Jakobus - Die Bewährung des Glaubens (4)

Inhalt

Gliederung und Zusammenfassung von Kapitel 4,1 - 5,6
4,1-10  Symptome, Ursache und Heilung des Unfriedens 4,1-2a   Die Ursache des Unfriedens: sündige Begierden
4,2b-3   Keine Erfüllung ohne richtiges Bitten
4,4-5     Wer der Welt Freund sein will ...
4,6-10   Der Weg zur Heilung: Demütigung vor Gott
4,11 - 5,6  Wo Demütigung besonders nötig ist 4,11-12  Überhebliche Haltung gegenüber Geschwistern
4,13-17  Überhebliches Planen der Zukunft
5,1-6     Die Überheblichkeit der Reichen

Gliederung und Zusammenfassung von Kapitel 4,1 - 5,6

Jakobus kommt jetzt zur Ursache des Unfriedens: Die Gläubigen kämpfen gegeneinander, um ihre selbstsüchtigen, weltlichen Begierden zu befriedigen, und dennoch bleiben sie unbefriedigt, weil sie entweder gar nicht oder selbstsüchtig beten. Sie leben im Ehebruch und in Feindschaft gegenüber Gott. Dennoch wird er denen gnädig sein, die sich von ganzem Herzen vor ihm demütigen und umkehren. Besonders ist diese Umkehr nötig bei überheblichem Reden gegen Geschwister, bei überheblichem Planen der Zukunft und beim unrechten Anhäufen von irdischen Schätzen. 

4,1-10  Symptome, Ursache und Heilung des Unfriedens

1-2a    Die Ursache des Unfriedens: sündige Begierden

Die Empfänger des Briefes leben im Streit miteinander, weil ihre Lüste etwas begehren, was sie nicht erlangen können.

2b-3    Keine Erfüllung ohne richtiges Bitten

Sie bekommen nicht, was sie wollen, weil sie gar nicht oder mit bösen, selbstsüchtigen Motiven darum beten.

4-5     Wer der Welt Freund sein will ...

Das Pflegen der selbstsüchtigen, weltlichen Lüste ist nichts anderes als Feindschaft gegen Gott, geistlicher Ehebruch.

6-10    Der Weg zur Heilung: Demütigung vor Gott

Ganzheitliche Unterwerfung, tiefe Demütigung vor Gott ist notwendig, denn den Demütigen hat er Gnade versprochen.

4,11 - 5,6  Wo Demütigung besonders nötig ist

11-12  Überhebliche Haltung gegenüber Geschwistern

Die Empfänger des Briefes sollen nicht schlecht über Geschwister reden oder sie richten, weil sie sich damit anstelle Gottes zum Gesetzgeber und Richter machen.

13-17  Überhebliches Planen der Zukunft

Sie sollen nicht selbstherrliche Pläne für die Zukunft machen, als ob sie sie in der Hand hätten, sondern ihre Nichtigkeit und Abhängigkeit vom Herrn bedenken.

5,1-6   Die Überheblichkeit der Reichen

Die Reichen sollen heulen beim Gedanken an die Plagen, die über sie kommen werden. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie Reichtum angehäuft, ihre Arbeiter betrogen, in Üppigkeit geschwelgt und den Gerechten getötet haben.


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4,1-10  Symptome, Ursache und Heilung des Unfriedens

Ab 3,13 wendet sich Jakobus dem dritten großen Thema des Briefes zu, dem Reinhalten von weltlicher Befleckung, doch erst im vorliegenden Abschnitt wird deutlich, was das Thema Weisheit (3,13-18) mit weltlicher Befleckung zu tun hat: Der irdischen Weisheit, die nur Unfrieden bringt, liegen die selbstsüchtigen, weltlichen Begierden (Lüste) zugrunde, die "in euren Gliedern streiten".

Symptome Diagnose / Ursache Therapie Heilung
Unfriede:
Kriege,
Streitigkeiten,
Mord und Neid,
keine Erfüllung
Freundschaft mit der Welt:
Feindschaft gegen Gott,
geistlicher Ehebruch,
Lüste, die in den Gliedern streiten,
kein Bitten,
falsches, selbstsüchtiges Bitten,
Hochmut,
Wankelmut ("Doppel-Seele")
Demütigung vor Gott:
Unterwerfung gegenüber Gott,
Widerstand gegen den Teufel,
Nahen zu Gott,
Säubern der Hände,
Reinigen der Herzen,
Fühlen des Elends,
Trauern und Weinen,
Traurigkeit statt Lachen,
Niedergeschlagenheit statt Freude
Gnade von Gott:
Gebetserhörung,
Flucht des Teufels,
Nähe Gottes,
Erhöhung durch Gott

4,1-2a  Die Ursache des Unfriedens: sündige Begierden

Jakobus schildert die Auswirkungen der unbeherrschten Lüste sehr drastisch: Krieg und Streit, Mord und Neid. Und was haben die für sich selbst Kämpfenden davon? Nichts! Ihre Begierden kommen nicht zur Ruhe, ihr Begehren wird nicht gestillt. Wir wissen nicht genau, was es war, um das sie kämpften. Was immer es war, wir können das Prinzip vielfältig anwenden, auf den Kampf um

Wieder werden wir an die Gemeinde in Korinth erinnert, wo Brüder miteinander vor Gericht gingen, um ihr vermeintliches Recht durchzusetzen (1Kor 6,1-11).

Es stimmt nicht, dass früher alles besser war. Es gab in den Gemeinden, denen Jakobus schrieb, offenbar furchtbare Streitigkeiten. Er spricht davon, dass sie töten, neiden, Krieg führen. Also geht es nicht nur heutzutage schlimm in den Gemeinden zu. Das soll uns keinesfalls dazu führen, diese Zustände als normal anzusehen, aber andererseits ist es tröstlich zu wissen, dass schon die Geschwister in der Urgemeinde mit solchen Problemen zu kämpfen hatten und dass es damals wie heute möglich ist, in diesen geistlichen Kämpfen zu siegen.

4,2b-3  Keine Erfüllung ohne richtiges Bitten

Zwei Gründe für ein unerfülltes Leben werden genannt:

  1. Das Bitten wird unterlassen.
  2. Das Bitten geschieht aus falschen Motiven, nämlich Selbstliebe statt Liebe zu Gott.

Es ist äußerst wichtig, die Rolle des Bittens im Leben eines Christen zu verstehen: Es ist unmöglich ein Gott wohlgefälliges (von Gottes Seite aus betrachtet) bzw. ein glückliches (von der menschlichen Seite aus betrachtet) Leben zu führen, ohne oft und richtig zu bitten. Gott hat es so eingerichtet, weil dadurch unsere Beziehung zum Vater, unsere Demut, unser Bewusstsein der Abhängigkeit und unsere Dankbarkeit gefördert werden. Gleichzeitig werden dadurch immer wieder unsere Motive auf den Prüfstand gestellt:

Joh 15,16  Ihr habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, daß ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe, damit, was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er euch gebe.

4,4-5  Wer der Welt Freund sein will ...

Die Diagnose: Weltliebe

Ähnlich wie Paulus in Röm 8,5-8 zeigt Jakobus, was eine fleischliche, weltliche, selbstsüchtige Gesinnung eigentlich ist: Feindschaft gegen Gott. Wie passt das zusammen, ein Kind Gottes und gleichzeitig ein Feind Gottes? Es klingt absurd, und so soll es auch klingen. Wir sollen uns bewusst sein, was für ein Affront es ist gegen denjenigen, der uns teuer erkauft hat, wenn wir es zulassen, dass wir von unseren weltlichen, gegen Gott gesinnten Begierden beherrscht werden.

Jakobus unterstreicht seine Kritik an der Weltliebe, indem er schreibt: "Ihr Ehebrecherinnen". Dem liegt das im Alten Testament oft gebrauchte Bild des Ehebundes zwischen Gott und seinem Volk zugrunde (besonders drastisch wird dieses Bild in Hes 16 gemalt). Wer die Welt liebt, kann nicht gleichzeitig Gott lieben und umgekehrt:

1Jo 2,15-16  Liebt nicht die Welt noch was in der Welt ist! Wenn jemand die Welt liebt, ist die Liebe des Vaters nicht in ihm; denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches und die Begierde der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht vom Vater, sondern ist von der Welt.

Johannes gibt uns eine Definition der Welt: Begierde des Fleisches, Begierde der Augen und Hochmut des Lebens. Jakobus beschreibt die Weltlichkeit ganz ähnlich, wenn wir die Verse vor und nach V. 4 betrachten: Der Vorwurf der Weltlichkeit gilt denjenigen, die sich von ihren Lüsten und Begierden beherrschen lassen (V. 1-3) und die hochmütig sind (V. 6) - hochmütig in Bezug auf Glaubensgeschwister (V. 11-12) und hochmütig in Bezug auf Zukunftspläne (V. 13-17) und Reichtum (5,1-6).

Was bedeutet Vers 5?

V. 5 bereitet sowohl den Übersetzern als auch den Auslegern Schwierigkeiten. Die meisten übersetzen das griechische phthonos mit Eifersucht und beziehen es auf Gott; z.B. die Rev. Elberfelder Übersetzung:

Jak 4,5  Oder meint ihr, daß die Schrift vergeblich rede: «Eifersüchtig sehnt er sich nach dem Geist, den er in uns wohnen ließ»?

Das Problem bei dieser Übersetzung ist, dass dieses Wort in der Septuaginta und im Neuen Testament ausschließlich negative Bedeutung hat. Laut Griechisch/Deutsch Strong's Lexikon von Gerhard Kautz:

I. d. Neid
1) d. Groll, d. Mißgunst, eine übelwollende Gesinnung gegen jmdn.;
Mt 27,18; Mk 15,10; Röm 1,29; Gal 5,21; Phil 1,15; Tit 3,3; Jak 4,5; 1Petr 2,1
2) viell.: "mit Eifersucht...", in: Jak 4,5

Eine zweite Schwierigkeit des Verses ist, dass er scheinbar eine Schriftstelle zitiert, die man weder im Alten Testament noch in den Apokryphen findet. Meiner Meinung nach werden diese beiden Probleme am Besten in der alten Elberfelder Übersetzung gelöst:

Jak 4,5  Oder meinet ihr, daß die Schrift vergeblich rede? Begehrt der Geist, der in uns wohnt, mit Neid?

Die Antwort ist: Nein. Die Schrift ist diesbezüglich deutlich: Es ist nicht der in uns wohnende heilige Geist, der aus Neid und Missgunst Streit und Krieg hervorbringt, sondern es sind unsere weltlichen, selbstsüchtigen Begierden.

4,6-10  Der Weg zur Heilung: Demütigung vor Gott

Größere Gnade

Er gibt aber größere Gnade: Obwohl es so schlimm um die geistlichen Ehebrecher und Feinde Gottes bestellt ist, gibt Gott denjenigen Gnade, die bereit sind, sich vor ihm zu demütigen. Es ist ein Prinzip der Gnade Gottes, dass sie sich von der Größe der Sünde nicht abhalten lässt zu wirken, sondern im Gegenteil:

Röm 5,20  Das Gesetz aber kam daneben hinzu, damit die Übertretung zunehme. Wo aber die Sünde zugenommen hat, ist die Gnade überreich geworden,

Ganze Umkehr

Obwohl das Wort Buße oder Umkehr in diesem Abschnitt nicht vorkommt, sagt er doch sehr viel darüber aus, was ganzherzige Buße bzw. Umkehr ist. Man kann den Abschnitt darstellen, indem man links die Aufforderungen auflistet und rechts daneben die dazugehörenden Verheißungen. Die detaillierte Beschreibung einer echten, göttlichen Buße wird umklammert von den beiden zusammenfassenden Aussagen "den Demütigen gibt er Gnade" und "demütigt euch vor dem Herrn, und er wird euch erhöhen".

den Demütigen    gibt er Gnade
unterwerft euch Gott
widersteht dem Teufel    und er wird von euch fliehen
naht euch Gott   und er wird sich euch nahen
säubert die Hände, ihr Sünder
reinigt die Herzen, ihr Wankelmütigen
fühlt euer Elend 
trauert 
weint
euer Lachen verwandle sich in Traurigkeit 
eure Freude in Niedergeschlagenheit
demütigt euch vor dem Herrn     und er wird euch erhöhen

Dieser Abschnitt zeigt, was biblische Buße wirklich ist:

  1. Sie umfasst Verstand, Gefühl und Wille.
  2. Sie umfasst Herz (Einstellung) und Hände (Taten).
  3. Sie umfasst Reue und Bekenntnis.
Indem Jakobus uns zeigt,
  • welch hässliche Symptome unsere Krankheit aufweist (Streit, Krieg, Mord, Neid, ungestilltes Begehren),
  • wie böse ihre Ursache ist (Ehebruch und Feindschaft gegenüber Gott),
  • und wie schlimm das Ende sein wird (Widerstand und Feindschaft von Gottes Seite),

bringt er uns dazu, dass wir unser Elend verstehen. Erst wenn wir es verstehen, können wir es fühlen (V. 9), und aufgrund unseres Verstandes und unserer Gefühle wollen wir mit aller Entschlossenheit diesem Elend durch Demütigung vor Gott entrinnen, indem wir

  • die Geteiltheit unseres Herzens
  • und die daraus resultierenden sündigen Taten

mit tiefer Trauer bereuen, bekennen und um Vergebung bitten.

unterwerft euch Gott: Unterwerfung ist das Erste und Wichtigste an der Umkehr. Es bedeutet, jede Rebellion gegen ihn aufzugeben, vor ihm zu kapitulieren, sich ganz der Herrschaft Gottes zu beugen.

widersteht dem Teufel: Dieser Ausdruck führt uns wieder zum bereits bekannten Thema "Versuchung": Dem Teufel zu widerstehen bedeutet, sich bei Versuchungen nicht von der eigenen Begierde fortziehen zu lassen (1,14-15), sondern zu erkennen, dass es sich um einen Angriff des Teufels handelt (1Petr 5,8-9) und mithilfe der Waffenrüstung Gottes Widerstand zu leisten (Eph 6,10-20). Der Herr Jesus hat uns in seinen Versuchungen gezeigt, wie man mit geistlichen Waffen dem Teufel widersteht, und an seinem Beispiel sehen wir auch, wie sich die Verheißung erfüllt, dass der Teufel flieht, wenn er auf hartnäckigen Widerstand stößt: siehe Mt 4,1-11; 16,21-23; Joh 12,27-28; Lk 22,40-44.

naht euch Gott: Christentum heißt, in der Nähe Gottes zu leben, Gemeinschaft mit dem Vater und mit dem Sohn zu pflegen (1Jo 1,3). Wenn diese Gemeinschaft abhanden gekommen ist, wenn die Beziehung zum Herrn nicht mehr eng, offen und herzlich ist, dann müssen wir dringend seine Nähe suchen. Wir haben die Verheißung, dass er sich dann uns naht. Unser geistliches Leben ist eine Pflanze, die nur im Licht und in der Wärme von Gottes Nähe gedeihen kann.

säubert die Hände, ihr Sünder: Bekennen und lassen der erkannten sündigen Taten (Spr 28,13).

reinigt die Herzen, ihr Wankelmütigen: Bekennen und Ändern der verkehrten Haltung. Diese Haltung bezeichnet Jakobus wie schon in 1,8 als "doppelte Gesinnung", Wankelmütigkeit. Es ist das Hinken auf zwei Seiten, das Fehlen eines ganzherzigen Entschlusses für Gott und seinen Willen.

fühlt euer Elend, trauert, weint, euer Lachen verwandle sich in Traurigkeit, eure Freude in Niedergeschlagenheit: Der Sinn von göttlicher Ermahnung ist, Gott gemäße Traurigkeit (Betrübnis) hervorzurufen. Diese nämlich bringt eine Buße von ganzem Herzen hervor. In 2Kor 7,8-11 finden wir ein Beispiel solcher Betrübnis und anschließender Buße bei den Korinthern. Im Walvoord-Kommentar wird 2Kor 7,10-11 so kommentiert:

Sie haben ihrerseits Reue gezeigt - eine Sinnesänderung, die dazu führte, daß sie nun wieder nach dem Willen Gottes handeln. Ihre Reue ist deshalb eine Traurigkeit nach Gottes Willen (wie die Reue von Petrus, nachdem er Christus verleugnet hat), keine Traurigkeit der Welt, die den Tod wirkt (wie die "Reue" des Judas, nachdem er den Herrn verraten hat; Mt 27,3-5 ). Die echte, hilfreiche Traurigkeit der Korinther spornte sie (a) zu gemeinsamen Mühen an, ihr Unrecht wiedergutzumachen, veranlaßte sie (b) dazu, sich zu verteidigen, weckte (c) ihren Unwillen gegenüber den Widersachern des Paulus ( 2Kor 2,5-11 ) und (d) ihre Furcht angesichts ihrer ehemaligen Passivität und deren Folgen (2Kor 2,1-4), ließ (e) ihr Verlangen und ihren Eifer für Paulus wachsen (vgl. 2Kor 7,7) und führte (f) zur Bestrafung (2Kor 2,6) des Übeltäters.

Viele Stellen im Alten Testament zeigen, dass echte Umkehr von Trauer begleitet ist (siehe z.B. Esr 9,3).

Joe 2,12  Doch auch jetzt, spricht der HERR, kehrt um zu mir mit eurem ganzen Herzen und mit Fasten und mit Weinen und mit Klagen!

Oft war diese Buße von Fasten begleitet. Es ist zwar keine notwendige Bedingung, aber es unterstützt die "göttliche Betrübnis". Jedenfalls ist es gewiss nicht angemessen, den Leib zu verwöhnen, wenn man sich von ganzem Herzen von der Weltlichkeit abkehren will, wie Jakobus es in diesem Abschnitt beschreibt. Die Enthaltsamkeit von Annehmlichkeiten und Vergnügungen fördert einerseits das Empfinden der göttlichen Traurigkeit, andererseits bringt sie die Ernsthaftigkeit der Umkehr zum Ausdruck.

Anwendung / Selbstprüfung

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4,11 - 5,6  Wo Demütigung besonders nötig ist

Die drei Sünden, die Jakobus in diesem Abschnitt aufzeigt, sind Sünden gegen die Demut und passen daher gut zum vorigen Abschnitt. Vielleicht fühlt sich jemand nach dem Lesen von 4,1-10 noch nicht direkt betroffen, vielleicht denkt er, er ist nicht des geistlichen Ehebruchs und der Feindschaft gegen Gott schuldig - schließlich führt er keinen Krieg, tötet und neidet nicht, so denkt er jedenfalls. Um auch einen solchen zu überführen, wird Jakobus jetzt konkreter. Er greift drei Sünden heraus, die unter den Empfängern seines Briefes offenbar verbreitet waren:

  1. über Geschwister schlecht reden und richten
  2. selbstherrliche, materialistische Zukunftspläne schmieden
  3. materielle Güter anhäufen

Allen drei Sünden ist gemeinsam,

4,11-12  Überhebliche Haltung gegenüber Geschwistern

Zwei sehr eng verwandte Sünden werden angeprangert, die einer überheblichen Haltung gegenüber Geschwistern entstammen:

  1. schlecht über Geschwister reden
  2. über Geschwister richten

Schlecht reden (griech. kata-laleo) setzt sich aus den Worten kata (herab) und laleo (reden) zusammen. Das zeigt schon, dass es etwas mit Überheblichkeit zu tun hat: von oben herab über den Bruder reden. Wenn uns das auch oft nicht bewusst ist, so ist doch jedes schlechte Reden über den anderen eine Selbst-Überhebung über ihn und widerspricht damit dem Gebot, den anderen höher zu achten als sich selbst: 

Phil 2,3  nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhmsucht tut, sondern daß in der Demut einer den anderen höher achtet als sich selbst;

Die Sünde des Richtens und des schlechten Redens über den Bruder ist mangelnde Demut 

Bei der Sünde des schlechten Redens geht es weniger darum, jemandem etwas Böses ins Gesicht zu sagen, sondern mehr darum, hinter seinem Rücken so zu reden, dass es nicht zu seinem Vorteil sondern zu seinem Nachteil gereicht. Die Dinge die man sagt, können glatte Verleumdungen sein, sie können aber auch der Wahrheit recht nahe kommen oder ihr ganz entsprechen. Die Frage ist: Wird die Information zum Schaden des Bruders weitergesagt? Wie leicht ist es, über jemanden, der nicht im Raum ist, verächtlich zu reden! Wer von uns hat das noch nicht getan? Wenn wir das nächste Mal ansetzen, dies zu tun, sollten wir uns fragen: Zu welchem Zweck will ich den Mund aufmachen? Ist es wirklich notwendig (aus guten, biblischen Gründen), eine negative Tatsache über den Bruder gegenüber einem Dritten zu erwähnen, oder stecken vielmehr niedrige Motive dahinter? Und wenn es notwendig ist - geschieht es in Demut vor dem Herrn und dem Bruder oder nicht? Ich bin überzeugt, dass wir in den meisten Fällen den Mund halten würden, wenn wir diese Fragen ehrlich beantworteten.

Wie sieht es nun mit dem Richten aus? Dürfen wir tatsächlich niemanden richten? Werden wir nicht an anderen Stellen dazu aufgefordert?

Es gibt also auch ein richtiges Richten. Es unterscheidet sich vom sündigen Richten dadurch, dass es das Wohl des Bruders zum Ziel hat statt seinen Schaden:

Mt 18,15 Wenn aber dein Bruder sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein! Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen.

Jak 5,19-20  Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit abirrt und jemand ihn zurückführt, so wißt, daß der, welcher einen Sünder von der Verirrung seines Weges zurückführt, dessen Seele vom Tode erretten und eine Menge von Sünden bedecken wird.

Das unrechte Richten geschieht

4,13-17  Überhebliches Planen der Zukunft

Der Mangel an Demut ist bei dieser Sünde offensichtlich. Es werden Zukunftspläne geschmiedet, die Gott nicht in die Rechnung einbeziehen. Weder das Ziel (Gewinn machen) wird vor Gott geprüft, noch der Weg dorthin. Und im Ersinnen und Verkünden der Pläne ist Rühmen und Großtuerei - wer so denkt und redet verherrlicht sich selbst statt Gott.

So der Herr will soll nicht eine Phrase sein, die man vor alle Zukunftsaussagen stellt, sondern eine gedankliche Priorität, die man vor jeden Gedanken an die Zukunft stellt. Ob jemand diese Phrase buchstäblich verwendet oder nicht, sei ihm überlassen, aber jeder Nachfolger Jesu muss sich bei Zukunftsplänen seine Abhängigkeit von Gott bewusst machen:

Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde: Das bezieht sich wohl besonders auf das Gute, das Jakobus in V. 15 beschrieben hat, nämlich die Abhängigkeit von Gott in das Planen einzubeziehen, aber es kann genauso gut auf all das Gute bezogen werden, das in dem Brief aufgezeigt wurde, im Besonderen die Barmherzigkeit, das Zügeln der Zunge und das Unbefleckthalten von der Welt. Überhaupt gilt diese Aussage ganz allgemein: Es ist nicht nur Sünde, Verbotenes zu tun, sondern auch, das Gute zu unterlassen, das Gott geboten hat. Vielleicht sagt Jakobus das gerade denjenigen, die planen, wie sie im nächsten Jahr Gewinn machen, statt sich zu fragen, wie sie ihre materiellen und immateriellen Gaben einsetzen können, um Gutes zu tun, im Besonderen den Geschwistern zu helfen, die Mangel leiden. Wie groß ist die Versuchung, ein Leben zu führen, das nach außen hin christlich ist, ohne dabei sich selbst und alles, was man hat, dem Herrn hinzugeben (Röm 12,1).

5,1-6  Die Überheblichkeit der Reichen

Reichtum birgt eine große Versuchung zum Hochmut in sich (1Tim 6,17), daher fügen sich diese Verse gut an Kapitel 4 an, wo es um Demütigung vor Gott geht. Vier Sünden im Zusammenhang mit Reichtum werden angeprangert:

  1. Anhäufen von Reichtum
  2. Ungerechter Gewinn
  3. Schwelgen in Luxus
  4. Verfolgung des Gerechten

Beim Lesen dieses Abschnitts drängt sich die Frage auf: Geht es hier um Gläubige oder um Ungläubige? Der Walvoord-Kommentar sagt einleitend zu V. 1-6:

Der schon am Ende von Kapitel 4 anklingende Gedanke wird in Kapitel 5 genauer und strenger weitergeführt. Die Reichen werden angeprangert. Jakobus scheint hier alle reichen Leute im Blick zu haben, sowohl Gläubige (vgl. Jak 1,10) als auch Ungläubige (vgl. Jak 2,6). Er richtet keinen Appell zur Umkehr an sie, lediglich die Drohung, daß gehorteter Reichtum zu einem Ende mit Schrecken führen wird.

Allerdings kann man den Aufruf "weint und heult über eure Plagen ..." durchaus als Aufruf zur Buße sehen. Ganz ähnlich steht in 4,9 der Aufruf zur Trauer und zum Weinen angesichts des Elends, das die Feindschaft gegen Gott mit sich bringt. Und auch in 1,10-11 lesen wir, dass für den Reichen nicht sein Wohlstand Grund zur Freude ist, sondern seine Erniedrigung oder Demütigung (im Griechischen der selbe Wortstamm wie in 4,6 und 4,10), die dadurch zustande kommt, dass er seine Lage aus göttlicher und ewiger Perspektive betrachtet.

Das Problem ist nicht der Reichtum an sich (im Sinn des Besitzens und Verwaltens großer materieller Werte), sondern

Anhäufen von Reichtum

Mt 6,19-21  Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Fraß zerstören und wo Diebe durchgraben und stehlen; sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Fraß zerstören und wo Diebe nicht durchgraben noch stehlen! Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.

Siehe auch Lk 12,13-21.

Ungerechter Gewinn

Schon im Alten Testament finden wir scharfe Worte gegen das Ausbeuten der Arbeiter (3Mo 19,13; Jer 22,13). Wehe den Ausbeutern, wenn das Geschrei über ihr Unrecht vor den Herrn der Heerscharen kommt:

5Mo 24,15  Am selben Tag sollst du ihm seinen Lohn geben, und die Sonne soll nicht darüber untergehen - denn er ist bedürftig und verlangt sehnsüchtig danach -, damit er nicht über dich zum HERRN schreit und Sünde an dir ist.

Diese Sünde kommentiert W. MacDonald im Kommentar zum Neuen Testament folgendermaßen:

So verurteilt die Bibel nicht nur das Aufhäufen von Geld, sondern auch das Geldverdienen mit unlauteren Mitteln. Zu der Sünde, den Arbeitern nicht genügend Lohn zu zahlen, hätte Jakobus auch noch falsche Steuererklärungen, falsches Gewicht oder Maß, Bestechung von Beamten und Regierungsvertretern, lügnerische Werbung und falsche Kostenaufstellungen nennen können.

Schwelgen in Luxus

W. MacDonald zu V. 5:

Als nächstes prangert Jakobus das luxuriöse Leben der Reichen an. Teurer Schmuck, elegante Kleidung, erlesenste Speisen und luxuriöse Häuser - wie konnten sie nur all ihren Reichtum für sich selbst verschwenden, wo doch viele Menschen schwere Not leiden müssen? Oder, um es in unsere Zeit zu übersetzen, wie können wir den Überfluß und die Extravaganzen der Gemeinde und der Christenheit rechtfertigen? Wir leben in einer Welt, in der täglich Tausende den Hungertod sterben. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung hat nie etwas von unserem Herrn Jesus Christus gehört. Wie können wir in einer solchen Welt Sportwagen, komfortable Limousinen und teure Yachten rechtfertigen? Wie können wir das Geld des Herrn in teuren Hotels, Gourmet-Restaurants und bei allen anderen Formen der Selbstverzärtelung verprassen? Die klare Lehre der Schrift, die schreiende Not der Welt, das Beispiel des Herrn und der einfache Instinkt des Mitgefühls sagen uns, daß es falsch ist, in Komfort, Luxus und Wohlergehen zu leben, solange es nur einen einzigen Menschen auf der Welt gibt, der das Evangelium noch nicht gehört hat.

Verfolgung des Gerechten

Sind es in 4,1-2 die Möchte-gern-Reichen, die kämpfen, neiden und töten, so sind es hier die tatsächlich Reichen und Mächtigen. Vielleicht ist in beiden Fällen auch das Töten im übertragenen Sinn gemeint (mit Worten töten, mit Blicken töten), aber bei den Reichen und Mächtigen ist bestimmt auch das buchstäbliche Verurteilen und Töten gemeint; siehe auch 2,6-7. So wie die Mächtigen dieser Erde den Herrn Jesus, den Gerechten, verurteilt und getötet haben, so verfolgen sie auch immer wieder seine Nachfolger, die keinen Widerstand leisten, sondern das Böse mit Gutem vergelten. Aber nicht nur den Nachfolgern Jesu, sondern ganz allgemein den Schwachen und Wehrlosen wird in dieser Welt von den Reichen und Mächtigen übel mitgespielt.

Anwendung / Selbstprüfung

Was ist mein Verhältnis zum materiellen Überfluss?

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