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Kommentar zu Hiob 38-41

von Benedikt Peters


IV. Gottes Reden - Kap. 38-41

Erst das Reden Gottes bringt Hiob in den Staub, dahin, wo er als Geschöpf hingehört. Hiob hatte sich auf Gott berufen, dass Er schiedsrichterlich entscheide (16,21) und ihm Recht verschaffe vor seinen Freunden, die ihm so unrecht taten; und er hatte Gott ganz zum Schluss aufgerufen, ihm zu antworten (31,35). Gott antwortet und greift nun wirklich als Schiedsrichter ein, indem er zuerst zu Hiob und dann zu seinen Freunden redet. Nur erscheint Gott dem Hiob nicht so, wie er es erwartet hätte; Er kommt nicht, um ihn stracks vor seinen Freunden zu rechtfertigen. Das wird Er zwar noch tun (42,7-8), aber zuerst muss Er zu Seinem Knecht reden und ihn seiner ungebührlichen Worte, die aus einer ungebührlichen Geisteshaltung flossen, überführen. Beachten wir, dass Gott an Hiob genau das gleiche tadelt wie Elihu: seine ungehörigen Worte (38,2). Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich Elihu mit Gottes Urteil im Einklang befand.

Gott redet so, dass Seine Majestät und die Nichtigkeit des Menschen kundwerden. Aber dabei redet er anders, als wir erwartet hätten und anders, als wir es uns wünschen würden. Seine Reden scheinen zunächst gar keine Antworten zu sein auf die durch Hiobs Not aufgeworfenen Fragen. Es fällt kein Wort der Erklärung, warum die Gottlosen oft erfolgreicher sind als die Gerechten, warum die Gerechten mit Drangsal heimgesucht werden, wo und wann alle ihren gerechten Lohn bekommen.

Das muss Hiob genügen; genügt es ihm nicht, hat er das einzige Licht verworfen, das ihm scheint. Ärgert er sich an seinem Schöpfer, ist er verloren (vgl. Mt 11,6). Der Glaube an den Schöpfer unterwirft uns Ihm; beugen wir uns nicht vor dem, der in der Schöpfung Seine Allmacht, Ewigkeit und Weisheit geoffenbart hat (Röm 1,19-20), werden wir verfinstern und am Ende so verfinstert sein, dass wir dem Geschöpf die Ehre geben, die allein dem Schöpfer zukommt (Röm 1,21-25). Mögen wir uns Gott nicht aus dem Grund anvertrauen, dass Er der Erste, der Ewige und der Unumschränkte ist, werden wir den nicht kennenlernen, der auch Licht und Liebe ist. Das verstehen wir aus Hebräer 11, wo der Glaube an den Schöpfer nicht zufällig am Anfang aller danach genannten Äußerungen des Glaubens steht (Vv. 1-3). Erst danach lesen wir vom Glauben an Erlösung (V. 4), Verherrlichung (V. 5) und Gericht (V. 7).

Die erste Rede Gottes umfasst die Kapitel 38 und 39. Kap 38,2-38 spricht von der unbelebten Schöpfung, Kap 38,39-39,30 von der belebten Schöpfung, der Tierwelt. In ersterer offenbart Gott Seine Allmacht, in Letzterer Seine Weisheit, in beiden Seine Fürsorge; denn alles, die belebte wie die unbelebte Schöpfung, ist dem Menschen zum Dienst gegeben. Darum hat Er dem Meer eine Schranke gesetzt, darum sendet er ihr Sein Licht und lässt aus Abend Morgen werden, darum lässt Er auf die Erde regnen, darum hat Er starke Tiere, Ochsen und Pferde, gebändigt und dem Menschen zu Dienern gemacht. Und so, wie Er für Löwe und Raben sorgt, sorgt Er erst recht für die Menschenkinder. Wir können diese Reden Gottes nicht lesen, ohne an die Rede erinnert zu werden, die der gleiche Gott hielt, als Er in Menschengestalt unter uns war, und uns aufforderte: »Seht die Vögel am Himmel, seht die Lilien auf dem Felde!« (Mt 5,25-32). In Seiner Allmacht und in Seiner Weisheit hat Gott alles erschaffen; in Seiner Liebe trägt Er die ganze Schöpfung zum Wohl des Menschen (Heb 1,2); zöge Er seine Hand von ihr ab, ginge sie unter (Hi 34,13-15; Ps 104,27-29).

Die zweite Rede Gottes umfasst die Kapitel 40-41. Darin spricht Er von Seiner Regierung über die Welt, in der Er das Böse in Schranken hält und von Zeit zu Zeit richtet und damit das tut, was der Mensch nicht vermag. So sehr der Mensch auf die Macht und die Weisheit eines treuen Schöpfers angewiesen ist, ist er auf die Macht und die Gnade eines starken Retters und Richters angewiesen. Ohne die erhaltende Macht eines freundlichen Schöpfers müsste er vergehen, ohne die rettende Gnade eines starken Retters müsste er vom Bösen verschlungen werden.

Gottes Reden lassen sich in folgende sieben Punkte unterteilen:

  1. Der Ewige redet zu Hiob »aus dem Sturm«  38,1; 40,1
  2. »Wer bist du?« und: »Wo warst du?«  38,2-7
  3. Hiob kann Gott »auf tausend nicht eins antworten« (9,3).  38,8-39,30
  4. Hiob legt die Hand auf den Mund: »Zu gering bin ich«  39,31-35
  5. »Vermagst Du den Gesetzlosen zu erniedrigen?«  40,1-9
  6. Der Behemoth  40,10-19
  7. Der Leviathan  40,20-41,25

Die erste Rede Gottes: Die Allmacht und Weisheit des Schöpfers - Kap 38-39

Kapitel 38

1. Der HERR redet zu Hiob »aus dem Sturm«  38,1; 40,1

1 Und der HERR antwortete Hiob aus dem Sturm und sprach:

Der Sturm, der Hiob erfasst und zu Boden geworfen hatte, war die ganze Zeit ein Reden Gottes an Hiob gewesen (1,9; 9,17; 21,18; 30,22). Der Sturm, den Gott sendet, macht den Gerechten als Gerechten offenbar. Während der Gottlose darin untergeht (Mt 7,26-27), erweist sich  darin der Gerechte als eine Pflanzung Gottes, die nicht ausgerissen werden kann (Spr 10,25).

2. »Wer bist du?« und: »Wo warst du?«  38,2-7

2 Wer ist es, der den Rat verdunkelt mit Worten ohne Erkenntnis?

»Wer ist es, der den Rat verdunkelt?«: Beachten wir zunächst: Der Herr bestätigt mit diesen Worten das Verdikt Elihus. Er hatte Hiob seiner verfehlten Worte wegen gerügt (34,35). Auch der Herr rügt Hiob, weil er »mit Worten ohne Erkenntnis« Gottes Rat verdunkelt.

Hier beginnt Gott all jene Fragen an Hiob zu stellen, die er nicht beantworten kann. Er ist sittlich weder berechtigt noch befähigt, vor Gott zu treten und seinen Mund aufzutun, sondern muss schweigend und mit wachsender Scham all diese Fragen hören, und er weiß auf Tausend nicht eins zu antworten (9,3).

Die erste Frage lautet: »Wer bist Du?«  Ja, wer sind wir, die wir vor Gott so Großes und so Weites, so Hohes und so Tiefes zu reden wagen, wie Hiob es getan hat? Was bilden wir uns eigentlich ein, wer wir sind? Die weiteren Fragen sorgen dafür, dass Hiob immer kleiner wird, dass ihm seine Anmaßung in immer grellerem Licht erscheint, bis er schließlich sich selbst verabscheut und sich in Sack und Asche vor Gott demütigt.

3 Gürte doch wie ein Mann deine Lenden; so will ich dich fragen, und du belehre mich!
4 Wo warst du, als ich die Erde gründete? Tue es kund, wenn du Einsicht besitzest!

»Wo warst du, als ich die Erde gründete?«: Die zweite Frage ruft Hiob ins Bewusstsein, dass er nichts wissen kann und daher nichts sagen sollte über die Urgründe, von denen nur der etwas zu sagen weiß, der diese Gründe gelegt hat. Keiner ist Zeuge der Schöpfung gewesen; darum kann er darüber nichts sagen, und sagt er doch etwas, wird er nur dummes Zeug reden. Wollte er etwas Weises sagen, müsste er wissen, wie alles erschaffen wurde, zu welchem Ende alles erschaffen wurde, welches der besondere Platz des Menschen in der Schöpfung ist, unter welche Bedingungen er gestellt wurde, wie das Böse in die Schöpfung eindrang und damit der Tod. Wie aber will er all das wissen, ohne dass Gott ihn darüber unterweist?

5 Wer hat ihre Maße bestimmt, wenn du es weißt? Oder wer hat über sie die Messschnur gezogen?

»Wer hat ihre Maße bestimmt«: Die dritte Frage stellt Hiobs Gewissen vor Gott. Er hat alle Maße bestimmt. Was wagt es dann aber ein Mensch wie Hiob, Gottes Messen und Zumessen zu beurteilen, ja, in Frage zu stellen?  Gott bestimmt das Maß unserer Tage, unseres Besitzes, unserer Gaben, unseres Leidens. Er gibt einer jeden Sache Platz und Dauer (Pred 3,1-8). Merken wir, wie verkehrt es ist, wenn wir Den messen wollen, der alles Maß und damit jeden Maßstab gesetzt hat? Es ist Wahnsinn.

6 In was wurden ihre Grundfesten eingesenkt?

»In was wurden ihre Grundfesten eingesenkt?«: Wie kann denn die materielle Welt überhaupt aus dem Nichts entstehen und wie, im Nichts hängend, Bestand haben? Er, der alle Dinge durch Seinen Befehl erschaffen hat, trägt auch alle Dinge durch die Macht dieses Seines Wortes (Heb 1,3). Dann ist aber niemand so zu fürchten wie Er.

7 Oder wer hat ihren Eckstein gelegt, als die Morgensterne miteinander jubelten und alle Söhne Gottes jauchzten?

»Wer hat ihren Eckstein gelegt?«: Ein zweites Mal fragt Gott: »Wer?« Es war nicht Hiob, es war sein Gott und Schöpfer, der den Eckstein gelegt und alles an diesem einen Eckstein ausgerichtet hatte. Er ist der Planer und Erbauer aller Dinge. Nach Seiner Weisheit hat Er alles geordnet. Sollten wir solcher Weisheit nicht vertrauen und uns damit dem »allein weisen Gott« (1Tim 1,17) anvertrauen?

»als die Morgensterne miteinander jubelten und alle Söhne Gottes jauchzten?«: Die Morgensterne sind die Söhne Gottes, wie der Parallelismus der beiden Versglieder deutlich zeigt; und die Söhne Gottes sind die Engel (siehe 1,6). Sie jauchzten über Gottes Macht und Weisheit, als sie sahen, wie er aus dem Nichts die Welten schuf. Wer Einsicht hat, betet an. Der Himmel jubelte, als die Welt geboren wurde. Ob Gott seinen Knecht hier an seine Worte erinnern wollte, die er in seiner Klage aussprach: »Kein Jubel soll in jener Nacht gehört werden, in der ich geboren wurde!« (3,7)?

3. Hiob kann Gott »auf tausend nicht eins antworten« (9,3)  38,8-39,30

8 Und wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es ausbrach, hervorkam aus dem Mutterschosse,
9 als ich Gewölk zu seinem Gewande und Wolkendunkel zu seiner Windel machte,
10 und ich ihm meine Grenze bestimmte und Riegel und Tore setzte,
11 und sprach: Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter, und hier sei eine Schranke gesetzt dem Trotze deiner Wellen? -

»Wer hat das Meer mit Toren verschlossen?«: Wer hat erstens so große Macht? Gott allein, mein lieber Hiob. Und wer trägt zweitens für Seine Geschöpfe solche Fürsorge, dass Er dem Meer einen Riegel schob, damit es die Erde und die Menschen darauf nicht überschwemmen kann? Gott, Dein Schöpfer und Erhalter, mein guter Hiob. Ist das denn nicht Beweis genug, dass Er nicht allein allmächtig, sondern auch gütig, gnädig und von unendlicher Liebe ist? So bete Ihn denn an! (Siehe auch Jer 5,22.)

36 Wer hat Weisheit in die Nieren gelegt, oder wer hat dem Geiste Verstand gegeben?

»Wer hat Weisheit in die Nieren gelegt...«: Du stehst da und betrachtest die Wunder der Schöpfung, du grübelst darüber, wie sie entstanden und was sie erhält. Das macht unter den Geschöpfen nur der Mensch. Wer hat ihm denn den Geist und damit Verstand gegeben, das zu tun? Wer gab Dir den Verstand, mit dem du Dir Deine Gedanken gegen Gott zurechtlegst, bevor sie über Deiner Zunge zu Worten gerinnen, die Du dann Gott wie Kirschkerne vor die Füße spuckst? Wie groß ist unsere Verkehrtheit! Wir könnten keinen einzigen Gedanken denken, kein Wort gegen Gott äußern, hätte Gott uns nicht Geist und Verstand und dazu eine Zunge gegeben!

37 Wer zählt die Wolken mit Weisheit, und des Himmels Schläuche, wer giesst sie aus,
38 wenn der Staub zu dichtem Guss zusammenfließt und die Schollen aneinander kleben?

a) gefährliche und unreine Tiere: Löwen und Raben

39 Erjagst du der Löwin den Raub, und stillst du die Gier der jungen Löwen,
40 wenn sie in den Höhlen kauern, im Dickicht auf der Lauer sitzen?
41 Wer bereitet dem Raben seine Speise, wenn seine Jungen zu Gott schreien, umherirren ohne Nahrung?

Wenn die jungen Raben um Futter schreien, beten sie eigentlich zum Schöpfer, der ihnen gibt, was sie brauchen. Er hat sie so geschaffen, und er lässt sie entsprechend rufen, und Er stillt ihren Hunger. Ist es mit uns Menschen nicht auch so? Er weiß, was wir brauchen, lange bevor wir zu Ihm rufen (Mt 5,8), und doch will Er, dass wir Ihn um unser tägliches Brot bitten, auch um Höheres, wie die Vergebung der Schuld und die Bewahrung vor dem Bösen (Mt 5,11-13).

Kapitel 39

b) Unbegreifliche und wilde Tiere: Steinbock und Wildesel

1 weißt du die Gebärzeit der Steinböcke? Beobachtest du das Kreißen der Hindinnen?
2 Zählst du die Monde, die sie erfüllen, und weißt du die Zeit ihres Gebärens?
3 Sie krümmen sich, lassen ihre Jungen durchbrechen, entledigen sich ihrer Wehen.
4 Ihre Kinder werden stark, wachsen auf im Freien; sie gehen aus und kehren nicht zu ihnen zurück.
5 Wer hat den Wildesel frei entsandt, und wer gelöst die Bande des Wildlings,

»Wer hat den Wildesel frei entsandt?« Diese Frage ist leicht zu beantworten. Hiob weiß, wer ihn so geschaffen hat. Aber er hat wahrscheinlich nie darüber nachgedacht, warum Gott das getan hat. Diese Frage ist schwer zu beantworten. Warum macht Gott einen Unterschied zwischen dem Esel und dem Wildesel? Beide sind sich so gleich, beide wären gleich nützlich für die Arbeit, beide wären gleich tauglich für das freie Leben. Den einen bindet er an den Menschen und sein Haus, den andern entlässt er frei in die Steppe. (Der Wildesel steht für den Sünder, den Gott seinem angeborenen Trieb zur Sünde überlässt: 1Mo 15,12; Hi 24,5; Hos 8,9.) Wir wissen nicht warum, wir müssen aber anerkennen, dass Gott diesen Unterschied gemacht hat nach Seinem Wohlgefallen und dem Menschen zum Nutzen. Lehrt uns denn hier nicht die Natur (vgl. 1Kor 11,14)? Will sie uns nicht lehren, uns als Christenmenschen zu fragen: »Wer unterscheidet dich? Was hast du, das du nicht empfangen hast« (1Kor 4,7)? Den einen belässt Gott und lässt ihn seinen Gelüsten zur Sünde und zum Verderben folgen, den anderen bindet Er an Sein Wohlgefallen und damit an Sein Haus.

6 zu dessen Hause ich die Steppe gemacht, und zu seinen Wohnungen das Salzland?
7 Er lacht des Getümmels der Stadt, das Geschrei des Treibers hört er nicht.
8 Was er auf den Bergen erspäht, ist seine Weide, und allem Grünen spürt er nach.

c) Ungebändigte und unverständige Tiere: Wildochs und Strauß

Der Wildochs ist so stark, dass wir ihn am liebsten vor unseren Pflug spannen würden. Warum lässt er sich aber nicht einspannen? Andere und sogar größere Tiere machen das, sogar Monster wie der Elefant. Warum bringen wir aber dieses Vieh nicht dazu? Will uns die Natur hier nicht lehren, dass wir in allem auf Gottes Hand angewiesen sind, die alles lenkt und alles austeilt und zuteilt nach Seinem Wohlgefallen zu unserem Wohl? Bändigt Er ein Tier, ist es gebändigt; bändigt Er ein Tier nicht, lässt es sich nicht bändigen. Sehen wir an dieser Sache nicht, wie abhängig wir sind?

17 Denn Gott ließ sie der Weisheit vergessen, und keinen Verstand teilte er ihr zu.

Gott teilte der Straußin »keinen Verstand« zu. Darum handelt sie so sonderbar. Gott teilte dem Habicht Verstand zu (V. 29), darum verhält sich dieser so bewunderungswürdig. Hören wir die Stimme des Schöpfers in Seiner Schöpfung? Gibt Er uns nicht Weisheit, bleiben wir Toren und gehen unter in unserer Torheit. In Seiner Hand ist Weisheit, und Er gibt sie dem, der Ihn darum bittet (Jk 1,5). Er hat auch die Macht, dem Hochmütigen den Verstand zu nehmen und Kluge zu Narren zu machen (Hi 12,17-20).

18 Zur Zeit, wenn sie sich in die Höhe peitscht, lacht sie des Rosses und seines Reiters.

d) Ein furchtloses und starkes, aber gebändigtes Tier: das Ross

Was für ein Tier! Furchtloser als der Wildesel, so stark wie der Wildochs, und doch gehorcht es dem Menschen! Wer sorgt dafür, dass dieses Tier, das nicht einmal die Waffen fürchtet, seinen Meister fürchtet und ihm auf den Wink gehorcht?

e) Unerreichbare und verständige Tiere: Habicht und Adler

26 Schwingt sich der Habicht durch deinen Verstand empor, breitet seine Flügel aus gegen Süden?
27 Oder erhebt sich auf deinen Befehl der Adler, und baut in der Höhe sein Nest?
28 In den Felsen wohnt und verweilt er, auf Felsenzacken und den Spitzen der Berge.
29 Von dort aus erspäht er Nahrung, in die Ferne blicken seine Augen.
30 Und seine Jungen schlürfen Blut, und wo Erschlagene sind, da ist er.

Der Habicht hat »Verstand«, der ihn aufsteigen und seine Flügel ausspannen lässt. Wer  hat ihm solchen Verstand gegeben? Nicht Hiob. Und wer legte es fest, dass der Habicht Verstand haben sollte, während er dem Strauß fehlten muss? Der Stauß legt die Eier in den Sand, wo jeder sie zertreten kann; der Adler hingegen baut »in der Höhe sein Nest« so, dass keiner es erreichen kann. Und während die Straußin ihre Kinder hart behandelt, als gehörten sie ihr nicht, ist der Adler sehr fürsorglich (siehe 5Mo 32,11): Von fern erblickt er die Nahrung und bringt sie seinen Jungen. Zu welchem Zweck machte der Schöpfer solche Unterschiede? Wir haben keine Antwort darauf. Wir wissen so wenig.

4. Hiob legt die Hand auf den Mund: »Zu gering bin ich«  39,31-35

33 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach:

»Und Hiob antwortete«: Hiob hatte vorher auf keine der Fragen antworten können; er begriff, dass er es nicht vermochte, und er begriff, dass er auch kein Recht hatte, was er nicht verstand, zu beurteilen. So war er sittlich nicht fähig, auf Gottes Fragen zu entgegnen. Hier aber befiehlt ihm Gott, zu antworten, und darum kann er es. Gottes Befehl ist dann wirksam, wenn Er mit entsprechender Absicht zum Menschen redet.

34 Siehe, zu gering bin ich, was soll ich dir erwidern? Ich lege meine Hand auf meinen Mund.
35 Einmal habe ich geredet, und ich will nicht mehr antworten, und zweimal, und ich will es nicht mehr tun.

»Zu gering bin ich«: Das ist ein großes Bekenntnis, Zeugnis einer großen, einer weisen und einer notwendigen Einsicht. Gott hat zu Hiob geredet, und Hiob hat genau das begriffen, was er daraus begreifen musste: Gott ist groß, und er ist gering. Er ist ein Hauch vor dem Ewigen, ein Schatten, ein Nichts. Er antwortet wie Erzvater Jakob wenige Stunden vor seiner entscheidenden Nacht am Jabbok: »Ich bin zu gering all der Gütigkeiten und all der Treue, die du deinem Knechte erwiesen hast« (1Mo 32,10). Damit hatte Gott auch den Jakob dort, wo Jakob sein musste, sollte er gesegnet werden.

Die zweite Rede Gottes: Die Macht und Gerechtigkeit Seiner Regierung - Kap. 40-41

Die zweite Rede des Herrn an Hiob (40,1-3) beginnt wie die erste. In 40,4-9 spricht Gott von Seiner Macht, Sünder und Sünde niederzuwerfen; von 40,10 bis 41,25 haben wir zwei Illustrationen dieser göttlichen Macht anhand von zwei aus der Schöpfung genommenen Analogien: Der Behemot (40,10-19) und der Leviathan (40,20-41,25). Der Mensch ist gegenüber beiden genau so machtlos wie gegenüber der in ihm wohnenden Sünde und dem Urheber der Sünde; Gott allein wird mit beiden fertig.

In der ersten Rede zeigt Gott, wie wir auf die Macht und Weisheit eines treuen Schöpfers angewiesen sind (Kap. 38-39); in der zweiten Rede zeigt er uns, wie wir auf die Macht und Gnade eines starken Retters angewiesen sind (Kap. 40-41).

Ohne die erhaltende Macht eines freundlichen Schöpfers müssten wir umkommen; ohne die rettende Macht eines starken Retters müssten wir vom Bösen verschlungen werden.

Kapitel 40

5. »Vermagst Du den Gesetzlosen zu erniedrigen?«  40,1-9

6 (40,1) Und der HERR antwortete Hiob aus dem Sturm und sprach:
7 (40,2) Gürte doch wie ein Mann deine Lenden; ich will dich fragen, und du belehre mich!
8 (40,3) Willst du gar mein Recht zunichte machen, mich verdammen, damit du gerecht seiest?

»Willst du gar mein Recht zunichte machen?«:  Eben das hatte Hiob getan. Er hatte Gottes gerechte Regierung in einer Welt des Bösen in Frage gestellt und damit Gott angeklagt. Mit den nachfolgenden Fragen lädt Gott Hiob ein, einmal das zu tun, was er meint, besser tun zu können als Gott. Er soll doch einmal die Gottlosen schrecken und die Hoffärtigen erniedrigen. Es sind erneut ironische Fragen und Aufforderungen, die Hiob vor Augen stellen, wie unfähig und wie unwissend er ist und wie ungehörig er geredet hatte, als er Gottes Regierungswege kritisierte.

9 (40,4) Oder hast du einen Arm wie Gott, und kannst du donnern mit einer Stimme wie er?
10 (40,5) Schmücke dich doch mit Erhabenheit und Hoheit, und kleide dich in Pracht und Majestät!
11 (40,6) Giesse aus die Ausbrüche deines Zornes, und sieh an alles Hoffärtige und erniedrige es!
12 (40,7) Sieh an alles Hoffärtige, beuge es, und reisse nieder die Gesetzlosen auf ihrer Stelle!
13 (40,8) Verbirg sie allesamt in den Staub, schließe ihre Angesichter in Verborgenheit ein!
14 (40,9) Dann werde auch ich dich preisen, dass deine Rechte dir Hilfe schafft.

6. Der Behemoth  40,10-19

(Wir sind machtlos gegen den Urheber der Sünde.)

Es werden im folgenden zwei Geschöpfe Gottes beschrieben, die beide den Satan verkörpern, ersteres als den Urheber der Sünde, letzteres als den Verderber. An diesen beiden demonstriert Gott, was Er mit den vorher gesprochenen Worten gesagt hatte. Der Mensch vermag dem Bösen weder zu wehren noch es zu richten, genau so wenig wie er mit den beiden nachstehend geschilderten Monstern fertig wird. Er kann sie weder zügeln (40,19-21) noch bändigen (Vv. 22,23) noch sich vernichten (Vv. 26,27; 41,17-20).

Die bestimmenden Merkmale des Behemoth sind seine Stärke und seine Unerschütterlichkeit. Genau so unberührt bleibt der Böse von allen Versuchen, ihn und damit seine Macht über den Menschen abzuschütteln. Die beherrschenden Merkmale des Leviathan sind seine zerstörerische Macht und der von ihm ausgehende Schrecken - seine Zähne und sein Rachen -, gegen die der Mensch völlig machtlos ist.

15 (40,10) Sieh doch den Behemoth, den ich mit dir gemacht habe; er frisst Gras wie das Rind.
16 (40,11) Sieh doch, seine Kraft ist in seinen Lenden, und seine Stärke in den Muskeln seines Bauches.
17 (40,12) Er biegt seinen Schwanz gleich einer Zeder, die Sehnen seiner Schenkel sind verflochten.
18 (40,13) Seine Knochen sind Röhren von Erz, seine Gebeine gleich Barren von Eisen.
19 (40,14) Er ist der Erstling der Wege Gottes; der ihn gemacht, hat ihm sein Schwert beschafft.
20 (40,15) Denn die Berge tragen ihm Futter, und daselbst spielt alles Getier des Feldes.
21 (40,16) Unter Lotosbüschen legt er sich nieder, im Versteck von Rohr und Sumpf;
22 (40,17) Lotosbüsche bedecken ihn mit ihrem Schatten, es umgeben ihn die Weiden des Baches.
23 (40,18) Siehe, der Strom schwillt mächtig an - er flieht nicht ängstlich davon; er bleibt wohlgemut, wenn ein Jordan gegen sein Maul hervorbricht.

Der Strom schwillt an, aber der Behemoth flieht nicht ängstlich vor ihm (siehe 41,19), während die Menschen von ihm dahingerafft werden (Hi 22,15-16). Die Sintflut hat die Sünder dahingerafft, aber der Urheber der Sünde ist dabei wohlgemut geblieben. Welches Gericht wird ihn denn erniedrigen können? (vgl. die Vv. 4-9). Wer wird denn mächtig genug sein, diesen Bösen aus der Schöpfung zu verbannen? Sind wir Menschen aber vor dem Urheber der Sünde so machtlos, wie viel Ursache haben wir dann, uns freudig dem zu ergeben, der die Macht hat, ihn zu vernichten, ja, der ihn vernichtet hat.

»Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise an ihnen teilgenommen, damit er durch den Tod den zunichte machte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren« (Heb 2,14-15).

24 (40,19) Fängt man ihn wohl vor seinen Augen, durchbohrt man ihm die Nase mit einem Fangseile?

7. Der Leviathan (Ps 74,14; Jes 27,1)  40,20-41,25

Die Merkmale des Leviathan sind: Wendigkeit und Schnelligkeit, seine verderbenbringenden Zähne, sein steinhartes Herz, sein undurchdringlicher Panzer und schließlich die Furcht, die er einflößt - alles Dinge, die den Teufel als den Drachen und Verderber kennzeichnen.

a) Wir können den Leviathan nicht bändigen  40,20-24

1 (40,20) Ziehst du den Leviathan herbei mit der Angel, und senkst du seine Zunge in die Angelschnur?
2 (40,21) Kannst du einen Binsenstrick durch seine Nase ziehen, und seinen Kinnbacken mit einem Ringe durchbohren?
3 (40,22) Wird er viel Flehens an dich richten, oder dir sanfte Worte geben?
4 (40,23) Wird er einen Bund mit dir machen, dass du ihn zum ewigen Knechte nehmest?
5 (40,24) Wirst du mit ihm spielen wie mit einem Vogel, und ihn anbinden für deine Mädchen?

b) Wir können den Leviathan nicht töten  40,25-41,1

6 (40,25) Werden die Fischer-Genossen ihn verhandeln, ihn verteilen unter Kaufleute?
7 (40,26) Kannst du seine Haut mit Spiessen füllen, und seinen Kopf mit Fischharpunen?
8 (40,27) Lege deine Hand an ihn - gedenke des Kampfes, tue es nicht wieder!

Legt der Mensch seine Hand an den Leviathan, hat er es zum letzten Mal getan. Er kann gegen ihn nicht das Geringste ausrichten. Gott aber durchbohrt mit Seiner Hand dieses Monster (25,13).

Kapitel 41

c) Wir können Gottes Hilfe gegen den Leviathan nicht einfordern  41,1-2

9  (41,1) Siehe, eines jeden Hoffnung wird betrogen: wird man nicht schon bei seinem Anblick niedergeworfen?
10 (41,1) Niemand ist so kühn, daß er ihn aufreize. Und wer ist es, der sich vor mein Angesicht stellen dürfte?

Diese Sätze scheinen ganz und gar nicht in den Zusammenhang zu gehören. Vorher und nachher ist von dem Leviathan die Rede, und mitten in der Schilderung seiner furchtbaren Stärke stehen diese Worte. Sie bilden aber nur scheinbar einen Fremdkörper, denn sie passen aufs vollkommenste in den Zusammenhang:

Gott hat von der Macht des Leviathan und von der Hilflosigkeit des Menschen gesprochen. Er hat eben gesagt: »Eine jedes Hoffnung wird betrogen...«. Da bleibt dem Menschen nur eine Hoffnung: Gott. Aber »wer ist es, der sich vor mein Angesicht stellen dürfte?«  Haben wir denn ein Recht darauf, in Gottes Gegenwart zu treten, wir, die wir selbstgewählt uns aus Seiner  Gegenwart davongemacht haben? Haben wir ein Recht, von Gott zu verlangen, dass Gott uns aus der Macht dieses furchtbaren Geschöpfes hilft?

 »Wer hat mir zuvor gegeben? Und ich werde ihm vergelten.«  Haben wir Gott etwas gegeben, das uns ein Anrecht auf Seine Hilfe gibt? Gott hat alles, die Welt und was in ihr ist, erschaffen, ohne, dass wir etwas dazu beigetragen hätten. Zudem haben wir Gott verweigert, was wir als Seine Geschöpfe Ihm schuldeten. Wir können uns darum nur vor Gott beugen und uns Seinem souveränen Wohlgefallen anheimstellen. Gibt Er uns der Macht des Leviathan dahin, dann müssen wir seine Gerechtigkeit preisen. Denn wer hat uns der Macht des Leviathan ausgeliefert? Etwa Gott? Nein, wir selbst. Rettet Er uns aus der Macht des Leviathan, dann können wir nur Seine unbegreifliche Gnade rühmen. Dann können wir uns nur unter Seinen Thron demütigen und bekennen, dass Er uns nach Seinem Wohlgefallen erschaffen (Off 4,11) und nach Seinem Wohlgefallen uns Gefallene erlöst hat (Eph 1,11; Jk 1,18): »Ihm sei die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit!«

d) Der Leviathan ist unverwundbar und unbesiegbar  41,3-25

12 (41,3) Nicht schweigen will ich von seinen Gliedern und von seiner Kraftfülle und von der Schönheit seines Baues.

»von der Schönheit seines Baues«: In Hesekiel 28,17 vernehmen wir etwas von der Schönheit Luzifers, bevor er fiel. Als Gottes Geschöpf hat er noch immer Schönheit, als einer der Engel besitzt Er noch deren Natur, auch wenn sein Charakter böse geworden ist.

13 (41,4) Wer deckte die Oberfläche seines Gewandes auf? In sein Doppelgebiss, wer dringt da hinein?
14 (41,5) Wer tat die Pforte seines Angesichts auf? Der Kreis seiner Zähne ist ein Schrecken.
15 (41,6) Ein Stolz sind seine starken Schilder, jedes einzelne verschlossen mit festem Siegel.
16 (41,7) Eines fügt sich ans andere, und keine Luft dringt dazwischen;
17 (41,8) Stück an Stück hangen sie fest zusammen, greifen ineinander und trennen sich nicht.
18 (41,9) Sein Niesen strahlt Licht aus, und seine Augen sind gleich den Wimpern der Morgenröte.
20 (41,11) Aus seinen Nüstern fährt Rauch, wie aus einem siedenden Topfe und Kessel.
21 (41,12) Sein Hauch entzündet Kohlen, und eine Flamme fährt aus seinem Rachen.
22 (41,13) In seinem Halse wohnt Stärke, und die Angst hüpft vor ihm her.

»Die Angst hüpft vor ihm her«: Satan hält die Menschen durch Todesfurcht in Knechtschaft (Heb 2,14); er, der die Macht des Todes hat, heißt in Hi 18,14 deshalb »der König der Schrecken«.

23 (41,14) Die Wampen seines Fleisches schließen an, sind ihm fest angegossen, unbeweglich.
24 (41,15) Sein Herz ist hart wie Stein, und hart wie ein unterer Mühlstein.
25 (41,16) Vor seinem Erheben fürchten sich Starke, vor Verzagtheit geraten sie ausser sich.
26 (41,17) Trifft man ihn mit dem Schwerte, es hält nicht stand, noch Speer, noch Wurfspieß, noch Harpune.
27 (41,18) Das Eisen achtet er für Stroh, das Erz für faules Holz.
28 (41,19) Der Pfeil jagt ihn nicht in die Flucht, Schleudersteine verwandeln sich ihm in Stoppeln.

Der Pfeil jagt ihn so wenig in die Flucht, wie eine Sturzflut den Behemoth (40,18).

29 (41,20) Wie Stoppeln gilt ihm die Keule, und er verlacht das Sausen des Wurfspießes.
30 (41,21) Unter ihm sind scharfe Scherben; einen Dreschschlitten breitet er hin auf den Schlamm.
31 (41,22) Er macht die Tiefe sieden wie einen Topf, macht das Meer wie einen Salbenkessel.
32 (41,23) Hinter ihm leuchtet der Pfad, man könnte die Tiefe für graues Haar halten.
33 (41,24) Auf Erden ist keiner ihm gleich, der geschaffen ist ohne Furcht.
34 (41,25) Alles Hohe sieht er an; er ist König über alle wilden Tiere.

Hier wird der Leviathan »König über alle wilden Tiere« genannt. In 18,14 lesen wir vom »König der Schrecken«, und in Off 9,11 ist von einem »König, dem Engel des Abgrundes« die Rede. Jedesmal ist mit dem König der Satan gemeint.


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