Und lehrt sie alles zu bewahren

Inhalt

1. Einleitung
2. Ein persönliches Zeugnis
3. Eine Umfrage
4. Persönliche Ausbildung im Neuen Testament 4.1. Jesus und seine Jünger
4.2. Ermahnungen an die Hebräer
4.3. Paulus und die Thessalonicher
5. Vorbeuge-Seelsorge versus Krisen-Seelsorge
6. Rechenschaft geben
7. Praktische Hinweise
8. Schluss

1. Einleitung

Mt 28,19-20 Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe! Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.

Der Auftrag, den Jesus seinen Jüngern gab, bestand darin, Menschen aus allen Nationen im Sinne Gottes zu schulen. Jünger heißt Schüler, Lernender, Lehrling. Und zu Jüngern machen heißt schulen, lehren, ausbilden. Diesem Auftrag sollen die Jünger nachkommen, indem sie die Menschen taufen, die sich aufgrund der Verkündigung des Evangeliums bekehren, und indem sie sie lehren, alles zu bewahren, was Jesus geboten hat. Die Taufe ist ein einmaliges Ereignis, die Belehrung ist fortlaufend. Sie ist das Ausschlaggebende beim Prozess des Jünger Machens bzw. des Schulens. Es ist daher wesentlich, dass wir verstehen, wovon Jesus hier spricht.

"und lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe!" (Rev. Elberfelder) kann auch so übersetzt werden:

Worum es bei dieser Art von Belehrung geht, ist nicht Theorie sondern Praxis, nicht Wissen sondern Leben, nicht Hören sondern Tun. Natürlich haben Theorie, Wissen, Hören ihre Bedeutung, aber nicht als Selbstzweck sondern als Mittel zum Zweck, nämlich zur praktischen Anwendung. Bleiben wir bei der theoretischen Erkenntnis stecken und schaffen es nicht bis zur Anwendung in unserem täglichen Leben, so hat das nichts mit der Schulung zu tun, von der Jesus sprach. Es wäre als ob ein Tischlerlehrling zum Gesellen und zum Meister werden wollte, indem er alles über Tischlerei liest und dabei zusieht, aber nie Hand ans Holz legt. Niemand würde sich von ihm gerne ein Möbelstück bauen lassen.

Es ist aber nicht nur die Verantwortung des Schülers, die Erkenntnis in die Praxis umzusetzen, es ist auch die Verantwortung des Lehrers - und davon redet Jesus in diesem Zusammenhang -, dem Schüler die Praxis beizubringen. Und gerade in diesem Punkt sehe ich ein großes Versäumnis vieler Gemeinden bzw. Kinder Gottes. Sie denken, Lehre heißt, die Gebote Jesu erklären, Bibelstudien halten, Bücher schreiben. Dabei übersehen sie, dass sie damit noch lange nicht das Halten der Gebote Jesu erreicht haben, um das es ja eigentlich geht.

Was muss ich tun, um jemandem eine praktische Fertigkeit beizubringen? Ich muss

  1. ihm die Technik erklären,
  2. sie ihm vorführen,
  3. ihn anleiten, es selbst zu versuchen,
  4. auf seine Fragen und Probleme mit Hilfestellung reagieren,
  5. ihm auch ungefragt Ermutigung und Korrektur geben, um die gewünschte Qualität zu erreichen.

Dieses Schema kann man 1:1 auf die Jüngerschaft umlegen. In einigen dieser Punkte (besonders Punkt 1) sind wir in der Regel besser und in anderen schwächer. Wenn wir Jesu Auftrag wirklich ernst nehmen wollen, müssen wir in allen 5 Punkten gut werden. Eines ist klar, wenn man sich die 5 Punkte anschaut: Diese Art von Ausbildung kann nur über persönliche Beziehungen funktionieren - von der Kanzel aus kann man nur einen kleinen Teil durchführen. 

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2. Ein persönliches Zeugnis

Meine eigene Erfahrung bestätigt mir die Wichtigkeit biblischer Jüngerschulung. Ich hatte durch die Jahrzehnte meines Glaubenslebens hindurch immer wieder Wachstumsstillstände. Es gab Bereiche in meinem Leben, die ich nicht gründlich ans Licht gebracht habe, um mit ihnen radikal zu brechen. Ich konnte den äußeren Schein aufrechterhalten und in meinem Herzen doch Abwege gehen, weil niemand um diese Bereiche meines Lebens wusste und niemand mich deshalb zur Rede stellte. Diese Abwege haben mich Monate und Jahre in meiner Entwicklung gekostet. Ich bin überzeugt, dass ich beständiger gewachsen wäre, wenn ich einen Mentor, einen väterlichen Bruder gehabt hätte, dem ich mein Herz mit all seinen Kämpfen geöffnet hätte und der mich durch sein Vorbild, durch seine Ermahnung, Ermunterung und Belehrung angehalten hätte, den geraden Weg zu gehen. Ich wünsche jedem jungen Christen, dass er von Anfang an einen solchen Bruder haben möge, und jeder jungen Christin, dass sie von Anfang an eine solche Schwester haben möge.

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3. Eine Umfrage

Während ihrer letzten Herbstkonferenz hat die evangelikale Konferenz für Gemeindegründung (KfG / Rasdorf) eine Umfrage zum Thema "Persönliche Evangelisation" durchgeführt und dabei 152 Teilnehmer befragt. Mit neun Fragen wollte die KfG herausfinden, wie, wann und wo sich Menschen zu Jesus Christus bekehrt haben und wie sie sich als junge Christen entwickelten.

Dabei war eine der Fragen "Hat sich ein reifer Christ in Form einer Jüngerschulung um dich gekümmert?" Hier ist das Ergebnis (Gemeindegründung Nr. 66, 2/01, S. 24-25):

Überraschender Weise hatten nur 25% der Befragten jemanden, der sich in Form einer Schulung um sie bemühte. Es entsteht der Eindruck, daß die volkskirchliche Sitte "Hauptsache, jemand besucht die Veranstaltungen" auch in den neuen Gemeinden ihren Platz hat. Irgendwie wursteln sich die Menschen, die neu dazu kamen, schon durch. Weitere 18% hatten wenigstens noch jemanden, mit dem sie mal reden konnten und der ihnen ein paar Tips gab. Aber traurig ist, dass der Rest tatsächlich selber sehen mußte, wie er fertig wurde. Nun gut, es gab da noch einige, die sich aufrafften und selbst die Initiative ergriffen. Wenn wir etwas aus dieser Umfrage lernen können, dann dieses: es muß uns ein Anliegen werden, beim Missionsauftrag Jesu auch den zweiten Teil zu erfüllen, "indem ihr sie tauft und lehrt" (Mt 28,19). 

Die Ergebnisse dieser Umfrage bestätigen meine Beobachtungen. Wir bringen Leute in die Gemeinde, freuen uns, wenn sie "eine Entscheidung treffen" und wenn sie dann halbwegs regelmäßig die Gottesdienste und Bibelstudien besuchen. Daran ist an sich nichts Schlechtes. Aber es reicht nicht. Das böse Erwachen kommt oft erst, wenn die Person plötzlich selten oder nicht mehr in die Gemeinde kommt. Wie konnte das passieren? Ganz einfach, der Widersacher hat seine Verführungstaktiken angewandt, und er war erfolgreich - nicht zuletzt, weil niemand da war, der dem Junggläubigen zur Seite stand. Gott sei Dank, ist das nicht immer so; es gibt auch junge Geschwister, die von Anfang an jemanden haben, der sie im Glaubensleben anleitet, und außerdem erleidet nicht jeder Schiffbruch, der auf sich allein gestellt ist.  Aber wir müssen danach streben, dass sich kein Junggläubiger alleine durchschlagen muss.

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4. Persönliche Ausbildung im Neuen Testament

4.1. Jesus und seine Jünger

Unser größtes Vorbild ist auch in diesem Bereich unser Herr selbst. Er hat während der drei Jahre seines Dienstes vorgelebt, wie man Jünger schult. Während dieser ganzen Zeit war sein Dienst an den verlorenen Schafen, zu denen er gesandt war, verwoben mit dem Dienst an seinen Jüngern, die er zu seinen Nachfolgern ausbildete. Jesus hätte die wenigen Jahre, die ihm zur Verfügung standen, sehr gut nützen können, indem er nur selbst predigte und heilte. Aber er nahm sich viel Zeit, dies seinen Jüngern beizubringen. So hat es Gottes weiser Plan vorgesehen - schließlich ging es ja nicht darum, in ein paar Jahren den größtmöglichen Erfolg zu erzielen, sondern die Missionierung der Welt während der nächsten Jahrtausende vorzubereiten:

Es gäbe noch vieles mehr zu sagen, doch auch diese kurze Liste zeigt schon, was für ein hervorragender Lehrer Jesus war. Wir können und sollen uns viel von ihm abschauen. 

4.2. Ermahnungen an die Hebräer

Hebr 3,12-13 Seht zu, Brüder, daß nicht etwa in jemandem von euch ein böses Herz des Unglaubens sei im Abfall vom lebendigen Gott, sondern ermuntert einander jeden Tag, solange es «heute» heißt, damit niemand von euch verhärtet werde durch Betrug der Sünde!

Hebr 10,23-25 Laßt uns das Bekenntnis der Hoffnung unwandelbar festhalten - denn treu ist er, der die Verheißung gegeben hat - und laßt uns aufeinander achthaben, um uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist, sondern einander ermuntern, und das um so mehr, je mehr ihr den Tag herannahen seht!

Hebr 12,15 und achtet darauf, daß nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, daß nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch zur Last werde und durch sie viele verunreinigt werden,

4.3. Paulus und die Thessalonicher

Der erste Thessalonicherbrief drückt besonders schön die herzliche Mentor-Beziehung von Paulus, Silvanus und Timotheus (ich nenne sie im Folgenden der Einfachheit halber Paulus & Co) zu den Geschwistern in Thessalonich. Diese Beziehung ist durch mehrere Merkmale geprägt:

Verbundenheit im Gebet:

1Thes 1,2-3 Wir danken Gott allezeit für euch alle, indem wir euch erwähnen in unseren Gebeten und unablässig vor unserem Gott und Vater an euer Werk des Glaubens gedenken und die Bemühung der Liebe und das Ausharren in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus;

1Thes 2,13 Und darum danken auch wir Gott unablässig, daß, als ihr von uns das Wort der Kunde von Gott empfingt, ihr es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort, das in euch, den Glaubenden, auch wirkt.

1Thes 3,9-13 Denn was für Dank können wir Gott eurethalben abstatten für all die Freude, womit wir uns euretwegen freuen vor unserem Gott, wobei wir Nacht und Tag aufs inständigste bitten, euer Angesicht zu sehen und das zu vollenden, was an eurem Glauben mangelt? Unser Gott und Vater selbst aber und unser Herr Jesus richte unseren Weg zu euch. Euch aber lasse der Herr zunehmen und überreich werden in der Liebe zueinander und zu allen - wie auch wir euch gegenüber sind - um eure Herzen zu stärken, untadelig in Heiligkeit zu sein vor unserem Gott und Vater bei der Ankunft unseres Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen.

1Thes 5,23 Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!

Merkmale der Gebete von Paulus & Co:

Persönliche, engagierte Ermunterung und Ermahnung

Aus 1Thes 2,1-12 lernen wir: Die Verkündigung von Paulus & Co und ihre anschließende Betreuung der Jünger war

So war die Beziehung, als Paulus & Co in Thessalonich waren. Und danach? War die Sache damit erledigt, dass sie den Geschwistern mit bestem Wissen und Gewissen unter größtem Einsatz gedient hatten? Nein. Als sie von ihnen getrennt waren, erfüllte sie die Sehnsucht nach ihnen und das brennende Fragen nach ihrem geistlichen Wohlbefinden. Aus 1Thes 3,1-8 können wir folgende Merkmale der Fürsorge ableiten:

Paulus & Co ermahnen nicht nur selbst, sondern halten die Thessalonicher an, sich gegenseitig zu ermahnen, zu ermuntern, zu erbauen, zu trösten:

1Thes 4,18 So ermuntert nun einander mit diesen Worten!

1Thes 5,11 Deshalb ermahnt einander und erbaut einer den anderen, wie ihr auch tut!

1Thes 5,14 Wir ermahnen euch aber, Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig gegen alle!

Obwohl Paulus & Co ihre Ermahnungen und Ermunterungen durch den Geist Gottes geleitet so wunderbar formuliert haben, schreiben sie doch den Thessalonichern, sie sollen sich gegenseitig mit diesen Worten ermuntern. Es reicht nicht, allen den Brief vorzulesen - es gibt keinen Ersatz für persönliche, gegenseitige Ermunterung, denn dadurch wendet der Heilige Geist das Wort Gottes auf eine Situation bzw. Person an und lässt den toten Buchstaben zum lebendigen, wirksamen, scharfen Schwert werden, das die Gedanken und Gesinnungen des Herzens richtet.

Die Folgen für die engagierten Mentoren

1Thes 2,19-20 Denn wer ist unsere Hoffnung oder Freude oder Ruhmeskranz - nicht auch ihr? - vor unserem Herrn Jesus bei seiner Ankunft? Denn ihr seid unsere Herrlichkeit und Freude.

1Thes 3,7-9 deswegen, Brüder, sind wir über euch bei all unserer Not und Bedrängnis getröstet worden durch euren Glauben; denn jetzt leben wir wieder auf, wenn ihr feststeht im Herrn.
Denn was für Dank können wir Gott eurethalben abstatten für all die Freude, womit wir uns euretwegen freuen vor unserem Gott,

Aus dieser herzlichen, fürsorglichen Beziehung gewannen Paulus & Co große Freude. Sie nannten die Thessalonicher ihre Hoffnung, ihre Freude, ihren Ruhmeskranz, ihre Herrlichkeit. Sie wurden durch die Anteilnahme am Glauben der Geschwister in ihrer eigenen Not und Bedrängnis getröstet.

Der Herr hat die Nächstenliebe angeordnet - auch als Therapie. Wir denken, wir müssen uns vor allem um uns selbst kümmern, damit es uns gut geht. Der Herr hat es so gefügt, dass es uns geistlich und seelisch nur gut gehen kann, wenn wir uns selbst loslassen, uns hingeben im Dienst für andere, uns verletzbar machen im Gehorsam und im Vertrauen, dass der Herr für uns sorgen wird. Wenn wir das tun, werden wir erleben, wie der Herr für uns sorgt und wie wir Trost und Freude durch die intensive Anteilnahme an anderen gewinnen. Das heißt nicht, dass damit nicht auch Leid und Enttäuschung verbunden sind - aber das wird uns umso mehr vom Herrn (und nicht von Menschen) abhängig machen.

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5. Vorbeuge-Seelsorge versus Krisen-Seelsorge

Mein Eindruck ist, dass heute der weit überwiegende Teil der Seelsorge in Gemeinden Krisen-Seelsorge ist - d.h. jemand hat ein Problem, mit dem er zu einem Seelsorger kommt, oder er wird vom Seelsorger auf ein augenscheinliches Problem angesprochen. Ein paar Beispiele: Ehekrisen, Depressionen, sexuelle Vergehungen, schädliche bzw. sündige Gebundenheiten, Zweifel an Gott, usw.

Diese Art von Seelsorge ist wichtig, und es wird immer Bedarf für sie geben (Gal 6,1). Aber ich bin überzeugt, dass es ein großer Gewinn wäre, mehr vorbeugende Seelsorge zu betreiben und dadurch weniger schwere Krisen in der Seelsorge behandeln zu müssen. Wenn ein Jünger von Anfang an von einem reiferen Jünger einfühlsam im Glauben gefördert wird, wenn Probleme und Krisen in den Anfängen erkannt werden und ihnen entgegengewirkt wird, dann wird es viel seltener zu krassen Fehlentwicklungen und schweren Krisen kommen:

Hebr 12,15 und achtet darauf, daß nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, daß nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch zur Last werde und durch sie viele verunreinigt werden,

Aber leider ist es in der Seelsorge so wie auch in anderen Bereichen des Berufs- und Privatlebens: Es fällt uns leichter, zu reagieren als zu agieren, Probleme zu lösen als ihnen vorzubeugen. Man ist oft so mit Krisen-Bewältigung beschäftigt, dass man keine Zeit für Krisen-Vorbeugung hat. Es bedarf großer Selbstdisziplin, diesem Teufelskreis zu entkommen. Aber ich bin überzeugt, dass es der biblische Weg ist und dass wir sowohl als Seelsorger als auch als umsorgte Seele einen mehr oder weniger begrenzten Freiraum haben, uns in Richtung Vorbeugung zu entwickeln - wenn wir das wirklich anstreben. Mit der Zeit werden wir die Früchte ernten: Wir werden mehr Zeit mit für- und vorsorgender Jüngerschulung verbringen als mit geistlichen Feuerwehr-Aktionen.

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6. Rechenschaft geben

Wir dürfen nicht denken, dass nur junge, ungefestigte Geschwister jemanden brauchen, dem sie sich anvertrauen können, der ihnen mit geschwisterlicher Freundschaft und mit Rat zur Seite steht. Gerade geistliche Führer brauchen solch einen Vertrauten. Im Reich Gottes wurde und wird gerade in den letzten Jahrzehnten viel Schaden angerichtet durch geistliche Führer (Gemeindeleiter, Prediger, Autoren, ...), deren Zeugnis zerstört wurde - meist durch sexuelle Vergehungen. Im Kapitel über die Lust schreibt Charles Swindoll in Riesen und Dornen [1]:

Ich denke an einen Mann, dem ich vor ein paar Monaten begegnete - ein feiner Verkündiger des Evangeliums. Er sagte, er habe eine geheime Liste aufgestellt von Männern, die einmal herausragende Ausleger der Schrift waren, fähige und geachtete Gottesmänner, die in ihrem Glauben Schiffbruch erlitten haben in den Tiefen der moralischen Abgründe. In der vergangenen Woche, so sagte er, sei er bei Nummer 42 in seinem Buch angekommen. Diese traurige, schmutzige Statistik, betonte er, veranlasse ihn, besonders behutsam und zurückhaltend in seinem eigenen Leben zu sein.

Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter, als er diese Geschichte erzählte. Niemand ist immun. Sie sind es nicht. Ich bin es nicht. Lust nimmt keine Rücksicht auf Personen. Entweder durch wilde Angriffe oder durch feine Winke - die Sinne vieler Menschen sind verwundbar durch ihre Angriffe. Hart im Beruf stehende Männer und Frauen, zu Hause Arbeitende, Studenten, Schreiner, Künstler, Musiker, Piloten, Bankleute, Senatoren, Klempner sowie auch Manager und Redner. Die verlockende Stimme der Lust kann den intelligentesten Geist beeinflussen und ihr Opfer dahingehend verführen, ihren Lügen zu glauben und auf ihre Bitte zu reagieren. Und hüten Sie sich - dieser Riese gibt niemals auf . er läuft den Gedanken niemals davon. Verriegeln Sie Ihre Haustür, und er wird am Schlafzimmerfenster klappern, durch die Mattscheibe des Fernsehens in Ihr Wohnzimmer hineinkriechen oder Ihnen auf einer Zeitschrift an der Bude entgegenwinken.

Es ist offensichtlich, dass die meisten männlichen Christen im sexuellen Bereich angefochten sind, und dass viele diesen Anfechtungen nicht gewachsen sind. Die Verführung des Teufels spielt sich natürlich nicht nur im sexuellen Bereich ab. Andere Christen sind in ungesunde, unbiblische Strömungen hineingeraten. Wie konnten diese und viele andere Verführungen gelingen? Es mag viele verschiedene Gründe geben, aber ein wesentlicher Grund ist, dass diese Leute anderen und sich selbst etwas vormachten - es war niemand da, der ihnen den Spiegel der Wahrheit rechtzeitig vor das Gesicht gehalten hat.

Das hängt damit zusammen, dass wir sehr zur Selbsttäuschung neigen:

Jer 17,9 Trügerisch ist das Herz, mehr als alles, und unheilbar ist es. Wer kennt sich mit ihm aus?

Gal 6,3 Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, während er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst.

Jak 1,22 Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen!

1Jo 1,8 Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.

Nur allzu leicht werden wir Hörer oder gar Redner des Wortes, ohne es dabei in die Tat umzusetzen. Und dabei finden wir dann noch Ausreden für uns, meinen, wir hätten in dieser oder jener Sache keine Sünde, obwohl es für einen objektiven Beobachter ein klarer Fall von Sünde wäre. Aber diesen objektiven Beobachter gibt es oft nicht, weil wir ihn nicht an uns heran lassen. Wir wollen gar nicht, dass jemand unsere wirklichen Schwächen kennen lernt - nicht diejenigen Schwächen, die wir in (scheinbarer) Demut vor anderen bekennen, sondern diejenigen, die wir geheim halten bis hin zur Selbsttäuschung. So kann es leicht passieren, dass wir meinen, etwas zu sein, während wir doch nichts sind.

Wir sehen also, dass es nicht reicht, die Kinder im Glauben zu begleiten und zur Reife hin zu führen. Gerade als reifer Christ wird man sich (in der Regel) wünschen, jemanden zu haben, dem man sich anvertrauen kann, jemanden, dem man bereit ist, Rechenschaft über sein Leben zu geben. Charles Swindoll hat diesem Thema in Living Above the Level of Mediocrity ein eigenes Kapitel gewidmet mit dem Titel Accountability: Answering the Hard Questions (Rechenschaft: die harten Fragen beantworten). Er definiert diese Art von Rechenschaft folgendermaßen [2]

Was meine ich mit Rechenschaft? Einfach ausgedrückt, heißt es, die harten Fragen zu beantworten. Rechenschaft schließt ein, dass man sein Leben einigen wenigen, sorgfältig ausgewählten, verantwortungsvollen, treuen Vertrauten öffnet, die die Wahrheit sagen und die das Recht haben zu prüfen, zu fragen, gutzuheißen und Rat zu geben ...

Ich meine mit Rechenschaft keineswegs, dass man der allgemeinen Öffentlichkeit vollen Einblick in alle Bereiche des Privatlebens gibt. Ich denke nicht an irgendein gesetzliches Tribunal, wo die Opfer ohne Rücksicht auf ihre Gefühle zerlegt werden ... Der Zweck der Beziehung ist, eine hilfreiche sondierende Instanz zu sein, jemanden vor potenzieller Gefahr zu bewahren, die Möglichkeit eines "blinden Flecks" zu identifizieren, als Ratgeber zu wirken, Perspektive und Weisheit dort hinein zu bringen, wo sie vielleicht fehlen.

Eine weitere Definition von Rechenschaft lautet (der Autor ist mir unbekannt):

Rechenschaft heißt, Hilfe zu bekommen um zu tun, was man tun will, und nicht, was man nicht tun will.

Ich denke, dass gute Freunde einen Großteil der Bedürfnisse auf diesem Gebiet abdecken können. Sie können sich gegenseitig Rechenschaft über ihren geistlichen Status geben. Vor allem bei reifen Geschwistern kann ich mir vorstellen, dass "ebenbürtige", eng befreundete Brüder/Schwestern im Herrn sich gegenseitig die "harten" Fragen stellen, das notwendige Feedback und den nötigen praktisch-geistlichen Rat geben können. Natürlich ist solch eine Beziehung auch bei jungen Geschwistern von großem Nutzen, aber in diesem Fall kommen wahrscheinlich die Belehrung und der Rat zu kurz, zu denen in der Regel nur erfahrene, im Glauben bewährte Geschwister fähig sind.

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7. Praktische Hinweise

In welcher Form sollen nun die persönliche Ermahnung, Ermunterung und Belehrung stattfinden? Es gibt hier viele Möglichkeiten, die Bibel gibt uns kein starres Schema vor. Hier ein Beispiel, wie es ein puritanischer Pastor mit seinen Schäfchen hielt [3]:

Was Baxter hier anspricht, ist die Gewohnheit, die er in "The Reformed Pastor" beschreibt und empfiehlt, und die er ... auch befolgte: die systematische Befragung von Familien in Bezug auf den persönlichen geistlichen Wandel. Baxter traf sich auf diese Weise mit 7 bis 8 Familien am Tag an zwei Wochentagen, damit er jährlich mit allen 800 Familien der Gemeinde durchkam. "Zuerst hörte ich mir an, wie sie die Worte des Katechismus aufsagten, dann prüfte ich sie hinsichtlich der Bedeutung, und letztlich mahnte ich unter größtem Einsatz von Verstand und Eindringlichkeit zu verantwortlicher Zuneigung und Praxis. Ich verbrachte ca. ein Stunde mit jeder Familie". Sein Zeugnis über den Wert dieser Gewohnheit ist mit Nachdruck: "Ich finde, wir haben bis jetzt niemals den richtigsten Weg zur Zerstörung des Königreichs der Finsternis eingeschlagen ... Ich sehe bei den meisten mehr äußere Zeichen des Erfolgs als durch all meine öffentlichen Predigten an sie.

Von einem anderen puritanischen Pastor, dem hervorragende Fähigkeiten in der Seelsorge nachgesagt wurden, lesen wir, wie er Nachfolger im Hirtendienst ausbildete [4]:

Greenham schrieb nie eine Abhandlung über Hirten- bzw. Seelsorge Richtlinien, wie es seine Freunde wünschten; aber er tat das nächst beste: Er schulte viele der nächsten Hirten-Generation. Angehende Pastoren lebten in seinem Haus und studierten mit ihm wie - eigentlich - Lehrlinge; örtliche Diener und Besucher von weiter weg schlossen sich ihnen oft zum Mittagessen an. Und so war Greenham ... "ein spezielles Mittel und Werkzeug Gottes, viele gelehrte junge Gottesmänner im heiligen Dienst Christi, im Werk des Dienstes zu ermutigen und auszubilden.

Welche Themen sollten bei der Schulung junger Geschwister behandelt werden? Die Antwort haben wir in Mt 28,20: die praktische Umsetzung all dessen, was Jesus den Aposteln geboten hat. Das ist sehr umfassend. Es beinhaltet im Besonderen:

Welche Themen sollten behandelt werden, wenn wir einander Rechenschaft über unseren geistlichen Status geben? Die Betonung liegt hier weniger auf der Lehre (die sollte vorausgesetzt werden können) und mehr auf der praktischen Umsetzung:

Diese Aufzählungen sind nicht vollständig. Jeder Einzelne bzw. die Beziehungspartner müssen herausfinden, welche Themen für sie Priorität haben, und wann und in welcher Weise sie besprochen werden sollen.

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8. Schluss

Warum dieses Studium? Weil ich In meinem Gewissen vom eigenen Versagen und vom beobachteten Versagen überführt bin, trete ich dafür ein und bete dafür, dass wir

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Fußnoten

[1] Charles Swindoll, Riesen und Dornen, CLV, S. 29-30

[2] Charles Swindoll, Living Above the Level of Mediocrity, Word; eigene Übersetzung

[3] J. I. Packer, A Quest for Godliness, Wheaton 1990, S. 45; eigene Übersetzung

[4] J. I. Packer, A Quest for Godliness, Wheaton 1990, S. 55; eigene Übersetzung