Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen

Inhalt

A. EINLEITUNG: ZU PERSON UND WERK
B. BEHANDLUNG DES TEXTES "VON DER FREIHEIT EINES CHRISTENMENSCHEN" I. DIE GEISTLICHE NATUR: DER INNERE MENSCH
II. DIE LEIBLICHE NATUR: DER ÄUSSERE MENSCH II.1. GUTE WERKE SICH SELBST GEGENÜBER (Abschn. 19-25)
II.2. GUTE WERKE ANDERN GEGENÜBER (Abschn. 26-30)
C. ZUSAMMENFASSUNG
D. RANDNOTIZEN AUS DEM WERK

A. EINLEITUNG: ZU PERSON UND WERK

In Martin Luther (1483-1546) begegnen wir einem Pionier des Lebens aus Glauben (innerhalb seiner Zeit und seines Wirkungsbereichs). Wir erfahren durch ihn, was es heißt, auch dann am Wort Gottes festzuhalten, wenn sich alle gegen ihn wenden. Rückblickend auf sein Leben verleiht er seiner Empfindung des Alleingangs in der Vorrede zu Band I der lateinischen Schriften der Wittenberger Ausgabe (1545) auf folgende Weise Ausdruck: Ich werde beim Papst verklagt, nach Rom zitiert, und das ganze Papsttum erhebt sich gegen mich, einen einzelnen Mann. [1] Dies bezieht sich auf das Jahr 1518, also auf seine eher frühe Schaffenszeit. Es ist noch nicht lange her, da er seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, nämlich am 31. Oktober 1517 - heute als "Luthertag" bezeichnet. Der Grund liegt vor allem im Ablasshandel. Die Auseinandersetzung rund um den Ablass verschärft sich gegen das Jahr 1520 hin. Dies fördert insofern Luthers literarische Aktivität, als dass er seine Gedanken über Ablass, Kirche, geistlichen Stand, Glauben, usw. in die Öffentlichkeit tragen will. So entstehen in diesem Jahr drei teilweise äußerst einflussreiche Schriften (die letzten beiden im Herbst 1520):

1. An den christlichen Adel deutscher Nation
"Luther traute dem geistlichen Stand je länger um so weniger die geistliche Kraft zu, den christlichen Stand zu bessern. Deshalb wandte er sich in dieser Sache an den Christlichen Adel." [2]

2. De captivitate babylonica ecclesiae praeludium (Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche)
"Für nicht minder wichtig hielt er es, die Kirche aus ihrer selbstgewählten internen Verstrickung, aus ihrer babylonischen Gefangenschaft, zu befreien, damit sie wieder in die Lage kommen konnte, dem Evangelium zu folgen. Das war das Motiv für die lateinische Anrede an Theologen und Kirchenobere, die sieben Sakramente betreffend." [3]

3. Von der Freiheit eines Christenmenschen
Luther wendet sich mit dieser Schrift an alle Christen - beinahe im Unterschied zum geistlichen Stand, den Kirchenoberen und Theologen zu sehen -, um ihnen zusammenfassend die Summe des geistlichen, christlichen Lebens zu ziehen (summa ... vitae christianae), "wie es in dem Widmungsschreiben an Papst Leo X. heißt" [4]. Er entwirft die Schrift - "deren theologische Originalität und wissenschaftlich-denkerische Durchführung vielleicht hinter den beiden anderen großen Äußerungen von 1520 zurückbleibt, deren öffentlichkeitswirksame Durchschlagkraft jedoch infolge einprägsamer, griffiger Sätze vom Leben in Christus in seiner Zeit geradezu unvergleichlich ist" [5] - in zwei Tagen. Im November 1520 wird sie veröffentlicht.
   Luther geht es mit seiner Schrift (seinem Kompendium des christlichen Lebensstils) darum - er ließ sich noch einmal dazu überreden - einzulenken und seine Friedensbereitschaft gegenüber dem Papst zu bekunden. Allerdings hat er grundsätzlich nicht vor, sich zu entschuldigen, sondern "´des gottlichen wortis warheyt´" [6] zu verkündigen. Ob wirklich allein der Papst als Adressat gemeint ist, bleibt fraglich. Beide Schriften sind sowohl in lateinischer als auch in deutscher Sprache verfasst. Die deutsche Version ist kürzer und spontaner, die lateinische "in der theologischen Einzelausprägung präziser" [7]. Die "Adressatenfächerung" ist in beiden Versionen unterschiedlich. Insgesamt schwankt Luther zwischen freundlichen Worten gegenüber dem Papst und harten gegenüber der Kirche Roms.
   Das Werk besteht aus zwei Teilen (die zusammengehören). Der erste Teil trägt den Titel Ein Sendbrief an den Papst Leo X., der zweite Von der Freiheit eines Christenmenschen. Im Folgenden werden wir uns allerdings auf den zweiten Teil beschränken.

B. BEHANDLUNG DES TEXTES "VON DER FREIHEIT EINES CHRISTENMENSCHEN" (in Form einer detaillierten Zusammenfassung jedes Abschnitts)

Der Text ist in 30 Abschnitte unterteilt. Die Abschnitte 3-18 behandeln den inneren Menschen, 19-30 den äußeren.

Abschn. 1 und 2: Hier ist das Fundament für das gesamte Werk gelegt. Ausgangspunkt sind zwei widersprüchlich anmutende Sätze:

  1. Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemand untertan.

  2. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Ding und jedermann untertan. [8]

Luther verweist darauf, dass diese Sätze von Paulus stammen: Ich bin frei in allen Dingen und hab mich zu eines jeden Knecht gemacht [9] (1Kor 9,19). Ihr sollt niemand etwas schuldig sein, denn daß ihr euch untereinander liebet (Röm 13,8). Die Liebe dient dem Geliebten. Gott hat seinen Sohn ausgesandt, von einem Weib geboren und dem Gesetz untertan gemacht (Gal 4,4).

In den beiden Sätzen drücken sich die zwei Naturen eines Gotteskindes [10] aus:

  1. Die geistliche Natur. Sie offenbart sich in der Seele, worin der geistliche, neue, innere Mensch zu finden ist - behandelt in Abschn. 3-18.

  2. Die leibliche Natur. Sie offenbart sich in Fleisch und Blut, worin der leibliche, alte, äußere Mensch zu finden ist - behandelt in Abschn. 19-30.

I. DIE GEISTLICHE NATUR: DER INNERE MENSCH (Abschnitt 3-18)

Abschn. 3: Die Seele kann nicht durch Äußerlichkeiten gottesfürchtig (fromm) "gemacht" werden. Glaube (frumkeyt; Fußn.) und Freiheit, Bosheit und Gefangenschaft sind nicht durch Äußerlichkeiten bedingt. Was hilft es der Seelen, daß der Leib ungefangen, frisch und gesund ist, isset, trinkt, lebt, wie er will? Wiederum, was schadet das der Seelen, daß der Leib, gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet, wie er´s nicht gern will? Dieser Dinge reichet keines bis an die Seelen, sie zu befreien oder zu fangen, fromm oder böse zu machen. [11]

Abschn. 4: Es hilft der Seele nichts, wenn die betreffende Person Priesterkleider (der Amtskirche) trägt, "heilige" Orte aufsucht, "heilige" Handlungen vollzieht (betet, fastet, Wallfahrten unternimmt, gute Werke übt, usw.) - das alles geschieht durch den Leib. Zu Gottesfurcht und Freiheit der Seele bedarf es einer anderen Qualität des Wirkens an ihr.

Abschn. 5: Diese "andere Qualität" ist allein das Wort Gottes, von Christus gepredigt (Joh 11,25; 14,6; Mt 4,4). So müssen wir nun gewiß sein, daß die Seele kann alle Dinge entbehren außer dem Wort Gottes, und ohne das Wort Gottes ist ihr mit keinem Ding geholfen. Wenn sie aber das Wort Gottes hat, so bedarf sie auch keines anderen Dinges mehr, sondern sie hat in dem Wort Genüge, Speise, Freude, Friede, Licht, Verstand, Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, Freiheit und alles Gute überschwenglich. So lesen wir im Psalter, sonderlich im 119. Psalm, daß der Prophet nach nichts mehr schreit, denn nach dem Wort Gottes. Es bedeutet Gottes Gericht, wenn Er Sein Wort von den Menschen nimmt, aber Seine größte Gnade, wenn Er es ihnen gibt (Ps 107,20). Das (das Wort Gottes den Menschen bringen) wäre eigentlich die Aufgabe des geistlichen Standes.

Abschn. 6: Das Wort Gottes ist das Evangelium Jesu Christi, ist Seine Predigt. Diese Predigt soll (wenn sie von einem Geistlichen gehalten wird) den Menschen zu der Erkenntnis führen, dass sein Leben und Wirken vor Gott nichts sind, und dass er mit allem, was er hat und ist, allein verderben muss. Nur Gott selbst kann hier helfen (Hos 13,9). Diese Hilfe geschieht durch die tröstlichen Worte des lieben Sohnes Jesus Christus. Der an Ihn Glaubende erfährt Sündenvergebung, sein Verderben ist überwunden, er ist nun gerecht, wahrhaftig, im Frieden, gottesfürchtig, er hat alle Gebote erfüllt, und er ist von allem frei (Röm 1,17; 10,4: Denn Christus ist des Gesetzes Ende, jedem Glaubenden zur Gerechtigkeit.)

Abschn. 7: Darum ist das einzige Werk des Christen das Einprägen des Wortes Gottes und das Einprägen des Christus. Dieser Glaube selbst ist das einzige Werk des Christen (Joh 6,28f.). Der Glaube in Christus ist der Rechte, denn er mit sich bringt alle Seligkeit und abnimmt alle Unseligkeit [...]. Im Glauben sind alle Gebote erfüllt, der Glaubende ist überreich gerechtfertigt, so braucht er nichts, um gerecht und gottesfürchtig (fromm) zu sein: Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit [...] (Röm 10,10a).

Abschn. 8: Nur der Glaube kann selig machen, obwohl es zahlreiche Gesetze, Gebote, Werke, usw. in der Heiligen Schrift gibt. Wie das? Die Heilige Schrift ist in zweierlei Wort geteilt:

  1. Gebot oder Gesetz Gottes (Altes Testament)

  2. Verheißung oder Zusage (Neues Testament)

Die Gebote schreiben zwar diverse gute Werke vor, aber damit sind sie noch nicht geschehen. Sie weisen wohl, sie helfen aber nicht, lehren, was man tun soll, geben aber keine Stärke dazu. Sie sind nur dazu bestimmt, den Menschen zu der Erkenntnis zu führen, dass er das Gute zu lernen unfähig ist. Sie sind daher alle Altes Testament und gehören auch dort hin. Das Gebot ´Du sollst nicht böse Begierde haben´ zeigt dem Menschen, dass er dieses nie ganz erfüllen kann, sodass er anfängt anderswo Hilfe zu suchen, daß er ohne böse Begierde sei und so das Gebot erfülle durch einen anderen, was er aus sich selbst nicht vermag.

Abschn. 9: Für den, der sein gänzliches Unvermögen erkannt hat, die Gebote Gottes zu erfüllen, die doch erfüllt werden müssen, weil sonst für den Betreffenden die Verdammnis wirkt, gilt die göttliche Verheißung und Zusage: Willst du alle Gebote erfüllen, deine böse Begierde und Sünde los werden, wie die Gebote zwingen und fordern, siehe da, glaube an Christum, in welchem ich dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit, Friede und Freiheit. Glaubst du, so hast du, glaubst du nicht, so hast du nicht.
  
Gott hat die Erfüllung Seiner Gebote allein in den Glauben gestellt: [...] wer ihn hat, soll alle Dinge haben und selig sein, wer ihn nicht hat, soll nichts haben. Gottes Zusagen geben und vollbringen, was die Gebote erfordern und gebieten, sodass auch hier beide Seiten von Gott kommen: Gebot und Erfüllung.
   So sind Gottes Verheißungen und Zusagen Neues Testament und gehören auch dorthin.

Abschn. 10: Der rechte Glaube bewirkt, dass die Seele dem Wort Gottes anhängt, sodass die Vereinigung der Seele mit Gottes Wort bewirkt, dass Seine Eigenschaften zu den ihren werden: heilig, gerecht, wahrhaftig, friedsam, frei und aller Güte voll. Der solcherart Glaubende wird ein wahrhaftiges Kind Gottes (Joh 1,12). Nur der Glaube hängt derart an Gottes Wort, kein gutes Werk vermag dies. Nur Wort und Glaube regieren in der Seele. Wie das Wort ist, so wird auch die Seele durch ihn; gleichwie das Eisen wird glutrot wie das Feuer aus der Vereinigung mit dem Feuer.
   Der Christenmensch hat an dem Glauben genug, um fromm zu sein, er ist aller Gebote und Gesetze entbunden, er ist frei. Der Glaube ist die christliche Freiheit. Das ist die christliche Freiheit, der bloße Glaube, der da macht, nicht daß wir müßig gehen oder übel tun können, sondern, daß wir keines Werks bedürfen, um Frommsein und Seligkeit zu erlangen.

Abschn. 11: Wer einem andern glaubt, ehrt ihn, wer ihm nicht glaubt, verunehrt ihn. Das gilt auch, wenn die Seele Gottes Wort glaubt oder nicht glaubt. Glaubt sie Gott, so erweist sie Ihm die allergrößte Ehre, die sie ihm tun kann; denn da gibt sie ihm recht, da läßt sie ihm sein Recht, da ehrt sie seinen Namen und läßt an sich handeln, wie er will, denn sie zweifelt nicht, er sei fromm, wahrhaftig in allen seinen Worten.
   Andererseits tut die Seele Gott keine größere Unehre an als durch Unglauben, da sie Ihn dadurch zu einem Lügner macht, Ihn für leichtfertig und unfähig erklärt. Sie tut so, als wüsste sie es besser. Durch ihren Eigensinn richtet sie einen Abgott wider Gott auf.
   Wer Gott Recht gibt, dem gibt Gott Recht, wer Ihn ehrt, den ehrt Er. Gerechtfertigt ist der, der Gott Seine Wahrheit zuerkennt. Dieses Zugeständnis macht gerecht und wahrhaftig.

Abschn. 12: Der Glaube bewirkt nicht nur die Vereinigung der Seele mit Gottes Wort, sondern auch die Vereinigung der Seele mit Christus wie eine Braut mit ihrem Bräutigam. Christus und die Seele sind dann ein Leib (vgl. Eph 5,30; 2Kor 11,2). So werden auch beider Güter gemeinsames Gut. Die Seele erhält die wunderbaren Güter Christi, Christus erhält die schrecklichen Güter der Seele.
   Das ist der fröhliche Wechsel: der gerechte Mensch und Gott zugleich, Christus, macht sich die Sünde der gläubigen Seele selbst zu eigen und zwar durch ihren Brautring, d.i. der Glaube - und nicht anders tut, denn als hätt er sie getan, so müssen die Sünden in ihm verschlungen und ersäuft werden. Denn seine unüberwindliche Gerechtigkeit ist allen Sünden zu stark.
  
Die Seele erhält dafür die ewige Gerechtigkeit ihres Bräutigams. Ist nun das nicht eine fröhliche Hochzeit, wo der reiche, edle, fromme Bräutigam Christus das arme, verachtete, böse Hürlein zur Ehe nimmt und sie entledigt von allem Übel, zieret mit allen Gütern.
  
So können die Sünden die Seele nicht mehr verdammen, weil sie in Christus verschlungen sind. Sie hat eine so reiche Gerechtigkeit in Christus, dass sie abermals wider alle Sünden bestehen kann, ob sie schon auf ihr lägen (1Kor 15,57).

Abschn. 13: Der Glaube erfüllt das erste Gebot: ´Du sollst einen [12] Gott ehren´. Wäre man bis auf die Fersen gute Werke, so würden diese doch Gott nicht ehren. Nur der Glaube des Herzens kann Ihm Wahrhaftigkeit und alles Gute zuschreiben. Darum ist er allein die Gerechtigkeit des Menschen und aller Gebote Erfüllung. Wer also das erste Gebot erfüllt, erfüllt auch leicht die übrigen.
   Der Glaube ist Selbsttäter und Werkmeister, der Gott ehret und die Werke tut. Er ist das Haupt und ganze Wesen des Frommseins.

Abschn. 14: Worin kann man noch erkennen, welch kostbares Gut wir in Christus und im rechten Glauben haben? Gott behielt sich alle männliche Erstgeburt von Mensch und Vieh vor. Der Vorteil menschlicher, männlicher Erstgeburt ist das Königreich und Priestertum, sodaß auf Erden das erste geborene Knäblein war ein Herr über alle seine Brüder und ein Pfaff oder Papst vor Gott. Dieser Erstgeborene ist ein Bild auf Jesus Christus. Er ist ebenfalls die männliche Erstgeburt Gottes durch die Jungfrau Maria. So ist er König und Priester, allerdings geistlich, so wie Sein Reich geistlich, nicht irdisch, ist. Die Güter Seines Reiches sind Wahrheit, Weisheit, Friede, Freude, Seligkeit, usw. Aber auch die zeitlichen Güter sind nicht ausgenommen, weil Ihm alles unterworfen ist.
   Sein Priestertum ist nicht äußerlich, sondern im Geist unsichtbar, so daß er vor Gottes Augen ohn Unterlaß für die Seinen steht und sich selbst opfert und alles tut, was ein frommer Priester tun soll. Er bittet für uns [...] (Röm 8,34). Er zeigt uns im Herzen, was die beiden Ämter eines Priesters wirklich sind. (So lehren auch Amtspriester, aber sie handeln nicht danach.)

Abschn. 15: So wie Christus die Erstgeburt innehat, so die Christen, darum sind sie auch Könige und Priester (1Petr 2,9). Der Christenmensch wird so hoch erhoben, dass er über alle Ding geistlich gesehen Herr ist. Nichts schadet ihm, sondern verhilft ihm nur zur Seligkeit (Röm 8,28; 1Kor 3,21). Gemeint ist ausschließlich eine geistliche Herrschaft, denn leiblich muss der Christenmensch manchem unterliegen, etwa auch dem Tod. Es gilt: Ich kann mich ohn alle Dinge bessern nach der Seele, so daß auch der Tod und Leiden müssen mir dienen und nützlich sein zur Seligkeit. Das ist eine gar hohe, ehrenvolle Würdigkeit und eine wirklich allmächtige Herrschaft, ein geistliches Königreich, da kein Ding ist so gut, so böse, es muß mir dienen zu gut, wenn ich glaub, und bedarf sein doch nicht, sondern mein Glaube ist mir genugsam. Siehe, wie ist das eine köstliche Freiheit und Gewalt der Christen. Wer aber nicht glaubt, dem dient nichts zum Guten (Abschn. 16).

Abschn. 16: Der Christenmensch ist aber nicht nur König (vgl. Abschn. 15), sondern auch Priester. Als solcher ist er würdig gemacht, vor Gott zu treten und für andere zu bitten. Nur dem Priester gebührt dieses Werk. Das hat Christus für uns gewirkt.
   Durch sein Priestertum ist er Gottes mächtig, denn Gott tut, was er bittet und will, wie da steht geschrieben im Psalter (145,19): ´Gott tut den Willen derer, die ihn fürchten, und erhöret ihr Gebet´ - zu welchen Ehren er nur allein durch den Glauben und durch kein Werk kommt. Hieraus lässt sich die Freiheit eines Christenmenschen erkennen: er ist frei von allem, über allem, er braucht kein gutes Werk um fromm und selig zu sein. Der Glaube allein bringt ihm das überreichlich. Kaum aber, dass der Christ meint, sich die Frömmigkeit doch durch gute Werke verdienen zu müssen, verliert er den Glauben in all seiner Kostbarkeit, gleichwie der Hund, der ein Stück Fleisch im Mund trug und nach dem Schemen im Wasser schnappte, damit Fleisch und Schemen verlor.

Abschn. 17: So wie in der Amtskirche zwischen Priestern und Laien unterschieden wird, so kann aus geistlicher Sicht nicht unterschieden werden. Jeder Christ ist ein Priester. Die Heilige Schrift gibt keinen anderen Unterschied, denn daß sie die gelehrten oder geweiheten nennet minístros, sérvos, oeconómos, das ist: Diener, Knecht, Schaffner [Verwalter; Fußn.], die da sollen den anderen Christum, Glauben und christliche Freiheit predigen.
  
Nicht alle Christen, obwohl alle Priester sind, können dienen, verwalten, predigen (1Kor 4,1). In der Amtskirche sind aber diese Ämter zu so furchtbare[r] Herrschaft und Gewalt geworden, dass sie nicht einmal mehr mit der wirklichen weltlichen Macht verglichen werden können.
   Man gewinnt den Eindruck, dass die Laien keine Christen sind. Damit aber ist Christi Gnadenwerk, Freiheit und Glaube in Ihm weggenommen und an dessen Stelle ist das Menschengesetz und -werk getreten, so dass der Laie Knecht der alleruntüchtigsten Leute auf Erden geworden ist.

Abschn. 18: Aus all dem ist zu lernen, dass Christus recht gepredigt werden muss. Es genügt nicht, Ihn "nur" als historische Persönlichkeit darzustellen, chronologisch Leben und Werdegang zu beschreiben, noch schlimmer ist es, wenn Er ganz verschwiegen wird, oder gar nur Menschengebote gelehrt werden.
   Er muss so gepredigt werden, dass daraus der Glaube erwächst. Welcher Glaube dadurch erwächst und erhalten wird, wenn mir gesagt wird, warum Christus gekommen sei, wie man sein brauchen und nießen soll, was er mir gebracht und gegeben hat; das geschieht, wenn man recht auslegt die christliche Freiheit, die wir von ihm haben, und wie wir Könige und Priester sind, aller Dinge mächtig; [...]. Alles, was wir tun, ist vor Gottes Augen angenehm und erhöret. Wenn ein Herz Christus hört, erfährt es Trost, wird fröhlich, empfindet Süßigkeit von ganzem Grund und kann Ihn wiederum liebhaben. Das kann niemals durch Gesetzeswerke erwirkt werden. Für das glaubende Herz bedeutet das Hinfallen von Sünde und Tod, dass nun Christi Heiligkeit sein ist, die Sünden aber nicht mehr sein sind, sondern Christi, so muß die Sünde verschwinden vor Christus´ Frommsein in dem Glauben [...] (1Kor 15,55ff.).

II. DIE LEIBLICHE NATUR: DER ÄUSSERE MENSCH (Abschnitt 19-30)

II.1. GUTE WERKE SICH SELBST GEGENÜBER (Abschn. 19-25)

Abschn. 19: Die Worte über die Freiheit des innerlichen Menschen und seine Hauptgerechtigkeit sind abgeschlossen. Es folgt der zweite Teil über den äußerlichen Menschen. Nun soll denen Antwort gegeben werden, die sich an den Worten über die Freiheit stoßen und sich fragen, wozu eigentlich die Gebote über die guten Werke stehen. Guter Dinge sein und nichts tun würde nur dann "funktionieren", wenn der Mensch ganz geistlich und innerlich wäre. Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anheben [Anfangen; Calwer Ausg. [13]] und Zunehmen, welches in jener Welt vollendet wird. Paulus spricht von den primítias spiritus, die ersten Früchte des Geistes. - Dass der Christ ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan ist, wird im Folgenden ausgeführt.

Abschn. 20: Zwar hat der inwendige Mensch, die Seele, durch den Glauben alles zu seiner (ihrer) Rechtfertigung, so bleibt er doch noch in diesem leiblichen Leben auf Erden und muß seinen eigenen Leib regieren und mit Leuten umgehen. Der Leib muss durch gezieltes Züchtigen dazu bewegt werden, dem inneren Menschen gehorsam und gleichförmig zu werden, ihm nach seiner Art nicht zu widerstehen. Denn der innere Mensch ist mit Gott eins, fröhlich und lustig um Christus willen, der ihm soviel getan hat, und steht alle seine Lust darin, daß er wiederum möchte Gott auch umsonst dienen in freier Liebe. Da findet er in seinem Fleisch einen widerspenstigen Willen, der will der Welt dienen und suchen, was ihn gelüstet. Das kann der Glaube nicht leiden und hängt sich mit Lust an seinen Hals, ihn zu dämpfen und ihm zu wehren [...] (Röm 7,22f; 1Kor 9,27; Gal 5,24).

Abschn. 21: Gute Werke "machen", wie bereits deutlich gesagt, einen Menschen nicht fromm, sie dienen nur zum "gehorsam Machen" und Reinigen des Leibes, der Augen, usw. Wie die Seele rein ist und Gott liebt, so will sie dies für jedermann, so auch für ihren Leib. Der Leib muss durch die guten Werke in die Schranken gewiesen werden. Die guten Werke werden aus freier Liebe umsonst, Gott zu gefallen getan. Jeder muss sein ihm entsprechendes, vernünftiges Maß für die Kasteiung des Leibes finden; denn er fastet, wachet, arbeitet, soviel er sieht, daß dem Leib not ist, seinen Mutwillen zu dämpfen. Diejenigen aber, die meinen, durch gute Werke gerecht und fromm zu werden, sehen dieses entscheidende Problem der Notwendigkeit der freiwilligen Züchtigung des Leibes aus Glauben nicht; [...] das ist eine große Torheit und ein Unverständnis christlichen Lebens und Glaubens, daß sie ohne Glauben nur durch Werke fromm und selig werden wollen.

Abschn. 22: Durch folgende Vergleiche soll das Verständnis der Wirkung der Werke eines Christen verdeutlicht werden: Die Werke Adams und Evas dienten ebenfalls nicht dazu fromm und gerechtfertigt zu werden, denn das waren sie (Adam und Eva) - vor dem Sündenfall - ganz eindeutig: Werke dienten vielmehr dazu, Gott zu gefallen, die Frömmigkeit war dem Menschen ja von Natur aus gegeben.
   Auch der Gläubige ist wiederum ins Paradies gesetzt und von neuem geschaffen, bedarf keiner Werke, fromm zu werden, sondern auf daß er nicht müßig gehe und seinen Leib arbeiten lasse und bewahre, sind ihm solche freie Werke, allein Gott zu gefallen, befohlen.
   Zweites Beispiel: Der Bischof wird nicht erst durch seine Amtshandlungen, wie etwa eine Kirche weihen oder firmen, Bischof, sondern er ist es bereits durch seine Bischofsweihe, die vor all dem statt gefunden hat. So machen die guten Werke auch nicht einen Menschen zu einem Christen, sondern einer, der bereits Christ ist, tut gute Werke aus Glauben. Ja, wenn er nicht zuvor glaubte und ein Christ wäre, so gälten alle seine Werke nichts, sondern wären eitel närrische, sträfliche, verdammliche Sünden.

Abschn. 23: Darum sind die zwei Sprüche wahr: Gute fromme Werke machen nimmermehr einen guten frommen Mann, sondern ein guter frommer Mann macht gute fromme Werke. Böse Werke machen nimmermehr einen bösen Mann, sondern ein böser Mann macht böse Werke. Die guten Werke folgen daraus, dass jemand zuvor bereits gut und fromm ist (vgl. Mt 7,18). So wie der Baum die Früchte trägt und der "gute" Baum "gute" Früchte, der "böse" Baum "böse" Früchte hervorbringt, so gilt das auch für den Menschen. Und seine Werke machen ihn nicht gut oder böse, sondern er macht gute oder böse Werke. Dies gilt auch für das Handwerk: Ein gutes oder böses Haus macht keinen guten oder bösen Zimmermann, sondern ein guter oder böser Zimmermann macht ein böses oder gutes Haus.
   Wie der Meister, so das Werk. So die Werke des Menschen: Die Qualität der Werke folgt aus der Qualität des Glaubens (Glaube oder Unglaube). Die Werke, gleichwie sie nicht gläubig machen, so machen sie auch nicht fromm. Aber gleichwie der Glaube fromm macht, so macht er auch gute Werke.
  
Einmal mehr wird deutlich: Alleine der Glaube "macht" den Menschen fromm und selig, er ist frei von allen Geboten und aus lauterer Freiheit umsonst tut [er] alles, was er tut, nichts an Nutzen oder Seligkeit damit suchend, da er schon satt und selig ist durch seinen Glauben und Gottes Gnaden, sondern nur Gott darin zu gefallen.

Abschn. 24: Wer ohne Glauben ist, wird nicht durch böse und verdammte Werke böse, sondern der Unglaube wirkt eben diese Werke. Fromm oder böse entscheidet sich nicht beim Werk, sondern beim Glauben: Anfang aller Sünde ist, von Gott weichen und ihm nicht trauen (vgl. Sir. 10,14f.). Wenn der Baum "gut" ist - z.B. veredelt - , werden auch die Früchte "gut", ist der Baum "böse", so sind seine Früchte "böse" - wie Jesus sagt. Ebenso wer da will gute Werke tun, darf nicht bei den Werken anheben, sondern bei der Person, die die Werke tun soll. Die Person aber macht niemand gut denn allein der Glaube und niemand macht sie böse denn allein der Unglaube.
   Zwar "machen" vor Menschen die Werke fromm oder böse, aber das ist nur äußerlicher Schein. Jene, die lehren, wie man durch gute Werke fromm werden kann, ohne dabei des Glaubens zu gedenken, sind blinde Leiter von Blinden. Sie quälen sich mit vielen Werken, gelangen aber doch nicht zur eigentlichen Frömmigkeit. Luther zitiert dazu 2 Tim 3,5f. wie folgt: Sie haben einen Schein des Frommseins, aber der Grund ist nicht da, gehen hin und lernen immer und immer, und kommen doch nimmer zur Erkenntnis des wahren Frommseins.
   So muss jeder, der nicht mit diesen Blinden irren will, auf die Person, nicht auf die Werke und die Lehre darüber, sehen. Die Person aber wird, wie bereits reichlich betont, nur durch Gottes Wort (das ist durch seine Verheißung der Gnaden) und Glauben fromm und selig - damit allein Gott die Ehre bekommt, der durch Seine Gnade und Barmherzigkeit die Frömmigkeit umsonst gibt.

Abschn. 25: So sind gute Werke zu verwerfen und doch nicht zu verwerfen. Werden sie als Weg zur Seligkeit angesehen, so schmähen sie die Gnade Gottes und nehmen Ihm die Ehre. Solche Werke sind nicht frei. Die guten Werke werden also nicht grundsätzlich verworfen, sondern um des bösen Zusatzes willen, sodass ihre Täter Wölfen in Schafspelzen gleichen.
   Dieser böse Zusatz bleibt ohne Glauben unüberwindlich. Nur durch diesen kann jener in dem Werkheiligen zerstört werden. Die Natur vermag ihn von sich selbst aus nicht auszutreiben, ja, auch nicht zu erkennen, sondern sie hält ihn für köstlich, selig Ding; darum werden ihrer auch so viele dadurch verführt.
   Beide Worte müssen gelehrt werden. Die Gebote soll man predigen, die Sünder zu erschrecken und ihre Sünde zu offenbaren, damit sie Reue haben und sich bekehren. So sollen auch die Zusagung der Gnaden und der Glaube gepredigt werden, ohne welchen die Gebote, Reue und alles andere vergeblich geschieht. Es muss gepredigt werden, wie es zu Reue und Gnade kommt - eben durch das zweite Wort. Denn die Reue fließt aus den Geboten, der Glaube aus den Zusagungen Gottes. Gottes Wort rechtfertigt den Glaubenden und führt ihn durch seine Gottesfurcht zur Selbsterkenntnis.

II.2. GUTE WERKE ANDERN GEGENÜBER (Abschn. 26-30)

Abschn. 26: [...] Der Mensch lebt nicht allein in seinem Leibe, sondern auch unter anderen Menschen auf Erden. Der Glaubende soll dabei nichts anderes im Auge haben, als die Not seines Nächsten (nicht aber, dass er durch seinen Dienst am Nächsten fromm werde). Das ist ein wahrhaftiges Christenleben, der Glaube geht mit Lust und Liebe ans Werk (Gal 5,6). Die Beispiele aus Phil 2,1ff. bestätigen diese zweite Sicht. So heißt es gegen Ende eines längeren Zitates: [...], daß ihr hinfort wollet eines Sinnes sein, einer gegen den anderen Lieb erzeigen, einer dem anderen dienen und ein jeglicher acht haben nicht auf sich noch auf das seine, sondern auf den anderen und was demselben nötig sei. Hier geht es einzig darum, dem Nächsten aus freier Lieb zu dienen. Dem folgt das Beispiel der Gesinnung Christi, der ebenfalls freiwillig Seine Göttlichkeit aufgab, um ein Knecht Gottes zu werden, der den Menschen dient.

Abschn. 27: Der Christ soll zwar im Glauben reichlich zunehmen und alleine darin leben (Gal 2,20), aber gerade in dieser Freiheit des Glaubens soll er an den Nächsten denken. Er soll mit ihm so verfahren, wie Gott durch Christus mit ihm selbst verfahren ist, indem er sagt: Gott hat mir unverdienter Weise allein aus Barmherzigkeit Seligkeit und Glauben geschenkt, so will auch ich frei, fröhlich und umsonst tun, was ihm wohlgefällt, und gegen meinen Nächsten auch werden ein Christ - so wie Christus mir geworden ist. Ich will dem Nächsten tun, was ihm nützlich und seliglich ist, weil ich durch meinen Glauben in Christus völlige Genüge habe. Aus dem Glauben fließt die Liebe und Lust zu Gott, aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen. Wie unser Nächster Not leidet und unseres Überflusses bedarf, so haben wir Not gelitten und Gottes Gnade bedurft.
   Darum, wie uns Gott hat durch Christum umsonst geholfen, so sollen wir durch den Leib und seine Werke nichts anderes, denn dem Nächsten helfen. Diese hohe, edle Form christlichen Lebensstils ist, wie Luther meint, nicht mehr bekannt und wird auch nicht mehr gepredigt.

Abschn. 28: Es folgen einige Beispiele zu obig erwähntem christlichen Lebensstil: Maria folgt dem Reinigungsgesetz (Lk 2,22ff.), obwohl sie dessen nicht bedarf, weil sie nicht unrein, noch dieses Gebotes schuldig ist. Luther bezieht sich hier wohl auf die Zeugung durch den Heiligen Geist. Sie tut´s aus freier Liebe, daß sie die anderen Weiber nicht verachtete, sondern mit dem Haufen bliebe. Ebenso lässt Paulus einerseits Timotheus beschneiden (Apg 16,3), um der schwachgläubigen Juden willen, Titus aber nicht (Gal 2,3), um derer willen, die meinen, die Beschneidung wäre ein Mittel zur Seligkeit.
   Auch Mt 17,24ff. spricht von diesem Wechselspiel zwischen Freiheit und freiwilliger Dienstbarkeit. Zwar sind die himmlischen Königskinder von der weltlichen Steuer frei, aber Jesus lässt Petrus, um den anderen kein Anstoß zu sein, doch zahlen. Das ist ein fein Exempel zu dieser Lehre, wo Christus sich und die Seinen freie Königskinder nennt, die keines Dings bedürfen, und dennoch sich willig unterwirft, dienet und gibt den Zins.
   Christi Werke dienen nicht der eigenen Errettung, sondern sie sind alles freie Dienste zu Willen und Besserung der andern. Ebenso sollten Amtskirche und Priester verfahren: um des andern willen agieren, um beispielhaft zugleich den eigenen Leib zu regieren; nie aber sollte man meinen, dadurch die eigene Seligkeit erwirken zu können. Auch Paulus gebietet, der weltlichen Obrigkeit untertan zu sein (Röm 13,1ff.; Tit 3,1) und zwar freiwillig - aus Liebe und Freiheit. Wer diesen Einblick genießt, kommt mit den Geboten des Papstes, der Bischöfe, der Klöster, der Stifte, der Fürsten und Herrn, usw. gut zurecht - wobei es ja diesen um den Erwerb der Seligkeit geht, wenn sie die guten Werke zu tun lehren.
   Denn ein freier Christ spricht so: Ich will fasten, beten, dies und das tun, was geboten ist, nicht, daß ich dessen bedürfte oder dadurch wollte fromm oder selig werden, sondern ich will´s dem Papst, Bischof, der Gemeinde oder meinem Mitbruder, Herrn zu willen, Exempel und Dienst tun und leiden, gleich wie mir Christus viel größere Dinge zu willen getan und gelitten hat, was ihm viel weniger not war. Und obschon die Tyrannen unrecht tun, solches zu fordern, so schadet´s mir doch nicht, solange es nicht wider Gott ist.

Abschn. 29: Alle guten Werke - vgl. die Predigten der Prälaten -, die nicht freiwillig um des andern willen geschehen, sind keine guten, christlichen Werke. Es ist zu befürchten, dass wenige Stifte, Kirchen, Klöster, Altäre, Messen, Testamente seien christlich, dazu auch die Fasten und Gebete, etlichen Heiligen besonders dargebracht. Denn ich fürchte, daß in dem allen ein jeglicher nur das Seine sucht, vermeinend, damit sein Sünd zu büßen und selig zu werden. Diese Lehren der Prälaten, die nicht Glauben sondern Ablass predigen, entspringen aus Unkenntnis des Glaubens und der christlichen Freiheit. Luther aber rät, wer etwas stiften, beten, fasten will, soll es nicht in der Absicht tun, sich selbst etwas Gutes zu tun, sondern freiwillig dem Nächsten, daß andere Leute desselben genießen können [...], so bist du ein rechter Christ.
   Der Christ hat durch den Glauben genug, aber gerade aus diesem müssen Gottes Güter fließen und dem Nächsten zugute kommen, so als wäre der Nächste der Glaubende selbst. Christi Güter fließen in uns, Er hat sich unser so angenommen, als wäre er das gewesen, was wir sind. [...] Und zwar so sehr, daß ich muß auch meinen Glauben und Gerechtigkeit für meinen Nächsten vor Gott hingeben, seine Sünden zu decken auf mich nehmen und nichts anders tun, denn als wären sie mein eigen, eben wie Christus uns allen getan hat. Das ist das Wesen der Liebe; wahrhaftig ist sie dort, wo der Glaube ist und zeigt sich darin, dass sie nicht das ihre sucht (1Kor 13,5).

Abschn. 30: Aus dem allen folget der Beschluß, daß ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christo und seinem Nächsten, in Christo durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben "fährt" er zu Gott empor, durch die Liebe wieder herunter, doch immer in Gott und göttlicher Liebe (Joh 1,51).

Die rechte, geistliche, christliche Freiheit ist also diejenige, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle andere Freiheit übertrifft, wie der Himmel die Erde. [...] Welche Gott uns gebe recht zu verstehen und behalten.

C. ZUSAMMENFASSUNG

Der Mensch ist allein durch den Glauben an Jesus Christus errettet und gerechtfertigt. Er muss und kann sich das ewige Heil seiner Seele nicht durch  gute Werke verdienen. Die Macht der Sünde ist in Christi Gerechtigkeit aufgelöst, die Sünden sind vergeben. Insofern ist ein Christenmensch [...] ein freier Herr über alle Ding und niemand untertan; keiner Kirche, keinem Papst, keinem Pfarrer, keinen Reliquien, keinen Wallfahrten, ... Der Glaube ist die christliche Freiheit. Gott hat die Erfüllung Seiner Gebote allein in den Glauben gestellt. Alles dient dem Glaubenden zum Guten.

Gerade deswegen hat der Glaubende Verantwortung gegenüber sich selbst und gegenüber seinen Mitmenschen.
  Gegenüber sich selbst: Der Leib muss zum Diener der Seele gemacht werden. Denn die Seele will ihrem Herrn Jesus Christus dienen. Lässt sie jedoch den Leib tun, was er will, macht er sich zum Herrn der Seele, sodass sie ihm (dem Leib) dienen muss. So züchtigt der Glaubende seinen Leib freiwillig, um Gott zu gefallen.
   Gegenüber seinen Mitmenschen: Zugleich darf der Glaubende, weil er selbst das Geschenk der Errettung durch Glauben erhalten hat, seinem Nächsten dienen. Dies tut er wiederum freiwillig - und aus Liebe, weil er selbst von seinem Herrn geliebt ist. Insofern ist ein Christenmensch [...] ein dienstbarer Knecht aller Ding und jedermann untertan.

Der Christ ist allein durch den Glauben gerettet, insofern ist er frei von jedem guten Werk. Diese Freiheit bewegt ihn zur freiwilligen Züchtigung sich selbst und zur freiwilligen Dienstbarkeit dem Nächsten gegenüber, insofern ist er gebunden an jedes gute Werk.

D. RANDNOTIZEN AUS DEM WERK

Was wirkt der Glaube?

Der Glaube ist der für Christus bestimmte Brautring der glaubenden Seele.
Der Glaube ist Selbsttäter und Werkmeister, der Gott ehrt und die Werke tut.
Der Glaube ist das Haupt und ganze Wesen des Frommseins.
Der Glaube allein ist das Frommsein vor Gott.


Fussnoten

[1] In: Aland, Kurt: Die 95 Thesen Martin Luthers und die Anfänge der Reformation. - Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Mohn (Gütersloher Taschenbücher Siebenstern; 1406): 1983. S. 37

[2] Joachim Rogge: Anfänge der Reformation. Der junge Luther 1483-1521 Der junge Zwingli 1484-1523. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt GmbH, 1985 (2. Aufl.). In: Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen. Band II/3 und 4, hg. von Gert Haendler, Kurt Meier und Joachim Rogge. S. 194

[3] Rogge: Anfänge, S. 206

[4] Rogge: Angänge, S. 206

[5] Rogge: Anfänge, S. 206

[6] Vgl. Rogge: Anfänge, S. 207

[7] Rogge: Anfänge, S. 207

[8] Wenn nicht anders angegeben, stammen die Hervorhebungen (innerhalb) der Lutherzitate von mir.

[9] Wenn nicht anders angegeben, stammen die Bibelzitate aus Luthers Text selbst. Seine Übersetzungen sind teilweise noch etwas freier, weil er zu dieser Zeit (1520) das Neue Testament noch nicht (vollständig) übersetzt hat. Es ist interessant zu sehen, wie er in seiner früheren Schaffenszeit übersetzte.

[10] Luther: Christenmensch

[11] Die Zitate stammen aus folgender Ausgabe: Luther, Martin: An den christlichen Adel deutscher Nation Von der Freiheit eines Christenmenschen Sendbrief vom Dolmetschen. - Universal-Bibliothek Nr. 1578. Stuttgart: Reclam 1995.

[12] Hervorhebung von Luther

[13] Luther, Martin: Von der Freiheit eines Christenmenschen. - Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1996. Band 2. S. 175

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