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Bibelüberblick - Teil 69

DER PROPHET JESAJA -
DIE LEIDEN UND DIE HERRLICHKEIT

Jesaja 1-6

HAUSAUFGABE
  1. BIBEL: Jes 1-6 aufmerksam durchlesen
  2. FRAGEN ZUM NACHDENKEN: Schreibe kurze Antworten auf folgende Fragen aus dem obigen Abschnitt in der Bibel, bevor du die Unterlagen durchliest.
    1. Wann wurde Jesaja zum Propheten berufen? (siehe Kap. 6)
    2. Welche drei Sünden der Juden werden in Kap. 1,1-17 genannt?
      Was sollen die Juden tun (1,18-31).
    3. Fasse Kap. 5 in eigenen Worten zusammen.
    4. Beschreibe die Berufung Jesajas in Kap. 6.
  3. UNTERLAGEN: Teil 69 aufmerksam durchlesen

EINTEILUNG ZU DEN PROPHETISCHEN BÜCHERN

Die Karte 125 zeigt die Zusammensetzung der 39 Bücher des AT.

Karte 125 - Die Zusammensetzung des AT

GESCHICHTLICH

POETISCH

PROPHETISCH

5 Bücher Mose,
Josua, Richter,
Ruth, 1. + 2. Samuel,
1. + 2. Könige,
1. + 2. Chronika,
Esra, Nehemia,
Esther,

Hiob,
die Psalmen,
die Sprüche,
der Prediger,
das Lied der Lieder

Jesaja, Jeremia,
die Klagelieder, Hesekiel,
Daniel, Hosea, Joel, Amos,
Obadja, Jona, Micha,
Nahum, Habakuk,
Zephanja, Haggai,
Sacharja, Maleachi

17

5

17

 

39

 

Die 17 prophetischen Bücher werden allgemein als die "großen" und "kleinen" Propheten bezeichnet. Diese Bezeichnung bezieht sich auf die Länge und nicht auf die Wichtigkeit des jeweiligen Buches (z.B. Jesaja, Jeremia oder Hesekiel sind alle länger als die "kleinen" Propheten zusammen). Man kann diese Bücher auch wegen der Zeit ihrer Niederschrift zusammenfassen, wobei der Bezugspunkt 586 v. Chr. ist, d.h. die Wegführung der Juden des Südreiches (Juda) in die babylonische Gefangenschaft. Die folgende Karte zeigt dann die prophetischen Bücher hinsichtlich dieser zwei Aspekte: 1) Länge und 2) Zeitpunkt der Niederschrift.

Karte 126 - Die prophetischen Bücher

PROPHETISCH

5

9

3

DIE GROSSEN PROPHETEN

DIE KLEINEN PROPHETEN
VOR
DER WEGFÜHRUNG

DIE KLEINEN PROPHETEN
NACH
DER WEGFÜHRUNG

vor der Wegführung (2):
Jesaja
Jeremia

nach der Wegführung (3):
Die Klagelieder
Hesekiel
Daniel 1)

Hosea
Joel
Amos
Obadja 2)
Jona
Micha
Nahum
Habakuk
Zephanja
Haggai
Sacharja
Maleachi

 

5

12

17

1) Daniel kann zu den großen oder den kleinen Propheten gezählt werden
2) Obadja wird manchmal in der Zeit nach der Wegführung eingereiht.

DER DIENST DER PROPHETEN

Es ist fast unmöglich den Dienst der Propheten zu verstehen, ohne ihn im Zusammenhang mit dem jeweiligen König oder Ereignis in der Geschichte des Volkes Gottes im AT zu sehen. Die Karte 127 vermittelt den Überblick über diesen geschichtlichen Hintergrund.

Karte 127 - Die Könige und Propheten von Israel und Juda

(Der schattierte Teil zeigt die Zeitspanne des Dienstes von Jesaja.)


Man kann die Betonung des prophetischen Amtes in drei Schwerpunkte gliedern:

  1. der Prophet war ein Verkünder
    Der Dienst des Propheten bestand nur zu einem verhältnismäßig geringen Teil darin, die Zukunft vorauszusagen (wie dies allgemein angenommen wird), sondern er war vielmehr "das Sprachrohr" Gottes, um sowohl die Missstände und Sünden des Volkes aufzuzeigen, als auch, wenn notwendig, den Trost und Zuspruch Gottes weiterzugeben.
     
  2. der Prophet war ein Voraussager
    1. Er prophezeite Ereignisse, welche noch während seines Lebens eintreffen würden, d.h. "kurzfristige Prophezeiungen". Laut 5Mo 18,21-22 mussten alle kurzfristigen Prophezeiungen eintreffen, und zwar genau wie vorausgesagt, sonst war dieser Mann kein Prophet Gottes.
    2. Er prophezeite Ereignisse, welche nach seinem Ableben bzw. viele Jahre später eintreffen würden, d.h. "langfristige Prophezeiungen.
       
  3. der Prophet musste in der Wahrheit reden
    Alle seine Aussagen als Verkündiger oder Voraussager mussten in Übereinstimmung mit der bereits geoffenbarten Wahrheit sein (siehe 5Mo 13,1-3).

LIBERALTHEOLOGIE UND BIBLISCHE PROPHETIE

Die liberale Theologie greift die Prophetie des AT massiv an. Denn wenn die Prophetie stimmt, dann liefert sie einen felsenfesten Beweis für die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift. Daher wird versucht, die Verlässlichkeit der Prophezeiungen in Frage zu stellen. Grundsätzlich sehen liberale Theologen die Propheten des AT bloß als Nachfolger der Seher und Wahrsager der heidnischen Völker an, welche die Juden von Kanaan vertrieben hatten. Ihr Angriff gegen die biblische Prophetie geschieht dreifach:

  1. die Prophezeiungen sind allgemeiner Natur
    Es wird argumentiert, dass die Aussagen von so einer allgemeinen Natur sind, dass sie irgendwer hätte erfüllen können. Zugegeben, einige Prophezeiungen des AT sind allgemein, ohne Angabe von spezifischen Details (wie z.B. 1Mo 3,15). Hingegen gibt es viele Prophezeiungen, die so präzise definiert wurden, dass sie nur eine bestimmte spezifische Erfüllung zulassen (z.B. Jes 9,6; Mi 5,2).
     
  2. die Prophezeiungen wurden künstlich erfüllt
    Hier wird behauptet, dass viele Prophezeiungen von jemandem, der mit ihrer Aussage vertraut war, bewusst und vorsätzlich erfüllt wurden. (Klarerweise fällt dieses Argument völlig flach, wenn die Prophezeiungen für Städte und Völker bestimmt waren, wie z.B. bei Jes 13,19-22; Hes 26,3-5; Ob 1,2; Mi 1,6). Vor allem das irdische Wirken des Herrn wird von liberalen Theologen in diese Kategorie eingereiht. Es heisst einige Male in den Evangelien, dass der Herr handelte, damit bestimmte Prophezeiungen erfüllt wurden (siehe Matth. 20,17-19; Mk 14,2; Lk 18,31-34; Joh 19,28). Damit verneinen diese Kritiker völlig die Gottheit Jesu Christi (dies ist ja auch, was sie beabsichtigen). Als Gott im Fleisch beabsichtigte Er Sein eigenes Wort zur Erfüllung zu bringen, wie es in Jer 1,12 heißt : "...denn ich werde über mein Wort wachen, es auszuführen."
     
  3. die Prophezeiungen sagen nicht die Geschichte voraus, SONDERN sie berichten nachträglich davon
    Der Grund, warum die Prophezeiungen so genau formuliert sind, so meinen einige liberale Theologen, liegt darin, dass sie nachträglich von bereits geschehenen Ereignissen berichten. Um das behaupten zu können, haben diese Theologen freilich fast alle Prophetie umdatieren müssen und alles mit einem viel späteren Zeitpunkt der Niederschrift versehen, als dies angenommen wurde.

EINLEITUNG ZU DEM PROPHETEN JESAJA

Einige liberale Kritiker lehnen den historischen Jesaja als Schreiber des gesamten Werkes, welches seinen Namen trägt, ab. Allgemein werden drei Schreiber für dieses Werk verantwortlich gemacht:

Kap.   1-39 = 1. Jesaja, der Prophet, der im 8. Jahrhundert lebte
Kap. 40-50 = 2. Jesaja oder "Deuterojesaja", er lebte angeblich um 540 v. Chr.
Kap. 51-66 = 3. Jesaja oder "Tritojesaja", er lebte angeblich um 460-445 v. Chr.

Diese Differenzierung wird aufgrund des vermeintlichen Unterschiedes zwischen Kap. 1-39 und Kap. 40-66 gemacht. Ein Mann könnte diese zwei unterschiedlichen Abschnitte nicht geschrieben haben. Drei Argumente werden angeführt:

  1. Unterschiede im geschichtlichen Hintergrund
    Die Kap. 40-66 werden im Gegensatz zu den Kap. 1-39 aus der Sicht der babylonischen Gefangenschaft geschrieben.
  2. Unterschiede in literarischer Form
  3. Unterschiede im theologischen Konzept

Einfach ausgedrückt - diese Kritiker wollen nicht akzeptieren, dass Jesaja, der zur Zeit des Falles des Nordreiches (Israel) um 722 v. Chr. lebte, von einem heidnischen Herrscher, der mehr als ein Jahrhundert später kommen sollte, namentlich prophezeien konnte. Jesaja sprach nämlich von Kores (siehe Jes 44,28; 45,1). Sie wollen auch nicht akzeptieren, dass er die babylonische Gefangenschaft so deutlich beschreiben konnte, obwohl diese fast 150 Jahre nach seinem Tod stattfand.

Eine Aussage des Herrn in Joh 12,38-40 scheint alle Argumente der Kritiker zunichte zu machen. Er zitiert 1. und 2. Jesaja und sagt dabei, dass diese beiden Aussagen nur von einer Person kommen, und zwar von dem historischen Jesaja des AT.

Der schattierte Teil der Karte 127 zeigt die Zeitspanne des Dienstes von Jesaja. Im Todesjahr von König Ussija, ca. 740 v. Chr., wurde er zu dem prophetischen Amt berufen (Jes 6,1). Laut rabbinischer Überlieferung wurde er von König Manasse, ca. 680 v. Chr. zersägt (möglicherweise deutet Hebr 11,37 auf seinen Tod hin).

Vielleicht könnte man die Aussage von Jesaja mit den Worten des Apostels Petrus zusammenfassen: "...als er von den Leiden, die auf Christum kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugte." 1Petr 1,11. Jesaja betonte die gegenwärtigen Leiden aber auch die Herrlichkeit danach. So wie der Messias, Jesus Christus, es erleben würde, wird und musste auch Israel es erleben - zuerst die Leiden, dann die Herrlichkeit.

Der erste Teil seiner Prophezeiungen (Kap. 1-35) betont das Leben der Juden angesichts der Bedrohung durch Assyrien. Die letzten Prophezeiungen (Kap. 40-66) stehen im Schatten der Gefangenschaft unter den Babyloniern (612 v. Chr. wurde Assyrien von Babylon erobert). Diese "natürliche" Teilung des Buches liefert die Grundlage für die Unterteilung.

Karte 128 - Die Unterteilung von Jesaja


 

DIE EINTEILUNG VON JESAJA

HAUPTGEDANKE: DIE ERRETTUNG GOTTES IST GEWISS

I) DIE VERURTEILUNG GOTTES: 1 - 35

1) DIE VERURTEILUNG VON SÜNDE  1 - 6
2) DIE ERRETTUNG DURCH DEN MESSIAS  7 - 12
3) DAS SCHICKSAL DER NATION  13 - 35

a) die heidnischen Völker um Israel (13-23)
b) Israel (24-35)

II) DIE GESCHICHTLICHE PAUSE: 36-39

4) DIE POLITISCHE KRISE HISKIAS  36-37
5) DIE PERSÖNLICHE KRISE HISKIAS  38-39

III) DER TROST GOTTES: 40-66

6) DIE SOUVERÄNITÄT GOTTES - DER VATER WIRD BETONT  40 - 48

a) die Person Gottes (40-41)
b) das Programm Gottes (42-45)
c) das Gericht Gottes (46-48)

7) DIE ERRETTUNG GOTTES - DER SOHN WIRD BETONT  49 - 57

a) der Erretter (49,1-52,12)
b) die Errettung (52,13-53,12)
c) die Folgen (54-57)

8) DIE HERRLICHKEIT GOTTES - DER HEILIGE GEIST WIRD BETONT  58 - 66


I) DIE VERURTEILUNG GOTTES: 1-35

In diesem Abschnitt steht Juda unter der drohenden Gefahr eines assyrischen Angriffes. Viele Jahre des Dienstes Jesajas war Juda Assyrien tributpflichtig. Im Jahr 722 v. Chr. hat Assyrien bereits das Nordreich in die Gefangenschaft weggeführt. Dies geschah etwa 20 Jahre nachdem Jesaja seinen Dienst als Prophet begonnen hatte. Karte 129 zeigt die assyrische Weltmacht zur Zeit Jesajas.

Karte 129 - Die Weltmacht Assyrien

Wie aus der Einteilung hervorgeht, kann man den ersten Teil von Jesaja in drei Abschnitte unterteilen:

1-6

7-12

13-35

DIE VERURTEILUNG VON SÜNDE

DIE ERRETTUNG DURCH DEN MESSIAS

DAS SCHICKSAL DER NATIONEN

3 Predigten und die Berufung Jesajas

die unmittelbare und die endgültige Errettung

heidnische Völker und Israel

1) DIE VERURTEILUNG: 1-6

In diesem Abschnitt verurteilt Jesaja die Juden seiner Tage aufgrund ihrer Sünde. Der Abschnitt endet mit der Beschreibung der Berufung von Jesaja.

Die erste Predigt (1,1-31) betont den Abfall des Volkes. Es ist wie in einem Gericht. Den Juden werden drei Anklagepunkte vorgeworfen:

  1. Undankbarkeit (1,2-3)
  2. Sündhaftigkeit (1,4-9)
  3. geistliche Heuchelei (1,10-17)

Die einzige Antwort ist, dass Juda sich zum Herrn bekehrt und die Sünden bekennt (1,18-31).

Die zweite Predigt (2,1-4,6) betont die Herrlichkeit, welche auf die Juden kommen wird. Doch in der Mitte dieser Botschaft werden drei weitere Sünden aufgezeigt:

  1. weitverbreiteter Stolz (2,6-22)
  2. schwache Führer (3,1-15)
  3. weltliche Frauen (3,16-4,1)

Die dritte Predigt (5,1-30) ist ein Gleichnis von einem Weinberg. Der Herr hat sich mit diesem Weinberg besondere Mühe gegeben. Er erwartet Frucht davon. Doch er ist unfruchtbar. So ist es auch mit den Juden. Sie hätten Gerechtigkeit hervorbringen sollen, doch statt dessen kamen Neid, Betrunkenheit und Ungerechtigkeit.

Die Berufung Jesajas (6,1-13)

Über Jesaja ist nur wenig bekannt, abgesehen davon, dass er der Sohn von Amoz war. Er wurde um ca. 760 v. Chr. geboren und wuchs in Jerusalem auf, und zwar in einer Zeit, als im Südreich unter König Ussija der Wohlstand immer mehr zunahm. Im Nordreich (Israel) war die Zeit der letzten Könige angebrochen. Pekach hatte Pekachja ermordet. Pekach war ein Befürworter einer aggressiven Anti-Assyrienpolitik. Diese Politik erhöhte die Spannung in Kanaan. Pekach verband sich mit Rezin, König von Syrien, gegen Assyrien. Kurz vor dieser Zeit starb König Ussija. In seinem Todesjahr wurde der junge Jesaja zum Propheten bestellt. Zwei Merkmale begleiten diese Berufung:

1) die Heiligkeit und Souveränität Gottes
2) die Sündhaftigkeit Jesajas
    diese Betonungen kommen
in Jesaja immer wieder vor
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