Jakobus - Die Bewährung des Glaubens (3)

Inhalt

Gliederung und Zusammenfassung von Kapitel 3
3,1-12  Die Zunge - der Schlüssel zur Kontrolle 3,5b-8  Die höllische Eigendynamik der Zunge
3,9-12  Gegen die zwiespältige Zunge
3,13-18  Göttliche Weisheit - die Quelle guter Werke 3,13  Wahre Weisheit ist praktisch
3,14-16  Die bösen Früchte der irdischen Weisheit 
3,17-18  Die guten Früchte der göttlichen Weisheit

Gliederung und Zusammenfassung von Kapitel 3

Kontrolle über die Zunge bringt Kontrolle über alle Glieder des Leibes und ist somit der Schlüssel sowohl zu einem Segen bringenden als auch zu einem Segen empfangenden Leben. Eine unkontrollierte Zunge dagegen ist ein höllisches Werkzeug zum Schaden der Mitmenschen und zum eigenen Schaden. Es kommt eben auf die Quelle an: entweder irdische Weisheit oder göttliche Weisheit. Die eine bringt aus selbstsüchtigen Motiven böse Werke hervor, die andere bringt aus reinen und friedliebenden Motiven gute Werke hervor.

3,1-12  Die Zunge - der Schlüssel zur Kontrolle

1-2a    Einleitung: Die Gefahr vieler Worte

Jakobus ermahnt die Brüder, nicht viele Lehrer zu werden, da ihre Fehler strenger beurteilt werden.

2b-5a  Kontrolle über die Zunge - Kontrolle durch die Zunge

Wer seine Zunge kontrolliert, kontrolliert den ganzen Leib, so wie

5b-8    Die höllische Eigendynamik der Zunge

9-12    Gegen die zwiespältige Zunge

Mit derselben Zunge loben und fluchen wir. Das sollte nicht so sein - ebenso wenig wie

3,13-18  Göttliche Weisheit - die Quelle guter Werke

13       Wahre Weisheit ist praktisch

Wahre Weisheit zeigt sich in guten Werken im Geist der Sanftmut.

14-16  Die bösen Früchte der irdischen Weisheit 

Eine Weisheit, die von selbst- und eifersüchtigen Motiven bestimmt ist, ist nicht von oben sondern von unten und bringt Zerrüttung und böse Taten hervor. 

17-18  Die guten Früchte der göttlichen Weisheit

Die göttliche Weisheit dagegen ist rein und friedliebend und bringt Gerechtigkeit vor Gott und Frieden mit den Menschen hervor.


Seitenanfang

3,1-12  Die Zunge - der Schlüssel zur Kontrolle

Wie auch an anderen Stellen in diesem Brief zeigt sich in diesem Abschnitt der starke Einfluss der Sprüche auf Jakobus. Um zu verstehen, warum Jakobus der Beherrschung der Zunge solch eine Bedeutung beimisst, ist es hilfreich, sich einige der Sprüche anzuschauen: 

10,19  Bei vielen Worten bleibt Treubruch nicht aus, wer aber seine Lippen zügelt, handelt klug.
12,13  Im Vergehen der Lippen ist ein böser Fallstrick, aber der Gerechte entkommt der Bedrängnis.
13,3  Wer seinen Mund behütet, bewahrt sein Leben; er seine Lippen aufreißt, dem droht Verderben.
17,27  Wer seine Worte zügelt, besitzt Erkenntnis; und wer kühlen Geist bewahrt, ist ein verständiger Mann.
17,28  Auch ein Narr, wenn er schweigt, kann als weise gelten, wenn er seine Lippen verschließt, als verständig.
18,21  Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge, und wer sie liebt, wird ihre Frucht essen.
21,23  Wer seinen Mund und seine Zunge bewahrt, bewahrt vor Nöten seine Seele.

3,1-2a  Einleitung: Die Gefahr vieler Worte

Warnung vor dem Lehrdienst?

Die Warnung davor, Lehrer zu werden, ist ein guter "Wecker", denn sie kommt unerwartet und stößt (leicht) vor den Kopf. Solche "Wecker" - wie Jakobus sie immer wieder verwendet - sind eine Empfehlung für Prediger, um ihre Zuhörer vor dem Wegschlummern zu bewahren.
Warum stößt die Ermahnung die Zuhörer vor den Kopf? Weil sie es offenbar für erstrebenswert hielten, Lehrer zu werden. Und zwar nicht nur diejenigen, die vom Herrn eine Berufung zu diesem Dienst hatten, sondern auch diejenigen, die diese Berufung nicht hatten, aber trotzdem gerne reden und lehren wollten. Anstelle der richtigen Motivation zum Lehren kann leicht eine falsche - wenn auch geistlich verbrämte - treten, nämlich Geltungsdrang, Besserwisserei, Scheu vor anderen Diensten, bei denen man sich die Hände schmutzig macht, usw. Wenn auch keine Gemeinde vor solchem fleischlichem Streben gefeit ist, war es wohl ein besonderes Problem der Judenchristen. Die Versuchung für sie war groß, da sie ja im Allgemeinen die Schriften (des Alten Testaments) sehr gut kannten. Das Neue Testament gibt diesbzgl. einige Hinweise: Mt 23,6-7; Röm 2,17-20; 1Tim 1,5-7.

Ein strengeres Urteil für Lehrer

Der Herr Jesus nannte mindestens 2 Gründe, warum Lehrer strenger beurteilt werden:

  1. Lehrer sollten mehr Erkenntnis haben als andere, daher wird auch mehr von ihnen erwartet (Lk 12,48).
  2. Wir werden aus unseren Worten gerechtfertigt oder verurteilt werden. Wir müssen über jedes unnütze Wort Rechenschaft geben. Je mehr ein Mensch redet, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass unnütze Worte dabei sind. Daher sind Lehrer besonders gefährdet (Mt 12,36-37).

Wir alle straucheln oft

Jakobus schließt sich selbst, einen wirklichen, von Gott berufenen Lehrer mit ein in dieses Urteil: Wir alle straucheln oft. Diese Aussage sollte genügen, um Lehren vom Erreichen eines sündlosen Zustandes auf der Erde zu zerschlagen. Wenn Jakobus von sich und anderen Lehrern (zu denen auch die übrigen Apostel zählen) behauptet, dass sie oft straucheln, dann bedeutet dies,

3,2b-5a  Kontrolle über die Zunge - Kontrolle durch die Zunge

Vers 2b ist die Kernaussage des ganzen Abschnittes über die Zunge: Kontrolle über die Zunge bringt Kontrolle über alle Glieder des Leibes und somit über seine Werke. Schon in 1,26 haben wir gelesen, dass wahrer Gottesdienst untrennbar mit dem Zügeln der Zunge verbunden ist. Während dies menschlich unmöglich ist (V. 8), so ist es doch einem Wiedergeborenen durch den Heiligen Geist möglich. Solange wir auf Erden leben, werden wir zwar immer wieder mit Worten sündigen (V. 2a), aber es ist möglich Fortschritte in Richtung Vollkommenheit und Reife zu machen.

Warum behauptet Jakobus, dass Kontrolle über die Worte Kontrolle über den ganzen Menschen bringt? Gewiss spielen Worte eine große Rolle, aber sind sie wirklich der Schlüssel zur Heiligung des ganzen Menschen? Aus folgender Überlegung heraus denke ich, dass es tatsächlich so ist:

Es ist nicht nur so, dass die Worte ein Ausdruck dessen sind, was im Herzen ist - obwohl dies natürlich auch zutrifft -, sie bestimmen auch, was im Herzen ist. Denn im weiteren Kontext sind Worte nicht nur das Gesprochene sondern auch das Gedachte. Schließlich hat Denken mit Sprache zu tun. Moralisch relevantes Denken ist nicht ohne Worte möglich.

Spr 10,8
Wer weisen Herzens ist, nimmt Gebote an,
wer aber närrische Lippen hat, kommt zu Fall. 

Entweder ein weises Herz oder närrische Lippen - so eng ist der Zusammenhang zwischen Gedanken des Herzens und Worten der Lippen.

Ich verstehe diesen Abschnitt als strategischen Rat, wie wir die Kontrolle über den ganzen Menschen gewinnen können: indem wir die Zunge in den Griff bekommen. Aber wieso die Zunge und nicht die Gedanken? Wäre das nicht logischer? Wenn man die Gedankenwelt in den Griff bekommt, dann hat man auch die Zunge und alles andere im Griff. Das stimmt zwar, aber Jakobus kommt immer von der praktischen Seite: Indem er uns die Zunge als erstes strategisches Ziel im Kampf gegen die Sünde empfiehlt, gibt er uns einen sehr praktischen Rat; es ist nämlich leichter die Kontrolle über die Worte zu gewinnen als die Kontrolle über die Gedanken, aber gleichzeitig gewinnt man mit der Kontrolle über die Worte auch mehr und mehr Kontrolle über die Gedanken. Gesprochene Worte sind greifbarere und damit angreifbarere Feinde als die Gedanken, derer wir uns oft gar nicht bewusst sind und die wir nicht so bewusst steuern können. Man kann das z.B. daran erkennen, dass es leichter ist mit den Lippen zu beten als nur in Gedanken - nur allzu leicht schweift man in Gedanken ab. Ebenso ist es leichter unreine Worte zu unterdrücken als unreine Gedanken. Indem wir unsere Lippen immer mehr zur Ehre Gottes auftun (zum Gebet und zum Segnen) und immer weniger zu üblem oder unnützem Gerede, werden unsere Gedanken Stück für Stück "umprogrammiert". Die mit Lippen geformten Worte prägen die in Gedanken geformten Worte.

3,5b-8  Die höllische Eigendynamik der Zunge

Hier malt uns Jakobus aus,

  1. dass kein Mensch die Zunge bändigen kann,
  2. was passiert, wenn die Zunge nicht gebändigt, d.h. unter (göttliche) Kontrolle gebracht wird:
    • als von der Hölle entzündetes Feuer steckt sie uns und unsere Umwelt in Brand,
    • als unruhiges Übel voll tödlichen Giftes treibt sie ihr zerstörerisches Werk.

Was bei Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich (Mt 19,26), nämlich die Zunge zur Ehre Gottes zu steuern.

William MacDonald schreibt im Kommentar zum Neuen Testament zu Jak 3,8:

Wir alle wissen, wie leicht es ist, über andere Menschen zu klatschen. Wie oft haben wir uns als Dreckschleudern betätigt, um jemanden etwas »heimzuzahlen«. Und wie oft haben wir andere grundlos kleingemacht, sie kritisiert und entehrt. Wer kann den Schaden ermessen, der dadurch entstanden ist, wer kann die Tränen, die geflossen sind, die Herzen, die gebrochen wurden, und die in den Schmutz gezogenen Namen zählen? Und wer kann das Leid ermessen, das wir damit in unser eigenes Leben und in unsere Familie getragen haben? Denken wir an die erregte Bitterkeit, die Scham, die uns bevorsteht, wenn wir uns entschuldigen müssen und die schlechten Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Eltern, die immer kritisch von ihren Mitgläubigen sprachen, haben mit ansehen müssen, wie ihre Kinder dieselbe kritische Haltung eingenommen haben und sich aus der christlichen Gemeinschaft zurückgezogen haben. Wir müssen für den undisziplinierten Umgang mit unserer Zunge teuer bezahlen.

3,9-12  Gegen die zwiespältige Zunge

Mit derselben Zunge loben (griech. eulogeo, d.h. wörtl. Gutes sagen) wir Gott und fluchen seinen Geschöpfen (oder wünschen Böses auf sie  herab). So ist es in der Regel bei uns Gotteskindern, und wir müssen der Realität ins Auge sehen. Aber das darf keine Ausrede sein, wir dürfen uns nicht mit dieser Situation zufrieden geben, denn dies sollte nicht so sein.

Der Heilige Geist hat zeitweise die Kontrolle über unsere Zunge, besonders wenn wir beten bei anderen "geistlichen" Anlässen. Aber die Kontrolle muss sich auch auf die übrige Zeit ausweiten: Auch im Alltag, im Umgang mit Geschwistern, Familienangehörigen, Arbeitskollegen und selbst Feinden, soll die Zunge lernen, Gutes zu reden statt Schlechtes, zu segnen statt zu fluchen (oder zu schimpfen, wie wir es vielleicht eher ausdrücken würden).

Anhand mehrerer Beispiele aus der Natur zeigt Jakobus, dass die Zwiespältigkeit unserer Worte eine "unnatürliche" Situation ist (aus der Sicht unserer neuen Natur). So wie eine Pflanze nur eine Sorte Früchte - nämlich ihre eigenen - trägt und eine Quelle nur eine Art von Wasser - nämlich ihr eigenes - hervorbringt, so sollte der Mensch, der bei der Wiedergeburt ein neues Wesen mit göttlichem Erbgut bekommen hat, nur gute Worte hervorbringen, die seinem neuen Wesen entsprechen. Was für eine Quelle sind wir, was für ein Baum sind wir? Die pointierten, aufrüttelnden, teilweise schockierenden Aussagen des Jakobus erinnern sehr an die Worte des Herrn Jesus:

Mt 7,15-20  Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen! Inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, noch kann ein fauler Baum gute Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Deshalb, an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.

Es geht hier zwar darum, wie man falsche Propheten erkennt, aber welcher Christ kann diese Worte lesen, ohne sich gleichzeitig selbst zu prüfen? Wie sind meine Früchte? Welche Rückschlüsse erlauben sie auf die Art des Baumes? 

Anwendung / Selbstprüfung

Haben wir ein gutes Gewissen vor Gott, wenn wir bedenken, dass wir nicht nur über jedes böse sondern auch über jedes unnütze Wort Rechenschaft ablegen müssen (Mt 12,36-37)? Das Wort, das Jesus für unnütz verwendet (griech. argos) bedeutet wörtlich ohne Werk, d.h. unwirksam, ohne Ertrag, ohne Nutzen, unbrauchbar. Warum ist Jesus gar so streng? Warum ist es falsch, nutzlose Worte zu reden? Muss alles einen Nutzen haben?
In gewissem Sinn: Ja. Es gibt nicht viel neutralen Boden zwischen nützlichem, erbauenden, Gott ehrendem Reden und schädlichem, zerstörerischem, Gott verunehrendem Reden. Wie unbedacht gehen wir oft mir unseren Worten um - so als spielten sie keine Rolle. Angenommen wir wüssten, dass unser Reden auf Tonband aufgezeichnet würde - wie viel sorgsamer würden wir dann mit unseren Worten umgehen. Und doch ist es genau so: Bei Gott sind unsere Worte festgehalten, selbst diejenigen, die im Dunkeln gemunkelt wurden, die ins Ohr geflüstert wurden - alles Verborgene wird ans Licht kommen (Lk 12,2-3). Wenn das so ist, sollten wir eifrig

 William MacDonald formuliert die notwendige Selbstprüfung folgendermaßen:

So prüft uns Jakobus hinsichtlich unserer Rede. Ehe wir diesen Abschnitt verlassen, sollten wir uns folgenden Fragen stellen: Lehre ich andere Menschen Verhaltensweisen, die ich selbst nicht befolge? Kritisiere ich andere hinter ihrem Rücken? Ist das, was ich rede, immer sauber, erbauend und liebevoll? Verwende ich verborgene Schwurformeln wie »o Gott«, »Jesses«, »Herrje«? Rede ich nach einer ernsthaften Predigt über Fußball und anderes Unwichtige? Gebrauche ich »spaßhaft« Bibelzitate? Wenn ich eine Geschichte erzähle, übertreibe ich dann, um Menschen mehr zu beeindrucken? Sage ich immer die Wahrheit, auch wenn das bedeutet, mein Gesicht, Freunde oder Geld zu verlieren?

Seitenanfang

3,13-18  Göttliche Weisheit - die Quelle guter Werke

Mit diesem Abschnitt beginnt die Behandlung des dritten großen Themas des Jakobusbriefs, nämlich dem Reinhalten von weltlicher Befleckung. Die drei großen Themen finden wir in 1,26-27:

  1. Die Kontrolle der Zunge: Details in Kapitel 3,1-12    .
  2. Die praktische Hilfe gegenüber den Hilflosen und Bedrängten: Details in Kapitel 2.
  3. Das Reinhalten von weltlicher Befleckung: Details in 3,13 - 5,6

Der Übergang vom Thema "Zunge" zum "Reinhalten von weltlicher Befleckung" ist fließend. Nachdem Jakobus im vorigen Abschnitt gezeigt hat, wie wichtig die Kontrolle der Zunge ist, geht er jetzt auf die Quelle ein, aus der sie gespeist wird: entweder die Weisheit von oben oder die Weisheit von unten; die eine bringt gute Worte und Werke hervor, die andere böse. Erst in 4,4 zeigt Jakobus die Ursache für das Vorherrschen der falschen Weisheit samt ihren jeweiligen Früchten: Es ist die Freundschaft mit der Welt und damit der geistliche Ehebruch gegenüber Gott. Und nachdem er die Ursache gezeigt hat, zeigt er auch die Lösung: ernsthafte, demütige, ganzherzige Buße (4,6-10).

Aber zurück zu Kapitel 3: In V. 1 warnt Jakobus die Möchte-Gern-Lehrer, und in V. 13 sagt er: "Wer ist weise und verständig unter euch?" Das weist darauf hin, dass es ein Problem der Empfänger dieses Briefes war, dass sie sich für weise hielten und ihre Weisheit auch gerne anderen vermitteln wollten. Solch eine Haltung führt unweigerlich zu Streit und Spaltungen.

Ähnliche Probleme kennen wir auch von der Korinther Gemeinde. In den Kapiteln 1-4 des 1. Korintherbriefes geht es um die Spaltungen in der Gemeinde, die durch das Betonen menschlicher Weisheit entstanden sind. Paulus hält dem die göttliche "Torheit" und "Schwachheit" (aus menschlicher Sicht) entgegen, nämlich die Torheit des Kreuzes und die Schwachheit der Nachfolge und zeigt den Kontrast zwischen dem  Verhalten der Apostel und dem der Korinther:

1Kor 4,10-16  Wir sind Narren um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus; wir schwach, ihr aber stark; ihr geehrt, wir aber verachtet. Bis zur jetzigen Stunde leiden wir sowohl Hunger als Durst und sind nackt und werden mit Fäusten geschlagen und haben keine bestimmte Wohnung und mühen uns ab und arbeiten mit unseren eigenen Händen. Geschmäht, segnen wir; verfolgt, dulden wir; gelästert, reden wir gut zu; wie Auskehricht der Welt sind wir geworden, ein Abschaum aller bis jetzt.
Nicht um euch zu beschämen, schreibe ich dies, sondern ich ermahne euch als meine geliebten Kinder. Denn wenn ihr zehntausend Zuchtmeister in Christus hättet, so doch nicht viele Väter; denn in Christus Jesus habe ich euch gezeugt durch das Evangelium. Ich bitte euch nun, seid meine Nachahmer!

Ganz ähnlich zeigt Jakobus, wie Zerrüttung und böse Taten die Folge von Eifersucht und Eigennutz sind, die aus einer falschen, nämlich menschlich-ungöttlichen Weisheit kommen. Er stellt sie der göttlichen Weisheit gegenüber. In der folgenden Tabelle habe ich versucht, die Merkmale in Motive (was in den Herzensgedanken zugrunde liegt) und Früchte (was sich nach außen durch Worte oder Werke zeigt) einzuteilen: 

  menschliche Weisheit göttliche Weisheit
Ursprung [von unten]
irdisch, seelisch, dämonisch
von oben
[himmlisch, geistlich, göttlich]
Motive bittere Eifersucht,
Eigennutz
Sanftmut,
Reinheit (Heiligkeit),
Liebe zum Frieden,
Barmherzigkeit,
ohne Zweifel (d.h. Ganzherzigkeit, vgl. 1,6),
ohne Ansehen der Person (vgl. 2,4),
Aufrichtigkeit (ohne Heuchelei),
Früchte Zerrüttung (Unruhe, Unordnung),
jede schlechte Tat
guter Wandel,
Werke in Sanftmut,
Friedlichkeit, Friedfertigkeit,
Nachgiebigkeit (Milde, Güte),
Einsichtigkeit,
barmherzige Taten,
gute Früchte,
Gerechtigkeit (vor Gott und Menschen)

3,13  Wahre Weisheit ist praktisch

Wie Jakobus schon zuvor gezeigt hat, dass das Christenleben praktisch ist, so zeigt er jetzt den Zusammenhang zwischen wahrer Weisheit und Praxis (d.h. Werken):

3,14-16  Die bösen Früchte der irdischen Weisheit 

Wenn sich jemand weise dünkt und die Motive seines Herzens Eifersucht (Ehrgeiz, falscher Eifer) und Eigennutz (Selbstsucht, Streitsucht) sind, dann ist diese Weisheit nicht von oben sondern von unten. Wenn man sich auf diese Fälschung der Weisheit etwas einbildet (d.h. wenn man sie als wertvoll betrachtet), so ist das ein Angriff auf die göttliche Wahrheit. Aus den bösen Motiven dieser Weisheit kommen böse Taten, Tumult, Unruhe, Unordnung hervor.

Der Ursprung dieser Weisheit ist:

Wenn man diesen Ursprung betrachtet, versteht man, warum diese Weisheit, die sich sehr logisch, attraktiv und imponierend gibt, Gott solch ein Gräuel ist: Sie ist untrennbar mit der Auflehnung des Menschen gegen Gott, mit seiner Selbstherrlichkeit, seinem Stolz verbunden. Diese Weisheit ist Torheit vor Gott. Sie kann nichts zu unserer Rettung beitragen. Umgekehrt ist der Rettungsplan Gottes Torheit in den Augen der menschlichen Weisheit:

1Kor 1,19-21  Denn es steht geschrieben: «Ich werde die Weisheit der Weisen vernichten, und den Verstand der Verständigen werde ich verwerfen.» Wo ist ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortstreiter dieses Zeitalters? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil in der Weisheit Gottes die Welt durch die Weisheit Gott nicht erkannte, hat es Gott wohlgefallen, durch die Torheit der Predigt die Glaubenden zu erretten.

Der einzige Weg, um der menschlichen Weisheit zu entkommen und göttliche Weisheit zu erlangen, ist der Glaube.

3,17-18  Die guten Früchte der göttlichen Weisheit

Das Thema "göttliche Weisheit" ist nicht neu in diesem Brief. In 1,5 sagt Jakobus, man soll um Weisheit bitten, wenn sie einem mangelt. Gott wird diese Bitte gewiss erhören, wenn sie mit ungeteiltem, zum Gehorsam entschlossenen Herzen vorgebracht wird.

Die Merkmale der göttlichen Weisheit

rein (griech. hagnos): Dies steht nicht zufällig an erster Stelle, wie wir aus der Phrase als erstes schließen können. Ich denke der Grund dafür ist, dass die Reinheit das Motiv betrifft. Es gibt viele Worte und Werke in dieser Welt, die gut scheinen und auch wirklich Gutes bewirken (z.B. Wohltätigkeit). Aber Gott allein kennt die Motive, und er beurteilt sie nach ihrer Reinheit. Wenn Selbstherrlichkeit, Selbstdarstellung, Überheblichkeit, Neid usw. mitwirken, dann handelt es sich nicht um die Weisheit von oben.

friedvoll (griech. eirenikos): Diese Eigenschaft der Weisheit ist im Kontext des Abschnitts von besonderer Bedeutung - sowohl in Bezug auf die Motive (den Frieden liebend) als auch in Bezug auf die Wirkung (den Frieden (be)wirkend, siehe V. 18). Dass die Weisheit von oben Frieden wirkt statt Unfrieden, macht sie klar von der irdischen Weisheit unterscheidbar (V. 14).

Ps 34,15  laß ab vom Bösen und tue Gutes, suche Frieden und jage ihm nach!

Mt 5,9  Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.

Röm 12,18  Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden!

Hebr 12,14  Jagt dem Frieden mit allen nach und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn schauen wird;

Diese Verse zeigen einerseits, wie wichtig dem Herrn der Friede ist, und andererseits, dass man ihn verliert, wenn man ihm nicht nachjagt.

milde (griech. epi-eikes): Zur Bedeutung des Wortes: nicht mit aller Schärfe auf sein Recht bestehend, nicht auf dem Buchstaben des Gesetzes bestehend; anderen etwas zubilligend; nachgiebig, anständig, fair, gütig; bereit Zugeständnisse zu machen, nachsichtig.
Dies entspricht ganz den Aussagen Jesu in der Bergpredigt und auch folgender Aussage von Paulus:

1Kor 6,7  Es ist nun schon überhaupt ein Fehler an euch, daß ihr Rechtshändel miteinander habt. Warum laßt ihr euch nicht lieber unrecht tun? Warum laßt ihr euch nicht lieber übervorteilen?

Unsere Milde soll sich nicht nur den Geschwistern gegenüber zeigen, sondern allen Menschen gegenüber (Phil 4,5).

folgsam (griech. eu-peithes): leicht zu überreden bzw. zu überzeugen; gehorsam, einlenkend. Damit ist nicht gemeint, dass jemand wie ein Blatt im Wind bewegt wird (vgl. Eph 4,14), sondern dass er bereit ist etwas einzusehen und nicht stur auf seiner Meinung beharrt.

voller Barmherzigkeit und guter Früchte: erfüllt mit, überquellend von ... In Kapitel 2 wurde auf die Barmherzigkeit genauer eingegangen. Diese Phrase legt die Betonung auf die Auswirkungen, nämlich gute, barmherzige Werke.

unparteiisch (griech. a-diakritos): Das Wort bzw. das verwandte diakritos ist in diesem Zusammenhang sehr interessant, weil ihm schon zweimal in diesem Brief eine große Bedeutung zukam:

Das Wort beinhaltet also - je nach Zusammenhang - sowohl das Ungeteilt-Sein in Bezug auf Gott als auch das Unparteiisch-Sein in Bezug auf die Menschen.

ungeheuchelt (griech. an-hupokritos): aufrichtig, unverfälscht, wahr, ohne Verstellung. Die Weisheit von oben verstellt sich nicht, sie will niemanden beeindrucken und niemanden überlisten. Bei Gott heiligt der Zweck nicht die Mittel.
Weiter Stellen zu dieser Tugend: Röm 12,9; 2Kor 6,6; 1Tim 1,5; 2Tim 1,5; 1Petr 1,22;

Die Frucht der Gerechtigkeit für die Friedensstifter

W. MacDonald kommentiert V. 18 so:

Jakobus schließt sein Kapitel mit den Worten: »Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird in Frieden denen gesät, die Frieden stiften.« Dieser Vers ist ein Bindeglied zwischen dem soeben behandelten und dem folgenden Thema. Wir haben soeben erfahren, daß wahre Weisheit friedliebend ist. Im nächsten Kapitel wird ein Konflikt unter Gläubigen angesprochen. Hier werden wir daran erinnert, daß das Leben in gewisser Beziehung der Bestellung eines Feldes gleicht. Wir haben den Bauern (den weisen Mann, der Frieden stiftet), das Klima (den Frieden) und die Ernte (Gerechtigkeit). Der Bauer möchte eine Ernte der Gerechtigkeit einfahren. Kann dies in einer streitsüchtigen und zänkischen Atmosphäre geschehen? Nein, die Saat muß unter friedlichen Bedingungen gesät werden. Sie muß von friedliebenden Menschen gesät werden. Sie werden eine Ernte der Rechtschaffenheit für ihr eigenes und das Leben anderer ernten, denen sie dienen.

Anwendung / Selbstprüfung

Abschließend zu den Ausführungen über die Weisheit möchte ich im Sinne von Jakobus folgende Fragen zur Selbstprüfung stellen: 

Seitenanfang