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Kommentar zu Hiob 27-31

von Benedikt Peters


Hiobs abschließender Monolog - Kap. 27-31

Zophar wäre nach der letzten Rede Hiobs an der Reihe gewesen, er hat aber nicht mehr geantwortet, so dass Hiob hier fortfahren kann und zu seinem abschließenden Monolog ansetzt. Darin redet Hiob nur am Anfang zu seinen Freunden und dann nur noch vor Gott. Und doch ist alles, was er sagt, gleichzeitig eine Zurückweisung all dessen, was diese in all ihren Reden gesagt haben. Der Ton dieser Kapitel ist ruhiger als in allen vorangegangenen, Hiobs Sprache ist nicht mehr gereizt, sondern maßvoll. Seine Worte sind bewegend, teils sogar mitreißend und manchmal von bewunderungswürdiger Erhabenheit. In Kapitel 27 wendet sich Hiob noch an Eliphas, Bildad und Zophar, indem er einmal mehr ihrer hausbackenen Theologie widerspricht, die sie zur nie preisgegebenen Annahme geführt hatte, Hiob müsse gesündigt haben. In Kapitel 28 redet er über die Weisheit und bekennt damit, dass keinem der Anwesenden die Weisheit zu Gebote stehe, die er bräuchte, um das Rätsel von Hiobs Leiden und Hiobs Gerechtigkeit zu lösen. Die drei letzten Kapitel bilden ein Triptychon von ausgesuchter Schönheit. Die erste Tafel (Kapitel 29) schildert Hiobs verflossenes Glück, die zweite (Kapitel 30) sein gegenwärtiges Unglück, und die dritte (Kap 31) seine Unschuld. Die Zusammenschau dieser drei Tafeln zeigen die ganze ungelöste und Hiob unlösbar scheinende Spannung seines Leidens. Dass Gott ihn einst so gesegnet hatte, zeugt von Gottes Liebe; dass er aber jetzt leidet, und das ohne Schuld, das versteht Hiob weder mit der einst erfahrenen Liebe Gottes noch mit Seiner Gerechtigkeit in Einklang zu bringen.

Hiobs Unschuld und Gottes Gerechtigkeit - Kap. 27

  1. Hiob beteuert seine Unschuld 27,1-6
  2. Hiob nennt seine Ankläger Gesetzlose 27,7-10
  3. Gott wird den Gottlosen gerecht richten 27,11-23

Er bekennt zunächst, dass er wirklich ohne Schuld leidet (27,1-6) und sagt damit, dass seine Beschuldiger sich schuldig machen (27,7-10). Sodann bekennt er Gottes Gerechtigkeit, indem er das kommende Gericht über die Gottlosen ankündigt (27,11-23).

Kapitel 27

1. Hiob beteuert seine Unschuld  27,1-6

1 Und Hiob fuhr fort, seinen Spruch anzuheben, und sprach:
2 So wahr Gott lebt, der mir mein Recht entzogen, und der Allmächtige, der meine Seele bitter gemacht hat -

Wiederum besteht Hiob darauf, dass ihm nicht geschieht, wie er es verdient hat. Gott habe ihm sein Recht entzogen. Hiob, der eben von Gottes Unumschränktheit und unserer Unfähigkeit, Ihn und Seine Wege zu verstehen, gesprochen hat, verfällt wiederum in dieses menschliche Raisonnieren. Wie schnell sinkt ein Petrus von der Höhe seines Bekenntnisses zur Gottessohnschaft Christi herab auf die Ebene menschlich gut gemeinter Ratschläge (Mt 16,16-23). Was ist der Mensch ohne Gott? Ein irrendes, wankelmütiges, allen Einfällen seines törichten Herzen hilflos ausgeliefertes Geschöpf.

4 wenn meine Lippen Unrecht reden werden, und wenn meine Zunge Trug aussprechen wird!
5 Fern sei es von mir, dass ich euch recht geben sollte; bis ich verscheide, werde ich meine Unsträflichkeit nicht von mir weichen lassen.
6 An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und werde sie nicht fahren lassen: mein Herz schmäht nicht einen von meinen Tagen.

Im Gegensatz zu seinen Freunden ist Hiob völlig aufrichtig; er weiß um keine Sünde seinerseits, die sein Unglück hätte rechtfertigen sollen. Darum kann er seinen Freunden nicht Recht geben; er wäre unaufrichtig, täte er es, nur um ihnen zu gefallen.

»An meiner Gerechtigkeit halte ich fest«: Erst im Lichte Gottes wird Hiob erkennen, dass er vor Gott trotz allem ein Ungerechter ist; nicht in der Sache, die mit seinem Unglück zusammenhing, aber als Sohn Adams, in seiner vererbten Natur, und in seinem fehlenden Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und Liebe sowie in seinem Eifern gegenüber seinen Freunden.

»mein Herz schmäht nicht einen von meinen Tagen«: Ob es Hiob bewusst ist, dass er hier das Gegenteil von dem behauptet, was er in 3,3-4 noch sagte? In Hiobs Seele ist es etwas heller geworden; denn er verflucht nun nicht mehr den Tag seiner Geburt und verwünscht damit nicht mehr einen jeden Tag seines Lebens.

2. Hiob nennt seine Ankläger Gesetzlose  27,7-10

7 Mein Feind sei wie der Gesetzlose, und der wider mich auftritt wie der Ungerechte. 
8 Denn was ist des Ruchlosen Hoffnung, wenn Gott abschneidet, wenn er seine Seele herauszieht? 
9 Wird Gott sein Geschrei hören, wenn Bedrängnis über ihn kommt? 
10 Oder wird er sich an dem Allmächtigen ergötzen, Gott anrufen zu aller Zeit?

Hiobs Worte sind zwar richtig, sie sind auch verständlich, aber er wendet nun seinerseits eine Wahrheit - teilweise wenigstens - auf die falschen Leute an. Es ist wahr, »der wider (ihn) auftritt, ist wie der Ungerechte«. Sie reden böse, und damit handeln sie wie die Bösen. Und es ist wahr, dass »des Ruchlosen Hoffnung, wenn Gott abschneidet« dahin ist. Dies aber wird auf Hiobs Freunde nicht zutreffen. Sie werden von Gott wiederhergestellt werden. Hiob fragt: »Wird er ... Gott anrufen?« Es ist eine rhetorische Frage, und die Antwort ist Hiob selbstverständlich. Aber er irrt. Seine Freunde werden Gott nämlich noch anrufen, und Gott wird sie hören und wird ihnen vergeben.

3. Gott wird den Gottlosen gerecht richten  27,11-23

Entgegen den Unterstellungen seiner Freunde behauptet Hiob jetzt, dass er sehr wohl weiß, dass Gott die Gottlosen richten wird. Daran hat Hiob nie gezweifelt. Was er aber klarer sieht als seine Verkläger, ist der Umstand, dass Gott mit dem Gericht oft lange zuwartet.

11 Ich will euch lehren über die Hand Gottes; was bei dem Allmächtigen ist, will ich nicht verhehlen.
12 Ihr selbst habt es ja alle geschaut. Warum schwatzet ihr dann so nichtig?
13 Dies ist das Teil des gesetzlosen Menschen bei Gott, und das Erbe der Gewalttätigen, das sie von dem Allmächtigen empfangen:

Nocheinmal erklärt Hiob, dass Gott den »gesetzlosen Menschen« richten wird. Im Unterschied zu seinen Freunden sagt er aber, dass Gott diesem «das Teil ... und das Erbe« bereitet hat. Es ist bei Gott verwahrt und wird ihm am von Gott bestimmten Tag zuteil werden. Das muss aber nicht sogleich, das muss nicht einmal in diesem Leben sein.

14 Wenn seine Kinder sich mehren, so ist es für das Schwert, und seine Sprösslinge - sie haben nicht satt Brot.
15 Seine Übriggebliebenen werden begraben durch den Tod, und seine Witwen weinen nicht.
16 Wenn er Silber aufhäuft wie Staub, und Kleider bereitet wie Lehm:
17 er bereitet sie, aber der Gerechte bekleidet sich damit; und Schuldlose teilen sich in das Silber.

Hamans Ergehen ist ein beredtes Beispiel für die Richtigkeit dieser Worte Hiobs: »Wenn seine Kinder sich mehren, so ist er für das Schwert« (Est 5,11; 9,6-10; siehe Ps 92,7). Das »Silber« und die »Kleider« des bösen Haman fielen Esther und dem gerechten Mordochai zu (Est 8,1-2).

18 Er hat sein Haus gebaut wie die Motte, und der Hütte gleich, die ein Wächter sich macht. 
19 Reich legt er sich ihn, und er tut es nicht wieder; er schlägt die Augen auf, und ist nicht mehr. 
20 Schrecken ereilen ihn wie Wasser, des Nachts entführt ihn ein Sturmwind. 
21 Der Ostwind hebt ihn empor, dass er dahinfährt, und stürmt ihn fort von seiner Stätte.

»Sein Haus«, das er auf Gottlosigkeit gebaut hat, »entführt ein Sturmwind« zusammen mit ihm. Das hat auch der Herr im Gleichnis der zwei Häuser gelehrt (Mt 7,24-27).

22 Und Gott schleudert auf ihn ohne Schonung; seiner Hand möchte er flüchtend entfliehen.
23 Man klatscht über ihn in die Hände, und zischt ihm nach von seiner Stätte aus.

Sprachliche Anmerkungen zu Kap. 28:

»Aber die Weisheit, wo wird sie erlangt?« - Kap. 28

  1. Der bewunderungswürdige technische Verstand des Menschen  28,1-11
  2. »Aber die Weisheit, wo wird sie erlangt?«  28,12-28

Hiob hat seine Ratlosigkeit angesichts des Leidens der Gerechten zum Ausdruck gebracht. In dieser Rede will er nun sagen, dass kein Mensch die Weisheit besitzt, um alle Rätsel der göttlichen Regierung zu begreifen. Da leben Gottlose lange und sterben umgeben von Ehre und Wohlfahrt, da sind Gerechte gepeinigt und werden jung dahingerafft (Prd 7,15). Wo findet sich die Weisheit, um solches zu verstehen? Wo ist die Weisheit, die solches lenkt? (V. 12. 20). Zuerst beschreibt Hiob anhand der Bergbaukunst die bewunderungswürdige technische Fertigkeit der Menschen (Vv. 1-11). Diese Fertigkeit bildet aber lediglich die Folie, auf der die Hilflosigkeit des gleichen Menschen, sich und sein Ergehen in dieser Welt zu erklären, umso greller an den Tag tritt. Da er das Wissen weder hat noch auch weiß, wo er es finden könnte, kann seine Weisheit allein darin bestehen, dass er den fürchtet, der alles weiß. Das ist der Anfang aller Weisheit (V. 28).

Kapitel 28

1. Der bewunderungswürdige technische Verstand des Menschen  28,1-11

1 Denn für das Silber gibt es einen Fundort, und eine Stätte für das Gold, das man läutert. 
2 Eisen wird hervorgeholt aus der Erde, und Gestein schmelzt man zu Kupfer. 
3 Er hat der Finsternis ein Ende gesetzt, und durchforscht bis zur äußersten Grenze das Gestein der Finsternis und des Todesschattens. 
4 Er bricht einen Schacht fern von dem Wohnenden; die von dem Fuße Vergessenen hangen hinab, fern von den Menschen schweben sie. 
5 Die Erde - aus ihr kommt Brot hervor, und ihr Unteres wird zerwühlt wie vom Feuer. 
6 Ihr Gestein ist der Sitz des Saphirs, und Goldstufen sind darin. 
7 Ein Pfad, den der Raubvogel nicht kennt, und den das Auge des Habichts nicht erblickt hat; 
8 den die wilden Tiere nicht betreten, über den der Löwe nicht hingeschritten ist. 
9 Er legt seine Hand an das harte Gestein, wühlt die Berge um von der Wurzel aus. 
10 Kanäle haut er durch die Felsen, und allerlei Köstliches sieht sein Auge. 
11 Er dämmt Flüsse ein, dass sie nicht durchsickern, und Verborgenes zieht er hervor an das Licht.

Der Mensch gelangt an Orte, die das Auge keines Adlers gesehen (V. 7) und die der Fuß keines Löwen betreten hat (V. 8). Aber an den Ort, wo die Weisheit wohnt, dahin findet auch der Mensch nicht, ungeachtet seiner intellektuellen, technischen, künstlerischen und politischen Fertigkeiten.

2. »Aber die Weisheit, wo wird sie erlangt?«  28,12-28

In den Vv. 12-14 sagt uns Hiob, dass wir nicht wissen, wo die Weisheit ist. In den Vv. 15-19 sagt er uns, dass wir nicht einmal ahnen, wie groß ihr Wert ist. Zum Schluss sagt er uns endlich, dass Gott allein ihre Stätte weiß, dass Er über sie verfügt und dass die Weisheit des Menschen nur darin bestehen kann, dass er das alles anerkennt. Und was ist das anderes, als Gott zu fürchten (Vv. 23-28).

12 Aber die Weisheit, wo wird sie erlangt? Und welches ist die Stätte des Verstandes?

Wo wird die Weisheit gefunden? Glückselig der Mensch, dem sich diese Frage aufs Gemüt legt und die ihn so lange nicht ruhen lässt, bis er die Antwort gefunden hat. Hiob muss seine ganze Not durchmachen, weil ihm Gott genau diese Frage in die Seele senken wollte. Hiob sollte anfangen zu fragen, bis er die Antwort gefunden hat. Zunächst wird der Wert der Weisheit anhand zahlreicher Vergleiche beschrieben:

13 Kein Mensch kennt ihren Wert, und im Lande der Lebendigen wird sie nicht gefunden. 
14 Die Tiefe spricht: Sie ist nicht in mir, und das Meer spricht: Sie ist nicht bei mir.
15 Geläutertes Gold kann nicht für sie gegeben, und Silber nicht dargewogen werden als ihr Kaufpreis. 
16 Sie wird nicht aufgewogen mit Gold von Ophir, mit kostbarem Onyx und Saphir. 
17 Gold und Glas kann man ihr nicht gleichstellen, noch sie eintauschen gegen ein Gerät von gediegenem Golde. 
18 Korallen und Kristall kommen neben ihr nicht in Erwähnung; und der Besitz der Weisheit ist mehr wert als Perlen. 
19 Nicht kann man ihr gleichstellen den Topas von Äthiopien; mit feinem Golde wird sie nicht aufgewogen.

So wie hier ein Vergleich an den andern gereiht wird, wächst in den Augen dessen, dem das Fragen nach der Weisheit in die Seele gebrannt wurde, der Wert des begehrten Gutes beständig, bis er nichts anderes mehr begehrt, als nur dieses eine zu wissen: Wo finde ich die Weisheit?

20 Die Weisheit nun, woher kommt sie, und welches ist die Stätte des Verstandes?
21 Denn sie ist verborgen vor den Augen aller Lebendigen, und vor den Vögeln des Himmels ist sie verhüllt.
22 Der Abgrund und der Tod sagen: Mit unseren Ohren haben wir ein Gerücht von ihr gehört.

Der Abgrund und der Tod lassen den Menschen ahnen, dass irgendwo eine höhere und für sie unerreichte Weisheit sein muss. Am Rand der Ewigkeit vernehmen wir das aus der Ferne kommende Gerücht, dass es einen Ewigen geben muss, und dass bei Ihm Weisheit sein müsse. Aber wir können sie nicht greifen; wir können den Weg zu ihr nicht ausstecken. Wir ahnen nur etwas, wissen aber nichts.

Nach zwei Negativantworten erfolgt endlich die positive Antwort:

23 Gott versteht ihren Weg, und er kennt ihre Stätte.

Der Schöpfer der Welt kennt die Weisheit, erschuf alles in dieser Weisheit, überblickt daher alles von Ihr Erschaffene:

24 Denn er schaut bis zu den Enden der Erde; unter dem ganzen Himmel sieht er. 
25 Als er dem Winde ein Gewicht bestimmte, und die Wasser mit dem Maße abwog, 
26 als er dem Regen ein Gesetz bestimmte und eine Bahn dem Donnerstrahl: 
27 da sah er sie und tat sie kund, er setzte sie ein und durchforschte sie auch.

Wie nun kann der Mensch, wenn er einmal begriffen hat, wo die Weisheit ist, diese Weisheit für sich erlangen?

28 Und zu dem Menschen sprach er: Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand.

Hier leuchtet dem Hiob für einen kurzen Augenblick göttliches Licht in sein Dunkel: Fürchtete er Gott, unterwärfe Er sich Ihm, ohne weitere Fragen zu stellen; und ließe er Gott ihn lehren, fände er Frieden von seinen marternden Gedanken. Aber er ist noch nicht so weit. Nach diesem kurzen Lichtblick fällt wieder Dunkel über seine Seele: Statt sich dem allein weisen Gott zu unterwerfen, beginnt er seine früheren Tage herbeizusehnen. So sind die Kapitel 29 bis 31 Hiobs Eingeständnis, dass er die Weisheit nicht besitzt, um sein Ergehen zu erklären. Er anerkennt, dass Gottes Regierung unbegreiflich (Kap 26) ist, dass Er aber den Gesetzlosen gewiss richten werde (Kap 27). Er selbst aber ist kein Frevler (Kap 29-31). Darum ist ihm sein Leiden so unbegreiflich wie je. Es fehlt ihm der Verstand, dies alles, das ihm so widersprüchlich scheint, miteinander in Übereinstimmung zu bringen. Er weiß zwar den Ort der Weisheit, er kennt sogar die Pforte zum Haus der Weisheit, die Gottesfurcht. Er hat den Schlüssel in der Hand, aber er steht ohnmächtig vor der Tür und kann den Schlüssel nicht verwenden. Er hat die Kraft nicht, den Schlüssel zu drehen und durch die Tür zu treten.

Hiobs verflossenes Glück - Kap. 29

  1. Gott war mit Hiob  29,1-6
  2. Hiob genoss das Ansehen der Mitbürger  29,7-11
  3. Hiob war ein Helfer der Armen  29,12-17
  4. Hiob hoffte auf ein langes Leben und ungestörtes Glück  29,18-20
  5. Hiob war Ratgeber und Fürst unter seinen Zeitgenossen  29,21-25

Dies ist die erste Tafel des schönen Triptychons der Kapitel 29, 30 und 31. Hier spricht Hiob in Worten, denen die stille Überzeugungskraft der Wahrheit innewohnt, von seinem ehemaligen Glück, von seiner Integrität, von seinem darauf begründeten Ansehen unter seinen Zeitgenossen. Zunächst erinnert er sich daran, wie Gott damals zu ihm war: Er segnete ihn (Vv. 1-6); dann spricht er davon, wie seine Mitbürger zu ihm waren: Sie ehrten ihn (Vv. 7-11); er begründet das, indem er sagt, wie er sich zu seinen Mitbürgern verhielt: Er half ihnen (Vv. 12-17) und er riet ihnen (Vv. 21-25). Hatte er da nicht Ursache zu hoffen, dass Gott ihm sein Glück belassen und sein Leben verlängern werde (Vv. 18-20).

Vielleicht verrät Hiobs sehnsüchtiger Blick zurück auch ein wenig verborgene Eitelkeit. Wie sollte es Hiob nicht gefallen haben, ein Mann von solchem Ansehen gewesen zu sein? Gott aber will ihn lehren, alle Ehre allein bei Gott zu suchen; darum muss er ihn in die Tiefen führen. Und selbst wenn Hiob nicht frei war von solchen sehr menschlichen Empfindungen, so ist sein wehmütig rückwärtsgewandter Blick nur zu verständlich. Wir können nicht anders, als mitfühlen mit dem schwer geprüften Gottesknecht. Die Beschreibung seines verflossenen Glücks ist von großer Schönheit und ungekünstelter Würde. Aus seinen Worten spricht die Dankbarkeit, mit der Hiob sein von Gott beschertes Glück zu würdigen wusste: »als das Vertrauen Gottes über meinem Zelte waltete, als der Allmächtige noch mit mir war, meine Knaben rings um mich her« (Vv. 4,5). Hiob war nicht ein herzloser Reicher, ein gottloser Erfolgsmensch oder ein öder Glückspilz. Nein, er wusste, dass er alles, was er war und hatte, Gottes Güte verdankte; denn es war Sein Licht, das ihm den Pfad erhellte: »...als seine Leuchte über meinem Haupte schien, und ich bei seinem Lichte durch die Finsternis wandelte« (V. 3). Und Hiob erwiderte die ihm von Gott erwiesene Liebe mit Gegenliebe. Als er den Bedrängten half und die Nackten kleidete (Vv. 9,12), bewies er zudem, dass er sich seiner eigenen Hilflosigkeit und Bedürftigkeit vor Gott bewusst war. Dieser Umstand machte Hiobs Leiden um so unbegreiflicher und gerade um so viel größer. Er hätte leicht eine Erklärung gefunden, hätte er sich vorwerfen müssen, er sei Gott gegenüber undankbar und seinen Nächsten gegenüber hartherzig gewesen. Jetzt aber war das Gegenteil der Fall. Er konnte Gottes Gerechtigkeit und Gottes Liebe mit seinem Ergehen nicht mehr in Einklang bringen, er konnte sich seine Not nicht erklären: »Denn ich erwartete Gutes, und es kam Böses, und ich harrte auf Licht, und es kam Finsternis« (30,26). Leiden wird gemildert, wenn wir für das Leiden eine Erklärung haben. Not, die uns unerklärbar ist und dazu ungerechtfertigt erscheint, wird bodenlos.

Kapitel 29

1. Gott war mit Hiob  29,1-6

1 Und Hiob fuhr fort, seinen Spruch anzuheben, und sprach:
2 O dass ich wäre wie in den Monden der Vorzeit, wie in den Tagen, da Gott mich bewahrte,

»O dass ich wäre wie in den Monden der Vorzeit«: Der mit Weisheit begabte Prediger, der einen tiefen Fall hinter sich hatte, sagt:

»Sprich nicht: Wie ist es, dass die früheren Tage besser waren als diese? - Denn nicht aus Weisheit fragst du danach« (Pred 7,10).

Warum ist solches Fragen »nicht aus Weisheit«? Weil es ein Beweis fehlender Gottesfurcht ist. Wer Gott fürchtet, beugt sich unter Seine auch schwere Hand und erkennt, dass es einem geheimen Murren wider Gott gleichkommt, wenn man sich nach den früheren Tagen sehnt. Denn warum sehnt man sich nach ihnen, wenn nicht aus dem einen Grund, dass man mit den jetzigen Tage nicht zufrieden ist. Jetzt ist der Tag des Heils, verkünden die Propheten des Alten wie des Neuen Bundes. Heute, wenn wir seine Stimme hören, sollen wir unsere Herzen nicht verhärten. Vertrauen wir hier und jetzt dem gegenwärtigen Gott, dann werden wir finden, dass Bitteres uns zum Heil ist, wie Israel an den Wassern von Mara (2Mo 15,22-26). »wie am Tag, da Gott mich bewahrte«: Dieses Bekenntnis ist schön. Hiob versäumt nicht, dem die Ehre für seine verflossene Wohlfahrt zu geben, dem die Ehre gebührt. Und es spricht auch für Hiob, dass er bei der ausführlichen Beschreibung seines ehemaligen Glücks sein Verhältnis zu Gott als Erstes nennt.

3 als seine Leuchte über meinem Haupte schien, und ich bei seinem Lichte durch die Finsternis wandelte; 
4 wie ich war in den Tagen meiner Reife, als das Vertrauen Gottes über meinem Zelte waltete, 
5 als der Allmächtige noch mit mir war, meine Knaben rings um mich her; 
6 als meine Schritte sich in Milch badeten, und der Fels neben mir Ölbäche ergoss;

2. Hiob genoss das Ansehen der Mitbürger  29,7-11

Nachdem Hiob von seiner Beziehung zu Gott gesprochen hat (V.1-6), spricht er als zweites von seinem Verhältnis zu den Mitmenschen. Es war durch zwei Dinge gekennzeichnet: die Achtung der Leute vor ihm, und seine Fürsorge für die Leute.

7 als ich durchs Tor in die Stadt hineinging, meinen Sitz auf dem Platze aufstellte:

Man kann diesen Satz auch so verstehen, dass Hiob zum Tor in der Stadt ging und dort auf dem Torplatz seinen Sitz aufstellte. Hiob gehörte demnach zum Tor der Stadt, d. h. zum Ältestenrat (siehe Spr 31,23). Dort hatte sein Rat offensichtlich so großes Gewicht, dass alle Diskussion aufhörte, sobald er Einsitz nahm (siehe unten Vv. 21-23; vgl. Apg 15,12a). Ein so großes moralisches Gewicht kann Hiob natürlich nur deshalb gehabt haben, weil sein Leben von Gottesfurcht und Integrität geprägt war, und das passt schlecht zu den Unterstellungen der Freunde Hiobs. So mögen diese Worte auch als ein kleiner Seitenhieb an deren Adresse gedacht gewesen sein.

8 Die Jünglinge sahen mich und verbargen sich, und die Greise erhoben sich, blieben stehen; 
9 die Fürsten hielten die Worte zurück und legten die Hand auf ihren Mund; 
10 die Stimme der Vornehmen verstummte, und ihre Zunge klebte an ihrem Gaumen. 
11 Denn wenn das Ohr von mir hörte, so pries es mich glücklich, und wenn das Auge mich sah, so legte es Zeugnis von mir ab.

3. Hiob war ein Helfer der Armen  29,12-17

Eliphas hatte Hiob vorgeworfen, die Waise und Witwe schamlos bedrückt und den Hungernden gefühllos seiner Not überlassen zu haben (Kap 22). Das war offensichtlich gelogen.

12 Denn ich befreite den Elenden, der um Hilfe rief, und die Waise, die keinen Helfer hatte.

Das Wort »denn« begründet die vorher gemachten Aussagen: Man achtete Hiobs Rat auch deshalb so hoch, weil er ein Helfer der Elenden und ein Beistand der Waisen war. Darin glich er seinem Gott, der ein »Vater der Waisen und Richter der Witwen« heißt (Ps 68,5). Die Gerechtigkeit des Messias wird sich ebenfalls daran erweisen, dass er die Hilflosen nicht schindet und den Wehrlosen das Recht nicht beugt (Ps 72,2.4; Spr 31,8; Jes 11,4).

13 Der Segen des Umkommenden kam über mich, und das Herz der Witwe machte ich jubeln. 
14 Ich kleidete mich in Gerechtigkeit - und sie bekleidete mich - wie in Oberkleid und Kopfbund in mein Recht. 
15 Auge war ich dem Blinden, und Fuß dem Lahmen;

Hiob behielt das Licht, das Gott ihm gegeben hatte, nicht für sich, sondern war bereit, den Irrenden und Unwissenden guten Rat zu geben; und er war auch willens, manchen Gang zu gehen für andere, die durch Krankheit gebunden waren. Der Vers erinnert an Rö 2,19, wo er eine Umschreibung der Selbstgerechtigkeit der Juden ist. Hiob aber war, wie Gott selbst bezeugt, ein wahrhaft Gerechter.

16 Vater war ich den Dürftigen, und die Rechtssache dessen, den ich nicht kannte, untersuchte ich;
17 und ich zerbrach das Gebiss des Ungerechten, und seinen Zähnen entriss ich die Beute.

In seinem Mitgefühl für die Gepeinigten wagte er auch, dem Ungerechten entgegenzutreten und seinen Zähnen die Beute zu entreißen. Er musste also nicht allein Mut zeigen, sondern auch Kraft und Beharrlichkeit beweisen.

4. Hiob hoffte auf ein langes Leben und ungestörtes Glück  29,18-20

18 Und ich sprach: In meinem Neste werde ich verscheiden, und meine Tage vermehren wie der Sand;

Es kann sein, dass wir hier eine Ursache finden, warum Gott dem Hiob all seinen Besitz, seinen Frieden und das Ansehen nahm: Er sollte lernen, seine Hoffnung auf Besseres und auf Festeres zu gründen.

»Die Verderbtheit unseres Herzens zeigt sich auch darin, dass wir große Erwartungen auf uns und auf das Geschaffene aufbauen und eine Fülle von Wonne und Zufriedenheit planen auf Grund von verheißungsvollen weltlichen Möglichkeiten. Das war auch beim heiligen Hiob der Fall in den Tagen seiner Wohlfahrt: Ich sprach: In meinem Neste werde ich verscheiden, und meine Tage vermehren wie der Sand. Wie schnell wurden aber diese Hoffnungen durch eine düstere Vorsehung zerschlagen! Aber all das war nur zu seinem Nutzen; es befreite sein Herz vollständiger von allen Erwartungen von Dingen dieser Schöpfung.« (John Flavel: The Mystery of Providence).

vgl. 30,26

19 meine Wurzel wird ausgebreitet sein am Wasser, und der Tau wird übernachten auf meinem Gezweig;
20 meine Ehre wird frisch bei mir bleiben, und mein Bogen sich in meiner Hand verjüngen.

5. Hiob war Ratgeber und Fürst unter seinen Zeitgenossen  29,21-25

(Zu Vv. 21-23 siehe Anmerkungen oben zu Vv. 7-11)

21 Sie hörten mir zu und harrten, und horchten schweigend auf meinen Rat. 
22 Nach meinem Worte sprachen sie nicht wieder, und auf sie träufelte meine Rede. 
23 Und sie harrten auf mich wie auf den Regen, und sperrten ihren Mund auf wie nach dem Spätregen. 
24 Ich lächelte ihnen zu, wenn sie kein Vertrauen hatten, und das Licht meines Angesichts konnten sie nicht trüben. 
25 Ich wählte für sie den Weg aus, und sass als Haupt, und thronte wie ein König unter der Kriegsschar, gleichwie einer, der Trauernde tröstet.

»Ich...thronte wie ein König«: In diesem ganzen Kapitel hat Hiob die Werke eines Königs beschrieben. Gott hatte ihn erhöht und ihm Gewalt über viele gegeben, und diese hatte er zum Wohl der vielen verwendet. Jetzt war ihm alles genommen und er war erniedrigt worden, aber Gott hatte im Sinn, ihn wieder zu erhöhen, höher emporsteigen zu lassen als je zuvor. Darum sorgte er dafür, dass Hiob sich Gottes Hand und Regierung unterwarf. Daraufhin erhöhte ihn Gott. So geschieht es mit einem jeden, den Gott zum Leben erwählt. Adam war als ein Herr und Herrscher über die Schöpfung erschaffen worden, der seine von Gott gegebene Gewalt zum Wohl der Schöpfung verwalten sollte. Wir sind ein gefallenes Geschlecht, werden aber, sofern wir uns Christus unterworfen haben, erhöht und mit größerer Gewalt und Ehre ausgestattet werden, als Adam sie je besaß: »Du...hast sie unserem Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden über die Erde herrschen.« (Off 5,10).

Hiobs gegenwärtiges Unglück - Kap. 30

  1. Der einst von allen Geachtete wird jetzt von den Verachtetsten geschmäht  30,1-8
  2. Der einst glücklich Gepriesene ist jetzt zum Spottlied geworden  30,9-15
  3. Der einst Gottes Wohlgefallen genoss, wird jetzt von Gott befeindet  30,16-23
  4. Sollte ein unverhofft und ohne Ursache Leidender nicht klagen dürfen?  30,24-31

Dieses Kapitel ist das Negativ des schönen Gemäldes vom vorherigen Kapitel. Dort hatte Hiob sein ehemaliges Glück geschildert; hier beschreibt er in nicht weniger ergreifenden Worten sein gegenwärtiges Unglück. Die Einteilung des Kapitels wird durch das dreimal verwendete Stichwort »Und jetzt« markiert (V. 1; V. 9; V. 16). Zuerst macht Hiob auf die Größe seines Unglücks aufmerksam, indem er zeigt, wer ihn jetzt schmäht: die Verworfensten unter den Menschen (Vv. 1-8); sodann macht er die Größe seines Unglücks bewusst, indem er zeigt, in welcher Weise sie ihn schmähen (Vv. 9-15). Drittens beschreibt er die Größe seines Unglücks, indem er zeigt, wie hoffnungslos seine Lage ist, da Gott selbst nicht hilft und sein Schreien nicht beantwortet (Vv. 16-23); und viertens lässt er uns die Größe seines Unglücks erkennen, indem er zeigt, dass es unerwartet und unverdient über ihn kam (Vv. 24-31). Das ganze Bild wird in der Wirkung erhöht dadurch, dass es neben das Bild seines ehemaligen Glücks gestellt ist. Der Kontrast ist überwältigend, und wir müssen einfach verstehen, dass Hiobs Seele überwältigt ist. Er wurde einst von den Besten geehrt, jetzt wird er von den Schlimmsten gehöhnt; einst pries man ihn glücklich, jetzt ist er zum Spottlied geworden; einst waltete das Vertrauen Gottes über seinem Zelt, jetzt ist er Gott zum Feind geworden; einst hoffte er auf ein langes und von Frieden gesättigtes Leben, und jetzt ist er in Finsternis gestürzt; einst hatte er den Armen befreit, jetzt wird er in den Staub getreten und kein Helfer ist da.

Kapitel 30

1. Der einst von allen Geachtete wird jetzt von den Verachtetsten geschmäht  30,1-8

1 Aber jetzt lachen über mich Jüngere als ich an Jahren, deren Väter ich verschmähte, den Hunden meiner Herde beizugesellen.

Früher hatten die Jüngeren sich verkrochen, sobald Hiob im Tor erschien, und jetzt lachen sie über ihn. Früher hatten die besten im Volk ihn glücklich gepriesen, und jetzt spotten die miesesten Charaktere über ihn. In typisch orientalischer Weise zeigt Hiob, was er von diesen Leuten hält: Sie sind so jämmerlich, dass er es früher verschmähte, ihre Väter unter seine Hirtenhunde zu zählen.

2. Der einst glücklich Gepriesene ist jetzt zum Spottlied geworden  30,9-15

9 Aber jetzt bin ich ihr Spottlied geworden, und ward ihnen zum Gerede. 
10 Sie verabscheuen mich, treten fern von mir weg, und sie verschonen mein Angesicht nicht mit Speichel. 
11 Denn er hat meinen Strick gelöst und mich gebeugt: so lassen sie vor mir den Zügel schießen.

Die Worte Hiobs erinnern an manche Psalmen (22; 69; 109), und das erinnert uns daran, dass noch nie jemand so ungerecht behandelt worden ist wie unser Herr. Wir verstehen, dass Hiob über seine Not klagte; was uns ganz unbegreiflich ist, ist unser Herr, der alles still litt, leidend nicht drohte, sondern sich dem übergab, der recht richtet (1Pet 2,23). Gott »hat meinen Strick gelöst«. Der Satz erinnert an 12,21. Als Hiob dort sagte, dass Gott den Gürtel der Starken schlaff macht, war das nicht eine bloße theologische und moralische Maxime, sondern er sprach aus eigener Erfahrung. Gott hatte ihm die Kraft genommen und damit die Fähigkeit, die er vorher gehabt hatte: sich und seine Sache in der Hand zu haben und sicher zu lenken. Es ist Gott, der das getan hat, ohne Hiobs Schuld, wie Hiob weiß (und auch wir wissen). Aber die Leute wissen es nicht, und darum höhnt ihn jetzt der Abschaum der Stadt. Das ist erschütternd.

3. Der einst Gottes Wohlgefallen genoss, wird jetzt von Gott befeindet  30,16-23

16 Aber jetzt ergießt sich in mir meine Seele; Tage des Elends haben mich ergriffen. 
19 Er hat mich in den Kot geworfen, und ich bin dem Staube und der Asche gleich geworden. 
20 Ich schreie zu dir, und du antwortest mir nicht; ich stehe da, und du starrst mich an. 
21 In einen Grausamen verwandelst du dich mir, mit der Stärke deiner Hand befeindest du mich.

Alles, was Hiob hier sagt, hat er bereits gesagt. Gott tauche ihn in den Kot; deshalb könne er noch so gerecht sein, er werde doch besudelt dastehen (Kap 9, besonders V. 31); er schreie, ohne dass Gott ihm antworte (19,7), und Er starre ihn an, als habe Er sich ihn zur Zielscheibe gesetzt (7,20), und Gott befeinde ihn (13,24; 16,9). Schließlich behauptet er: »Ich weiß, du willst mich in den Tod zurückführen...« (V. 23) Hier irrt Hiob, denn Gott sinnt die ganze Zeit darauf, ihm Leben und Herrlichkeit zu geben. An Hiob sehen wir immer wieder: Wenn wir nach dem Schein urteilen, irren wir. Nur wenn wir nach dem Glauben urteilen, urteilen wir recht.

22 Du hebst mich empor auf den Wind, du lässest mich dahinfahren und zerrinnen im Sturmgetöse.

Hiob stellt richtig fest: Gott ist es, der ihn im Wind dahinfahren lässt (siehe auch 9,17). Aber er zieht daraus noch immer nicht die richtige Schlussfolgerung. Er meint, dass könne nur bedeuten, dass Gott sein Feind sei, dass Gott etwas gegen ihn habe. Nachdem Elihu geredet hat, wird er plötzlich Gottes Stimme hören, und zwar »aus dem Sturm« (38,1). Der Sturm war Gottes Stimme; Gott hatte die ganze Zeit zu Hiob gesprochen; aber Hiob hatte es nicht gehört.

4. Sollte ein unverhofft und ohne Ursache Leidender nicht klagen dürfen?  30,24-31

24 Doch streckt man beim Sturz nicht die Hand aus, oder erhebt man bei seinem Untergang nicht darob ein Hilfsgeschrei?

Wenn man wie Hiob aus großer Höhe gestürzt ist, ist der Schmerz groß (siehe Einleitung), und dann ist es ganz natürlich, dass man »darob ein Hilfsgeschrei« erhebt.

25 Weinte ich denn nicht über den, der harte Tage hatte? War meine Seele nicht um den Dürftigen bekümmert?

Hiob lebte nach der apostolischen Forderung: »Weint mit den Weinenden« (Rö 12,15). Er gehörte nicht zu den Leuten, die nicht an die Not der Ärmeren denken, wenn es ihnen gut geht. Wir begreifen daher nur zu gut, dass Hiob maßlos enttäuscht ist, dass sich in seiner Not keiner findet, der mit ihm weint.

26 Denn ich erwartete Gutes, und es kam Böses; und ich harrte auf Licht, und es kam Finsternis.

vgl. 29,12. So sollte es den gottlosen aber selbstgerechten Juden später ergehen (Jes 59,9). Aber Hiob war keines von beiden. Darum verstehen wir:

27 Meine Eingeweide wallen und ruhen nicht; Tage des Elends sind mir entgegengetreten.
28 Trauernd gehe ich einher, ohne Sonne; ich stehe auf in der Versammlung und schreie.

Hiobs »Eingeweide wallen«, und er sieht kein Licht mehr: »ohne Sonne stehe ich auf«. Er versteht sein Ergehen nicht, und das erst macht sein Leiden bodenlos. Und erneut müssen wir an den Herrn denken: Er war vollkommen; Er war selbst das Licht. Und doch wurde Er in Finsternis gestürzt, und es war keiner da, der Ihn getröstet hätte (Ps 69,20), als Er Schlimmeres erlitt, als je ein Mensch erlitten hat. Was der Herr durchmachte, war so schlimm, dass niemand es sehen konnte. Es hätte es niemand begreifen, ja, ertragen können, als nur Gott. Er allein sah es; Er erkannte es. Aber er wandte sich vom Herrn ab:

»Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?«

Hiobs Unschuld - Kap. 31

  1. Hiobs persönliche Integrität  31,1-8
  2. Hiobs gerechter Umgang mit dem Nächsten  31,9-23
  3. Hiobs gottselige Beziehung zu Gott  31,24-34
  4. Hiob ruft ein letztes Mal Gott zum Zeugen an  31,35-40

Mit dieser Rede sind Hiobs Worte zu Ende (V. 40). In ihr beteuert er noch einmal seine Unschuld, und damit ist das Triptychon vollständig: Auf der linken Tafel ist sein verflossenes Glück gemalt, auf der mittleren seine gegenwärtige Not, auf der rechten seine Unschuld. Jede der Tafeln stellt die Wirklichkeit getreu dar. Wie soll da einer klug werden aus Gottes Wegen? Weil Gott Liebe ist, hatte Er Hiob gesegnet. Wie kann Er dann aber seinen Knecht leiden sehen? Und wenn Gott gerecht ist, warum straft Er einen Unschuldigen?

»Er legt jetzt mit Bedacht, in großer Ausführlichkeit und mit offenkundiger Sorgfalt den Eid auf seine Unschuld ab. Dies bildete seine endgültige und abschließende Antwort auf die Grundgedanken, welche die Urteile seiner Freunde begründet hatten. In jeder Rede hatten sie darauf bestanden, dass seine Plage die Folge von Sünde sein müsse. Er hatte darauf geantwortet, indem er darauf verwies, dass diese Philosophie sich anhand zahlreicher Beispiele des Lebens als falsch erweist, und dass sie deshalb auch in seinem Fall falsch sein müsse. Jetzt beteuert er in wohl abgewogenen Aussagen seine Unschuld in seinem persönlichen Leben, in seinem Umgang mit dem Nächsten und in seiner Beziehung zu Gott.« (G. C. Morgan)

Zunächst bekennt sich Hiob zu seiner allgemeinen Gottesfurcht. Er weiß, dass er nicht ungestraft nach einer Jungfrau blicken kann, dass Gott Verderben bereitet für den, der Frevel tut. Er weiß, dass Gott alle seine Wege sieht und sein Tun erwägt (Vv. 1-4). Darauf nennt er eine lange Reihe von Missetaten, die eine Strafe verdient hätten, von denen er aber keine begangen hat (Vv. 5-40): »Wenn ich mit Falschheit umgegangen bin...« (V. 5); »Wenn mein Herz zu einem Weibe verlockt worden ist...« (V.9); »Wenn ich das Recht meines Knechtes und meiner Magd missachtete...« (V.13); »Wenn ich den Armen ihr Begehr versagte...« (V.16); »Wenn ich das Gold zu meiner Zuversicht gemacht habe...« (V.24); »wenn ich die Sonne sah, wie sie glänzte...« (V. 26); »Wenn ich mich freute über das Unglück meines Hassers...« (V. 29); »Wenn mein Acker über mir schreit...« (V.38), dann würde jeder Hiobs Unglück verstehen. Nun aber ist er unschuldig und fordert kühn die Gerechtigkeit Gottes heraus: »Hier ist meine Unterschrift; der Allmächtige antworte mir!« (V. 35). Hiermit sind »die Worte Hiobs zu Ende« (V. 40). Er weiß nichts mehr zu sagen; er kann sein Ergehen nicht begründen; er erwartet von Gott Rechenschaft über Sein Tun. Wir wissen zwar, dass das verkehrt, ja, sogar Sünde ist. Können wir es Hiob aber ankreiden, dass er sich nicht stille fügt? Unser Mund, mit dem wir den leidenden Knecht des Herrn behende verurteilen, verurteilt uns selbst; denn: Sind wir frei von Hiobs Regungen? Mit dieser Rede sind nicht nur Hiobs Worte (V. 40), sondern auch die Worte seiner Freunde zu Ende. Hiob hat mit seiner letzten Rede ein jedes ihrer Argumente widerlegt. Sie wissen ihm nichts mehr zu antworten (32,1).

Kapitel 31

1. Hiobs persönliche Integrität  31,1-8

1 Ich habe mit meinen Augen einen Bund gemacht, und wie hätte ich auf eine Jungfrau geblickt!
2 Denn was wäre das Teil Gottes von oben gewesen, und das Erbe des Allmächtigen aus den Höhen?
3 Ist nicht Verderben für den Ungerechten, und Missgeschick für die, welche Frevel tun?

Hiob hat nicht das 7. Gebot gebrochen, und zwar nicht allein dem Buchstaben, sondern dem Geist nach (siehe Mt 5,27-28). Die V. 2 und 3 zeigen uns, dass es die Gottesfurcht war, die ihn lehrte, die Sünde zu hassen: »Die Furcht des HERRN ist: das Böse hassen« (Spr 8,13).

4 Sieht er nicht meine Wege und zählt alle meine Schritte?

Der Herr sieht auch im Verborgenen. Er weiß jeden Schritt, den ich gehe. Wer das glaubt, wird auch nicht im Verborgenen seinen geheimen Lüsten frönen. Der Herr kennt alle meine Wege, ja, Er zählt gar meine Schritte, alle meine Schritte. Während eines Leben läuft der Mensch ungefähr viermal um die Erde, das sind 160 000 Kilometer, oder 160 Millionen Meter, oder mindestens 300 Millionen Schritte. Kein einziger wird von Gott übersehen; keiner ist ihm verborgen. Das ist dem Glaubenden ein großer Trost. Als David von Feinden bedrängt und von Hassern gejagt wurde, wusste er: »Mein Umherirren zählst du« (Ps 56,8).

2. Hiobs gerechter Umgang mit dem Nächsten  31,9-23

9 Wenn mein Herz zu einem Weibe verlockt worden ist und ich an der Tür meines Nächsten gelauert habe: 
10 so möge mein Weib für einen anderen mahlen, und andere mögen sich über sie beugen! 
11 Denn das ist eine Schandtat, und das eine Missetat für die Richter. 
12 Denn ein Feuer ist es, das bis zum Abgrund frisst, und das meinen ganzen Ertrag entwurzeln würde.

In diesen Worten bestätigt Hiob einmal mehr seinen Glauben an das lex talionis, das Gesetz der gerechten Wiedervergeltung. Was der Mensch sät, das wird er ernten; was er Böses getan hat, muss und wird die diesem Bösen angemessene Vergeltung finden. Hat er das Weib seines Nächsten entehrt, dann soll ein Fremder sein Weib entehren.

13 Wenn ich das Recht meines Knechtes und meiner Magd missachtete, als sie mit mir stritten: 
14 was wollte ich dann tun, wenn Gott sich erhöbe; und wenn er untersuchte, was ihm erwidern? 
15 Hat nicht er, der mich im Mutterleibe bereitete, auch ihn bereitet, und hat nicht einer im Schoß uns gebildet?

Hiob hat »das Recht meines Knechtes und meiner Magd« deshalb nicht missachtet, weil er Gott fürchtete. Er glaubte an ein kommendes Gericht aller: »Was sollte ich dann tun, wenn Gott sich erhöbe?« Er hatte auch einen zweiten Grund, warum er seine Knechte und Mägde nicht bedrückte: »Hat nicht einer im Schoß uns gebildet?« Wir sind alle Gottes Geschöpfe; das lehrt uns, wenn wir es glauben, den andern zu lieben (siehe Mal 2,10).

23 Denn das Verderben Gottes war mir ein Schrecken, und vor seiner Erhabenheit vermochte ich nichts.

Nach Vv. 2-4, 11, 15 sagt Hiob ein viertes Mal sagt, dass es seine Furcht vor Gott war, die ihn hinderte, dem Nächsten Unrecht zu tun oder ihm seine Hilfe zu verweigern. Wir haben hier ein untrügliches Merkmal echter Frömmigkeit: Sie setzt alles Tun und Lassen direkt zu Gott in Beziehung, während falsche Frömmigkeit genau das nie tut, sondern alles nur tut, weil die Leute es sehen (V. 34; siehe Mt 6). Siehe unten auch V. 28.

3. Hiobs gottselige Beziehung zu Gott  31,24-34

Hiob hat nicht auf Gold vertraut (V. 24; siehe 1Tim 6,17); Hiob hat nicht der Schöpfung mehr Verehrung und Dienst dargebracht als dem Schöpfer (V. 26; siehe Röm 1,25); Hiob hat sich nicht das angemaßt, was Gottes Sache ist, nämlich gerechtes Gericht zu üben, und darum hat er das Unglück seines Hassers nie als eine persönliche Genugtuung angesehen (V. 30), und er hat seine Missetat nicht vor Gott zu verbergen gesucht (V. 33).

4. Hiob ruft ein letztes Mal Gott zum Zeugen an  31,35-40

35 O dass ich einen hätte, der auf mich hörte, - hier ist meine Unterschrift; der Allmächtige antworte mir! - und die Klageschrift, welche mein Gegner geschrieben!

Wer soll auf Hiob hören? Es bleibt nur einer, dem Hiob vertraut: »der Allmächtige«. Wie er in seinem zurückliegenden Leben alles vor Gott und mit Blick auf den Tag des kommenden Gerichts getan hatte, so tut er auch jetzt. Der Allmächtige soll zwischen ihm und seinen Klägern entscheiden. Gott wird es tun; er wird Hiob noch vor den Freunden rehabilitieren; aber zuerst wird er mit Hiob noch ein Wort reden müssen.

36 Würde ich sie nicht auf meiner Schulter tragen, sie mir umbinden als Krone? 
37 Ich würde ihm kundtun die Zahl meiner Schritte, würde ihm nahen wie ein Fürst. 
38 Wenn mein Acker über mich schreit, und seine Furchen allesamt weinen; 
39 wenn ich seinen Ertrag ohne Zahlung verzehrt habe, und die Seele seiner Besitzer aushauchen ließ: 
40 so mögen Dornen statt Weizen, und Unkraut statt Gerste hervorkommen! Die Worte Hiobs sind zu Ende.

Ja, »die Worte Hiobs sind zu Ende«. Er hat sich und seine Sache gut verteidigt. Hat er aber wirklich nichts mehr zu sagen? Sollten seine letzten Worte wirklich diese ausführlichen Beschreibungen seiner selbst sein? Das wäre bei aller Richtigkeit dieser Worte ein kümmerlicher Schluss. Armer Hiob, wäre es dabei geblieben, armer Hiob, wäre er von Gott nicht zu einem viel schöneren Ende gebracht worden, zu einem Ende, bei dem Hiob nicht mehr von seiner Integrität, überhaupt nicht mehr von sich selbst erfüllt war, sondern nur noch von Gott und von Gottes Güte. Das nämlich muss und das wird das Ende aller Heiligen Gottes sein. Sie werden das nie endende Lied der Anbetung des Lammes singen.


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