Jakobus - Die Bewährung des Glaubens (1)

Inhalt

Einleitung zum Jakobusbrief
Gliederung und Zusammenfassung von Kapitel 1
1,1-16  Versuchung, Bewährung, Belohnung 1,1        An Gottes Volk in der Zerstreuung
1,2-4     Die Einstellung zur Versuchung
1,5-8     Weisheit in der Versuchung für den Glaubenden
1,9-11   Weisheit bei Mangel und bei Überfluss
1,12      Bewährte Liebe und ihr Lohn
1,13-16  Was wir uns selbst zuzuschreiben haben
1,17-27  Wie Gottes Wort rettet 1,17-18  Was wir Gott zuzuschreiben haben
1,19-21  Gottes Wort hören und aufnehmen
1,22-25  Gottes Wort tun
1,26-27  Wahrer Gottesdienst ist praktisch

Einleitung zum Jakobusbrief

Versuchung, Leid, Schmerz, widrige Umstände - Gott läßt mannigfaltige Schwierigkeiten im Christenleben zu. Warum? Weil Er es gut mit uns meint und unser Wachstum will. Eine Lektion, die wir nicht begriffen haben, werden wir wiederholen müssen - das verlangt auch ein guter Lehrer, der für seinen Schüler das Beste will.
Wenn ein Christ mit Problemen und widrigen Umständen biblisch umgeht, wird er daran geistlich wachsen und vielfältigen Segen erfahren. Ansonsten wird er immer wieder dieselben Lektionen - in verschiedensten Variationen - wiederholen müssen.
Der Jakobusbrief zeigt uns diesen wichtigen Lernprozeß praktisch auf, schenkt uns dabei einen Blick in die überwältigende Liebe Gottes, die hinter den Kulissen wirkt, und legt auch den Weg dar, wie man im Glauben wächst, erhörliches Gebet lernt, mit schwierigen Aspekten seines Temperaments (z.B. der Neigung zum Zorn) oder mit einem losen Mundwerk umgeht.
Wachsen oder stolpern? - ausnahmslos jede schwierige Situation, in die wir gestellt werden, birgt beide Möglichkeiten in sich.

Diese Kurzbeschreibung findet sich am Rücken von Jay Adams' Buch "Wachsen oder stolpern?: geistliches Wachstum durch Probleme". Der englische Originaltitel dieses Buches über den Jakobusbrief - "Thirst for Wholeness" ("Durst nach Ganzheit/Vollständigkeit") - drückt noch besser aus, worum es in diesem Brief geht: um das Streben, ein vollständiger, reifer Christ zu sein, dessen Glaube durch Ausharren in der Versuchung bewährt ist:

Jak 1,2-4 Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet, indem ihr erkennt, daß die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt. Das Ausharren aber soll ein vollkommenes Werk haben, damit ihr vollkommen und vollendet seid und in nichts Mangel habt.

Es ist schwer, den Jakobusbrief zu gliedern, da er die Themen nicht Punkt für Punkt abhandelt, sondern "zirkulär" vorgeht: Er stellt ein Thema vor, entfaltet es und geht dann zu einem anderen Thema über - nur um immer wieder auf dasselbe Thema zurückzukommen, wobei er jedes Mal mehr Details hinzufügt. Rund um die Zentralthemen Versuchung, echter Glaube und Gottes Wort finden wir eine Reihe von wiederkehrenden Gegensätzen:

Zweifel - Glaube 
toter Glaube - wirkender Glaube
der vergessliche Hörer - der Täter 
unerhörtes Gebet - erhörtes Gebet
abirren, zu Fall kommen, - Bewährung, Ausharren
die eigene Begierde verführt zum Tod - Gottes Wort führt zum Leben
Unsauberkeit, Schlechtigkeit - Reinheit, Vollkommenheit
sündiges Reden  - Hören auf Gottes Wort
Zorn - Sanftmut
Streit, Egoismus - Friede, Nächstenliebe
Hochmut  - Demut
der Reiche  - der Niedrige, Arme
menschliche Weisheit - göttliche Weisheit 
Ansehen der Person, Richten  - Barmherzigkeit
Tod der Seele  - Errettung der Seele 
 
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Gliederung und Zusammenfassung von Kapitel 1

Kapitel 1 ist eine Art Einleitung für den Brief. Alle wichtigen Themen werden hier schon angeschnitten und im weiteren Verlauf des Briefes detailliert. Die Leser sollen sich durch Bewährung in der Versuchung zur Glaubensreife entwickeln, in welcher ein großer Lohn liegt. Gottes Wort wirkt nicht nur die neue Geburt sondern auch die Bewährung, wenn es nicht nur gehört sondern auch in die Tat umgesetzt wird.

1,1-16  Versuchung, Bewährung, Belohnung

1        An Gottes Volk in der Zerstreuung

Jakobus, der Knecht Christi schreibt an Gottes Volk, das in der Welt verstreut lebt.

2-4     Die Einstellung zur Versuchung

Sie sollen sich eine freudige Einstellung zu den verschiedenartigen Versuchungen des Lebens aneignen, da sie über die Bewährung und das Ausharren zur Reife im Glauben gelangen. 

5-8     Weisheit in der Versuchung für den Glaubenden

Wenn es ihnen in der Versuchung an Weisheit mangelt, sollen sie Gott darum bitten. Er wird sie dem Glaubenden, dessen Herz ganz bei Gott ist, gerne geben, nicht aber dem Zweifler, der in seiner Gesinnung nicht klar für Gott und seinen Willen entschieden ist.

9-11   Weisheit bei Mangel und bei Überfluss

Zwei Beispiele von Weisheit in verschiedenartigen Versuchungen: Der Bruder, der Mangel leidet, soll sich an seinem geistlichen Reichtum freuen. Der Bruder, der Überfluss hat, soll zur Demut gelangen, indem er sich die Vergänglichkeit seines Reichtums bewusst macht.

12      Bewährte Liebe und ihr Lohn

Glück und Leben sind dem verheißen, der sich aus Liebe zum Herrn in den Versuchungen bewährt. 

13-16  Was wir uns selbst zuzuschreiben haben

Niemand darf Gott dafür verantwortlich machen, wenn er zur Sünde versucht wird. Vielmehr ist es seine eigene Begierde, die ihn lockt. Durch seine Einwilligung entstehen Sünde und Tod.

1,17-27  Wie Gottes Wort rettet

17-18  Was wir Gott zuzuschreiben haben

Vom unveränderlich guten Gott dagegen kommt jede gute Gabe, im Besonderen sein Entschluss, den Lesern neues Leben zu schenken und die Durchführung dieses Entschlusses durch sein Wort mit dem Ziel, sie zu heiligen.

19-21  Gottes Wort hören und aufnehmen

Damit sein Wort in ihrem Leben zur Rettung wirksam wird, müssen sie es eifrig hören und sanftmütig annehmen, nachdem sie sich von jeder Unsauberkeit gereinigt haben.

22-25  Gottes Wort tun

Letztlich ist das Ziel des Hörens, dass sie Gottes Wort tun. Wenn sie das Gehörte beiseite schieben, ohne es zu tun, betrügen sie sich selbst, wenn sie es aber anhaltend tun, werden sie glücklich.

26-27  Wahrer Gottesdienst ist praktisch

Gott zu dienen heißt, sein Wort in die Tat umzusetzen, und das wiederum heißt im Besonderen, seine Zunge zu zügeln, den Hilflosen beizustehen und sich nicht mit der Welt zu beflecken. 

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1,1-16  Versuchung, Bewährung, Belohnung

1,1  An Gottes Volk in der Zerstreuung

Jakobus: Es gibt verschiedene Theorien über die Identität des Jakobus, aber die meisten bibeltreuen Ausleger meinen, dass es sich um den leiblichen Halbbruder des Herrn Jesus handelt. 

Zerstreuung: Die Diaspora begann im AT (durch Assyrer und Babylonier). In Apg 2,4 lesen wir von Juden aus aller Welt, die sich zu Pfingsten in Jerusalem einfanden. In Apg 8,1 lesen wir dann von einer Zerstreuung der christlichen Juden durch eine Verfolgungswelle.

Obwohl der Brief an Juden in der Zerstreuung geschrieben wurde, können wir uns in gewisser Hinsicht gut mit ihrer Situation identifizieren: Auch wir gehören zum Volk Gottes, das fern der (himmlischen) Heimat in der ganzen Welt verstreut lebt. Dass wir hier keine Heimat haben, sondern eine andere suchen, zeichnet uns als geistlich gesinnte Gotteskinder aus: 

Hebr 11,13-16 Diese alle sind im Glauben gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt, sondern sahen sie von fern und begrüßten sie und bekannten, daß sie Fremde und ohne Bürgerrecht auf der Erde seien. Denn die, die solches sagen, zeigen deutlich, daß sie ein Vaterland suchen. Und wenn sie an jenes gedacht hätten, von dem sie ausgezogen waren, so hätten sie Zeit gehabt, zurückzukehren. Jetzt aber trachten sie nach einem besseren, das ist nach einem himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden, denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.

1,2-4  Die Einstellung zur Versuchung

Weil unsere Heimat im Himmel ist, ist das Leben hier auf der Erde für uns nicht Endstation sondern Vorbereitung, Prüfung, Bewährung. Dadurch, dass wir sowohl über Unannehmlichkeiten als auch über Verlockungen des Augenblicks hinaussehen und den tieferen Sinn der Versuchungen erkennen - nämlich die Bewährung des Glaubens, das Ausharren bis zum Ende und den damit verbundenen Lohn sowohl hier in der Fremdlingschaft als auch einst in der Heimat - können wir eine positive Einstellung zu Bedrängnissen, Anfechtungen, Versuchungen zu entwickeln.

1,5-8  Weisheit in der Versuchung für den Glaubenden

Was ist mit Weisheit gemeint? Aus den Unterlagen der EZ-Bibelschule:

Das Thema der Sprüche ist die Weisheit. Ein Leben in der Weisheit kann nur in Gemeinschaft mit dem Gott der Weisheit geführt werden. Der Schlüssel zu dieser Gemeinschaft ist die Furcht des Herrn - "die Furcht Jahwes ist der Erkenntnis Anfang" (1,7).

Die Absicht des Buches ist es, das Leben mit der Weisheit Gottes zu meistern. Wie bereits erwähnt, liegt der Schlüssel dazu in der täglichen Gemeinschaft mit dem Gott der Weisheit durch "die Furcht Jahwes". Diese Furcht bedeutet nicht Angst, sondern vielmehr Respekt, Ergebenheit, usw. 

der allen willig (gr: haplos) gibt: einfältig, geradeheraus, einfach, lauter
Vgl. 2Kor 11,2-3: Das Gegenteil der Einfältigkeit (im besten Sinn) ist die Doppelherzigkeit (gr: dipsychos), die der Untreue, dem Ehebruch gleichkommt. Siehe auch Jak 4,1-10, wo das Wort dipsychos zum 2. Mal (im Jakobusbrief und überhaupt) vorkommt. Gott ist in seiner Gesinnung uns gegenüber geradlinig, lauter, ohne Hintergedanken. Wir dagegen sind oft zwiegespalten in unserer Gesinnung dem Herrn gegenüber: Wollen wir seinen Weg wirklich gehen, oder nicht? Sind wir demütig ihm gegenüber oder ist doch (verborgener) Hochmut da? Leben und beten wir, um ihm zu gefallen, oder um unsere Sehnsüchte zu befriedigen? Beten wir um Erkenntnis des Willens Gottes, um ihn auch wirklich zu tun, oder behalten wir uns die Option vor, unseren eigenen Willen zu tun, wenn uns sein Wille nicht gefällt?

Wer ist der Zweifler, der Mensch mit zwei Seelen, der Mensch geteilten Herzens, der einer hin- und hergetriebenen Meereswoge gleicht? Es ist derjenige, der der nicht von ganzem Herzen den Willen Gottes tun will, sondern hin- und herüberlegt, ob es nicht vielleicht doch besser ist, der Versuchung nachzugeben, bzw. den Angriffen auszuweichen, statt sich ihnen in glaubender Abhängigkeit vom Herrn zu stellen. Dazu passt auch das Bild des aufgewühlten Meeres von Jesaja:

Jes 57,20-21 Aber die Gottlosen sind wie das aufgewühlte Meer. Denn es kann nicht ruhig sein, und seine Wasser wühlen Kot und Schlamm auf. Kein Friede den Gottlosen! spricht mein Gott.

Der Zweifler ist der Mensch, der nicht von seiner Gottlosigkeit loslässt, und der daher in seinem geistlichen Leben unruhig, wankelmütig, unbeständig und ohne Frieden mit Gott und mit sich selbst ist. Er ist wie das Volk Israel, das auf beiden Seiten hinkte:

1Kö 18,21 Und Elia trat zum ganzen Volk hin und sagte: Wie lange hinkt ihr auf beiden Seiten? Wenn der HERR der wahre Gott ist, dann folgt ihm nach; wenn aber der Baal, dann folgt ihm nach! Aber das Volk antwortete ihm kein Wort.

Wer diese Einstellung hat, wird vom Herrn nichts empfangen. Er muss sich zuerst mit dem Herrn und seinem Willen "synchronisieren". Wenn er bereit ist, sich ganz auf Gottes Willen einzulassen, wird er auch Weisheit und Kraft dazu empfangen. Als positives Beispiel möchte ich Georg Müller anführen. Er beschreibt, wie er den Willen Gottes zu erbitten pflegte:

  1. Ich suche am Anfang, mein Herz in einen solchen Zustand zu bringen, dass es keinen eigenen Willen in einer gegebenen Angelegenheit hat. Neunzehntel des Problems mit den Leuten liegt genau hier. Neunzehntel der Schwierigkeiten sind überwunden, wenn unsere Herzen bereit sind, den Willen des Herrn zu tun, was immer dies auch sein mag. Wenn man wirklich in dieser Verfassung ist, ist es meistens nur ein kleiner Weg zur Erkenntnis dessen, was Sein Wille ist.
  2. Wenn ich dies getan habe, überlasse ich das weitere Resultat nicht den Gefühlen oder einem bloßen Eindruck. Wenn ich das tue, kann ich leicht großen Irrtümern unterliegen.
  3. Ich sehe den Willen des Geistes Gottes durch, oder in Verbindung mit, dem Wort Gottes. Der Geist und das Wort müssen miteinander verbunden sein. Wenn ich auf den Geist allein schaue, ohne das Wort, öffne ich mich ebenfalls für große Irrtümer. Wenn uns der Heilige Geist überhaupt führt, wird Er es gemäss der Schrift tun und niemals im Gegensatz dazu.
  4. Als nächstes ziehe ich die von Gott herbeigeführten Umstände in Betracht. Diese zeigen oftmals klar den Willen Gottes in Verbindung mit Seinem Wort und Geist.
  5. Ich bitte Gott im Gebet darum, mir Seinen Willen richtig zu zeigen.
  6. Auf diese Art, durch Gebet zu Gott, durch Studium des Wortes und durch Abwägung, komme ich zu einem wohlüberlegten Urteil, gemäss meinen besten Fähigkeiten und Erkenntnissen; und wenn mein Geist auf diese Art Frieden bewahrt, und es so nach zwei oder drei weiteren Bitten bleibt, fahre ich entsprechend weiter. In alltäglichen Angelegenheiten und bei Geschäften, die wichtigere Sachverhalte anbelangen, hat sich diese Methode immer als wirkungsvoll erwiesen.

1,9-11  Weisheit bei Mangel und bei Überfluss

Dies ist eine Anwendung der bisherigen Aussagen über die Themen Versuchung und Weisheit in der Versuchung. Weisheit ist es, die vielfältigen Lebenslagen wie z.B. Armut und Reichtum, Niedrigkeit und Hoheit, aus göttlicher, geistlicher Perspektive zu sehen.

Versuchung durch Reichtum: vgl.1Tim 6,6-10.17-19.

Mt 6,24 Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Lk 16,13 Kein Haussklave kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Man kann die beiden von Jakobus beschriebenen Situationen noch weiter verallgemeinern:

  1. Versuchung durch Mangel
    Das Rezept dagegen ist der Blick auf den Reichtum in Christus.
  2. Versuchung durch Überfluss
    Das Rezept dagegen ist der Blick hinter den äußeren Glanz, die Erkenntnis der Vergänglichkeit allen irdischen Reichtums. Wenn man sich auf ihn verlässt, ist man verlassen. Diese Erkenntnis lehrt Demut und führt somit wieder in die Nähe des Herrn (vgl. 4,7-10).

Siehe dazu auch Spr 30,8-9 im Vergleich mit Mt 6,13.

1,12  Bewährte Liebe und ihr Lohn

Glückselig: Wer will nicht glücklich werden? Jeder Mensch läuft auf die eine oder andere Weise seinem Glück nach. Jakobus beschreibt den Weg dorthin. Er liegt im Festhalten an der Liebe zu Gott trotz allem, was dagegen spricht, trotz allem, was uns davon ablenken will.

Versuchung erdulden - gleiches Wort wie Ausharren in V. 3.4

denen, die ihn lieben: Die Liebe zu Gott ist das, worum es geht (vgl. Mt 22,36-40). Sie wird ein Leben lang geprüft und geläutert. Ähnlich ist es mit der Ehe: Sie beginnt mit einem Versprechen. Wie viel es wert ist, zeigen die folgenden Jahre mit ihren Versuchungen durch Überfluss, durch Mangel, durch Tragödien, durch Abnützung und Routine.

V. 12 schließt den Gedanken, der mit V. 2 begann: Wir sollen uns über die verschiedenen Versuchungen freuen, denn sie bieten die Chance zur Bewährung, zum Reifen, zum Leben in Fülle (jetzt und einst). Schlüssel zu dieser Bewährung:

  1. die bewusste Abhängigkeit von Gott in ganzherzigem Glauben,
  2. die Betrachtung aller Lebensumstände vom Ende her,
  3. die Grundhaltung der Liebe zu Gott.

1,13-16  Was wir uns selbst zuzuschreiben haben

Wer ist schuld, wenn wir fallen?

Wenn es so ist, dass Versuchungen gott-gewollte Mittel zur Bewährung seiner Kinder sind - ist Gott dann nicht schuld, wenn wir in Versuchungen versagen und zu Fall kommen? Jakobus hat ein klares Nein auf diese Frage. Gott ist absolut rein, keine böse Absicht hat bei ihm Platz, daher versucht er auch niemanden zum Bösen. Die biblisch-göttliche Betrachtungsweise ist folgende:

Wir sollten uns dieser biblischen Logik beugen, statt gedankliche Verrenkungen zu machen, um die Spannung zwischen Gottes Souveränität und unserer Verantwortung aufzulösen.

Eine teuflische Kette: Von der Begierde zum Tod

Bei jedem Sünden-Fall handelt es sich um eine Kettenreaktion, die unterbrochen werden kann:

  1. Die eigene Begierde, das Vermächtnis des Ur-Sündenfalles, der alte Mensch zieht uns hin zu einer Entscheidung gegen Gottes Willen, zu einer Handlung des Unglaubens und der Unabhängigkeit von Gott. Der alte Mensch will, dass wir seiner irdisch gesinnten Logik folgen: die Sünde ist begehrenswert, die Befriedigung der Begierde lohnt sich, sie bringt Frieden in die vom Verlangen aufgestörte Seele (daher "Befriedigung"), sie macht uns glücklich.
     
  2. Um zur Sünde zu führen braucht es einen Willensakt unsererseits. Jakobus macht uns erbarmungslos verantwortlich für jedes Versagen. Erst unsere Entscheidung für die Sünde - im Gegensatz zur Verleugnung der Begierde (siehe Tit 2,12) - führt zur Geburt des sündigen Handlung. Obwohl es also einerseits stimmt, dass wir in Sünde gebunden sind (vgl. Röm 7,18-20), sind wir doch so verantwortlich für unsere sündigen Handlungen wie Väter verantwortlich sind für die Zeugung ihrer Kinder.
     
  3. Die Sünde reift heran und gebiert selbst: und zwar den Tod. Wer aber zeugt den Tod? Ich denke, es ist wiederum unser Wille, der die Sünde gewähren und reifen lässt, der in sündigen Handlungen bleibt und quasi in einem ehelichen Verhältnis mit der Sünde lebt. Diese Haltung führt zum geistlichen und evtl. auch zum leiblichen Tod, denn "der Lohn der Sünde ist der Tod" (Röm 6,23).

Die Verlockung durch die Sünde und unsere Einwilligung wird im Bild der Verführung eines Mannes durch eine Frau dargestellt. Siehe dazu Spr 5 und Spr 7.

Der Kampf gegen die Verführung

Es gibt mehrere Ausstiegspunkte aus diesem Zug in den Tod:

  1. Die erste Chance, der Sünde zu entgehen ist, der Verführung (d.h. der Begierde) aus dem Weg zu gehen:
     
    Spr 5,8
    Halte fern von ihr deinen Weg
    und komm ihrer Haustür nicht nah!

    Siehe auch Spr 7,6-8: Der Weise beobachtet die Szene der Verführung von seinem Fenster aus. Er schaut durch ein Gitter und ist durch dieses geschützt. Der unerfahrende Jüngling ohne Verstand begibt sich in die Nähe der Verführerin und geht ihr auch prompt in die Falle.
    Wenn wir weise sind, gehen wir der Verführung aus dem Weg. Es gehört zum Reifeprozess, zum geistlichen Erwachsenwerden, dass wir unsere Schwächen und Angriffspunkte erkennen und lernen vorzubeugen. Wo ist der erste Schritt am Weg zur Sünde. Was war der Auslöser? Wie kann ich ihn vermeiden? Um sich solche Fragen zu stellen und auch konsequent zu handeln, bedarf es eines ganzherzigen Entschlusses, sich nicht verführen lassen zu wollen. Jedes Liebäugeln mit der Sünde wird früher oder später zum Fall führen.

    Spr 7,25: Nicht einmal verirren darf man sich dorthin, wo die Begierde lauert. Dazu muss man gründlich vorbeugen und braucht viel Selbstdisziplin (siehe 1Kor 9,26-27)
      

  2. Wenn man der Verführung nicht ausweichen kann, muss man sie mit der richtigen Sichtweise betrachten:
     
    Spr 6,25
    Begehre nicht in deinem Herzen ihre Schönheit,
    laß sie dich nicht mit ihren Wimpern fangen!
     
    Auf keinen Fall darf man sich ihr Angebot unterbreiten lassen und ihre Argumente anhören, denn wenn man sich darauf einlässt, ist die Sache so gut wie gelaufen:

    Spr 7,13
    Da greift sie ihn, da küßt sie ihn,
    wird unverschämt und sagt zu ihm: ...

    Spr 7,21-23
    Sie verleitet ihn durch ihr vieles Überreden,
    mit ihren glatten Lippen reißt sie ihn fort.
    Er folgt ihr augenblicklich, so wie ein Stier zur Schlachtung geht,
    wie in die Fessel hüpft der Hirsch, -

    Man muss durch die richtige Betrachtungsweise zu einem entschiedenen Nein, zu einer Verleugnung der ungöttlichen Begierde (Tit 2,12) finden. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man den Herrn liebt (vgl. V. 12). Ohne Liebe zu ihm, kann man der Verführung auf Dauer nicht widerstehen.
     
  3. Ist man gefallen, hat man sich zur Sünde verführen lassen, so gilt es, die Beziehung so schnell wie möglich zu beenden, statt in der Sünde zu verharren.

Wenn wir nicht rechtzeitig aussteigen, so ist unser Schicksal gewiss:

Spr 7,26-27
Denn viele sind die Erschlagenen, die sie gefällt hat,
und zahlreich alle, die sie ermordete.
Ein Weg zum Scheol ist ihr Haus,
der hinabführt zu den Kammern des Todes.

Spr 5,8-13
Halte fern von ihr deinen Weg
und komm ihrer Haustür nicht nah!
Sonst gibst du andern deine Lebensblüte
und deine Jahre einem Grausamen.
Sonst sättigen Fremde sich noch an deinem Vermögen,
an deinem mühsam Erworbenen in eines Ausländers Haus;
und du stöhnst zuletzt, wenn dein Fleisch und dein Leib dahinschwinden,
und sagst: Ach, wie konnte ich nur hassen die Zucht,
wie konnte mein Herz nur die Mahnung verschmähen,
daß ich nicht gehorchte der Stimme all derer, die mich unterwiesen,
daß ich mein Ohr meinen Lehrern nicht zuneigte!

Wenn man den von Jakobus beschriebenen Mechanismus der Verführung (nämlich das Locken mit einem Köder) betrachtet, erkennt man folgenden wichtigen Aspekt der göttlichen Weisheit:
Weisheit ist, die Falle zu sehen und nicht nur den Köder (siehe auch Spr 1,17).

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1,17-27  Wie Gottes Wort rettet

1,17-18  Was wir Gott zuzuschreiben haben

Wie ist es möglich, dass wir mit solch einer unentrinnbaren Neigung zur Sünde, wie sie allen Menschen seit Adam anhaftet, nicht scheitern, sondern ausharren und uns bewähren? Es ist dadurch möglich, dass Gott

  1. einen freien, unabänderlichen Entschluss gefasst hat, uns ihm ähnlich, nämlich heilig zu machen,
  2. uns mit jeder guten Gabe beschenkt, die wir brauchen, um dieses Ziel erreichen zu können:
    • die grundsätzliche Erneuerung durch die Wiedergeburt (V. 18),
    • jede weitere Gabe, die wir benötigen, um seiner Absicht gerecht zu werden. 

Gott der Geber

Gott ist der große Geber. Was immer wir ihm geben und je mehr wir ihm geben - wir werden immer die Beschenkten bleiben und er der Geber. Wir dürfen niemals in den Irrtum verfallen, Gott benötige uns, er sei auf unsere Gaben und Opfer angewiesen - im Gegenteil: Wir benötigen ihn uns sein guten Gaben.

Der Appell von David Livingstone, dem großen Pionier der Afrika-Mission, an die Studenten der Cambridge Universität im Jahr     1857 macht deutlich, was es mit unseren "Opfern" für Gott auf sich hat:

Was mich betrifft, habe ich niemals aufgehört mich zu freuen, dass Gott mich zu solch einem Dienst berufen hat. Die Leute sprechen von dem Opfer, das ich brachte, indem ich so viel meines Lebens in Afrika verbrachte. ... Ist das ein Opfer, was seinen eigenen gesegneten Lohn bringt in gesunder Betätigung, dem Bewusstsein Gutes zu tun, dem Frieden der Gedanken und der strahlenden Hoffnung einer herrlichen Zukunft nach diesem Leben? Weg mit dem Wort, wenn man es so betrachtet, und weg mit solch einem Gedanken! Es ist ganz bestimmt kein Opfer. Sagt lieber, es ist ein Vorrecht. Angst, Krankheit, Leiden oder Gefahr hie und da, unter Verlust der üblichen Annehmlichkeiten und Freuden des Lebens, mögen uns aufhalten und den Geist zum Wanken bringen und die Seele zum Sinken; aber das soll nur für einen Augenblick so sein. All das ist nichts im Vergleich zu der Herrlichkeit, die in und für uns offenbart werden wird. Ich habe niemals ein Opfer gebracht.

Nach seinem Willen geboren

Uns selbst überlassen gehen wir einen vorgezeichneten Weg in den geistlichen Tod. Aber nach seiner großen Barmherzigkeit hat er uns wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung (1Petr 1,3). Zu dieser Wiedergeburt haben wir soviel beigetragen wie ein Kind zu seiner Geburt, wie ein Toter zu seiner Auferstehung. Gott musste uns erst die geistlichen Augen öffnen (2Kor 4,3-6) und einen Sinn für geistliche Dinge geben (1Kor 2,14), denn sonst könnten wir mit der Botschaft des Evangeliums nichts anfangen. Er musste uns, die wir tot waren in unseren Sünden und Übertretungen, erst lebendig machen (Eph 2,4-10). So wie alles, was zur Sünde und zum Tod führt, aus uns kommt, so kommt alles Gute, das mit dem neuen Leben zusammenhängt, aus Gott. Und dieses Gute wirkt er allein aus seiner Barmherzigkeit, Gnade und Liebe uns gegenüber (Eph 2,4), die aus seinem freien Entschluss kommen und keine Begründung in uns haben; siehe auch Joh 1,13; Eph 1,5.

Die Wiedergeburt aus Gottes freiem Entschluss steht im Gegensatz zur Geburt der Sünde und des Todes, die durch Verführung zustande kommt.

Das ist die herrliche biblische Lehre über die Erwählung. Da Gottes Ja zu seinen Erwählten aus seinem freien Entschluss kommt und nicht in unseren Eigenschaften oder Werken begründet ist, können wir sagen:

Röm 8,31-34 ... Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns? Er, der doch seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken? Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt. Wer ist, der verdamme? Christus Jesus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet.

Was ist nun mit Bedrängnis, Angst, Verfolgung, Hungersnot, Blöße, Gefahr oder Schwert im Leben der Erwählten (Röm 8,35)?

Röm 8,37 Aber in diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat.

Aufgrund von Gottes Liebe zu uns, aufgrund des Entschlusses, den er vor Grundlegung der Welt gefasst und zur bestimmten Zeit ausgeführt hat, schenkt er uns in den täglichen Anfechtungen alles, was wir benötigen, um überwinden zu können (siehe auch 2Petr 1,3).

Die Erstlingsfrucht

Was genau ist die Absicht, die Gott in Bezug auf diejenigen hat, denen er neues Leben geschenkt hat? Dass sie in gewissem Sinn eine Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien. In welchem Sinn?

Durch das Wort der Wahrheit geboren

In zweifacher Hinsicht wurden wir durch Gottes Wort wiedergeboren:

  1. Durch sein schöpferisches Wort erschuf er in uns neues Leben (siehe auch 2Kor 4,6).
  2. Er verwendete dazu sein geschriebenes, gepredigtes und geredetes Wort des Evangeliums (siehe auch 1Kor 4,15; 1Petr 1,23-25).

1,19-21  Gottes Wort hören und aufnehmen

Die Beziehung der Wiedergeborenen zum Wort Gottes

Weil wir durch das Wort der Wahrheit geboren bzw. gezeugt wurden, sollen wir diesem Wort den richtigen Stellenwert in unserem Leben geben (ähnlich wie die Funktion der Eltern mit der Zeugung und Geburt nicht erfüllt ist, sondern sie die wichtigsten Bezugspersonen für das heranwachsende Kind sind):

  1. Das Wort hören (und verstehen)
  2. Das Wort auf- bzw. annehmen
  3. Das Wort tun (V. 22-25)
1. Gesagt ist noch nicht gehört.
Gehört ist noch nicht verstanden.
 V. 19   verstehendes Hören
2. Verstanden ist noch nicht einverstanden.  V. 21   sanftmütiges Annehmen
3. Einverstanden ist noch nicht angewandt.
Angewandt ist noch nicht beibehalten.
 V. 22 
 V. 25 
 anhaltendes Tun
 

Die Vorbereitung zur Annahme des Wortes

Wir sollen uns auf die Auf- bzw. Annahme des Wortes vorbereiten, indem wir "alle Unsauberkeit und das Übermaß der Schlechtigkeit" (Rev. Elberfelder) ablegen; Schlachter übersetzt: "allen Schmutz und Vorrat von Bosheit". Das bezieht sich sicher auch auf die vorangehenden Verse, wo es um die Vermeidung von sündigem Reden und von Zorn geht (sowohl Gott gegenüber als auch dem Nächsten gegenüber). Wir müssen uns vor Gott demütigen und betend umkehren:

UMKEHR
weg von  hin zu
unseren vielen eigenen Gedanken, Plänen und Worten    seinen Gedanken, Plänen und Worten
unserer zornigen Auflehnung gegen seinen Willen sanftmütiger Annahme seines Willens
weg von unseren überflüssigen Worten und
von unserem Zorn gegen unsere Nächsten
sanftmütigem Zuhören

Weil die Sünde nach der Bekehrung nicht aus unserem Leben ausgerottet ist, müssen lernen, mit dem Überrest, dem noch verbleibenden Vorrat richtig umzugehen, und zwar, indem wir ihn ablegen:

Kol 3,8 Jetzt aber legt auch ihr das alles ab: Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung, schändliches Reden aus eurem Mund.

1Petr 2,1-2 Legt nun ab alle Bosheit und allen Trug und Heuchelei und Neid und alles üble Nachreden, und seid wie neugeborene Kinder begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch - damit ihr durch sie wachset zur Rettung -

Die Wirkung des angenommenen Wortes

Es kann unsere Seelen erretten! So wie das Wort bei der Wiedergeburt unsere Rettung vor der Schuld und Strafe der Sünde wirkte, so kann es im Leben eines Wiedergeborenen tagtäglich die Rettung vor der Herrschaft der Sünde wirken. Das ist der Weg der Heiligung durch Gottes Wort:

Joh 8,31-32 Jesus sprach nun zu den Juden, die ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

2Tim 3,15 und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die Kraft haben, dich weise zu machen zur Rettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist.

1,22-25  Gottes Wort tun

Das Ziel der Wort-Aufnahme

Die Anwendung des Wortes ist das Ziel des Prozesses der Wort-Aufnahme: vom verstehenden Hören über das sanftmütige Annehmen hin zum beständigen Tun. Wenn wir dieses Ziel verfehlen, war alles umsonst.

In den Spiegel schauen

Über das Wort Gottes nachzusinnen, ist, wie wenn man sich im Spiegel betrachtet. Wir sehen uns selbst im Lichte Gottes. Was machen wir mit dieser Erkenntnis? Sie (bewusst) vergessen, beiseite schieben oder dabei bleiben, indem wir dieser Erkenntnis die entsprechenden Taten folgen lassen?

Walvoord:

Der aufmerksame und gründliche Blick, gekoppelt mit der Bereitschaft zu handeln, ist der Schlüssel zu geistlicher Stärke und zunehmender Reife. Das Wort für "durchschauen", parakypsas, bedeutet wörtlich "sich niederbeugen", um etwas aus der Nähe genau zu betrachten.

Das vollkommene Gesetz der Freiheit

Hier werden drei Aussagen über das Wort Gottes gemacht:

  1. Es ist vollkommen.
  2. Es ist ein Gesetz.
  3. Es bringt Freiheit.

1. vollkommen

Es ist das vollkommene Wort Gottes, das den Christen zur Vollkommenheit, d.h. zur Reife führt. Es braucht

um die Vollkommenheit des Wortes zu erkennen und zu schätzen. Siehe auch Ps 19,8-12.

2. Gesetz

Christen sind zwar nicht unter dem Gesetz des Alten Bundes aber sie sind nicht ohne Gesetz, sondern unter dem Gesetz Christi, d.h. sie haben ihr Gewissen an seine Gebote gebunden (1Kor 9,21).

3. Freiheit

Gesetz der Freiheit: Was wie ein Widerspruch klingt, ist wahr bei Gott. Es gibt keine völlig losgelöste Freiheit. Es gibt nur Freiheit gegenüber Gott und Gebundenheit in der Sünde, oder Freiheit gegenüber der Sünde und Gebundenheit an Gottes Wort. Ersteres ist furchtbare Sklaverei, letzteres ist glückselige Freiheit. Siehe auch Joh 8,31-32.

Dabei bleiben - der Weg zur Glückseligkeit

W. MacDonald:

Im Gegensatz dazu [d.h. zum vergesslichen Hörer] steht der Mensch, der in das Wort Gottes hineinschaut und es dann gewohnheitsmäßig in die Praxis umsetzt. Sein besinnliches, nachdenkendes Schauen hat in seinem Leben ganz praktische Auswirkungen. Für ihn ist die Bibel ein »vollkommenes Gesetz der Freiheit«. Ihre Vorschriften sind für ihn keine Last. Sie sagt ihm nur, was seine neue Natur gerne tut. Wenn er gehorcht, findet er die wahre Freiheit, Freiheit von menschlichen Überlieferungen und fleischlichen Überlegungen. Die Wahrheit macht ihn frei. Er ist ein Mensch, der wirklich aus der Bibel Nutzen zieht. Er vergißt nicht, was er gelesen hat. Er ist bestrebt, es in seinem alltäglichen Leben umzusetzen. Sein einfacher, kindlicher Gehorsam schenkt seiner Seele unbezahlbare Segnungen. Ein solcher Mensch »wird in seinem Tun glückselig sein«.

1,26-27  Wahrer Gottesdienst ist praktisch

Der Praxistest für Wiedergeborene

Unmittelbar auf die Ausführungen über das Tun des Wortes folgen praktische Beispiele, wie es typisch ist für Jakobus. Woran erkennt man wahren Gottesdienst, wahre Frömmigkeit, wahres Glaubensleben (das hier von Jakobus verwendete Wort threskeia bezeichnet den äußerlichen Ausdruck der inneren Frömmigkeit eusebeia)?

  1. An einer gezügelten Zunge.
  2. An der praktischen Hilfe gegenüber den Hilflosen und Bedrängten.
  3. Am Reinhalten von weltlicher Befleckung.

Verse 26-27 können unter dem Aspekt der Selbstprüfung gesehen werden: Wenn wir wirklich aus Gott geboren sind, haben wir sein "Erbgut". Dieses muss zum Ausdruck kommen. Wir sollen uns also selbst prüfen: Sind wir wirklich aus Gott geboren? Unsere Gefühle allein können diese Frage nicht entscheiden. Vielmehr sind wir aufgefordert, dies anhand der obigen Kennzeichen zu überprüfen. Diese Selbstprüfung ist äußerst wichtig, denn wer sie verabsäumt, betrügt sich vielleicht selbst. Vielleicht gehört er zu denen, die meinen, sie seien wiedergeboren und dienen Gott, obwohl das nicht der Sicht Gottes entspricht. Es wäre fatal, in diesem Selbstbetrug zu verharren. Die Selbstprüfung ist die Chance umzukehren:

Wieso kennzeichnet Jakobus den wahren Gottesdienst gerade durch diese drei Merkmale? Könnte man nicht andere oder weitere Merkmale aufzählen?

Ein Ansatz zur Gliederung des Briefes

Man kann V. 18 als Schlüssel zum Verständnis der Bedeutung dieser drei Punkte und als Grundlage zur Gliederung des Briefes verwenden:

Jak 1,18
Die Grundlage
Jak 1,26-27
Die Anwendung
(kurz)
Jak 2 - 5
Die Anwendung
(detailliert)
Gottes Barmherzigkeit, sein Entschluss, uns, die Verlorenen, Hilflosen zu retten Weil Gott barmherzig ist, sollen wir es auch sein (1,27). Vgl. Ps 68,5 Unsere Barmherzigkeit: Kap. 2
Gott wirkt durch sein Wort der Wahrheit. Weil sein Wort heilig und lebensbringend ist, sollen es auch unsere Worte sein (1,26). Unsere Worte: Kap. 3,1-12
Gottes Ziel mit uns: unsere Heiligung Weil sein Ziel unsere Heiligung ist, sollen wir aktiv daran mitarbeiten (1,27). Unsere Heiligung: Kap. 3,13 - 5,6 

Die Welt

Was meint Jakobus mit Welt? Er meint nicht Gottes Schöpfung im Allgemeinen, sondern Folgendes (wie auch Johannes in 1Jo 2,15-17):

Die Welt ist das ganze menschliche System,

Die Welt ist alles, was der Herrschaft Jesu über unser Leben widerspricht. 

1Jo 2,15-16 Liebt nicht die Welt noch was in der Welt ist! Wenn jemand die Welt liebt, ist die Liebe des Vaters nicht in ihm; denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches und die Begierde der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht vom Vater, sondern ist von der Welt.

Auf Basis dieser Stelle könnte man es auch so ausdrücken: Die Welt ist alles, was nicht dem Erbmaterial des neuen Menschen und somit nicht dem Vater entspricht, sondern dem Erbe des alten, gottlosen Menschen. Johannes verwendet hier dasselbe Wort Begierde bzw. Lust wie Jakobus in V. 14. Sich von der Welt unbefleckt zu halten, bedeutet somit, sich in der Versuchung durch die Begierde nicht verführen zu lassen, sondern die Versuchung zu erdulden, auszuharren, sich zu bewähren.

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