Jesus und das Gesetz

Frage [1]

Wie ist Mt 5,17-19 zu verstehen? Was für ein Gesetz meint Jesus? Was will Jesus damit sagen? Wenn er nicht nur die Zehn Gebote meint, müsste man dann die Gebote in Mose alle wörtlich nehmen?

Antwort

"Meint nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Wer nun eins dieser geringsten Gebote auflöst und so die Menschen lehrt, wird der Geringste heißen im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, dieser wird groß heißen im Reich der Himmel." (Mt 5,17-19)

Jesus hatte die größte Wertschätzung für das Alte Testament, was sich auch darin zeigt, dass er es sehr oft zitierte. Die Beziehung Jesu zum Alten Testament hat mehrere Ebenen:

  1. Jesus erklärte die tiefere Bedeutung des Alten Testaments: Seine Lehre widersprach nicht dem Alten Testament, sondern zeigte seine wahre Bedeutung auf. Das machte er in den folgenden Versen (Mt 5,20-48) anhand einiger Beispiele deutlich. Er wandte sich nicht gegen die Gebote des Alten Testaments, sondern gegen deren falsche, rein äußerliche Interpretation und gegen die jüdischen Überlieferungen, die zum Teil im direkten Widerspruch zum Gesetz standen (siehe Mk 7). So steht z.B. die Aussage "Du sollst deinen Feind hassen" (Mt 5,43) nirgends im Alten Testament. Jesus bezog sich hier also auf die jüdischen Überlieferungen.
     
  2. Jesus erfüllte die Schriften des Alten Testaments, indem er genau nach seinen Forderungen lebte - und zwar nicht nur dem Buchstaben, sondern dem Sinn nach.
     
  3. Jesus erfüllte die prophetischen Ankündigungen seines ersten Kommens im Alten Testament.
     
  4. Jesus erfüllte diejenigen Aspekte des Alten Testaments, die Bilder und Schatten einer tieferen Wahrheit vorzeichneten (z.B. die Tieropfer). Viele Aspekte im Leben Jesu und deren Auswirkungen in der unsichtbaren Welt werden im Alten Testament in Bildern und Symbolen dargestellt, z.B. sein vollkommenes Leben, sein stellvertretender Tod, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt und sein priesterlicher Dienst im Himmel.

Solange Jesus lebte, war der alte Bund (das mosaische Gesetz) in Kraft. Nach der Himmelfahrt Jesu, nachdem Jesus viele Bilder und Symbole des Alten Testaments durch die Realität ersetzte, die sie eigentlich repräsentierten, war der alte Bund nicht mehr bindend (Hebr 8,6-13). Jesus Christus hat einen "neuen Bund" gestiftet und ist daher "das Ende des Gesetzes" (Röm 10,4), und Christen müssen sich nicht mehr nach dem mosaischen Gesetz vor Gott verantworten (Gal 3,24-25).

Das heißt natürlich nicht, dass Christen nun tun und lassen können, was sie wollen - sie leben vielmehr "unter dem Gesetz Christi" (1. Korinther 9,21). Das heißt, dass sie die Gebote, die Jesus und die Apostel in den Schriften des Neuen Testaments hinterlassen haben (und die den Sinn der alttestamentlichen Gebote zusammenfassen) ernst nehmen und halten. Dies ist keine freiwillige Option, sondern untrennbarer Bestandteil des Christseins (Joh 8,31).

Christen haben wie Jesus selbst eine hohe Wertschätzung für die Schriften des Alten Testaments. Die darin geschilderten Geschehnisse und Personen haben große Bedeutung als (negative und positive) Vorbilder (1Kor 10,11) und als Hinweise auf Christus (Lk 24,27). Denn altes wie neues Testament sind

"... von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, Überführung, Zurechtweisung und Unterweisung in der Gerechtigkeit" (2Tim 3,16)

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