Gedanken zum Buch Hiob

Inhalt

1. Einleitung
2. Die Souveränität Gottes 2.1. Zusammenfassung
2.2. Souveränität und Gerechtigkeit
2.3. Die Rolle des Bösen in der Weltgeschichte
3. Hiob und Gott 3.1. Hiobs Gerechtigkeit
3.2. Hiobs Leiden
3.3. Hiobs Zweifel an Gottes Gerechtigkeit
3.4. Hiobs Sehnsucht nach Gott
3.5. Die Antwort Gottes
3.6. Das Ende des Herrn
4. Hiob und seine Freunde 4.1. Die Haltung der Freunde
4.2. Hiobs Reaktion auf die Freunde
4.3. Die Versöhnung
5. Elihu
6. Christus im Buch Hiob 6.1. Die Hoffnung auf einen göttlichen Beistand
6.2. Hiobs Leiden im Vergleich zu Christi Leiden
7. Zitate

1. Einleitung

Die folgenden Ausführungen sind nicht als Abhandlung des Buches Hiob zu verstehen, nicht einmal als Abhandlung der wichtigsten Themen, sondern einfach als Gedanken zu einzelnen Aspekten des Buches Hiob, die als Vertiefung bzw. Ergänzung zum systematischen Überblick für die Evangeliums-Zentrum Bibelschule ausgearbeitet wurden. Alle folgenden Zitate von Benedikt Peters sind aus seinem Kommentar zum Buch Hiob

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2. Die Souveränität Gottes

2.1. Zusammenfassung

Im Buch Hiob wird die Souveränität Gottes über seine Schöpfung ganz besonders deutlich. Das beginnt in der Einleitung, wo ganz klar gezeigt wird, wer letztlich die Kontrolle über jeden einzelnen Menschen und über die ganze Welt hat: Es ist Gott. Satan darf nichts tun, was Gott ihm nicht gestattet. Und Gott gestattet ihm nichts, was nicht letztlich zur Verherrlichung Gottes dient. Goethe hat nicht ganz Unrecht, wenn er Mephisto in Faust sagen lässt:

Ich bin der Geist, der stets verneint! Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Das Thema der Souveränität Gottes setzt sich dann fort in den Reden Hiobs, in den Reden der Freunde und Elihus und ganz besonders in den Reden Gottes.

Man könnte die Handlung des Buches so zusammenfassen: 

Gott gestattet Satan, Hiob alles bis auf sein Leben zu nehmen, und nun beginnt ein moralischer Kampf auf der Bühne der Weltgeschichte: Wird Hiob sich von Gott lossagen (was ihm sogar seine eigene Frau empfiehlt), nachdem ihm alles bis auf sein Leben - Besitz, Kinder, Ansehen, Gesundheit - geraubt wurden? Obwohl Hiob mit Gott hadert, hält er doch an ihm als seiner einzigen Hoffnung fest. Am Ende der Geschichte hat Hiob viel dazu gelernt, Gott gibt ihm alles, was er vorher hatte, doppelt zurück. Die Rechnung Satans geht nicht auf. Sein böse gemeinter Anschlag auf Hiob dient letztlich dem Plan Gottes, Hiob zu segnen und zu zeigen, dass es echte Gottes-Leute gibt, die - wenn auch mit Schwachheit behaftet - Gott nicht aus Berechnung sondern von Herzen fürchten und lieben.

Was wir am Beispiel Hiobs sehen, vollzieht sich auch, wenn man das große Bild der Weltgeschichte betrachtet: Satan meint es böse, möchte Gott ins Handwerk pfuschen, möchte seinen Plan verderben, und zu diesem Zweck spannt er auch die von ihm verführten Menschen ein. Doch Gott wird alles zu seinem Ziel bringen, nichts und niemand kann ihn davon abhalten, aber alle, die gegen ihn kämpfen - ob bewusst oder unbewusst - tragen die Verantwortung und die Konsequenzen dafür, sie werden keine Ausrede vor dem gerechten Weltenrichter haben. Andererseits werden alle reichlich belohnt, die sich unter die mächtige Hand Gottes unterordnen und Gottes Mitarbeiter werden wollen. Doch der Ruhm dafür gebührt Gott, weil seine Gnade es gewirkt hat.

2.2. Souveränität und Gerechtigkeit

Hier sind einige Beispiele aus Hiobs Reden: Hi 9; 12,9-10; 12,13-25; 23,13; 42,2
Man muss dazu sagen, dass er die Souveränität Gottes an manchen Stellen in ein schiefes Licht rückt, nämlich so, als ob Gott willkürlich ungerecht handelte (z.B. Kapitel 9). Benedikt Peters merkt zu Kap. 9 an:

In den Reden Hiobs und in den Reden seiner Freunde zeigen sich diese beiden Grundirrtümer, in die menschliches Urteilen angesichts der Souveränität Gottes immer wieder verfällt: Es wird Gott von den einen nicht zugestanden, dass Er nach Seinem Urteil und nach Seiner Weisheit und Seinem Willen zuteilen dürfe; und von den andern wiederum wird Gott unterstellt, Er beuge in Seiner Unumschränktheit dem wehrlosen Menschen das Recht. Dem natürlichen Verstand ist die Souveränität Gottes unfasslich und anstößig, weshalb er sie entweder abschwächt oder überhöht. Im ersten Fall erscheint der Mensch groß und Gott klein, im zweiten der Mensch gut und Gott böse. Gottes Souveränität richtig verstanden, lässt uns Gott als groß und den Menschen als klein, Gott als gerecht und den Menschen als böse erkennen (vgl. 23,13-14).

Und zu Kap. 9,21-23:

Das ist nun die Sprache dessen, der Gottes Souveränität so übersteigert, dass sie alle anderen Eigenschaften Gottes verschlingt. Gott ist nicht ausschließlich souverän; Er ist auch Licht und Liebe. Hier hat Hiob das aus den Augen verloren, und entsprechend wird er in seinem Fatalismus hemmungslos: »Vollkommen bin ich«, aber ich kann tun, was ich will, »es ist eins!« Der Trotz ist unüberhörbar, mit dem Hiob Gott diese Worte vor die Füße wirft.

2.3. Die Rolle des Bösen in der Weltgeschichte

Zur Frage, wozu das Wirken des Bösen dient, schreibt Peters:

Gott versteht es in Seiner Weisheit, in Seiner Allmacht und in Seiner Liebe den Bösen und das Böse für Seine Ziele einzusetzen. Er verwendet den Teufel als Zuchtrute in Seiner Hand. Die Reformatoren nannten ihn deshalb »das Werkzeug des Zornes Gottes«. Und Er verwendet den Teufel dazu, Seine Absichten des Segens und Heils voranzutreiben. Bei allen bösen Plänen und allem bösen Tun hat der Widersacher anderes im Sinn als Gott. Er will nur verderben, aber das Ergebnis ist ein anderes. Wir haben zahlreiche Beispiele dafür in der Bibel:

...

Die Hiob sein Gut rauben, sind die Sabäer und Chaldäer; dennoch sagt Hiob, Gott habe ihm sein Gut genommen (V.21). Wie ist dieser scheinbare Widerspruch zu verstehen? Die Menschen hätte Hiob nichts rauben können, hätte Gott es ihnen verwehrt. Nun Er ihnen aber in dieser Sache freie Hand gewährte, folgten sie sofort ihrer sündigen Lust auf Besitz und stahlen ihrem Nachbarn, was ihnen nicht gehörte. Sie taten damit Böses, das Gott ihnen als Schuld anrechnet und wofür Er sie richten wird. Das Böse ist immer des Menschen, nie Gottes. Gott treibt niemanden an, Böses zu tun, vielmehr tut der Sünder Böses, wo immer sich Gelegenheit und Freiraum dazu bieten. Hielte Gott ihn nicht zurück, täte er viel mehr Böses. Das können wir ganz deutlich am Urheber des Bösen ablesen: Er lässt erst dann von seinem bösen Treiben, wenn Gott ihn einsperrt (Off 20,1-3), und er nützt den Freiraum, Böses zu tun, sofort aus, sobald er aus seinem Gefängnis losgelassen wird (Off 20,7). Wie der Teufel, so handelt auch der Sünder. Er tut immer nach den Begierden seines Vaters, des Teufels (Joh 8,44). In Spr 21,1 sagt uns Salomo, dass Gott die Herzen der Könige wie Wasserrinnen lenkt. Wie lenkt der orientalische Bauer das Wasser? Indem er Deiche öffnet und schließt. Das Wasser läuft immer von selbst zum tiefsten Punkt hin. Soll es nicht weiter abwärts fließen, muss der Bauer es daran hindern. Soll es weiter fließen, nimmt er das Hindernis weg. Ebenso lenkt Gott das Herz des Sünders. Er strebt immer zum Bösen; seine Natur sucht von selbst den sittlich tiefsten Punkt. Nun hindert Gott uns in Seiner Vorsehung daran, all das Böse zu tun, was in unserem Herzen haust (Mk 7,20-23). Soll nun ein Mensch nach Gottes Willen etwas Böses tun, dann lockert Gott lediglich die Fessel, die ihn bis dahin hinderte, nach der Lust seines Herzens zu handeln. Er muss nie gedrängt werden, das Böse zu tun. Er tut es mit Willen und mit Lust. Darum ist er, obwohl er dabei ein Werkzeug in Gottes Hand sein mag, für sein sündiges Tun immer schuldig.

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3. Hiob und Gott

3.1. Hiobs Gerechtigkeit

Hi 1,1 Es war ein Mann im Lande Uz, sein Name war Hiob. Und dieser Mann war rechtschaffen und redlich und gottesfürchtig und mied das Böse.

Hi 1,8 Und der HERR sprach zum Satan: Hast du acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es gibt keinen wie ihn auf Erden - ein Mann, so rechtschaffen und redlich, der Gott fürchtet und das Böse meidet!

Das ist ein erstaunliches Urteil Gottes über einen Menschen. Es scheint nicht zum allgemeinen Menschenbild der Bibel zu passen, nämlich, dass da kein Gerechter ist (Röm 3,9-12). Ich sehe vor allem zwei Gründe, wie es möglich ist, dass Hiob keinen Tadel von Gott bekommt:

  1. Das mosaische Gesetz war noch nicht geoffenbart . Die Menschen zur Zeit der Patriarchen hatten in ihrem Gewissen eine beschränkte Erkenntnis Gottes und seiner moralischen Maßstäbe, aber durch das Gesetz mit all seinen Speise-, Reinigungsvorschriften und Opfern kam eine viel deutlichere Erkenntnis der Heiligkeit Gottes und folglich auch der Sünde (Röm 3,20; 5,13; 5,20). 
  2. So wie die Menschheit nach dem Sündenfall zunehmend verdorben und verfinstert wurde, bis Gott durch die Sintflut ein Ende bzw. einen Neubeginn machte, so geht es auch mit den Menschen seit Noah Schritt für Schritt moralisch bergab. Bald wird Gott auch dem gegenwärtigen Verfall durch sein Gericht ein Ende setzen. Hiob lebte nicht lange nach der Sintflut. Die Menschen hatten noch eine relativ "frische" Erkenntnis Gottes, seiner Souveränität und seiner Gerichte, und sie - jedenfalls einige wie z.B. Hiob - waren in ihrer ganzen Persönlichkeit (Intellekt, Gefühle, Wille) noch nicht so von der Sünde zersetzt, wie es z.B. heute der Fall ist.

D.h. es war zur Zeit der Patriarchen möglich (wenn es auch bestimmt nicht die Regel war), seinem Gewissen gemäß gottesfürchtig und gerecht zu leben. Das bedeutet natürlich nicht, dass Hiob eine absolute, göttliche Gerechtigkeit hatte. Das wusste er auch selbst.  Er wusste, dass er nicht an die Reinheit Gottes herankam:

Hi 9,2-3 Wahrlich, ich habe erkannt, daß es so ist. Und wie könnte ein Mensch vor Gott gerecht sein? Wenn er Lust hat, mit ihm in einen Rechtsstreit zu treten, so könnte er ihm auf tausend nicht eins antworten.

Hi 13,26 Denn Bitteres verhängst du über mich, und die Sünden meiner Jugend läßt du mich entgelten.

Hi 14,4 Wie könnte ein Reiner vom Unreinen kommen? Nicht ein einziger!

Hi 14,16-17 Denn dann würdest du zwar meine Schritte zählen, aber gäbest nicht acht auf meine Sünde! Mein Verbrechen wäre versiegelt in einem Bündel, und du würdest meine Schuld zudecken.

Aber menschlich gesehen, sah er sich gerecht, d.h. das, was Gott seiner Meinung nach von einem Menschen verlangen konnte, erfüllte er - und Gott sieht es genau so, wie wir im ersten Kapitel gelesen haben. Und doch muss Hiob das Verständnis seiner eigenen Gerechtigkeit nach Gottes Antwort korrigieren. Benedikt Peters meint zu Hiob 27,6:

»An meiner Gerechtigkeit halte ich fest«: Erst im Lichte Gottes wird Hiob erkennen, dass er vor Gott trotz allem ein Ungerechter ist; nicht in der Sache, die mit seinem Unglück zusammenhing, aber als Sohn Adams, in seiner vererbten Natur, und in seinem fehlenden Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und Liebe sowie in seinem Eifern gegenüber seinen Freunden.

Hiobs moralisch hochstehender Wandel beinhaltete Folgendes, wie aus Kapitel 31 hervorgeht:

Auch in Kp. 29 und 30 finden wir noch einige Hinweise auf Hiobs vorbildlichen Wandel:

Es ist interessant, eine so detaillierte Moralvorstellung zu sehen, bevor es noch das mosaische Gesetz gab. Uns ist nichts von einer göttlichen Offenbarung dieser Dinge bekannt, weder von einer mündlichen noch von einer schriftlichen Überlieferung derselben. Offenbar hatten die Nachkommen von Adam und später von Noah noch so eine klares Gottesbild aus der Zeit vor dem Fall, dass ihnen damals schon die Maßstäbe der Bergpredigt bewusst waren - jedenfalls gilt das für diejenigen, die Gott nicht in Undankbarkeit zurückgewiesen hatten und deren Herzen folglich verfinstert wurden (Röm 1,21).

Über Hiobs Selbstzeugnis hinaus erhalten wir noch Informationen über seinen vorbildlichen Wandel aus den Reden der Freunde:

Auch aus den Aussagen der Freunde Hiobs erfahren wir viel über das damalige Verständnis von Gerechtigkeit bzw. von Sünde. Elifas bezichtigte Hiob in Hi 22,6-9 folgender Sünden:

Was den ethischen Teil des mosaischen Gesetzes betrifft, war der Maßstab, den Hiob und seine Freunde hatten, mindestens so hoch. Sie hatten erfasst, worum es Gott geht: Liebe aus reinem Herzen (1Tim 1,5). Aber der zeremonielle Teil des mosaischen Gesetzes (die Speise-, Reinigungs-, Opfervorschriften usw.) brachte eine tiefere Erkenntnis, wie heilig Gott ist, wie schlimm Sünde ist und wie es daher unmöglich ist, an Gottes Heiligkeit heranzukommen.

Wir sehen daran deutlich, dass das mosaische Gesetz nicht die Offenbarung göttlicher Ethik war, sondern dass die Menschen schon davor einen von Gott gegebenen ethischen Maßstab kannten. Deshalb stehen auch wir, die wir nicht mehr unter dem mosaischen Gesetz sind, nicht in einem ethischen Vakuum da, sondern für uns gilt der Maßstab, den Hiob schon kannte und den Jesus und die Apostel lehrten. Allerdings wurde der Maßstab von Jesus noch verfeinert: vor allem dadurch, dass er ihn vermehrt auf die Gedanken und Motive und nicht hauptsächlich auf die Taten anwendete (siehe Bergpredigt, Mt 5).

3.2. Hiobs Leiden

Hiob reagierte vorbildlich auf die furchtbaren Anschläge Satans auf seinen Besitz und auf seine Kinder:

Hi 1,20-22 Da stand Hiob auf und zerriß sein Obergewand und schor sein Haupt; und er fiel auf die Erde und betete an. Und er sagte: Nackt bin ich aus meiner Mutter Leib gekommen, und nackt kehre ich dahin zurück. Der HERR hat gegeben, und der HERR hat genommen, der Name des HERRN sei gepriesen! Bei alldem sündigte Hiob nicht und legte Gott nichts Anstößiges zur Last.

Mögen wir doch diese Einstellung der Demut und des Glaubens haben, wenn wir geprüft werden! Was für ein Wohlgeruch vor Gott, was für ein kostbarer Glaube, wertvoller als im Feuer geläutertes Gold (1Petr 1,6-7), wenn ein Mensch als Reaktion auf solche Schläge vor Gott niederfällt und ihn anbetet.

Dann bekommt Satan von Gott die Erlaubnis, Hiobs Leib anzutasten. Die Folgen sind furchtbar: schlimme Geschwüre (2,7), Juckreiz (2,8), krankhafte Veränderungen der Gesichtshaut (2,7+12), Appetitlosigkeit (3,24), Niedergeschlagenheit (3,24-25), Schwinden der Kräfte (6,11), eiternde Geschwüre (7,5), Würmer in den Geschwüren (7,5), Atemnot (9,18), Schatten vor den Augen (16,16), Mundgeruch (19,17), Abmagerung (19,20; 33,21), immerwährender Schmerz (30,17), Ruhelosigkeit (30,27), schwarz werdende Haut (30,30), sich schälende Haut (30,30) und Fieber (30,30).

Und selbst nach diesen Anschlägen versündigt sich Hiob nicht:

Hi 2,9-10 Da sagte seine Frau zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Vollkommenheit? Fluche Gott und stirb! Er aber sagte zu ihr: Wie eine der Törinnen redet, so redest auch du. Das Gute nehmen wir von Gott an, da sollten wir das Böse nicht auch annehmen? Bei alldem sündigte Hiob nicht mit seinen Lippen.

Erst im Lauf der Gespräche mit seinen Freunden lässt sich Hiob zu Vorwürfen gegenüber Gott hinreißen. Es ist traurig und sehr lehrreich, dass gerade die Freunde, die gekommen waren, um zu trösten, Anlass zur Sünde wurden. Wo viele Worte sind, versündigt man sich nur allzu leicht (Spr 10,19).

Um das furchtbare Ausmaß der Leiden Hiobs besser zu verstehen, müssen wir auch bedenken, aus welcher Höhe er gestürzt war. Der Kontrast zwischen seinem früheren Wohlstand und seinem folgenden Elend wird besonders in Hiobs Abschlussmonolog deutlich: In Kapitel 29 beschreibt er, wie er im Licht und in der Gemeinschaft Gottes lebte und wie groß sein Ansehen bei den Menschen aufgrund seines hervorragenden Lebenswandels und seiner Weisheit war. In Kapitel 30 schildert Hiob, wie tief er gefallen ist: Er wird von den Verachtetsten geschmäht und kann sich nicht wehren. Er wird von ständigen körperlichen und seelischen Qualen bedrängt, und bei alldem antwortet Gott nicht auf sein Schreien. Hiob empfindet ihn als kalt und feindselig.
So wurde der Höchste unter den Menschen am tiefsten gestürzt. Dieser Abstieg wird nur noch von Christus übertroffen, der in der Herrlichkeit beim Vater war und den Leidensweg nach Golgatha ging. Darf es uns wundern, dass Hiob verzweifelt und in seinem Gottvertrauen erschüttert war, dass er Gott anklagte? Nein, aber staunen müssen wir über unseren Herrn, der den unendlich größeren Abstieg freiwillig einging und ohne sich zu versündigen den bitteren Kelch bis zur Neige austrank.

Gott weist Hiob am Ende für seine unangemessenen Worte zurecht:

Hi 40,2 Mit dem Allmächtigen will der Tadler rechten? Der da Gott zurechtweist, er antworte darauf!

Und Hiob bereut diese Worte später auch:

Hi 42,6 Darum verwerfe ich mein Geschwätz und bereue in Staub und Asche.

Das Schlimmste an Hiobs Leiden war die vermeintliche Sinnlosigkeit:

Hi 6,11 Was ist meine Kraft, daß ich warten, und was ist mein Ende, daß ich mich gedulden sollte?

Umgekehrt erträgt der Mensch vieles, wenn er einen Sinn darin sieht:

"Wer ein Warum im Leben kennt, der erträgt fast jedes Wie. Wer weiß, warum er lebt, der kann Leid ertragen." (F. Nietzsche)

Hätte Hiob eine Ahnung vom Ende (Ziel, Ausgang) des Herrn gehabt, so hätte er es viel leichter gehabt. Wie glücklich dürfen wir uns schätzen, dass wir Glaubenshelden wie Hiob und vor allem Christus als Vorläufer haben und schon wissen, dass es ein gutes Ende vom Herrn gibt:

Jak 5,7-8 Habt nun Geduld, Brüder, bis zur Ankunft des Herrn! Siehe, der Bauer wartet auf die köstliche Frucht der Erde und hat Geduld ihretwegen, bis sie den Früh- und Spätregen empfange. Habt auch ihr Geduld, stärkt eure Herzen! Denn die Ankunft des Herrn ist nahe gekommen.
...
Jak 5,10-11 Nehmt, Brüder, zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die im Namen des Herrn geredet haben! Siehe, wir preisen die glückselig, die ausgeharrt haben. Vom Ausharren Hiobs habt ihr gehört, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen, daß der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist.

3.3. Hiobs Zweifel an Gottes Gerechtigkeit

Hiob hinterfragt Gott und klagt ihn an, aber er lässt niemals von ihm los. Er zweifelt an Gottes Gerechtigkeit aber nicht an Gott als Schöpfer, Herrscher und einzige Hoffnung. Seine Haltung wird von Jakobus als das Ausharren Hiobs beschrieben (Jak 5,11).

Hiob wirft Gott vor, dass er ihn ungerecht behandle:

Hi 7,12 Bin ich das Meer oder ein Seeungeheuer, daß du eine Wache gegen mich aufstellst?

Hi 7,20 Habe ich gesündigt? Was tat ich dir an, du Wächter der Menschen? Warum hast du mich dir zur Zielscheibe gesetzt, und warum werde ich mir zur Last?

Hi 9,17-18 Er, der nach mir greift im Unwetter und meine Wunden grundlos vermehrt, er erlaubt mir nicht, Atem zu holen, sondern sättigt mich mit Bitterkeiten.

Hi 9,23 Wenn die Geißel plötzlich tötet, so spottet er über die Verzweiflung Unschuldiger.

Hi 10,15-17 Wenn ich schuldig wäre - wehe mir! Und wäre ich im Recht, dürfte ich mein Haupt doch nicht erheben, gesättigt mit Schande und getränkt mit Elend. Und richtete es sich auf, wie ein Löwe würdest du mich jagen und dich wieder als wunderbar an mir erweisen. Du würdest neue Zeugen gegen mich aufstellen und deinen Zorn über mich vergrößern. Ein ständig sich ablösendes Heer kämpft gegen mich.

Hi 30,21 In einen Grausamen verwandelst du dich mir, mit der Stärke deiner Hand feindest du mich an.

Benedikt Peters kommentiert Hi 9,27-31:

»Ich weiß, dass du mich nicht freisprechen wirst. Ich muss schuldig sein«: Aus solchen Worten spricht Resignation, die im Munde eines Heiligen immer eine Anklage an Gott ist. Wenn wir unser Vertrauen wegwerfen, dann sagen wir damit, es gehe uns als Kind Gottes dreckiger  als gehörig, und Gott helfe nicht so, wie Er es eigentlich müsste. Damit ist erstens Gottes Gerechtigkeit und zweitens Gottes Liebe in Frage gestellt. Das ist sehr ernst. Obwohl es Satan nie gelingt, Hiob zur Absage an Gott zu bewegen, so hat er doch hier sein Urteilen schon so sehr verfinstert, dass der Knecht Gottes Dinge sagt, die mit den Lügen verwandt sind, die die Schlange dem ersten Menschenpaar im Garten Eden eingegeben hatte.

Hiob wirft Gott aber auch vor, dass er überhaupt soviel Ungerechtigkeit auf der Welt zulässt, besonders auch soziale Ungerechtigkeit:

Hi 9,24 Die Erde ist in die Hand des Gesetzlosen gegeben, das Angesicht ihrer Richter verhüllt er. - Wenn er es nun nicht ist, wer anders?

Hi 24,12 Von der Stadt her ächzen Sterbende, und die Seele der Durchbohrten schreit auf. Doch Gott nimmt keinen Anstoß daran.

Wenn ich Hi 9,24 und Hi 24,1-12 lese, drängt sich mir der Verdacht auf, dass Hiob schon vor seinem Leiden die Gerechtigkeit Gottes hinterfragte. Denn die Tatsachen über die Unterdrückung der Armen, die er hier schildert, haben nichts mit seinem persönlichen Leid zu tun. Diese Ungerechtigkeit gab es schon vorher und Hiob kannte sie. Er sah, dass Gott es zuließ. Vielleicht war er schon damals versucht, an der absoluten Gerechtigkeit Gottes zu zweifeln, vielleicht verdrängte er die Frage auch einfach oder ließ sie als nicht gelöst stehen. Jedenfalls griff Gott selbst die Frage wieder auf, als er Satan gestatte, Hiob zu plagen - denn nun wurde die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes für Hiob eine existentielle.

Hiob erkennt im Gegensatz zu seinen Freunden, dass Gott Unrecht zwar letztlich bestraft, aber nicht immer sofort: Hi 24,19-24. Was er noch nicht erkennt, ist, dass Gott den Gerechten letztlich Gutes sehen lässt, aber nicht immer sofort.

Nicht einen Moment fühlt sich Hiob von Gott verlassen in dem Sinn, dass Gott gar nicht verantwortlich ist für sein Unheil - im Gegenteil, er fühlt sich von Gott verfolgt. Dies hat er vielen Menschen - Christen wie Nicht-Christen - voraus, die aus ihrem persönlichen Leid schließen, Gott kümmere sich nicht um sie. Das Überzeugtsein von Gottes Souveränität macht den großen Unterschied. Das war der Grund, warum Hiob trotz seines Haderns an Gott festhielt: Er wusste, dass Gott seine einzige Hoffnung war:

Hi 16,19 Auch jetzt noch - siehe, im Himmel ist mein Zeuge und mein Fürsprecher in der Höhe.

Hi 17,3 Setze doch ein Pfand ein, leiste bei dir selbst Bürgschaft für mich! Wer sonst wird in meine Hand einschlagen?

Hi 19,25 Doch ich weiß: Mein Erlöser lebt; und als der letzte wird er über dem Staub stehen.

Deshalb ist eine gesunde Lehre über die Souveränität Gottes so wichtig; sie ist die beste Medizin gegen jede Abwendung von Gott, denn sie schafft die wichtigste Voraussetzung für die Gemeinschaft mit Gott: Demut. Nur wer Gott in Demut sucht, findet seine Gnade:

Jak 4,6 Er gibt aber desto größere Gnade. Deshalb spricht er: «Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.»

3.4. Hiobs Sehnsucht nach Gott

Weil Hiob weiß, dass Gott seine einzige Hoffnung ist, sucht er die Begegnung mit Gott, das Reden Gottes mit aller Kraft.

Hi 13,24 Warum verbirgst du dein Angesicht und hältst mich für deinen Feind?

Hi 13,15 Siehe, er wird mich töten, ich will auf ihn warten, nur will ich meine Wege ihm ins Angesicht rechtfertigen.

Hi 19,27 Ja, ich werde ihn für mich sehen, und meine Augen werden ihn sehen, aber nicht als Fremden. Meine Nieren verschmachten in meinem Innern.
Gute Nachricht:
Jetzt möchte ich ihn sehn mit meinen Augen
ihn selber will ich sehen, keinen Fremden!
Mein Herz vergeht in mir vor lauter Sehnsucht!

Hi 23,3-4 Ach, daß ich wüßte, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! Ich wollte vor ihm den Rechtsfall darlegen und meinen Mund mit Beweisgründen füllen.

Hi 30,20 Ich schreie zu dir, und du antwortest mir nicht. Ich stehe da, doch du achtest nicht auf mich.

Hiob redet nicht nur mit und zu seinen Freunden, vor allem redet, ruft er zu Gott. Seine Freunde dagegen reden mit Hiob, nicht mit Gott. Wir sehen daran eine mögliche positive Auswirkung von Leid: Während derjenige, der nicht ihn Not ist, oft nur theoretisch über Gott redet, redet der Leidende praktisch mit ihm, er sucht ihn mehr als alles andere, mehr als jeden anderen.

3.5. Die Antwort Gottes

Benedikt Peters schreibt über die Reden Gottes:

Erst das Reden Gottes bringt Hiob in den Staub, dahin, wo er als Geschöpf hingehört. Hiob hatte sich auf Gott berufen, dass Er schiedsrichterlich entscheide (16,21) und ihm Recht verschaffe vor seinen Freunden, die ihm so unrecht taten; und er hatte Gott ganz zum Schluss aufgerufen, ihm zu antworten (31,35). Gott antwortet und greift nun wirklich als Schiedsrichter ein, indem er zuerst zu Hiob und dann zu seinen Freunden redet. Nur erscheint Gott dem Hiob nicht so, wie er es erwartet hätte; Er kommt nicht, um ihn stracks vor seinen Freunden zu rechtfertigen. Das wird Er zwar noch tun (42,7-8), aber zuerst muss Er zu Seinem Knecht reden und ihn seiner ungebührlichen Worte, die aus einer ungebührlichen Geisteshaltung flossen, überführen. Beachten wir, dass Gott an Hiob genau das gleiche tadelt wie Elihu: seine ungehörigen Worte (38,2). Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich Elihu mit Gottes Urteil im Einklang befand.

Gott redet so, dass Seine Majestät und die Nichtigkeit des Menschen kundwerden. Aber dabei redet er anders, als wir erwartet hätten und anders, als wir es uns wünschen würden. Seine Reden scheinen zunächst gar keine Antworten zu sein auf die durch Hiobs Not aufgeworfenen Fragen. Es fällt kein Wort der Erklärung, warum die Gottlosen oft erfolgreicher sind als die Gerechten, warum die Gerechten mit Drangsal heimgesucht werden, wo und wann alle ihren gerechten Lohn bekommen.

Das muss Hiob genügen; genügt es ihm nicht, hat er das einzige Licht verworfen, das ihm scheint. Ärgert er sich an seinem Schöpfer, ist er verloren (vgl. Mt 11,6). Der Glaube an den Schöpfer unterwirft uns Ihm; beugen wir uns nicht vor dem, der in der Schöpfung Seine Allmacht, Ewigkeit und Weisheit geoffenbart hat (Röm 1,19-20), werden wir verfinstern und am Ende so verfinstert sein, dass wir dem Geschöpf die Ehre geben, die allein dem Schöpfer zukommt (Röm 1,21-25). Mögen wir uns Gott nicht aus dem Grund anvertrauen, dass Er der Erste, der Ewige und der Unumschränkte ist, werden wir den nicht kennen lernen, der auch Licht und Liebe ist. Das verstehen wir aus Hebräer 11, wo der Glaube an den Schöpfer nicht zufällig am Anfang aller danach genannten Äußerungen des Glaubens steht (Vv. 1-3). Erst danach lesen wir vom Glauben an Erlösung (V. 4), Verherrlichung (V. 5) und Gericht (V. 7).

Die erste Rede Gottes umfasst die Kapitel 38 und 39. Kap 38,2-38 spricht von der unbelebten Schöpfung, Kap. 38,39 - 39,30 von der belebten Schöpfung, der Tierwelt. In ersterer offenbart Gott Seine Allmacht, in Letzterer Seine Weisheit, in beiden Seine Fürsorge; denn alles, die belebte wie die unbelebte Schöpfung, ist dem Menschen zum Dienst gegeben. Darum hat Er dem Meer eine Schranke gesetzt, darum sendet er ihr Sein Licht und lässt aus Abend Morgen werden, darum lässt Er auf die Erde regnen, darum hat Er starke Tiere, Ochsen und Pferde, gebändigt und dem Menschen zu Dienern gemacht. Und so, wie Er für Löwe und Raben sorgt, sorgt Er erst recht für die Menschenkinder. Wir können diese Reden Gottes nicht lesen, ohne an die Rede erinnert zu werden, die der gleiche Gott hielt, als Er in Menschengestalt unter uns war, und uns aufforderte: »Seht die Vögel am Himmel, seht die Lilien auf dem Felde!« (Mt 5,25-32). In Seiner Allmacht und in Seiner Weisheit hat Gott alles erschaffen; in Seiner Liebe trägt Er die ganze Schöpfung zum Wohl des Menschen (Heb 1,2); zöge Er seine Hand von ihr ab, ginge sie unter (Hi 34,13-15; Ps 104,27-29).

Die zweite Rede Gottes umfasst die Kapitel 40-41. Darin spricht Er von Seiner Regierung über die Welt, in der Er das Böse in Schranken hält und von Zeit zu Zeit richtet und damit das tut, was der Mensch nicht vermag. So sehr der Mensch auf die Macht und die Weisheit eines treuen Schöpfers angewiesen ist, ist er auf die Macht und die Gnade eines starken Retters und Richters angewiesen. Ohne die erhaltende Macht eines freundlichen Schöpfers müsste er vergehen, ohne die rettende Gnade eines starken Retters müsste er vom Bösen verschlungen werden.

3.6. Das Ende des Herrn

Jak 5,11 Siehe, wir preisen die glückselig, die ausgeharrt haben. Vom Ausharren Hiobs habt ihr gehört, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen, daß der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist.

Jakobus bringt es auf den Punkt - letztlich erweist der Herr an Hiob sein inniges Mitgefühl und seine Barmherzigkeit. Das war wohl so ziemlich das letzte, was Hiob wahrnahm, als er mitten im Leid steckte. Wir haben dem Hiob in diesem Punkt einiges voraus: Wir wissen aus dem, was uns die Schrift über ihn und viele andere Glaubenshelden berichtet, dass Gott sich am Ende seinen Treuen immer als barmherzig erweist, dass er immer die besten Absichten mit ihnen hat, bessere als sie selbst. Hiob hatte diese Vorbilder nicht. So gesehen ging er durch ein dunkleres Tal als irgendein Kind Gottes heute gehen kann.

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4. Hiob und seine Freunde

4.1. Die Haltung der Freunde

Der Umgang der Freunde mit Hiob und seine Reaktion darauf sind eines der Hauptthemen in Hiob. Die Gespräche nehmen den größten Teil des Buches ein. Wenn wir genau beobachten, können wir daraus sehr viel über den Umgang mit unseren Worten lernen.

Zuerst sind die Freunde mitfühlend: Sie nehmen sich Zeit, besuchen Hiob (während sich alle anderen von ihm abwenden) und sitzen und trauern 7 Tage mit ihm ohne zu reden - alle Achtung!

Dann, nachdem Hiob mit seiner Klage das Schweigen gebrochen hat, fangen sie an zu reden. Im Wesentlichen ist es immer wieder dasselbe, was sie sagen: Du hast gesündigt, darum straft dich Gott. Unglück ist immer die Folge von Sünde. Wohlergehen ist immer die Folge von Rechtschaffenheit. Darum tue Buße, dann wird dich Gott wieder segnen. Z.B.:

Hi 22,4-6 Für deine Gottesfurcht sollte er dich strafen, mit dir vor Gericht gehen? Ist nicht deine Bosheit vielfältig und ohne Ende deine Schuld?

Zuerst formulieren sie diese These höflich, später werden sie immer aggressiver, der Dialog entwickelt sich immer mehr zu einem persönlichen Streit zwischen Hiob und den Freunden und geht somit am eigentlichen Thema vorbei:

Hi 11,2 Soll der Wortschwall nicht beantwortet werden, oder soll ein Schwätzer recht behalten?

Hi 18,3 Warum werden wir denn für Vieh gehalten, sind dumm in deinen Augen?

Ihre Reden werden zeitweise auch überheblich:

Hi 5,27 Siehe, dies haben wir erforscht, so ist es. Höre es doch, und merke du es dir!

Hi 15,9 Was hast du erkannt, das wir nicht erkannt hätten? Was verstehst du, das uns nicht bekannt wäre?

Die Freunde gehen so weit, dass sie ihn konkreter Sünden bezichtigen, die er nicht getan hat, nur um Recht zu behalten:

Hi 22,4-9 Für deine Gottesfurcht sollte er dich strafen, mit dir vor Gericht gehen? Ist nicht deine Bosheit vielfältig und ohne Ende deine Schuld? Denn du pflegtest deinen Bruder ohne Grund zu pfänden, und die Kleider zogest du den Nackten aus. Nicht einmal Wasser gabst du dem Durstigen zu trinken, und dem Hungrigen verweigertest du Brot. Und dem Mann der Faust gehört das Land, und der Angesehene darf darin wohnen. Die Witwen hast du mit leeren Händen weggeschickt, und die Arme der Waisen sind zerschlagen.

Beispiele für den Rat der Freunde:

Hi 5,8-27: Klingt gut, passt aber nicht.

Hi 8,5-6 Wenn du Gott eifrig suchst und zum Allmächtigen um Gnade flehst, wenn du lauter und aufrichtig bist, ja, dann wird er deinetwegen aufwachen und die Wohnung deiner Gerechtigkeit wiederherstellen.

Hi 11,13-15 Wenn du dein Herz fest ausrichtest und deine Hände zu ihm ausbreitest - wenn Böses in deiner Hand ist, so entferne es und laß in deinen Zelten kein Unrecht wohnen! - ja, dann wirst du dein Gesicht erheben ohne Makel und wirst unerschütterlich sein und dich nicht fürchten.

Hi 22,22-23 Nimm aus seinem Mund doch Weisung an und lege seine Worte dir ins Herz! Wenn du umkehrst zum Allmächtigen,wirst du wieder aufgebaut, hältst du Unrecht fern von deinem Zelt.

Es handelt sich großteils um richtige Aussagen, die in der konkreten Situation falsch angewandt werden. Benedikt Peters bemerkt zu Kap. 4:

Eliphas versteht es, lauter Wahres zu sagen, das nicht bestritten werden kann; so auch im Folgenden. Es ist sogar so wahr, dass das Neue Testament zweimal aus der ersten Rede Eliphas zitiert, nämlich in 1Kor 3,19 und in Hebr 12,5, und der weise Salomo zitiert ihn im Buch der Sprüche (Spr 3,11). Und doch tadelt Gott am Ende die Freunde Hiobs:

»Und es geschah, nachdem der HERR diese Worte zu Hiob geredet hatte, da sprach der HERR zu Eliphas, dem Temaniter: Mein Zorn ist entbrannt wider dich und wider deine beiden Freunde; denn nicht geziemend habt ihr von mir geredet, wie mein Knecht Hiob« (42,7).

Wie ist das zu erklären? So: Wahrheiten, die falsch angewendet werden, sind falsch und richten darum Böses aus, nicht Gutes. Es ist wahr, dass Gott Sünder straft, aber das trifft auf Hiob nicht zu, und darum ist Eliphas Aussage falsch. Mit Wahrheiten kann man andere erschlagen, und das taten die Freunde Hiobs. Sie sagten dem falschen Mann zur falschen Zeit viele wahren Dinge. Wenn Eliphas Hiob fragt: »Sollte ein Mensch gerechter sein als Gott, oder ein Mann reiner als der ihn gemacht hat?«  dann ist Hiob gezwungen, im Sinne des Eliphas zu antworten; jede andere Anwort hätte ihm Eliphas als gotteslästerlich ausgelegt. Und so hätte Eliphas genau das erreicht, was er wollte: Hiob zum Geständnis zu nötigen, Gott habe in vollkommen gerechter Weise Hiob seiner Sünden wegen gestraft. Aber genau das war nicht wahr, wie der Leser des Buches weiß, und wie auch Hiob wusste. Er war in dem Sinne schuldlos, dass er unverschuldet seine Not litt. Mit einer vorher gemachten, auf theologischer Wahrheit basierender Annahme, drängt Eliphas den armen Hiob in die Enge, und diesem bleibt nichts anderes, als sich zu verteidigen; und die Freunde meinen, je länger Hiob sich wehrt, desto mehr offenbare sich seine Gottlosigkeit. So lernen wir an den Reden der Freunde Hiobs, dass das Wort nicht allein richtig sein muss, sondern es muss auch zur gegebenen Lage passen:

»Ein Wort zu seiner Zeit, wie gut!« (Spr 15,23)

Und zu Kap. 5,24-25 schreibt Peters:

Wir sollten uns durch das schlechte Beispiel des Eliphas warnen lassen: Es gibt wenige Dinge, die einen Geplagten so plagen, wie wenn er sich wohlfeile biblische Ratschläge anhören muss, die nicht am Platz sind.  Der Schreiber des Buches der Sprüche sagt, ein gutes Wort an den rechten Mann und zur rechten Zeit gesprochen, sei überaus kostbar. Unberufene Tadler sind allen, Gott und den Menschen, ein Ärgernis; ein weiser Tadler ist Gold wert:

»Goldene Äpfel in silbernen Prunkgeräten: so ist ein Wort, geredet zu seiner Zeit. Ein goldener Ohrring und ein Halsgeschmeide von feinem Golde: so ist ein weiser Tadler für ein hörendes Ohr« (Spr 25,11-12).

Wo und wie aber lernen wir denn, weise Tadler zu werden? In der Schule Gottes und im Heiligtum. Die Freunde Hiobs sagen manches, das mit dem Urteil Asaphs übereinstimmt (Ps 73,17-20). Der entscheidende Unterschied ist aber eben dieser: Asaph hatte, was er sagt, im Heiligtum gelernt  (V.17), Hiobs Freunde hatte ihre schön geformten Lehrsätze aus den Schulbüchern. Wir müssen alle zuerst von Gott gelernt haben - in einer schmerzhaften Schule der Ernüchterungen und Demütigungen -, damit wir andere lehren können, wie es nachher ein Elihu tat. Er hatte von diesem unvergleichlichen Lehrer gelernt, was er Hiob weitergeben konnte:

»Siehe, Gott handelt erhaben in seiner Macht; wer ist ein Lehrer wie er?« (Hi 36,22).

Peters' Kommentar zu Bildads Rede in Kap. 8:

Wie oft entarten Gespräche unter Freunden zu einem Wortduell, bei dem jeder nur noch eines will: Beweisen, dass er recht hat, und um das zu erreichen, muss er zeigen, wie verkehrt der Gesprächspartner ist. Hiob und seine Freunde reden lang und reden viel, und sie sündigen dabei entsprechend; denn:

»Bei der Menge der Worte fehlt Übertretung nicht; wer aber seine Lippen zurückhält, ist einsichtsvoll« (Spr 10,19).

... Ist uns dieses Buch nicht zur Belehrung geschrieben (Röm 15,4)? Möchten wir an Hiobs Freunden lernen, nicht vorschnell zu urteilen (Spr 20,25a; 1Kor 4,5) und von unserer Urteilsfähigkeit nicht so viel zu halten.

4.2. Hiobs Reaktion auf die Freunde

Zuerst klagt er nur. Man darf annehmen, dass ihm die Gesellschaft der Freunde gut getan hat und dass es eine Erleichterung war, jemanden zu haben, der zuhört.

Auf die Angriffe der Freunde reagiert er aggressiv und zynisch:

Hi 6,27 Sogar eine Waise würdet ihr verlosen, und um euren Freund würdet ihr feilschen.

Hi 6,29 Kehrt doch um, damit kein Unrecht geschieht! Ja, kehrt um, noch bin ich hier im Recht!

Hi 12,2 (Gute Nachricht)
So ist's! Was seid ihr doch für kluge Leute!
Mit euch stirbt ganz bestimmt die Weisheit aus!

Hi 13,4-5 (Gute Nachricht)
Ihr selbst seid ratlos, deckt es zu mit Lügen;
Kurpfuscher seid ihr, die nicht heilen können!
Es wäre besser, wenn ihr schweigen würdet,
dann könnte man euch noch für weise halten!

Hi 13,12 (Gute Nachricht)
Wie Staub im Wind sind eure weisen Sprüche
und eure Gründe halten stand wie Ton.

Hi 19,2-3 Wie lange wollt ihr meine Seele plagen und mich mit Worten zerschlagen? Schon zehnmal habt ihr mich beschimpft. Ihr schämt euch nicht, ihr setzt mir hart zu.

Hi 21,34 Wie tröstet ihr mich nun mit Dunst? Und von euren Einwänden bleibt nur Trug übrig.

Wie sehr müssen wir aufpassen, dass wir einem Elenden nicht noch Anstoß zur Sünde geben, indem wir ihn mit unseren (nicht vom Heiligen Geist geleiteten) Worten unnötig reizen.

4.3. Die Versöhnung

Die Art und Weise, wie Gott die Versöhnung der streitenden Freunde zustande brachte, ist ein wunderbares Beispiel für seine Weisheit. Eigentlich steht die Versöhnung mit Gott im Vordergrund und nicht die Versöhnung zwischen Hiob und seinen Freunden. Letztere geschah indirekt, als Folge bzw. als Nebenprodukt der Versöhnung mit Gott:

Wir sehen also, dass Gott Menschen untereinander versöhnt, indem er sie mit sich selbst versöhnt. Auf dem Weg zur Versöhnung mit Gott werden auch die zwischenmenschlichen Feindschaften beseitigt. Genau das ist es, was Jesus gelehrt hat: 

Mt 5,23-24 Wenn du nun deine Gabe darbringst zu dem Altar und dich dort erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar und geh vorher hin, versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm und bring deine Gabe dar!

Mt 6,12 und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben;

Mt 6,14-15 Denn wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater eure Vergehungen auch nicht vergeben.

Das Ziel ist die Versöhnung mit Gott - das ist die Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch die Bibel zieht. Dies steht im Gegensatz zum heute oft verkündigten "sozialen Evangelium", das die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Vordergrund stellt. "Liebe deinen Nächsten" - dieses Gebot lässt auch die Welt gelten, aber sie will nicht wahr haben, dass die Liebe zu Gott zuerst kommt. Nur, wenn Gott im Zentrum steht, können auch die zwischenmenschlichen Beziehungen richtig geordnet werden. Das hat viel mit wahrer, vom Heiligen Geist gewirkter Sündenerkenntnis zu tun: das menschliche Denken weiß von zwischenmenschlichen Sünden, aber es hat keine Ahnung von dem unermesslichen Unrecht, das Menschen tagtäglich ihrem Schöpfer antun, indem sie in bewusster oder unbewusster Auflehnung gegen ihn leben statt in Demut und Dankbarkeit. Dabei kommt doch jede gute Gabe, die sie genießen, von ihm, und ohne ihm könnten sie nicht einen Atemzug tun. Um Menschen von dieser größten aller Sünden zu überführen, ist der Heilige Geist notwendig.

Gott ist ein Gott der Versöhnung. Wenn er in einem Leben wirkt, so werden die Früchte nicht ausbleiben: Friede mit Gott und Friede mit dem Nächsten.

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5. Elihu

Etwas mysteriös ist das Auftreten Elihus:

Somit können wir unsere Meinung über Elihu allein aufgrund seiner eigenen Wort bilden und aus der Tatsache, dass Gott ihn nicht ausdrücklich verurteilt.

Es gibt Ausleger, die meinen, dass Elihu durch seine schlechte Erziehung, die Vermessenheit, mit der er sich seiner Jugend rühmt, seine stürmische Ungehemmtheit und seine Lust, Verweise zu erteilen, nichts anderes erreichte, als dass Hiob sich in großes Schweigen hüllte und es nicht einmal mehr für nötig hielt, Elihu zu entgegnen. Hiob sah sich von Elihu nicht verstanden und wartete weiter auf die Antwort Gottes.

Diese Ansicht tut Elihu meiner Meinung nach aus folgenden Gründen Unrecht:

Benedikt Peters schreibt über Elihu:

... Vieles, was Elihu sagt, hatten Hiob oder seine Freunde mit gleichen Worten gesagt. Er sagt Dinge über Gottes Allmacht, Gottes Heiligkeit und Gottes Regierung, die wir in diesem Buch nicht zum ersten Mal hören. Aber es zeigt sich dabei ein wichtiger Unterschied: Er wendet diese Wahrheiten nicht gegen Hiob, sondern verwendet sie für Hiob. Er unterstellt Hiob nichts, konstruiert keine verborgenen Ursachen für sein Unglück. Er behauptet nicht, Gott strafe Hiob einer bestimmten Sünde wegen, sondern er sagt vielmehr, Gott suche ihn mit Leiden heim, um ihn zu erziehen (33,19; 36,8-10). Damit findet sich Elihu in Einklang mit dem Schreiber des Hebräerbriefes und des Buches des Sprüche. Worin Hiob aber offenkundig gesündigt hat - für Elihu offenkundig, weil er es selbst gehört hatte (33,8) -, darin allein tadelt er ihn. Wiederholt erinnert er Hiob an die ungehörigen Worte, die er ausgesprochen hatte: »Du hast vor meinen Ohren ausgesprochen...« Wie einfach ist das im Grunde: Anders als die drei Freunde meint Elihu nicht, Hiob für Dinge anklagen zu müssen, die er gar nicht wissen kann. Er tadelt nur, was er an Hiob als tadelnswert erkannt hat, nämlich sein ungehöriges Reden (33,8; 34,5.9; 34,36-37; 35,2.3.14.16; 36,17). Das Deuten des Herzens und das Wissen des Verborgenen ist nicht seine, sondern Gottes Sache (Mt 7,1-5; Jak 4,11). Wie gut, wenn wir diese ganz einfache Richtschnur befolgen. Wieviel kopfloses Eifern ersparen wir uns damit selbst, und wie viel Ärger ersparen wir andern, und wieviel weniger Schuld laden wir uns auf!

Entsprechend sind Elihus Reden Antworten auf Aussagen Hiobs. Die erste, die zweite und die dritte Rede beginnt jedesmal damit, dass Elihu eine Aussage Hiobs zitiert, um sie daraufhin zu widerlegen (33,8-11; 34,5-6; 35,1-3).

In seiner ersten Rede (Kap 33) spricht Elihu davon, wie Gott zum Menschen redet. In seiner zweiten und dritten Rede rechtfertigt Elihu Gott vor Hiobs Anwürfen, indem er zeigt, dass Gottes Regierung mit vollkommener Gerechtigkeit einhergeht (Kap 34) und dass Gott als der souveräne Herr nicht der Diener unserer Wünsche sein kann (Kap 35). In seiner letzten Rede gibt Elihu seinem Schöpfer Gerechtigkeit (36,3), indem er darlegt, wie Gottes Allmacht von vollkommener Liebe getrieben wird (Kap 36), und wie sich Gottes Souveränität, Macht und Weisheit in Seinen Schöpfungswerken offenbart (Kap 37).

Wir erkennen ein schönes Muster im Aufbau seiner Gedanken, indem er nach seiner grundlegenden Rede von Kap 33 zunächst sagt: Gott ist gerecht (Kap 34), und Er ist souverän (Kap 35). Dann setzt er neu an und bezeugt: Gott ist Liebe (Kap 36) und Er ist souverän (Kap 37).

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6. Christus im Buch Hiob

6.1. Die Hoffnung auf einen göttlichen Beistand

Hi 16,19: Auch jetzt noch - siehe, im Himmel ist mein Zeuge und mein Fürsprecher in der Höhe.

Hi 19,25: Doch ich weiß: Mein Erlöser lebt; und als der letzte wird er über dem Staub stehen.

Hi 33,23-24: Wenn er da einen Engel bei sich hat, einen Mittler, einen von den Tausend, der dem Menschen seine Pflicht mitteilen soll, so wird der sich über ihn erbarmen und sprechen: Befreie ihn, damit er nicht in die Grube hinabfährt! Ich habe Lösegeld für ihn gefunden.

So weist Hiob unbewusst prophetisch auf den wahren Beistand, Helfer, Fürsprecher, Erlöser, nämlich Jesus Christus hin.

6.2. Hiobs Leiden im Vergleich zu Christi Leiden

Auch Christus ging durch unsägliche körperliche und seelische Qualen. Er begab sich freiwillig in Hilflosigkeit, Gottverlassenheit, Schmach, Qual und Tod. Er ging ohne Hadern durch sein Leiden und durch seine Gottverlassenheit - aber auch er betete:

Mt 26,39 Und er ging ein wenig weiter und fiel auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber! Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.

Und am Ende schrie er ein lautes "Warum":

Mt 27,46 um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme auf und sagte: Eli, Eli, lem sabachth ni? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Wir lernen daraus mehrere Lektionen:

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7. Zitate

"Hiob blieb nach langen hitzigen Diskussionen über sein Leiden mit all den vorgeschlagenen Antworten unzufrieden. Aber als er am Ende seiner eigenen Kräfte war, offenbarte sich ihm Gott. Er zeigte ihm einfach die Wunder der Schöpfung. Da und dort sah Hiob seine Unwissenheit und Torheit und erkannte die Sünde der Anmaßung, Gott zu sagen, was er zu tun habe: Hi 42,1-6
Hiob akzeptierte, was sein Verstand nicht verstehen konnte, aber was ihm sein Herz als wahr bezeugte. Am Ende in der Unergründlichkeit Gottes Zuflucht zu nehmen, ist nicht Flucht, es ist die höchste Weisheit, die sowohl der Verstand als auch echte Frömmigkeit verlangen. Hiob wusste nichts vom Kreuz, aber er glaubte Gott. Wie viel mehr gilt es dann für einen Christen, dass er weder verstehen noch zweifeln kann, wenn er sich als Geschöpf und als Sünder in der Gegenwart seines gekreuzigten Schöpfers sieht." (John W. Wenham, "The Goodnes of God")

"In den ersten Kapiteln offenbart sich Satan als der erste große Behaviorist. Hiob ist konditioniert, Gott zu lieben, behauptet er. Nimm die positiven Belohnungen weg, und sieh zu, wie der Glaube abbröckelt." (Philip Yancey, "The Bible Jesus Read")

"Endlich ist noch ein Grund, um deswillen auch über die Guten zeitliche Plagen verhängt werden, nämlich der des Hiob: Der menschliche Geist soll erprobt und sich darüber klar werden, ob seine Kraft frommer Hingabe groß genug ist, Gott ohne Lohn zu lieben." (Augustinus, De civitate Dei, I, 9).

"Es gibt keine Lehre, die von den Weltmenschen mehr gehasst wird, keine Wahrheit, die so wie ein Fußball herumgetreten wird, wie die großartige, Verwunderung weckende, aber allergewisseste Lehre von der Souveränität des unendlichen HERRN. Die Menschen erlauben es Gott, überall zu sein – nur nicht auf Seinem Thron. Sie lassen Ihn ruhig in Seiner Werkstatt die Sterne und die Welten formen; Er mag auch gerne im Armenhaus Seine reichen Gaben verteilen. Sie erlauben Ihm, die Erde zu tragen und ihre Säulen aufrechtzuhalten oder die Wogen des allzeit bewegten Meeres zu beherrschen. Wenn sich aber Gott auf Seinen Thron setzt, knirschen Seine Geschöpfe mit den Zähnen; und wenn wir einen auf Seinem Thron sitzenden Gott verkündigen, der das Recht hat, mit dem Seinen zu verfahren, wie Er will, Seinen Geschöpfen zuzuteilen, wie und was Ihm wohlgefällt, dann beginnt man zu zischen und uns zu verwünschen; dann hat man keine Ohren mehr für unsere Botschaft, denn ein Gott auf Seinem Thron ist nicht ein Gott nach ihrem Geschmack." (C.H. Spurgeon in einer Predigt über Mt 20,15)

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