Jakobus - Die Bewährung des Glaubens (2)

Inhalt

Gliederung und Zusammenfassung von Kapitel 2
2,1-13  Unrechte Beurteilung und rechte Nächstenliebe 2,1-4       Falsche Maßstäbe bei der Beurteilung von Menschen
2,5-7       Arme und Reiche aus Gottes Sicht
2,8-11     Die Nächstenliebe ist unverzichtbar
2,12-13   Barmherzigkeit für die Barmherzigen
2,14-26  Toter und lebendiger Glaube 2,14-17   Glaube ohne tätige Nächstenliebe ist tot
2,18-20   Glaube ohne Werke - Glaube aus Werken
2,21-26   Beispiele für Rechtfertigung aus Glaubenswerken

Gliederung und Zusammenfassung von Kapitel 2

In Kapitel 2 behandelt Jakobus ein Hauptthema des Briefes im Detail, das er in Kapitel 1 angerissen hat:
Frage: Wie geht lebendiger, rettender Glaube mit der Not der Bedürftigen um?
Antwort: Er begegnet ihr in Werken der Barmherzigkeit und Nächstenliebe.

2,1-13  Unrechte Beurteilung und rechte Nächstenliebe

1-4     Falsche Maßstäbe bei der Beurteilung von Menschen

An Jesus Christus Gläubige sollen andere Menschen nicht nach falschen Maßstäben beurteilen, indem sie z.B. in der Versammlung einen Reichen gegenüber einem Armen bevorzugt behandeln.

5-7     Arme und Reiche aus Gottes Sicht

Gott hat ja die Armen in den Augen der Welt zum Reichtum des Glaubens erwählt. Die Reichen dieser Welt dagegen sind es, die den Gläubigen Gewalt antun und den Herrn lästern.

8-11   Die Nächstenliebe ist unverzichtbar

Wer nicht den Nächsten liebt wie sich selbst, ist ein Gesetzesübertreter. Es reicht, ein einziges Gebot zu übertreten, um am ganzen Gesetz schuldig zu sein.

12-13  Barmherzigkeit für die Barmherzigen

Die Gläubigen sollen sich selbst dem Gesetz der Freiheit verantwortlich sehen und entsprechend barmherzig reden und handeln, sonst haben sie auch selbst im Gericht keine Barmherzigkeit zu erwarten.

2,14-26  Toter und lebendiger Glaube

14-17  Glaube ohne tätige Nächstenliebe ist tot

Es gibt keinen rettenden, d.h. echten Glauben ohne Werke. Wenn jemand kalt bleibt angesichts der materiellen Not seiner Geschwister, so ist sein Glaube tot.

18-20  Glaube ohne Werke - Glaube aus Werken

Glaube an Gott ohne Werke ist nutzlos. Auch die Dämonen glauben an die Existenz Gottes. Dem gegenüber steht Glaube, der aus Werken sichtbar wird.

21-26  Beispiele für Rechtfertigung aus Glaubenswerken

Am Beispiel Abrahams sehen wir, dass nicht der Glaube ohne Werke rechtfertigt, sondern dass der wahre Glaube Werke hervorbringt, mit diesen zusammen wirkt und durch sie vollendet wird. Ebenso ist Rahab aus Werken gerechtfertigt worden. Glaube ohne Werke ist tot wie der Leib ohne Lebensgeist.


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2,1-13  Unrechte Beurteilung und rechte Nächstenliebe

Jakobus fordert die Leser auf, in ihrer Glaubensausübung nicht die Reichen gegenüber den Armen zu bevorzugen,

  1. denn sonst sind sie Richter mit bösen Überlegungen (V. 4),
  2. denn Gott hat die vor der Welt Armen für sein Reich erwählt (V. 5),
  3. denn die Reichen verfolgen die Christen und schmähen Christus (V. 6-7),
  4. denn sie stehen unter dem Gesetz der Nächstenliebe, das ihnen Christus ihr König gegeben und vorgelebt hat (V. 8),
  5. denn sonst sind sie Übertreter des ganzen Gesetzes (V. 9-11),
  6. denn sie werden selbst ohne Barmherzigkeit gerichtet, wenn sie nicht barmherzig sind (V.12-13).

2,1-4  Falsche Maßstäbe bei der Beurteilung von Menschen

Jakobus greift hier eine klare Aussage des Alten Testaments auf: Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person, d.h. keine Bevorzugung aufgrund von Herkunft, Macht oder Reichtum; Gott ist nicht bestechlich (5Mo 10,17; 2Chr 19,7; Hi 34,19). Daher sollen sich auch die Menschen nicht von solchen Dingen beeindrucken oder bestechen lassen (3Mo 19,15; Spr 24,23):

5Mo 10,17-19  Denn der HERR, euer Gott, er ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der große, mächtige und furchtbare Gott, der niemanden bevorzugt und kein Bestechungsgeschenk annimmt, der Recht schafft der Waise und der Witwe und den Fremden liebt, so daß er ihm Brot und Kleidung gibt. Auch ihr sollt den Fremden lieben; denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen.

Dies wird sowohl im Alten Testament als auch im Neuen (siehe z.B. Jesu Aussagen dazu: Lk 1,50-54; 4,18-19; 5,29-32; 4,18-19; 5,29-32) deshalb so betont, weil es ein so tief verwurzeltes menschliches Verhalten ist, Mitmenschen nach äußeren Werten wie Reichtum, gute Kleidung, gesellschaftliche Stellung, Macht, aber auch Klugheit, Schönheit, Begabung, Unterhaltsamkeit usw. zu beurteilen und zu behandeln. Instinktiv behandeln wir diejenigen bevorzugt, von denen auch wir uns in irgendeiner Weise Vorteile erhoffen oder die wir für "wertvoller" halten. Diese Berechnung läuft oft unterbewusst ab, so dass wir uns unserer Sünde in diesem Bereich gar nicht bewusst sind. Deshalb wird Jakobus so deutlich und bringt auch ein so anschauliches Beispiel. Wie groß ist die Versuchung, dem fein gekleideten Menschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und einen besseren Platz anzubieten als jemandem in schmutziger Kleidung, der womöglich auch übel riecht. Am liebsten wäre uns, er würde unsere Räumlichkeiten meiden. Und es mangelt uns auch nicht an guten Ausreden für diese Einstellung: Schließlich haben wir schon unsere schlechten Erfahrungen mit "solchen Leuten" gemacht. Wir meinen zu wissen, dass es ihnen gar nicht um Gott sondern nur um ihre materiellen Vorteile geht: Im besten Fall wollen sie einfach bei uns essen und trinken, im schlimmsten Fall bestehlen sie uns.

Dieses typisch menschliche Verhalten gibt es seit dem Sündenfall, und es wird solange da sein, wie Menschen von Sünde durchdrungen sind. In jeder Zeit, in jeder Gesellschaft gibt es das von Gott so verurteilte "Ansehen der Person". Wir müssen uns prüfen, wo es sich bei uns eingenistet hat und müssen uns vor Gott diesbezüglich demütigen. 

2,5-7  Arme und Reiche aus Gottes Sicht

In V. 5 stehen zwei bemerkenswert Aussagen:

Es stellen sich folgende Fragen: Erben sie das Reich, weil Gott sie dazu auserwählt hat oder weil sie ihn lieben? Hat Gott sie auserwählt, weil sie ihn lieben, oder lieben sie ihn, weil er sie auserwählt hat? Die Bibel lehrt klar, dass Gott uns zuerst geliebt hat und dass er uns nicht aufgrund unserer Liebe zu ihm erwählt hat, sein Reich zu erben, sondern dass vielmehr seine Erwählung und Liebe der Grund sind, warum wir ihn lieben können. Gott zu lieben, ist zwar das größte und erste Gebot (Mt 22,37-38), aber in unserem natürlichen Zustand, tot in unseren Sünden und Übertretungen, sind wir unfähig zu dieser Liebe. Erst durch das Wirken des Heiligen Geistes werden wir zu dieser Liebe fähig.

Wie schon in Kap. 1,9-11 wird die weltliche Wertigkeit von reich und arm vom geistlichen Blickwinkel aus auf den Kopf gestellt: Die bei den Menschen verachtet sind, sind bei Gott erwählt. Die bei den Menschen angesehen sind, sind bei Gott aufgrund ihrer Gottlosigkeit verworfen. Wie in Kapitel 1 lehrt Jakobus seine Leser göttliche Weisheit, indem er sie den äußeren Schein (weltliche Perspektive) durchschauen und den dahinterliegenden Wert (Gottes Perspektive) erkennen lässt. 

1Kor 1,26-29 Denn seht, eure Berufung, Brüder, daß es nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Edle sind; sondern das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt, damit er das Starke zuschanden mache. Und das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott auserwählt, das, was nicht ist, damit er das, was ist, zunichte mache, daß sich vor Gott kein Fleisch rühme.

2,8-11  Die Nächstenliebe ist unverzichtbar

Niemand kann sagen: "Mir liegt die Nächstenliebe nicht, es ist nicht meine Gabe." Die Nächstenliebe ist nicht eine von mehreren möglichen Gaben, die man als Gotteskind empfängt, sie ist vielmehr in der neuen Natur, im Erbgut des Gotteskindes verankert und muss zum Ausdruck kommen. Sie mag mangelhaft sein, aber sie muss da sein.

Die Nächstenliebe ist auch nicht eines von vielen Geboten, dessen Übertretung "nicht so tragisch" ist. Sie ist die Zusammenfassung, das Wesen aller Gebote, die die zwischenmenschlichen Beziehungen regeln. Jeder hat zwar seine Schwächen und jeder kommt in seiner Heiligung zu kurz, der eine in diesem Bereich, der andere in jenem Bereich. Aber die Nächstenliebe ist für alle gleich grundlegend und wichtig. Wir müssen uns selbst prüfen und fragen, wie es damit in unserem Leben bestellt ist. Denn wenn wir sie nicht üben, können wir dem Herrn nicht gefallen:

Röm 13,8-10 Seid niemand irgend etwas schuldig, als nur einander zu lieben! Denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn das: «Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren», und wenn es ein anderes Gebot gibt, ist in diesem Wort zusammengefaßt: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.

Gal 5,14 Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.»

Wie hängen Liebe, Nächstenliebe und Barmherzigkeit zusammen? Liebe ist der allgemeinste Begriff. Wir sollen Gott lieben und unsere Nächsten. Dazu gehört sowohl die Liebe zu unseren Eltern, Kindern, Ehepartnern, Freunden und Geschwistern als auch die Liebe zu Menschen in Not. Die Liebe letzteren gegenüber äußerst sich in der Barmherzigkeit. Nächstenliebe kann man zwar ganz allgemein als Liebe zu den Menschen verstehen, die Erklärung die uns der Herr Jesus in Lk 10,25-37 gibt, zeichnet sie aber eher als Synonym für Barmherzigkeit aus. Jedenfalls ist die Barmherzigkeit gegenüber den Hilflosen der Echtheitstest für die Nächstenliebe.

2,12-13  Barmherzigkeit für die Barmherzigen

In seiner Betonung der Barmherzigkeit folgt Jakobus ganz der Lehre seines Herrn:

Mt 25,45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr auch mir nicht getan.

Mt 5,7 Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.

Mt 7,1-2 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr meßt, wird euch zugemessen werden.

Barmherzigkeit hat verschiedene Aspekte. Ein Aspekt ist, dem Hilflosen zu helfen. Ein anderer Aspekt ist, denen zu vergeben, die an uns schuldig geworden sind:

Mt 6,15 wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater eure Vergehungen auch nicht vergeben.

Die Geschichte in Mt 18,21-35 zeigt

Weil Gott uns unsere große Schuld erlassen hat, sollen wir dem Bruder die vergleichsweise minimale Schuld vergeben. Wenn wir dies nicht tun, haben wir von Gott ein unbarmherziges Gericht zu erwarten.

Wie viel Barmherzigkeit werden wir im Gericht nötig haben? Wie oft kommen wir zu Fall, in wie vielen Bereichen unseres Lebens hat die Heiligung noch kaum Fortschritte gemacht? Daran sollten wir denken, wenn wir der Not des Nächsten begegnen und wenn es darum geht, dem Nächsten zu vergeben. 

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2,14-26  Toter und lebendiger Glaube

In diesem Abschnitt geht es um die entscheidende Frage: Wie kann man echten, lebendigen, rettenden Glauben von unechtem, totem, nutzlosen Glauben unterscheiden? Alec Motyer schreibt dazu [1]:

Jakobus verwendet vier Veranschaulichungen, um echten Glauben zu definieren:

  1. die armselig gekleideten und hungrigen Geschwister (15-17),
  2. die glaubenden aber zitternden Dämonen (18-20),
  3. Abraham, der Freund Gottes (21-24),
  4. Rahab, die Josuas Kundschafter aufnahm (25-26).

Bevor wir diese Veranschaulichungen im Detail betrachten, sind drei Dinge zu bemerken:

Es mag uns helfen, den Abschnitt als Einheit zu sehen, wenn wir ihn als Diagramm darstellen:

A1 (15-17)

  1. Unechter Glaube ist unwirksam in Bezug auf Menschen: Die Hungrigen werden ohne Essen weggeschickt (15-16).
  2. Zusammenfassung (17): Glaube, der sich nicht in Werken zeigt, ist tot.

B1 (18-20)

  1. Unechter Glaube ist unwirksam in Bezug auf Gott: Er gibt keinen Frieden mit Gott, denn auch die Dämonen haben einen Glauben, der aber nichts als Furcht hervorbringt (18-19).
  2. Zusammenfassung (20): Glaube ohne Werke, die ihn bestätigen, ist nutzlos.

B2 (21-24)

  1. Echter Glaube ist wirksam in Bezug auf Gott: Wie der Glaube Abrahams zeigt er sich in Werken des Gehorsams gegenüber dem Willen Gottes (21-23).
  2. Zusammenfassung (24): Werke des Gehorsams geben Zeugnis, dass der Glaube ein echter, rechtfertigender Glaube ist.

A2 (25-26)

  1. Echter Glaube lässt es sich etwas kosten, gefährdeten Menschen Barmherzigkeit entgegenzubringen (25).
  2. Zusammenfassung (26): Es ist die Aktivität der "Werke", die den Glauben als etwas Lebendiges offenbart.

2,14-17  Glaube ohne tätige Nächstenliebe ist tot

Es nützt weder demjenigen, der sagt, er glaubt, noch seinen Mitmenschen , wenn er wohlwollende Worte und Gedanken für sie hat, aber keine hilfreichen Taten. Selbst, wenn er ihnen wirklich Gutes wünscht, so reicht das nicht.

In diesem Beispiel ist von einem Bruder oder einer Schwester die Rede. Das Prinzip gilt zwar allgemein, d.h. unabhängig vom Glauben der Notleidenden, aber ganz besonders gilt es in Bezug auf Glaubensgeschwister:

Gal 6,10 Laßt uns also nun, wie wir Gelegenheit haben, allen gegenüber das Gute wirken, am meisten aber gegenüber den Hausgenossen des Glaubens!

2,18-20  Glaube ohne Werke - Glaube aus Werken

Glaube ohne Werke ist nutzlos, es ist eigentlich gar kein echter, rettender Glaube. Zu solch einem Glauben sind auch Dämonen fähig. Ihr Glaube an den einen Gott, ist eigentlich ein Wissen um den einen Gott. Er bringt ihnen jedoch keine Rechtfertigung vor Gott, sondern bewirkt nur Angst vor Gott - und das mit gutem Grund. Wir sehen, wie jemand, der Christus und die biblische Lehre mit den Lippen bekennt, aber nicht danach lebt, mehr mit Dämonen gemeinsam hat als mit Christus. Wir müssen uns selbst prüfen, ob unser "bibeltreuer" Glaube nicht auch manchmal mehr dämonisch als Gott wohlgefällig ist. Wenn das tatsächlich so ist, sollten wir zutiefst vor uns selbst erschrecken und in Demut Vergebung und Erneuerung suchen.

Dem gegenüber steht der echte, rettende Glaube, der sich aus Werken zeigt. An den Früchten wird seine Echtheit erkannt. Dies wird im Folgenden anhand von zwei alttestamentlichen Beispielen verdeutlicht:

2,21-26  Beispiele für Rechtfertigung aus Glaubenswerken

Abraham

Abrahams Glaubenswerk: Er hielt nichts vor Gott zurück, nicht einmal seinen geliebten Sohn.

Die Argumentation in diesem Abschnitt ist wie folgt [2]:

  1. Vers 21. Die Behauptung wird aufgestellt:
    1. Abraham wurde durch Werke gerechtfertigt (21a).
    2. Das konkrete Werk, um das es hier geht (21b).
       
  2. Verse 22-23. Erklärung: Du siehst (22).
    1. Glaube fördert Werke (22a): Werke sind kein Selbstzweck. Der Glaube arbeitet mit ihnen zusammen wie ein Senior-Partner mit einem Junior-Partner.
    2. Glaube braucht Werke (22b): Indem er sich in der Aktivität der "Werke" einbringt, wächst der Glaube zur Reife heran.
    3. Glaube geht Werken voran (23): Glaube ist die erste und grundlegende Realität in Abrahams Beziehung zu Gott.
       
  3. Vers 24. Die Behauptung wird wiederholt: Ihr seht.
    In diesem Sinn müssen Werke ihre wesentliche Rolle spielen. Ein Glaube ohne Resultate ist eine dämonische und nackte Behauptung. Resultate (Werke) beweisen die lebendige Realität des Glaubens und bringen Gewissheit, dass der Gläubige in den verheißenen Segen (Gerechtigkeit, Freundschaft) eingetreten ist.

Der echte Glaube Abrahams, der Freundschaft mit Gott hervorbrachte, steht im Gegensatz zum falschen Glauben der Dämonen, der nur Angst hervorbringt.

Jakobus zeigt einen Aspekt des Glaubens Abrahams, der sonst im Neuen Testament nicht so deutlich herauskommt: Während Paulus auf Basis von 1Mo 15, 6 zeigt, wie Abraham durch Glauben gerechtfertigt wurde (Röm 4; Gal 3,6-9), bevor er noch Werke tun konnte, zeigt Jakobus auf Basis von 1Mo 22, wie Abraham durch seinen Gehorsam die Echtheit seines ursprünglichen Glaubens bestätigt. Der scheinbare Widerspruch zwischen Rechtfertigung aus Glauben (Paulus) und Rechtfertigung aus Werken (Jakobus) ist schon in 1. Mose vorhanden. 1Mo 12,1-3 und 1Mo 15 zeigen, dass Gott Abraham erwählte und ihm verhieß, ihn zu segnen; er schloss einen einseitigen Bund mit Abraham, d.h. nur Gott ging Bundes-Verpflichtungen ein. Aufgrund seines Glaubens wurde er gerechtfertigt und erhielt die Verheißung. 1Mo 22 (besonders V. 12 und V. 16) zeigt, dass Abraham die Verheißung aufgrund seines Gehorsams erhielt. Weder in 1. Mose noch im Neuen Testament handelt es sich um einen Widerspruch, sondern vielmehr um zwei Seiten einer Münze: Abraham wurde aufgrund seines Glaubens gerechtfertigt, dessen Echtheit sich im Gehorsam zeigte. Gott wusste wohl von Anfang an um die Echtheit seines Glaubens, darum rechtfertigte er Abraham, aber dieser musste die Prüfung seines Glaubens bestehen, als Zeugnis vor der sichtbaren (inklusive Abraham selbst) und unsichtbaren Welt.

Und hier sind wir wieder mitten beim großen Thema des Jakobusbriefes: die Bewährung des Glaubens. Wenn der Glaube echt ist, so wird er sich durch Ausharren und Werke bewähren und fruchtbar sein in Bezug auf dieses und das zukünftige Leben.

Rahab

Rahabs Glaubenswerk: Sie sorgte unter großem eigenen Risiko für die verfolgten israelitischen Kundschafter.

Ähnlich wie die Dämonen in V. 19 und wie ihre Landsleute fürchtete sich Rahab vor Gott und vor seinem Volk (Jos 2,9-11). Sie blieb aber nicht bei dem (Kopf-)Glauben stehen, dass Gott mächtig und zu fürchten sei, sondern sie ließ Taten folgen, mit denen sie sich klar auf die Seite Gottes stellte. Dafür segnete sie der Herr reichlich. Sie, die ehemalige Prostituierte und dem Bann Verfallene, durfte Sicherheit unter dem Volk Gottes finden (Jos 6,25), heiraten und eine Familie gründen, aus der Jahrhunderte später unser Herr geboren wurde (Mt 1,5).

Der Kontrast

Abraham und Rahab als zwei Vorbilder echten Glaubens stellen einen ziemlichen Kontrast dar [3]:

Abraham Rahab
biblische Hauptfigur biblische Randfigur
Stammvater des Volkes Gottes Ausländerin
ehrenwert mit schlechtem Ruf
Mann Frau

Durch den Kontrast der beiden Beispiele echten Glaubens, die Jakobus herausgreift, deckt er ein möglichst breites Spektrum von Situationen und Glaubenswerken ab - ähnlich wie er in Kapitel 1 Mangel und Überfluss als zwei Beispiele für verschiedenartige Versuchungen herausgegriffen hat.

Toter Glaube

V. 26, der zum Teil V. 17 wiederholt, kann man sowohl als Zusammenfassung des Abschnitts über Abraham und Rahab (V. 21-26) als auch des ganzen Abschnitts über Werke und Glauben (V. 14-26) sehen: Ein Glaube, der keine Werke hervorbringt, ist tot und zu nichts nütze. Er  ist wie ein Körper ohne Leben, denn er ist zwar mit allen Funktionen zum Handeln ausgestattet, aber er handelt nicht.

Jakobus beendet diesen Abschnitt bewusst provokativ. Wie schon in Kapitel 1 will er durch provokante Aussagen wachrütteln und zur Selbstprüfung anregen: Wie steht es um unseren Glauben?

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Fußnoten

[1] Alec Motyer, The Message of James, S. 107+108, Inter-Varsity Press 1985, aus der Serie The Bible Speaks Today

[2] Motyer, S. 113

[3] Motyer, S. 115