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Bibelüberblick NT - Teil 1

Geschichtlicher Hintergrund (1/2)

HAUSAUFGABE
  1. BIBEL:
    1Mo 12; 2Mo 12; 4Mo 13; Jos 6; 2Sam 8; 1Sam 16; 1Kö 2; 2Kö 17; 2Chr 36; Esr 6; Mal 4; Lk 2-3 aufmerksam durchlesen
  2. FRAGEN ZUM NACHDENKEN: Schreibe kurze Antworten auf folgende Fragen aus dem obigen Abschnitt in der Bibel, bevor du die Unterlagen durchliest.
    1. Verfasse aufgrund der aus den oben angeführten Kapiteln gewonnen Information einen kurzen Überblick über die Geschichte Israels bis in die Zeiten des NT.
    2. Was könnte der Ausdruck "die Fülle der Zeit" (Gal 4,4) bedeuten?.
  3. UNTERLAGEN: NT-Teil 1 aufmerksam durchlesen

DIE GESCHICHTE ISRAELS

Die Geschichte Israels im AT kann in drei Herrschaftsperioden eingeteilt werden:

  1. Gottesherrschaft - die direkte Herrschaft Gottes durch Männer wie Mose, Josua und die Richter
  2. Königsherrschaft - die Könige regieren über Israel
  3. Fremdherrschaft - verschiedene heidnische Völker herrschen über Gottes Volk

1. Mose bis Ruth beschreibt die Zeit der Gottesherrschaft; 1. Samuel bis 2. Könige bzw. 2. Chronika beschreibt die Zeit der Königsherrschaft, wobei 1. Samuel im besonderen die Übergangszeit von der Gottesherrschaft zur Königsherrschaft behandelt. In diesem Buch kommen die letzten zwei Richter von Israel, Eli und Samuel, vor. Sie bereiten den Weg für eine herrliche Zeit in der Geschichte Israels vor, nämlich für das vereinigte Reich (um 1.000 v.Chr.). Während der Königsherrschaft von David und Salomo erreichte Israel den Höhepunkt seiner Geschichte; danach kam ein über Jahrhunderte dauernder langsamer, sicherer Abstieg bis 722 v.Chr. (assyrische Gefangenschaft) bzw. 586 v.Chr. (babylonische Gefangenschaft), als Gottes Volk völlig unter die Fremdherrschaft kam. Bis 586 v.Chr. war der Tempel in Jerusalem das Zentrum des Gottesdienstes und der Thron Davids die Grundlage der Hoffnung für die Nation Israel. Doch in diesem Jahr eroberten die Babylonier Jerusalem. Der Tempel wurde zerstört und der Thron Davids zunichte gemacht. Die neue Heimat der Juden war Babylon. Als König Kores 539 v.Chr. die Erlaubnis erteilte, dass die Juden in ihre Heimat zurückkehren dürften, nahmen verhältnismäßig wenige von ihnen dieses Angebot an. Die Bücher Esra und Nehemia berichten Einzelheiten über die Rückkehr der kleinen Schar Juden aus Babylon. Sie besiedelten Jerusalem wieder, bauten einen neuen Tempel, neue Häuser und eine neue Stadtmauer.

Das Volk war nun wieder in seiner Heimat und der neue Tempel stand. Es sollten jedoch noch etwa 400 Jahre verstreichen, bevor Gott Seinen gewaltigen Plan hinsichtlich Seines Sohnes, Jesus Christus, offenbaren würde. Es mussten nämlich noch wichtige religiöse, kulturelle und politische Weichen auf der "Weltbühne" gestellt werden, bevor "die Fülle der Zeit" kommen würde (siehe Gal 4,4).

DER GESCHICHTLICHE HINTERGRUND ZUM NT

Um die Aussage des NTs besser und genauer zu verstehen, ist es notwendig, die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte, vor der Geburt Jesu, zu analysieren. Im besonderen den Einfluss von drei Weltkulturen auf die Zeit Jesu:

die jüdische Welt       - ihr Einfluss war hauptsächlich "religiös"
die griechische Welt  - ihr Einfluss war hauptsächlich "kulturell"
die römische Welt      - ihr Einfluss war hauptsächlich "politisch"

In Gal 4,4 steht: "...als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott Seinen Sohn..."

Eine Analyse dieser drei Kulturen zeigt, warum "die Fülle der Zeit gekommen war".

Karte 1: Überblick der Fremdherrschaften über Israel, welche die jüdische Welt prägten

Jahre vor Chr.

DIE FREMDHERRSCHAFT

DIE ENTSTEHUNG WICHTIGER EINFLÜSSE HINSICHTLICH "DER FÜLLE DER ZEIT"

586

DIE BABYLONISCHE HERRSCHAFT Nebukadnezar die Gefangenschaft in Babylon

die "Diaspora" oder die Zerstreuung das Judentum das Gesetz (schriftlich und mündlich) die Synagoge

539

PERSISCHE HERRSCHAFT einige Juden kommen zurück nach Palästina

 

515

Tempel und Jerusalem wieder aufgebaut ca. 200 Jahre Frieden in Palästina

der zweite Tempel die Sammlung der Schriften die Samariter

334

GRIECHISCHE HERRSCHAFT Alexander der Große

der Hellenismus die griechischen Philosophen und die mystischen Religionen

323

(PTOLEMÄISCHE HERSCHAFT) Feldherr Ptolemäus

die Septuaginta die hellenistischen Juden und die Proselyten

198

(SELEUKIDISCHE HERRSCHAFT) Feldherr Seleukis Antiochus IV Epiphanes und der Gräuel der Verwüstung

die Makkabäer die jüdischen Sekten (Pharisäer und Sadduzäer)

63

DIE RÖMISCHE HERRSCHAFT Pompeius erobert Jerusalem

das römische Regierungssystem

5

Geburt Jesu Christi

 

n. Chr. 32


Tod Jesu Christi Apostelgeschichte beendet

 

64

der Großbrand in Rom - Christenverfolgung

 

66-70

der jüdisch-römische Krieg

 

70

die Zerstörung Jerusalems

 

DIE JÜDISCHE WELT - MONOTHEISMUS UND DAS GESETZ

Seit Nebukadnezar 586 v.Chr. Jerusalem eroberte und die Juden in die Gefangenschaft führte, war das Volk der Juden stets unter der Herrschaft fremder Völker. Wo immer ein Jude auch hingeführt wurde, blieb er zwei Grundfesten seines Glaubens treu:

Durch die Zerstreuung der Juden unter die Nationen übten gerade diese zwei Faktoren einen sehr großen Einfluss aus.

Es folgen einige wichtige Begriffe und erklärende Worte. Diese Begriffe bilden die Grundlage für ein Verständnis des Hintergrundes des NT.

Die "Diaspora" oder "die Zerstreuung"

Das Wort bedeutet "eine Streuung der Saat". Dieser Begriff beschreibt die Zerstreuung der Juden aus ihrer Heimat (Palästina) unter viele fremde Nationen. Diese Zerstreuung geschah im sechsten Jahrhundert v.Chr., nachdem Nebukadnezar Jerusalem erobert, den Tempel zerstört und viele der Juden in die Gefangenschaft geführt hatte. Die Juden befanden sich nun unter ganz fremden Umständen, fremder Sprache, fremder Kultur und völlig fremden Religionen. Es war für sie eine sehr schwierige Zeit. Als ungefähr 70 Jahre später Kores, der König von Persien, den Juden jedoch die Erlaubnis gab, in ihre Heimat zurückzukehren, nahmen verhältnismäßig wenige von ihnen dieses Angebot an (Esr 2,64-65). Die meisten Juden blieben in der "Diaspora".

Das Judentum

Als das Judentum bezeichnet man die Religion der Juden seit der babylonischen Gefangenschaft, im Gegensatz zu ihrer Religion vor diesem Zeitpunkt. Durch die Bedrängnis in der Gefangenschaft fanden die Juden eine neue Beziehung zu Gott und dem Gesetz. Das Gesetz musste nun auf ganz fremde Umstände angewendet werden. Das Judentum enthielt Grundsätze für zwischenmenschliche Beziehungen, für die Beziehung zwischen dem Menschen und der Natur, sowie für die Beziehung des Menschen zu Gott. Es gab innerhalb des Judentums Einheit und Verschiedenheit; z.B. gab es zur Zeit Jesu zwischen den Sadduzäern und Pharisäern große Unterschiede in Bezug auf ihre Auffassungen, jedoch als Anhänger des Judentums hielten sie an den Grundsätzen des Glaubens an einen alleinigen Jahwe Gott und an dem von Ihm stammenden Gesetz einheitlich fest.

Der Begriff "Judentum" kommt im NT nur einmal vor:

"Denn ihr habt von meinem ehemaligen Wandel in dem Judentum gehört, dass ich die Versammlung Gottes über die Maßen verfolgte und sie zerstörte, und in dem Judentum zunahm über viele Altersgenossen in meinem Geschlecht, indem ich übermäßig ein Eiferer für meine väterlichen Überlieferungen war." (Gal 1,13-14)

Das Gesetz und die Überlieferung

Als die Juden in die Gefangenschaft geführt wurden, nahmen sie das geschriebene Gesetz Mose mit und entwickelten ein großes Interesse und eine neu gefundene Liebe dafür. In den fremden Ländern begegneten sie aber ganz anderen Umständen als in ihrem eigenen Land. Das Gesetz Mose musste unter diesen neuen Umständen angewendet werden. Aus diesem Anlass entstand das mündliche Gesetz (Paulus nennt es in Gal 1,13-14 "väterliche Überlieferung"). Diese Auslegungen und Anwendungen des schriftlichen Gesetzes, die im Laufe der Jahrhunderte aus den Überlegungen und Diskussionen verschiedener jüdischer Lehrer (Rabbis) entstanden, bildeten die Grundlage für ein sehr großes und kompliziertes System der "menschlichen Überlieferungen". Die Juden glauben, dass Mose diese Überlieferung gemeinsam mit dem schriftlichen Gesetz direkt von Gott bekommen hat und dass sie seitdem von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurde. Eine Sammlung dieser mündlichen Überlieferungen wurde im 2. Jahrhundert n.Chr. niedergeschrieben (Mischna). Auch die Mischna wurde wieder von jüdischen Gelehrten kommentiert bzw. ausgelegt. Die Sammlung dieser Kommentare nennt man Gemara. Beide zusammen (Mischna und Gemara) bilden den Talmud (ca. 500 n.Chr.), der neben dem Alten Testament das wichtigste Werk des Judentums ist. So wie die Pharisäer zur Zeit Jesu das Alte Testament durch die Brille der mündlichen Überlieferung lasen, so lesen religiöse Juden heute das Alte Testament durch die Brille des Talmud.

Die Synagoge

Das Wort bedeutet eine "Versammlung" oder ein "Versammlungsort". Die Synagoge hat ihren Ursprung in der Zeit der Gefangenschaft, als die Juden sich nur unter großen Schwierigkeiten versammeln konnten. Der Tempel, als Symbol ihrer Einheit, war zerstört und sie wurden überallhin zerstreut. In den Schriften nach der Gefangenschaft sehen wir bereits gewisse festgelegte Gewohnheiten der Juden (z.B. Hes 8,1; 14,1; 20,1: die Ältesten versammelten sich vor Hesekiel zur Unterweisung. Esr 8,15; Neh 8,2: das Volk versammelte sich zur Unterweisung).

Die ersten mündlichen Überlieferungen entstanden, als die Juden sich versammelten (Synagoge) und über das Gesetz Mose und dessen Anwendung in Bezug auf ihre neue Lage sprachen.

Durch die Synagogen in den verschiedenen Ländern der "Diaspora" konnte das Judentum als Religion befestigt und ausgebreitet werden.

Die Hauptverwendungszwecke der Synagoge waren:

  1. Zentrum für das Lesen und die Unterweisung im Gesetz (Luk. 4,16-21)
  2. Zentrum für Gottes Lobpreis und für das Gebet
  3. Gerichtshof (Mt 10,17)
  4. Schule
  5. Kommunalzentrum (besonders für die Juden außerhalb Palästinas).

Es gab nur einen Tempel, aber sehr viele Synagogen in allen großen Städten unter den Nationen.

Der zweite Tempel

Nachdem König Kores von Persien 539 v.Chr. das babylonische Reich erobert hatte, gab er allen Juden, die in alle Länder des Reiches zerstreut worden waren, die Erlaubnis in ihre Heimat zurückzukehren.

Eine Hand voll Juden, überwiegend aus dem Osten des Reiches kommend, kehrten unter der Leitung von Serubbabel, Jeschua (Esr 2,1-2), Esra (Esr 7,6) und Nehemia (Neh 1-2 und 8-9) in ihre Heimat zurück und fingen an, sowohl den Tempel als auch die Stadt Jerusalem wieder aufzubauen. 515 v.Chr.. beendete Serubbabel den Bau des zweiten Tempels. Der Tempel, als Symbol der Einheit des neuen Judentums, wurde in Jerusalem errichtet. Es war ein heiliger Ort der Anbetung und des Opferdienstes, wo die Priester ihren Dienst ausübten, die jüdischen religiösen Feiern abgehalten wurden, das Gesetz gelesen und ausgelegt wurde und wo auch Gebete Gott dargebracht wurden. Zusätzlich diente der Tempel als Schatzkammer für Steuergelder, Opfergelder und Privatvermögen. In dem äußeren Hof fand auch ein reger Geschäftsverkehr statt, dessen Hauptinteressen der Handel und Geldwechsel waren (Joh 2,14; Mark. 11,15).

Im Jahr 19 v.Chr. fing König Herodes an, den Tempel zu vergrößern. Kaum war diese Ausbauarbeit jedoch fertig, brach zwischen 66 und 70 n.Chr. der jüdisch-römische Krieg aus. 70 n.Chr. wurde der Tempel von den Römern dem Erdboden gleich gemacht.

Die Sammlung der Schriften

Während der Gefangenschaft hatten die Juden eine neue Beziehung zu Gottes Wort gefunden. Die zurückgekehrten Juden fingen unter dem priesterlichen Einfluss von Esra und anderen nun an, die Schriften ihrer Väter in einem Gesamtwerk zu sammeln. Dieses Werk wurde einfach "die Schriften" genannt und ist mit dem Alten Testament der Bibel zu vergleichen. Die Schriften waren in Hebräisch verfasst, ausgenommen einige Stellen in Esra und Daniel, welche in aramäisch geschrieben waren. Es gab 24 Bücher in den Schriften, die sich mit den 39 Büchern unseres AT decken. (Die unterschiedliche Zahl ist auf die Gruppierung der Bücher zurückzuführen.)

Die Juden betrachteten die Schriften als göttlich inspiriert und als letzte Autorität; nicht weil Menschen dies gesagt hätten, sondern weil die Schriften das Zeugnis der göttlichen Inspiration in sich trugen und sich dadurch von allen anderen Büchern unterschieden.

Die Apostel des Herrn legten Zeugnis bezüglich dieses göttlichen Ursprunges der Schriften ab (2Tim 3,16; 2Petr 1,20-21). Der Herr Jesus selbst bestätigte ihre Autorität, als Er dem Teufel mit "es steht geschrieben" antwortete (Mt 4,4.7.10).

Die Samariter

Während der Zeit der persischen Herrschaft kam es zum endgültigen Bruch zwischen den Juden und den Samaritern. Nach der Wegführung der Juden des Nordreiches, etwa 200 Jahre vor der babylonischen Gefangenschaft von Juda, brachten einige Könige von Assyrien Leute aus Babel in das Land des Nordreiches, genannt Samarien, um es zu besiedeln (2Kö 17,24; Esr 4,2). Diese Heiden vermischten sich mit den übriggebliebenen Juden und es entstand ein Mischvolk, das "die Samariter" genannt wurde. Die Samariter waren "die Feinde" (Esr 4,1), welche versuchten den Tempelbau zu verhindern, als die Juden nach Jerusalem zurückkehrten. Esra und Nehemia schlossen das Mischvolk, die Samariter, aus der Mitte der Juden aus (Esr 10,1-4; Neh 13,1-3). Als Folge davon fingen die Samariter an, sich als eigenständiges religiöses Volk zu behaupten und formten ihre eigene Art des Judentums. Sie bauten in Shechem ihren eigenen Tempel und behaupteten, dass nun der Berg Gerizim (Joh 4,20) der einzig legitime Ort für Opfer und Anbetung sei. Es entstanden Hass und Bitterkeit zwischen den Juden und den Samaritern, wovon auch die Zeit Jesu geprägt war (Joh 8,48 - als Zeichen ihres Entsetzens und ihrer Abneigung beschimpften die Juden Jesus Christus mit "Samariter").

Die Septuaginta

Nach der babylonischen Gefangenschaft war die Umgangssprache der Juden in Palästina großteils aramäisch (die Hauptsprache des babylonischen Reiches). Da sie die hebräische Sprache mit der Zeit immer weniger beherrschten, bereitete es große Schwierigkeiten die Schriften zu lesen und zu verstehen. Aufgrund dieser Sprachschwierigkeiten mussten die Schriften immer wieder für sie übersetzt werden (Neh 8,8).

Nach Alexander dem Großen und der Ausbreitung des Hellenismus war die Umgangssprache seines Weltreiches Griechisch. 200-100 v.Chr. wurde in Alexandria (Ägypten) eine Übersetzung der hebräischen Schriften in die griechische Sprache fertiggestellt. Diese Übersetzung hieß "Septuaginta", benannt nach den siebzig Gelehrten, die an der Übersetzung gearbeitet hatten.

Jetzt war das Wort Gottes für alle zugänglich, für die Juden in Palästina, für die Juden in der Diaspora und auch für alle Heiden.

Die hellenistischen Juden und die Proselyten

Es wird geschätzt, dass in den Jahrhunderten v.Chr. im griechischen Reich ca. 4 Millionen Juden lebten. Der überwiegende Teil dieser Juden lebte in der Diaspora. Doch obwohl sie unter den gottlosen Nationen lebten, hielten sie an ihrer Religion, dem Judentum, fest. Man nannte sie "hellenistische Juden", d.h. Juden, die Griechisch sprachen und in die hellenistische Kultur vollständig integriert waren, aber doch Juden blieben (Paulus, Stephanus und Timotheus sind Beispiele für die sogenannten "hebräischen oder palästinensischen Juden"). Jeden Sabbat versammelten sich diese hellenistischen Juden in fast jeder Stadt des griechischen (und später des römischen) Reiches in ihren Synagogen und lasen aus ihren jetzt ins Griechische übersetzten Schriften (Septuaginta-Übersetzung) vor. Vorerst gab es nur neugierige Heiden, die zu den Synagogen kamen und dem Wort Gottes zuhörten. Doch mit der Zeit interessierten sich einige ernstlich für das Wort Gottes und nahmen den Gott der Juden, den Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks, an. Obwohl die Notwendigkeit der Beschneidung viele davon zurückhielt "echte" Juden zu werden, verließen sie ihren alten Lebenswandel und richteten ihr Leben nunmehr nach den Schriften aus. (Im NT werden diese Heiden als "gottesfürchtig" bezeichnet - Apg 10,1.22.35; Apg 13,16.26.43.50; Apg 16,14; Apg. 17,4.17; Apg 17,8; oder sie werden "Proselyten" genannt, was soviel bedeutet wie "ein Neuankömmling" - Mt 23,15; Apg 2,10; Apg 6,5; Apg 13,43).

Die Makkabäer

Gegen Ende des griechischen Reiches wurden die Versuche seitens der seleukidischen Herrscher, die Juden in Palästina vom Judentum abzubringen, immer heftiger. Im Jahre 167 v.Chr. erreichten diese Versuche ihren Höhepunkt, als Antiochus IV "Epiphanes", der König von Syrien und Herrscher über Palästina, ein fanatischer Befürworter des Hellenismus, in Jerusalem einmarschierte, die Stadt in Brand steckte, die Schätze aus dem Tempel raubte, auf dem Brandopferaltar einen heidnischen Götzen aufstellte und ihm ein Schwein als Opfer darbrachte, der sogenannte Gräuel der Verwüstung (Dan 9,27). Antiochus befahl die sofortige Einstellung der Anbetung und der Beschneidung und die Verbrennung aller Schriften.

Die Juden leisteten gegen diese Maßnahmen sofortigen Widerstand. Hier war es im Besonderen eine priesterliche Familie, die Makkabäer, die einen Guerillakrieg gegen die Syrer anfing, um ihre religiöse Freiheit zu erkämpfen. Drei Jahre später, 164 v.Chr., konnten die Makkabäer in ihrem sogenannten "Heiligen Krieg" einen großen Erfolg verzeichnen. Sie vertrieben die Syrer und weihten den Tempel wieder ein (Fest der Tempelweihe - Joh 10,22). Das Judentum wurde bewahrt und gegen den größten Angriff seit seinem Bestehen nach der babylonischen Gefangenschaft erfolgreich verteidigt. Der heilige Eifer für Gottes Gesetz und für das Judentum, wie er im NT des öfteren vorkommt, hat seine Wurzel in dieser Zeit der Makkabäer.

Die jüdischen Sekten

Die Pharisäer waren eine religiöse Sekte, die zur Zeit Jesu ungefähr 6.000 Mitglieder zu verzeichnen hatte. Angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerung Palästinas zu diesem Zeitpunkt ca. 500.000 Juden umfasste, schien diese Sekte relativ klein zu sein. Der Einfluss der Pharisäer war jedoch sehr groß. Der Name bedeutet "die Abgesonderten", und zwar im Hinblick auf ihr sorgfältiges Einhalten des Gesetzes, im Besonderen dem großen komplizierten System der mündlichen Überlieferungen, vor allem in Bezug auf Absonderung von unreinen Personen und Dingen.

Die Pharisäer glaubten, dass Gott Mose nicht nur das schriftliche, sondern auch das mündliche Gesetz gegeben hatte. Sie waren Eiferer für das Gesetz. Sie glaubten an die Auferstehung, das Jüngste Gericht, das ewige Leben und setzten ihre Hoffnung auf das messianische Gottesreich (Paulus war z.B. ein Pharisäer - Phil 3,5; Apg 26,5; 23,6).

Die Sadduzäer waren eine noch kleinere Gruppierung als die Pharisäer. Obwohl sie alle priesterlicher Abstammung waren, galten sie als die Elite des Volkes, die sich hauptsächlich mit Reichtum und politischer Macht beschäftigte. Zur Zeit Jesu arbeiteten sie Hand in Hand mit den Römern, um eben diese Machtstellung zu sichern und waren in den einflussreichsten Stellungen innerhalb des Sanhedrin (die oberste Behörde des Volkes der Juden) zu finden.

Sie glaubten an das geschriebene Gesetz Mose (legten aber größeren Wert auf die fünf Bücher Mose als auf die übrige Schrift), verwarfen aber die mündlichen Überlieferungen der Pharisäer und widerstanden ihrem religiösen Fanatismus. Sie verneinten die unsichtbare Welt der Engel und Geister und hielten auch nicht an der Hoffnung der leiblichen Auferstehung fest (Mt 22,23; Apg 23,8). Als 70 n.Chr. Jerusalem von den Römern erobert wurde, verschwanden die Sadduzäer als Sekte und die Entwicklung des Judentums, wie wir es heute kennen, wurde ausschließlich von den Pharisäern bestimmt.

Zusammenfassung

Der Einfluss der jüdischen Welt auf die Zeit Jesu kann in folgenden Punkten zusammengefasst werden:

Die Diaspora:

die Juden, Gottes Volk, zerstreut in alle Länder und Städte der Welt,
enorme Wichtigkeit bei der Ausbreitung des Evangeliums (siehe Apostelgeschichte)

Das Judentum:

Diese Religion bildete die Grundlage, auf welcher Jesus Christus überhaupt in die Welt kommen konnte (Gal 4,4-5).

Die Juden waren durch ihre Religion inmitten von Gottlosigkeit und Götzendienst ein Zeugnis für den wahren, lebendigen Gott.

Das Gesetz und die Schriften:

Gottes Wort wurde für Sein Volk aufbewahrt, es sprach von Einem, der kommen würde. Jesus Christus kam als Erfüllung der Verheißung der Schriften (das Matthäus-Evangelium deutet besonders auf diese Wahrheit hin. Matthäus nimmt des öfteren Bezug auf das Gesetz und die Schriften).

Die Heiden hatten das Zeugnis des Wortes Gottes stets in ihrer Mitte, vor allem durch die Septuaginta-Übersetzung.

Die Synagoge:

Inmitten von gottlosen Kulturen konnte das Interesse für Gottes Wort bewahrt werden, das wichtiger Ausgangspunkt in jeder Stadt für die Verbreitung des Evangeliums war (Apostelgeschichte).

Der zweite Tempel:

Er war wichtiges Symbol des Judentums. Alle religiösen Juden versuchten wenigstens dreimal im Jahr nach Jerusalem zu kommen: für das Passahfest, das Fest der ungesäuerten Brote (Pfingsten) und das Laubhüttenfest (Joh 12,1; 2,23; 7,1.10; Apg 2,1; Apg 2,5-10).

Die hellenistischen Juden:

Obwohl sie Juden waren, hatten sie aufgrund ihrer Kultur und Sprache die besseren Möglichkeiten, die Heiden zu erreichen (z.B. Philippus, Paulus). Sie bildeten die Brücke zwischen der Gemeinde in Jerusalem (hebräische Juden) und der Weltmission zu den Heiden (siehe Stephanus: Apg 6-7). Ihre kulturelle Aufgeschlossenheit verwendete Gott, um das Evangelium aus seinem engen nationalen jüdischen Rahmen heraus in die ganze Welt zu verbreiten.

Die Proselyten:

Heiden, die für das Evangelium vorbereitet waren (siehe Cornelius: Apg 10,2; Lydia: Apg 16,14)

Die Pharisäer:

Paulus, ein Eiferer für den wahren, lebendigen Gott, gegründet und befestigt in Gottes Wort.

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