will sich nicht unter Sein Fügen beugen, so lange er nicht versteht, warum das alles mit ihm geschieht. Täte er es, fände er, dass es keine für den Heiligen tröstlichere Wahrheit gibt, als dass Gott im Regiment ist, dass Er nach Seinem Wohlgefallen handelt, dass Er der Unumschränkte ist, dessen Sinn niemand ändern kann. Sollte denn Gottes Wohlgefallen böse sein? Kann der Vollkommene Böses wollen? Wie viel Böses muss noch in Hiob, wieviel Böses muss noch in unserem Herz sein, dass der Gedanke der absoluten Souveränität Gottes uns abschreckt, als könnte sich diese jemals gegen unsere besten Interessen wenden! »Er wird vollenden, was über mich bestimmt ist«: Welche Wahrheit könnte herrlicher sein? Ja, Er wird vollenden, was Es sich über mich vorgesetzt hat, von Ewigkeit her für mich bestimmt hat (Rö 8,29-30). Ihm sei ewig Dank dafür! Noch kann, noch will Hiob das nicht verstehen. Aber er wird es noch verstehen, und dann wird er zuerst verstummen und sich schämen, aber danach wird er jubeln, wie er noch nie gejubelt hat.

Kapitel 24

4. Der Erfolg der Gottlosen in dieser Welt  24,1-17

Im vorhergehenden Kapitel hatte Hiob von Gottes Souveräntität und seinem persönlichen Ergehen gesprochen. Hier spricht er von Gottes souveräner Regierung der ganzen Welt der Sünder. So wie Gott ihm, Hiob, sein Recht nicht gewährt, greift Er auch weltweit nicht gleich ein, um die Unschuldigen von ihren Bedrückern zu befreien. Eliphas hatte behauptet, Hiob habe an den Armen und Hilflosen Gewalttat geübt, und darum suche Gott ihn mit Seiner Strafe heim. Was ist dann mit all denen, die überall in der Welt noch Schlimmeres treiben als Hiob, und die immer noch nicht gestraft sind? Gewälttätige, die Grenzen verrücken (V. 2), den Waisen und Witwen ihre Tiere rauben (V. 3) und die von ihnen Bedrückten sterben lassen und sich darum nicht scheren (V. 12)? Und was ist mit den Mördern (V. 14) und Ehebrechern (V. 15)? Mit großem Geschick weist Hiob auf diese Weise nach, das Eliphas These ganz unzulänglich ist.

1 Warum sind nicht Zeiten aufgespart von dem Allmächtigen, und warum sehen die, welche ihn kennen, seine Tage nicht?

Hiob fragt zum siebten Mal »Warum?« (siehe 3,11). Warum lässt Gott die Gerechten leiden und die Gottlosen in Wohlfahrt leben, warum setzt Er nicht »Zeiten«, d. h. Gerichtstermine, fest. Warum sehen »die, welche ihn kennen, seine Tage«, d. h. Seine Gerichtstage, nicht? Wahrscheinlich ist diese Frage aber nicht wie in 3,11 als ein Vorwurf an Gott zu verstehen. Hiob entgegnet vielmehr auf die letzte Rede des Eliphas, indem er einmal mehr erklärt, dass Gott mit dem Gericht zuwartet, und dass die Gerechten den Tag Seines Eingreifens nicht wissen.

2 Sie verrücken die Grenzen, sie rauben die Herde und weiden sie.
3 Sie treiben den Esel der Waisen weg, nehmen das Rind der Witwe zum Pfand;
4 sie stoßen aus dem Wege die Dürftigen. Die Elenden des Landes verkriechen sich allesamt:

Was die Gesetzlosen tun, ist noch schlimmer als alles, was Eliphas dem Hiob eben angelastet hatte.

5 Siehe, wie Wildesel in der Wüste gehen sie aus an ihr Werk, eifrig nach Beute suchend; die Steppe liefert ihnen Brot für die Kinder.
6 Auf dem Felde schneiden sie sein Futterkorn ab und lesen den Weinberg des Gesetzlosen nach.
7 Nackt übernachten sie, ohne Gewand, und haben keine Bedeckung in der Kälte.
8 Vom Regenguss des Gebirges werden sie durchnässt, und obdachlos umklammern sie den Felsen.

Die V. 5-8 beschreiben die Not der Menschen, die von den Gottlosen geschunden und beraubt werden. »Wie Wildesel« müssen sie ihr Essen suchen, dabei sollten sie von ihrem Meister, für den sie arbeiten, verhalten werden.

9 Sie reißen die Waise von der Brust, und was der Elende anhat, nehmen sie zum Pfand.

Dieser Vers beschreibt wieder das böse Treiben der Gottlosen.

10 Nackt gehen sie einher, ohne Gewand, und hungernd tragen sie die Garbe;
11 zwischen ihren Mauern pressen sie Öl, treten die Kelter und dursten.
12 Von der Stadt her ächzen Sterbende, und die Seele der Erschlagenen schreit. Und Gott rechnet es nicht als Anstößiges an.

Diese Verse beschreiben wiederum die Not der Bedrückten. Die zweite Hälfte von V. 12 kann auch anders übersetzt werden: »Gott achtet nicht auf (ihr) Gebet.«

13 Jene gehören zu den Feinden des Lichtes, sie kennen seine Wege nicht und weilen nicht auf seinen Pfaden.
14 Vor dem Lichte steht der Mörder auf, tötet den Elenden und den Dürftigen; und des Nachts ist er dem Diebe gleich.
15 Und das Auge des Ehebrechers lauert auf die Dämmerung, indem er spricht: Kein Auge wird mich erblicken; und er legt einen Schleier an.
16 In der Finsternis erbricht man die Häuser. Bei Tage schließen sie sich ein, das Licht kennen sie nicht.
17 Denn als Morgen gilt ihnen allesamt der Todesschatten, denn ein jeder von ihnen ist bekannt mit den Schrecken des Todesschattens.

5. Das Gericht über die Gottlosen in der jenseitigen Welt  24,18-25

18 Er ist schnell auf der Wasserfläche, verflucht wird ihr Grundbesitz auf Erden; nicht mehr schlägt er den Weg zu den Weinbergen ein.
19 Dürre und Hitze raffen Schneewasser hinweg: so der Scheol, die gesündigt haben.
20 Der Mutterleib vergisst seiner, das Gewürm labt sich an ihm, nicht mehr wird seiner gedacht: und das Unrecht wird zerbrochen wie ein Baum-
21 er, der die Unfruchtbare beraubt, die nicht gebiert, und der Witwe kein Gutes tut. 
22 Und Mächtige rafft er dahin durch seine Kraft; steht er auf, so getraut man sich nicht des Lebens. 
23 Er gibt ihm Sicherheit, und er wird gestützt. Aber seine Augen sind über ihren Wegen. 
24 Sie sind hochgestiegen: um ein Kleines, und sie sind nicht mehr; und sie sinken hin, werden zusammengerafft wie alle anderen; und wie der Kopf der Ähre werden sie abgeschnitten.

»Er gibt ihm Sicherheit, und er wird gestützt«: Hiob spricht wahr. Die Gottlosen haben in dieser Welt oft Gelingen; und es ist niemand anders als Gott Selbst, der sie stützt. Wahr ist auch, was Hiob sodann sagt: »Sie sind hochgestiegen: um ein Kleines, und sie sind nicht mehr.« Gott wird sie ihrer Sünden wegen richten. Sie hätten mehr Ursache als manche andere gehabt, Gott für alle Seine Wohltaten zu danken. Gott gab ihnen Reichtum und Gesundheit und Familien und Ehre. Aber sie dankten dem Geber aller guten Gaben nie dafür. Daher ist ihr Ende gewiss: Gott wird sie stürzen.

25 Und wenn es nun nicht so ist, wer wird mich Lügen strafen und meine Rede zunichte machen?

Sprachliche Anmerkungen zu Kap. 24:

Bildads letzte Rede - Kap. 25

Dies ist die letzte Rede der Freunde Hiobs. Es ist bezeichnenderweise nur eine kurze Antwort auf Hiobs vorangegangene Rede. Was sollen sie noch sagen, nachdem sie alles gesagt haben und Hiob sich noch immer nicht geschlagen gibt? Auch der Inhalt der Antwort ist bezeichnend. Bildad weiß nichts Spezifisches zu antworten, sondern spricht lediglich allgemeine Wahrheiten über Gott und Seine Regierung aus. Dabei wiederholt er in seiner dritten Rede an Hiob diesem gegenüber zum dritten Mal seine Position: Gott ist gerecht, es ist immer der Mensch der Schuldige (V. 4). Wenn Gott straft, muss Hiob Schuld auf sich geladen haben, sonst strafte Gott ihn nicht. Zudem ist Gott mächtig (V.2), weshalb der Mensch, der vor Gott nur ein Wurm ist, sich immer vergeblich gegen Gottes gerechtes Gericht auflehnt (V. 6). Wie in seiner zweiten Rede, so spricht er auch hier von Licht (18,5; 25,3). Welche Absicht Bildad mit diesen für sich genommen wahren Aussagen verfolgt, hat er zusammen mit seinen Freunden schon deutlich genug ausgesprochen, darum muss er jetzt gar nicht mehr sagen, was er von Hiob denkt.

Kapitel 25

1 Und Bildad, der Schuchiter, antwortete und sprach:
2 Herrschaft und Schrecken sind bei ihm; er schafft Frieden in seinen Höhen.
3 Sind seine Scharen zu zählen? Und über wem erhebt sich nicht sein Licht?
4 Und wie könnte ein Mensch gerecht sein vor Gott, und wie könnte rein sein ein vom Weibe Geborener?
5 Siehe, sogar der Mond scheint nicht hell, und die Sterne sind nicht rein in seinen Augen:
6 wieviel weniger der Mensch, der Wurm, und das Menschenkind, die Made!

Hiobs Antwort auf Bildads letzte Rede - Kap. 26

  1. Hiobs unwirsche Reaktion auf Bildads letzte Rede 26,1-4
  2. Hiobs Einsicht in Gottes Regierung 26,5-14

Diese Rede Hiobs beginnt mit einer zunächst ungehaltenen Entgegnung auf Bildads letztes Geschoß. Wie dieser in den Wald gerufen hatte, tönt es zurück (Vv. 1-4). Darauf folgt eine bewunderungswürdige Zurückweisung von Bildads Worten, in der Hiob mehr Einsicht in Gottes Wege beweist, als seine Freunde besitzen.

Kapitel 26

1. Hiobs unwirsche Reaktion auf Bildads letzte Rede  26,1-4

1 Und Hiob antwortete und sprach:
2 Wie hast du dem Ohnmächtigen geholfen, den kraftlosen Arm gerettet!
3 Wie hast du den beraten, der keine Weisheit hat, und gründliches Wissen in Fülle kundgetan!
4 An wen hast du Worte gerichtet, und wessen Odem ist von dir ausgegangen?

2. Hiobs Einsicht in Gottes Regierung  26,5-14

Was Hiob mit den nachstehenden Worten sagt, ist so wahr, dass wir nicht anders können, als dem geprüften Knecht des Herrn Recht zu geben. Es ist überdies beachtenswert, dass Hiob und Elihu beide auf Gottes Wirken in der Schöpfung und vor allem im Wetter verweisen, weil sie darin eine Analogie zu Gottes Wirken in der Vorsehung erkennen. Damit nehmen sie Gottes Reden über Sein Wirken in der Schöpfung und in der Vorsehung vorweg. So beweist Hiob eine erstaunliche Übereinstimmung im Urteil mit Gott selbst. Es sind allesamt große und tiefe, von Gottes Geist bestätigte Wahrheiten, Wahrheiten über den Unumschränkten, über den Allmächtigen und über die Dürftigkeit aller menschlichen Erkenntnis über ihn. Und doch sind es im Munde Hiobs vorläufig bloße Lehrsätze. Er kann aus all dem Herrlichen, das er weiß, keinen Trost schöpfen; ihm ist mit seinem Wissen noch nicht geholfen. Noch muss er vor Gott vollständig zerbrechen, bis er die von ihm gewussten Wahrheiten in lebendiger Kraft ergreifen kann und diese ihn ergreifen können.

5 Die Schatten beben unter den Wassern und ihren Bewohnern.
6 Der Scheol ist nackt vor ihm, und keine Hülle hat der Abgrund.

»Der Scheol ist nackt vor ihm«: Gott allein ist nichts verborgen; uns hingegen muss vieles verborgen bleiben. Darum verstehen wir Seine Regierungswege nicht.

7 Er spannt den Norden aus über der Leere, hängt die Erde auf über dem Nichts.

»Er hängt die Erde auf über dem Nichts«: Gott muss sich auf nichts und niemand stützen; Er hängt die Erde auf über dem nichts. Er handelt aus eigenem Antrieb und hat keinen Helfer nötig, um das, was Er will, zu tun und zu erhalten.

8 Er bindet die Wasser in seine Wolken, und das Gewölk zerreißt nicht unter ihnen.

»Er bindet die Wasser in seine Wolken«: Er hält alles an seinem Platz, um es zu Seiner Zeit auf Seine Weise Sein Werk tun zu lassen.

9 Er verhüllt den Anblick seines Thrones, indem er sein Gewölk darüber ausbreitet.

»Er verhüllt den Anblick seines Thrones, indem er sein Gewölk darüber ausbreitet«: Wie wahr das ist! Verhüllt aber Gott dem Menschen den Anblick seines Thrones, sind die selbstsicheren Urteile der Freunde Hiobs größte Torheit. Was wissen denn die über Gottes Regierungswege mit Hiob? Psalm 97,2 sagt uns dazu:

»Gewölk und Dunkel sind um ihn her; Gerechtigkeit und Gericht sind seines Thrones Grundfeste.«

Sind Gewölk und Dunkel um Gott her, so müssen dem Menschen Gottes Handeln und Gottes Wege dunkel bleiben, auch dem glaubenden Menschen. Was dieser bei alledem aber stets weiß: Gerechtigkeit stützt Gottes Thron. Dem vertraut Er durch alles Dunkel hindurch, und dieses Vertrauen wird zum Licht, das seinen Pfad erhellt.

10 Er rundete eine Schranke ab über der Fläche der Wasser bis zum äußersten Ende, wo Licht und Finsternis zusammentreffen.

»Er rundet eine Schranke ab«: Er gibt einer jeden Sache Maß, Gewicht und Zeit.

»wo Licht und Finsternis zusammentreffen«: Er allein versteht das Verhältnis von Licht und Finsternis zueinander und alle mit diesen beiden zusammenhängenden Rätsel.

11 Die Säulen des Himmels wanken und entsetzen sich vor seinem Schelten.
12 Durch seine Kraft erregt er das Meer, und durch seine Einsicht zerschellt er Rahab.

»Die Säulen des Himmels wanken«: Was er aufgerichtet hat, vermag er allein wieder einzureißen.

»Durch seine Kraft erregt er das Meer«: Ihm sind alle Mächte und Kräfte der Schöpfung untertan. Die Materie muss ihrem Schöpfer zu Willen sein. Er lenkt auch die Geschicke der Völker, überblickt ihr Gewimmel, lässt aus ihm Reiche erstehen und wieder untergehen (Dan 7; Off 13), und am Ende gilt:

13 Durch seinen Hauch wird der Himmel heiter, seine Hand durchbohrt den flüchtigen Drachen.

»Durch seinen Hauch wird der Himmel heiter«: Wolken umgeben Gottes Thron (V.9), und über diese haben wir keine Macht. Allein Gottes Hauch kann sie vertreiben. Dann wird der Himmel heiter und wir sehen klar (siehe 37,21). Gottes Geist muss den Menschen lehren; Er allein kann die Knoten unseres Daseins lösen und seine Rätsel entwirren.

»seine Hand durchbohrt den flüchtigen Drachen«: Hiob erkennt, dass in Gottes Schöpfung nicht nur Licht, sondern auch Finsternis ist (V.10), und er begreift, dass er mit dem Rätsel des Bösen inmitten der Schöpfung eines guten und gerechten Gottes nicht fertig wird. Er weiß aber, dass Gott den Drachen bezwingen wird. Ohne dieses Vertrauen wird uns nie licht werden, können wir nie aus dem Gefängnis der Torheit und Unwissenheit befreit werden.

14 Schaut, das sind die Säume seiner Wege; ein bloßes Wispern haben wir von ihm gehört! Und den Donner seiner Macht, wer versteht ihn?

»Schaut, das sind die Säume seiner Wege«: Hiob hat recht: Wir können nur den Saum Seines Gewandes berühren, sehen nur die Säume Seiner Wege. Wir stehen hilflos vor den unauslotbaren Geheimnissen der Schöpfung, der Sünde, der Erlösung, der Regierung und der Vollendung.

»und wie wenig haben wir von ihm gehört«: Wir mögen viel von und über Gott gehört haben, und doch ist es wenig, denn unser Wissen reicht nicht aus, Gott und Seine Wege zu verstehen oder gar zu erklären.

»Und den Donner seiner Macht, wer versteht ihn«: Wer versteht, wie groß Gottes Macht, wie groß Sein Zorn, wie verdient unser Gericht und wie groß unsere Schuld ist?

»Wer erkennt die Stärke deines Zornes, und, deiner Furcht gemäss, deinen Grimm?« (Ps 90,11).

Wer versteht die Bedeutung und die Tragweite von Gottes Donnern? Wer nimmt die Ankündigung der Gerichte, wer nimmt die Donner, die von Seinem Thron ausgehen (Off 4,5), wahr? Und von denen, die sie wahrnehmen, wer erschrickt vor ihnen, wie es sich gehörte?

Sprachliche Anmerkungen zu Kap. 26:

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